Karikaturisten als Chronisten

Karikatur: Klaus Stuttmann

Stürmische Zeiten in der Politik sind herrliche Zeiten für politische Karikaturisten. Überschlagen sich die Ereignisse, liegen die Themen sprichwörtlich auf der Straße. Sie aufzuheben und zu verdichten, ihnen satirische Schärfe und zeichnerische Deutlichkeit zu geben, ist die hohe Kunst des Karikaturisten.

Zwanzig Jahre Mauerfall – ein Jubiläum das gleichermaßen Nähe und Entfernung in sich vereint. Noch gelingt es vielen, Zeitzeuge in eigener Sache zu sein. Doch schon die heute 25jährigen verbinden mit diesem Ereignis, das erst einen Staat zum Verschwinden brachte und wenig später ganz Europa verändern sollte, keine persönliche Erinnerung mehr.

Die Mauer, deren Öffnung die Menschen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 beharrlich ertrotzten, gibt es heute nicht mehr. Schneller als sie errichtet wurde, begannen Abrissbagger und Kräne sie wegzuräumen, pickten sich „Mauerspechte“ Souvenir-Brocken heraus und wurden bemalte Segmente bis in amerikanische Museen verkauft. Den authentischen Ort mit einem Stück „echter“ Mauer findet man heute kaum noch, zu groß war der Wunsch auf beiden Seiten, das verhasste Bauwerk so schnell wie möglich loszuwerden.

Nach Erinnerungen muss deshalb an anderer Stelle gesucht werden. Neben Fotografien, Filmen oder Reportagen sind Karikaturen wichtige, oft unterschätzte Zeugnisse des Vergangenen. Manche Blätter aus den Jahren 1989 und 1990 zeigen Akteure, die längst von der politischen Bühne abgetreten sind, andere Zeichnungen haben in ihrer fortdauernden Aktualität den Rang der Zeitlosigkeit erreicht.

Was aber war für Karikaturisten aus Ost und West damals bedeutsam genug, um (auf)gezeichnet zu werden? Welchem Ereignis wurde aus der Überfülle der täglichen Nachrichten der Vorrang gegeben? Wie schnell musste reagiert werden, um aktuell zu sein? Wann wich der Jubel der bis heute andauernden Ernüchterung?

Es fällt auf, dass es nicht den spezifischen Ost- oder West-Blick gibt, ebenso wenig wie den des jungen oder des älteren Cartoonisten. Die Stile sind verschieden, doch finden sich verblüffende Gemeinsamkeiten. So wird die Banane zum Synonym für die östliche Kaufwut und steht nicht nur für die lange entbehrten „Südfrüchte“, wie es unspezifisch im DDR-Handelsdeutsch hieß, sondern stellvertretend für alles, was die glitzernde Warenwelt des Westens zu bieten hat. Sie markiert den Glückssprung in die Freiheit oder prasselt als Bananenregen auf Karl Marx herab und wird als Schale zur sprichwörtlichen Rutschgefahr für den Osten. Ein Karikaturist zeigt mit der Hinwendung zur exotischen Frucht gleichzeitig die Abkehr von den ungeliebten Ost-Produkten und thematisiert damit hellseherisch den bevorstehenden Bankrott volkseigener Betriebe.

Karikatur: Gerhard Mester

Neben dem allgegenwärtigen ‘Trabi‘ samt qualmender Auspuffgase, sind es die Insignien der Arbeiter-und-Bauern-Macht, die zur Metapher des Untergangs werden. Da fallen Hammer, Zirkel und Ährenkranz aus der Fahne herab, werden als Ballast weggeworfen, um den schnellen Lauf gen Westen nicht zu behindern oder müssen Platz für die ‘betenden Hände‘ machen. Allein die Siegesgöttin greift zu Hammer und Zirkel, um sie als weithin sichtbares Signal für den untergegangenen DDR-Sozialismus in den Himmel zu recken. Anderswo können Abfallcontainer die Menge der ausrangierten sowjetischen Sicheln und dazu gehörendem Hammer kaum fassen, ist die rote Fahne nur noch ein sich auflösendes Flickwerk, den Zerfall der Sowjetunion vorwegnehmend.

Keiner der hier versammelten Zeichner überhörte den lautstarken Ruf des Ostens nach der D-Mark. Und so überrollt sie die Hilfsbedürftigen oder wird von Politikern in die richtige Sparbüchse manövriert. Bei Adam und Eva gerät sie zum Sündenfall und die besonders Gierigen beißen sich die Zähne an ihr aus. Beim fröhlichen Fahnenhissen ersetzt die D-Mark das DDR-Emblem und sorgt schließlich dort für eine komplette Sonnenfinsternis, wo blühende Landschaften versprochen werden.

Zur gezeichneten Geschichte gesellen sich in der Ausstellung die erzählten Geschichten. Fast alle Zeichner haben sich von mir befragen lassen und Antworten gegeben, die als Grundlage für die veröffentlichten Texte dienten. Ganz verschieden, je nach Blickwinkel und Biographie erlebten die 20 Karikaturisten den Mauerfall. Für manche, die das Bild des ungeteilten Deutschlands in sich trugen, war die Trennung unerträglich und sie sahen mit großer Emotionalität, wie das Volk der DDR seine Grenzen überwand. Für andere war die Mauer zur akzeptierten, wenn auch hässlichen Realität geworden. Aufgewachsen in deutscher Zweistaatlichkeit, wurde die Existenz der DDR längst nicht mehr in Frage gestellt.

Von Abschied ist die Rede, vom Verlust eines Landes, das vielleicht nicht geliebt wurde, aber dennoch Heimat war und das für alle unerwartet und verblüffend schnell verschwand. Vor allem aber wird von Freude gesprochen, sich an glückliche und begeisterte Stunden erinnert, die den Fall der Mauer und den ersten Ausflug in das jeweils andere Deutschland begleitet haben. Durchaus kritisch, aber grundsätzlich heiter illustrieren die hier versammelten Karikaturen auch das künftige Zusammenleben der Deutschen in Ost und West und geben den legendären wie visionären Worten von Willy Brandt: „Es wächst zusammen, was zusammengehört!“ zeichnerischen Ausdruck.


Martina Schellhorn
Potsdam, Juni 2009

Bildergalerie
Karikatur: Reiner Schwalme
Karikatur: Burkhard Mohr
Karikatur: Klaus Vonderwerth
Karikatur: Peter Muzeniek
Karikatur: Klaus Stuttmann
Karikatur: Gerhard Mester
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