Leichte Sprache

Meine Bildungstour durch Potsdam

Dem Ungemütlichen ins Auge blicken
Lina beim verlassen der Landeszentrale

Politische Bildung geht nicht ohne Geschichte. Beide Bereiche sind eng verbunden, deshalb findet man die Begriffe auch oft zusammen. Historisch-politische Bildung heißt das dann. Bislang habe ich in meinem Praktikum vor allem mit den aktuell-politischen Themen zu tun gehabt.

„Lina, warst du schon dort und kennst du schon das?“ Nach den Fragen meiner Kolleginnen in der Landeszentrale musste ich zugeben, dass ich die anderthalb Jahre meines Lebens hier in Potsdam für keinen einzigen Besuch der zahlreichen Gedenkstätten genutzt habe. Und dabei hat man doch als Studierende so viel Zeit… Meine Praktikumsaufgabe in der vergangenen Woche bestand demzufolge darin, meinen geschichtspolitischen Horizont zu erweitern. Wo ich das tun wollte, war mir freigestellt. Ich wählte drei Orte aus, von denen ich mir jeweils unterschiedliche Informationen erhoffte. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte sowie die Gedenkorte in der Leistikow- und in der Lindenstraße in Potsdam.

Der große Terror

Die Sowjetunion unter Stalin ist ein Thema, das in meiner Schulzeit fast unterschlagen wurde. Man hatte Müh und Not, den zeitgleich stattfindenden Nationalsozialismus unter Hitler abzudecken. Die Gräueltaten des russischen Diktators fanden nur nebenbei Erwähnung. Doch um eine ungefähre Ahnung dieses Ausmaßes an Gewalt und Terror zu erlangen, besuchte ich die Sonderausstellung im Haus der Brandenburgisch Preußischen Geschichte: „Der Große Terror“ in der Sowjetunion 1937-1938.

Hält man die Augen in Potsdam offen, so erblickt man an vielen Litfaßsäulen das Titelbild dieser Ausstellung, darauf auch ein Gesicht eines Opfers eben jenes großen Terrors. Jeder reagiert auf solche Bilder anders, aber mich hat der Anblick sehr berührt. In diesen Augen lese ich Angst, Unverständnis, Wahnsinn und Fassungslosigkeit. Auf diese Aufnahme folgen eine Unmenge weiterer Portraits in der Ausstellung, wenige Stunden und Tage vor der Exekution aufgenommen.

Das schockt, aber aus meiner Sicht gelingt es den Machern der Ausstellung so, dass es hier keiner weiteren Worte bedarf. Es erschlägt einen fast und ich ertappe mich dabei, wie ich versuche, einen der willkürlichen Festnahmegründe der lauten Stimme aus dem Off, die die kurzen Angaben der Personen vorliest, vorauszudenken. Die Festnahmegründe sind oft dieselben, die Berufsgruppen nicht. Dies ist der Grund dafür, dass dieser Terror ein Großer war. 1,5 Millionen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten wurden damals im gesamten Gebiet der Sowjetunion in Nacht und Nebel Aktion verschleppt. 750.000 von ihnen erhielten sofort das Todesurteil. 800.000 Menschen wurden zu zehn Jahren Zwangsarbeit in den Gulags verurteilt, von denen nur 100.000 überlebten.

Wusste ich davon? Nein. Und ich wusste auch nicht, dass das heutige Russland so nachlässig mit der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels umgeht. Noch heute unterliegen viele Akten der „Säuberungsaktion“ strenger Geheimhaltung. Die Opfer liegen in anonymen Massengräbern, die heute zum Teil von Schnellstraßen überzogen sind.

Demokratie und Freiheit sind nicht umsonst zu haben

Im Gegensatz dazu, hat sich die Gedenkstätte Lindenstraße in den letzten 25 Jahren zur Aufgabe gemacht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit gründlich aufzuarbeiten. Oft stand ich mit meinen Freunden vor dem backsteinfarbenen Bau und habe überlegt, dort hineinzugehen. Aber es ist das ungemütliche Thema, mit dem man sich in seiner Freizeit doch ungern beschäftigen möchte.

Das Haus in der Lindenstraße 55/56 steht schon mit dem Gebäude als Symbol für eine Terrorjustiz, die sich über mehrere Epochen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert zog. Angefangen mit der Nutzung des Gebäudes als Gerichtssaal und Gefängnis während des NS-Zeit, der Weiternutzung als Gefängnis unter dem sowjetischen Geheimdienst nach Kriegsende, bis hin zur Nutzung des Hauses als Haftanstalt für den Bezirk Potsdam in der DDR unter der Leitung der Stasi. Immer wieder saßen hier also Menschen ein, die Opfer totalitärer Regime wurden.

Es fällt mir schwer, mir dieses Ausmaß begreiflich zu machen. Doch diese Ausstellung lässt letztlich wenig Platz für Illusionen, auch weil man den größten Teil im ehemaligen Zellentrakt verbringt, der teilweise noch so gut erhalten ist, dass ich nur langsam die Treppen ins Erdgeschoss hinabsteige. Auch jetzt noch strahlen die Räumlichkeiten eine unheimliche Kälte aus, die mich die Haftzellen in dieser Etage nur zögerlich betreten lassen.

Ich erfahre auch hier Einiges, was im Geschichtsunterricht keine Erwähnung erhielt. Etwa, dass die Leittragenden des Erbgesundheitsgesetzes noch heute nicht als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung anerkannt werden. Einen tiefen Einblick ermöglicht auch das Archiv der Ausstellung. Dieses bietet einem die Möglichkeit, Berichte von Gefangenen aus der Zeit nach Kriegsende und aus der Zeit des Stasi-Untersuchungsgefängnisses zu lesen. Diese Erzählungen lesen sich wie ein Krimi, nur mit dem Unterschied, dass es sich um keinen fiktiven handelt. Einfach bedrückend diese vielen Einzelschicksale.

Auch diese Ausstellung verstört und erschreckt mich in der dargestellten Hoffnungslosigkeit. In einem der letzten Abschnitte schimmert zumindest ein wenig Hoffnung. Er behandelt die letzten Tage der DDR in Brandenburg. Auf großen Leinwänden und Plakaten bildet sich der Protestzug der DDR-Bürger durch ganz Potsdam ab. Ich erhalte eine Ahnung davon, dass Demokratie und Freiheit nicht umsonst zu haben sind.

Im früheren Militärstädtchen Nr. 7

Für meinen dritten Besuch hatte ich die Gedenkstätte in der Leistikowstraße ausgesucht. Der Ort ist mir vor einiger Zeit quasi beim Spazierengehen vor die Füße gekommen. Beim Abstieg nach einem Ausflug zum Pfingstberg fiel mir ein mausgrauer Bau ins Auge, der so gar nicht zu den übrigen großzügigen Häusern in der Leistikowstraße passt. Es ist das ehemalige KGB- Untersuchungsgefängnis und prompt befinden wir uns im früheren Militärstädtchen Nr. 7. So klein der Bau auch von außen wirkt, so riesig erscheint er von innen. Jedes Stockwerk widmet sich einer anderen Personengruppe zwischen 1945 bis Mitte der 1980er Jahre. Die Opferseite überwiegt, aber auch Täter nehmen einen kleinen Teil der Ausstellung ein.

Die Autorin Lina Dingler
studiert Politikwissenschaften und Wirtschaft an der Universität Potsdam. Im Rahmen ihres Praktikums schreibt sie in loser Folge über ihre Zeit in der Landeszentrale und das aktuelle Zeitgeschehen.

Nach dieser Ausstellung scheint es mir schwer vorstellbar, dass ich ein unbeschwertes Leben in der DDR hätte führen können. Jeder stand praktisch unter Generalverdacht. Saß man einmal drin, war ein Entkommen kaum möglich. Ein Geständnis für die oft haltlosen Vorwürfe wurde unter Folter erzwungen. Es ergingen Todesurteile gegen Jung und Alt, lange Haftstrafen in den Gulags oder in den Speziallagern Torgau und Sachsenhausen, die kaum unter 25 Jahren lagen.

Die einzelnen Biographien der Häftlinge, die diese Tortur tatsächlich überlebt haben, beeindrucken mich. Glaubt man, diese Zeit hätte diese Menschen gebrochen, so irrt man. Später zog es einige tatsächlich wieder nach Potsdam.

Überwältigt und beeindruckt

Ja, ich gebe zu, der Besuch der drei Ausstellungen hat mich überwältigt. Aber das finde ich gut, auch wenn das meine Kolleginnen in der Landeszentrale anders sehen, denn ein zentraler Grundsatz der politischen Bildung verbietet jegliche emotionale Überwältigung.

Doch wie auch immer man es nennen möchte, ich war beeindruckt. Wir Nachwendekinder kennen nur ein Leben mit den Vorzügen einer Demokratie. Wir können uns frei in der ganzen Welt bewegen, können uns aussuchen, wo wir studieren und arbeiten wollen und müssen eine Inhaftierung wegen systemkritischer Äußerungen nicht fürchten. Um uns aber unser Glück ab und zu vor Augen zu führen, sollten wir uns mehr mit dem Ungemütlichen der Vergangenheit beschäftigen.

Lasst uns unseren freien Freitag nutzen, um die bildungspolitische Landschaft Brandenburgs zu erkunden!
 

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