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Vom Sinn und Unsinn eines Praktikums

Praktische Erfahrung sammeln. Das hörte sich sinnvoll an. Doch wie groß konnte die Ausbeute an tatsächlich relevanter praktischer Erfahrung schon sein, wenn man im Grunde ohne jedes anwendungsorientierte Wissen an die Sache herangehen musste?
Madita Gerike

„Ein Praktikum ist obligatorischer Bestandteil Ihres Studiums.“ Diesem Satz begegnete ich in der Einführungswoche vor Beginn des ersten Semester an der Universität zwar nicht mit Überraschung, aber auch nicht gerade mit Begeisterung. In meiner Eigenschaft als ambitionierte, angehende Studentin hatte ich mich natürlich bereits ausführlich mit der Studienordnung befasst, so dass ich wusste, dass ich ein 4-wöchiges Praktikum absolvieren müsste, um meinen Abschluss zu bekommen. Es sollte für eine bessere Verflechtung von Theorie und Praxis sorgen und uns später den Einstieg in die Berufswelt erleichtern. Das Übliche halt. 

Ich hatte bisher lediglich zwei Schülerpraktika absolviert (beide in Bildungs- beziehungsweise Erziehungseinrichtungen) und hatte die Erfahrung gemacht, dass das einzig Positive an einem Praktikum darin bestand, dass man aus dem gewohnten Alltag herauskam und neue nette Menschen kennenlernte, die nach Ende des Praktikums bedauerlicherweise allerdings auch genauso schnell wieder aus dem eigenen Leben verschwanden, wie sie gekommen waren.

Ich hatte eine angenehme Zeit dort verbracht, doch wirklich etwas mitgenommen hatte ich nicht. Ich war schließlich auch nicht für den entsprechenden Beruf ausgebildet. Wie sollte ich verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, an denen ich hätte wachsen können, wenn mir doch das Wissen dazu fehlte?

Was ist der Lohn eines Praktikums?

Dazu gezwungen zu werden, 160 Stunden meiner Lebenszeit damit zu verbringen, einem Betrieb zur Last zu fallen, dem ich mangels entsprechender Fähigkeiten eh nicht wirklich nützlich sein konnte, schien mir nicht wirklich sinnvoll. Arbeit sollte sich doch lohnen! Wenn ich für die Schule lernte, hatte sich das für mich gelohnt, weil ich mit guten Noten und der Anerkennung meiner Lehrer belohnt worden war. Als ich als Nachhilfelehrerin im Internat arbeitete, lohnte es sich, weil es ein gutes Gefühl war, den Kindern zu helfen und ihnen gleichzeitig ein Ventil für ihre familiären Probleme zu bieten - zumal ich Geld dafür bekommen hatte.

Doch was war der Lohn eines Praktikums? Ich konnte es auf meinen Lebenslauf setzen, in der vagen Hoffnung, dass das meine Aussichten auf einen Arbeitsplatz verbessern würde. Ob sich dieser "Lohn" jedoch bewahrheiten würde, würde sich erst Jahre später zeigen, zumal ein 4-wöchiges Praktikum wohl ohnehin niemanden vom Hocker hauen wird.   

Praktische Erfahrung sammeln: Das hörte sich sinnvoll an. Doch wie groß konnte die Ausbeute an relevanter praktischer Erfahrung schon sein, wenn man im Grunde ohne jedes anwendungsorientierte Wissen an die Sache herangehen musste? Wäre es nicht sinnvoller, die universitäre Lehre von vornerein praxisorientierter zu gestalten? Ohnehin fand ich das Resultat der Wissensvermittlung an der Universität nach meinen ersten drei Semestern irgendwie fraglich.

Ich hatte nicht den Eindruck, einen anderthalb Jahren entsprechenden Wissenszuwachs verbuchen zu können. Meine Noten waren bisher alle sehr zufriedenstellend ausgefallen, doch sobald ich eine Klausur hinter mir hatte, rieselten etwa 75 Prozent des Wissens wieder aus meinem Gehirn heraus. Ich hatte beim besten Willen nicht den Eindruck, dass ich nach Abschluss meines Bachelors auf irgendeinen Beruf vorbereitet sein würde.

Ich hoffte auf das Beste und wusste nicht, was das war

Als Ausgleich zu dieser mangelhaften Vorbereitung sollte ich nun also ein Praktikum machen. Ich bewarb mich bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung und stand schon vor dem ersten Problem: dem Bewerbungsgespräch. Ich hasste Bewerbungsgespräche. Wenn es eins über mich zu wissen gab, das auch jedem, der nur ein paar Minuten Zeit mit mir verbrachte, sofort auffallen musste, dann war es, dass ich absolut kein kommunikativer Typ bin und auch definitiv kein Übermaß an Selbstbewusstsein besitze. Dass ich den Praktikumsplatz trotzdem bekam, schrieb ich eher dem Wohlwollen der Entscheidungsträgerin als mir selbst zu.

Ich ging relativ erwartungsfrei an das Praktikum heran. Ich rechnete nicht damit, Unmengen an nützlichem Anwendungswissen mitzunehmen. Schließlich hatten die Mitarbeiter sicher Besseres zu tun, als eine Praktikantin überall einzuarbeiten, die dann ja doch gleich wieder gehen und nicht weiter von Nutzen sein würde. Ich hoffte einfach auf das Beste, ohne zu wissen, worin dieses Beste genau bestehen sollte.

Das Sinnvolle entdecken

Nach meiner ersten Woche kann ich nun sagen: Ja, dieses Praktikum ist sinnvoll. Ob mir das Rezensieren von Büchern, das Lesen von Nachrichtenspiegeln und das Kommentieren von Beiträgen später in irgendeiner Weise bei dem Einstieg in die Berufswelt helfen wird? Ich weiß es nicht.

Aber mein Aufenthalt hier hilft mir dabei, in meiner sozialen Kompetenz zu wachsen. Und das ist wahrscheinlich noch viel wichtiger, als irgendwelche berufsspezifischen praktischen Fähigkeiten mitzunehmen. Ich habe gelernt, unbedingt immer auf E-Mails zu antworten, auch wenn sie keine konkrete Frage beinhalten, da es sonst zu großen Missverständnissen kommen kann.

Ich lerne, meine Scheu vorm Telefonieren abzulegen, obwohl mir telefonieren immer zuwider war, aus der Angst, etwas Falsches zu sagen oder angesichts der mangelnden Übertragung der Mimik falsch interpretiert zu werden - zumal reden wie bereits erwähnt ohnehin nicht unbedingt mein Ding ist.

Und ich lerne, im Umgang mit fremden Menschen weniger ängstlich zu sein - auch wenn das wohl etwas ist, was ich noch recht lange und immer wieder neu werde lernen müssen.

 

Die Autorin Madita Gerike
studiert Politik- und Religionswissenschaften an der Universität Potsdam. Im Rahmen ihres Praktikums schreibt sie in loser Folge über ihre Zeit in der Landeszentrale und das aktuelle Zeitgeschehen.

 

 

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