Geschichte und Film in Ost und West
Und wieder 48
Dr. Christiane Mückenberger
Einführung in den Film
Die frühen DEFA-Filme haben sich die Frage gestellt, wie die gesellschaftlichen Voraussetzungen beschaffen sein müssen für demokratische Strukturen, ob nicht gesellschaftliche Umbrüche in den Besitz- und Rechtsverhältnissen dazu gehören. Und sie haben sich die Frage gestellt, wie es kommt, dass die Deutschen eine solche Anfälligkeit für Untertanengeist und die Neigung haben, sich diktatorischen Strukturen unterzuordnen. Um das zu erkunden, musste man in die deutsche Geschichte zurückgehen. Die erste Frage dieser Art hatte schon Wolfgang Staudte gestellt. Sein erster Film „Die Mörder sind unter uns“ war Aufschrei, Zorn, Verzweiflung. Schon in seinem zweiten Film „Rotation“ hat er sich die Frage gestellt, wie die Deutschen schuldig geworden sind. Um das zu ergründen, ging er in die zwanziger Jahre zurück, an den Vorabend der Machtergreifung, die Zeit der Arbeitslosigkeit. Kurt Maetzig ist bei der Spurensuche in der deutschen Geschichte mit seinem Film „Die Buntkarierten“ noch ein Stück weiter zurück gegangen, nämlich in die Kaiserzeit. Dann gab es „Wozzeck“ (RE: Georg C. Klaren, 1947), nach dem Drama von Georg Büchner aus dem Jahre 1837, also noch ein Stück weiter zurück in die Geschichte. In diesem Kontext ist auch der Film „Und wieder 48“ zu sehen.

Der Film will weniger die Schuldfrage stellen, sondern zeigen, dass es Hoffnungsschimmer gegeben hat in der deutschen Geschichte, Ereignisse, auf die man stolz sein kann, die man als Erbe betrachten, auf die man zurückgreifen kann. Er hat das an der 1848er Revolution festgemacht und eine Geschichte erfunden, in der in der Berliner Universität Studenten der Geschichte und Studenten der Medizin über dieses Problem aneinander geraten: Ist diese missglückte Revolution ein peinlicher Zwischenfall in der Geschichte gewesen, oder ein Ereignis, worauf man zurückgreifen kann. Hier wird der Film sehr authentisch. Ich habe etwa zur selben Zeit an der Humboldt-Universität studiert, und es waren genau diese Gruppierungen, die aneinander gerieten. Die Medizinstudenten stammten aus Arztfamilien mit konservativem Denken, die Historiker andererseits waren Studenten aus einem ganz anderen sozialen Milieu, aus armen Schichten, die früher keine Möglichkeit gehabt hatten, zu studieren, und erst durch die Vorstudienanstalt die Möglichkeit erhalten hatten, ein Studium zu aufzunehmen. Sie hatten einen anderen sozialen Hintergrund und eine andere Sicht auf die Dinge. Bei der Diskussion, die im Film eine große Rolle spielt, wird dem Zuschauer zugleich die Methode vermittelt, mit der man eine richtige, gerechte Beurteilung von gesellschaftlichen Vorgängen erreichen kann, nämlich die marxistische Geschichtsbetrachtung. Und es wird deutlich, wie eine neue Intelligenz in der DDR entstanden ist, eine neue intellektuelle Schicht, die einen ganz anderen Hintergrund hat, als man es vorher gewöhnt war. Das merkt man an diesen Historikern. Das sind Diskussionen, die man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann, aber ich kann bezeugen, dass es wirklich so gewesen ist.
Dazu kam ein dritter Gesichtspunkt, ein tagespolitischer.
In den 40er und 50er Jahren ging es in der Politik hauptsächlich darum, um die Einheit Deutschlands zu kämpfen. Das klingt heute ein bisschen merkwürdig, aber genauso war es. Es gab die Volkskongressbewegung, die einen Volksentscheid beschloss zur Frage, wie es in Deutschland weitergehen solle, und in der Forderung an die vier Besatzungsmächte gipfelte, per Gesetz die politische und ökonomische Einheit Deutschlands zu beschließen. Das Dokument ging nach London, wo die Außenminister tagten und über das weitere Schicksal Deutschlands zu Beschluss kommen sollten. In ihm war ziemlich genau ausgearbeitet, wie man sich die Einheit Deutschlands vorstellte: „Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik, in der den Ländern ähnliche Rechte zustehen sollen, wie sie die Verfassung des Deutschen Reiches von 1919 enthielt.“ Man hat sich keineswegs an die Verfassung der UdSSR gehalten, sondern an die bürgerliche Verfassung der Weimarer Republik. In diesem Zusammenhang war die Erinnerung an die 1848er Revolution ganz wichtig, weil das Hauptaugenmerk der Revolutionäre in der 48er Revolution auf die Einheit Deutschlands gerichtet war. Ihre Hauptforderung bestand darin, diese 36 Kleinstaaten, Fürstentümer und Herzogtümer zu einem einheitlichen demokratischen Deutschland zu vereinen. Es war also deckungsgleich. Mit dem Film zeigte sich die SBZ als Verfechterin der Forderungen dieser bürgerlich-demokratischen Revolution, weil man damit ein großes Forum erreichen konnte. Der Osten (SBZ/DDR) war nicht Außenseiter der deutschen Geschichte, sondern legitimierte sich als Sachwalter der bürgerlich-demokratischen Forderungen von 1848. Eine Verbindung von Geschichte mit dezidiert tagespolitischer Aufgabenstellung. Sehr viele Probleme in diesem Film, eine Unsitte, die sich hier schon ankündigte und in den fünfziger Jahren unangenehm geworden ist.

Wie war dieser Film gemacht?
Der Regisseur des Films war Gustav von Wangenheim, der aus einer alten Theaterfamilie kam. Sein Vater war ein Großer des deutschen Theaters und ein bekannter Schauspieler der Ufa-Zeit, Eduard von Winterstein. Sein Sohn hat als Schauspieler bei Max Reinhardt am Deutschen Theater begonnen. Dort hatte er einen drolligen Kollegen, der immer zu Späßen aufgelegt war und später ein weltberühmter Regisseur werden sollte, Ernst Lubitsch. Lubitsch hat seinen Freund in seinem ersten Film besetzt, der erfolgreichen Komödie „Kohlhiesels Töchter“. Wangenheim hat auch bei Fritz Lang gearbeitet und bei Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu“). Anfang der 20erJahre, nach seinem Welterfolg mit „Madame Dubarry“, folgte Lubitsch einem Ruf nach Hollywood. Anfang der 30er Jahre folgte Wangenheim einem Ruf nach Moskau, denn er hatte sich indessen einen Namen gemacht als Autor und Regisseur von Agitprop-Theatergruppen, hatte 1931 selbst eine Gruppe gegründet, die „Gruppe 31“, mit der er 1932 durch die Sowjetunion tourte.
Nach der Machtergreifung Hitlers kehrte er nicht nach Hause zurück, sondern blieb in Moskau in der Emigration. 1936 reiste Ernst Lubitsch in die Sowjetunion und besuchte Gustav von Wangenheim in Moskau. Wangenheims lebten in einem Zimmer, aber es gab auch Familien in dem Haus, da wohnte die Familie in einem halben Zimmer, mit einem Vorhang von der anderen Hälfte abgetrennt. Lubitsch bekam das sofort mit und fragte Wangenheim fassungslos: Wie kannst du so leben, das ist doch unzumutbar! Komm nach Amerika, ich beschaffe dir sofort einen Job! Lubitsch war damals Produktionsleiter der Paramount. Ich habe eine Villa in Hollywood, einen Swimmingpool, von unten beleuchtet! Wangenheim erwiderte: Für mich bedeutet Filmarbeit etwas ganz anderes als für dich. Ich will mit meiner Arbeit etwas ganz anderes erreichen, als einen Swimmingpool, von unten beleuchtet. Lubitsch reiste kopfschüttelnd ab.
Wangenheim drehte im selben Jahr, 1936, einen seiner bedeutendsten Filme, „Kämpfer“, ein antifaschistischer Film, in dem sehr viele Emigranten, die in Moskau versammelt waren, mitgespielt haben, u.a. der zehnjährige Konrad Wolf. Dieser Film war der erste, von Emigranten gedrehte Film. Von Fritz Lang gab es in den USA „Hangmen also die“, aber später, 1942, gedreht. Max Ophüls, ein bekannter deutscher Regisseur, schrieb aus der französischen Emigration an Wangenheim: „Diesen Film werden wir nicht beurteilen, wie wir es gewöhnlich tun, nach den Dramaturgien, den Dialogen, den Geschicklichkeiten und Ungeschicklichkeiten im Metier, sondern in dieser Arbeit das spüren, was noch keiner vollbracht hat: die Tat.“ Damit hat er die Verdienste Wangenheims sehr genau benannt. Wangenheim hat kein großes künstlerisches Werk vollbracht, aber zu wichtigen Themen seine Stimme erhoben. Er gehörte zu den Künstlern, die im Sinne von Friedrich Wolf den Umgang mit Kunst verstanden: Kunst ist Waffe. 1939 drehte Ernst Lubitsch auf der anderen Seite der Welt, in Hollywood, einen Film, der zur Legende wurde, die Polit-Komödie „Ninotschka“. Darin spielte Greta Garbo eine sowjetische Funktionärin, die von Moskau nach Paris geschickt wird, weil sich dort drei Genossen aufhalten mit einem Parteiauftrag, der sich ungebührlich in die Länge zieht. Es war unbegreiflich, warum die nicht nach Moskau zurückkehrten. Sie fährt also als Kontrolleurin dorthin, betritt mit strengem Outfit dieses Pariser Hotelzimmer und fragt militärisch knapp: Welche Ecke ist meine? Die Genossen wagen ihr gar nicht mitzuteilen, dass sie dort jeder ein Zimmer für sich haben, weil sie mit Recht argwöhnen, ihr würde ein Licht aufgehen, warum sich die Erledigung des Parteiauftrages so ungebührlich in die Länge zieht.


Lubitsch hat später einmal gesagt, dass ihm diese berühmte Szene seines berühmten Films eingefallen ist, als er sich seiner Erlebnisse mit Gustav von Wangenheim erinnert hat. Und etwas anders war ihm immer im Kopf gewesen. In der Frau von Wangenheims, Inge, die auch Schauspielerin war, hatte er ein Frauentyp kennen gelernt, wie er ihm noch nicht untergekommen war, forsch, stimmig, zukunftsgläubig. Die Ironie der Filmgeschichte wollte es, dass der Film von Lubitsch, den er im Jahre 1939 gedreht hatte, 1948 seine Deutschland-Premiere erlebte, natürlich nur in den Westsektoren, im Osten war er verboten, fast tagesgleich mit der Premiere von „Und wieder 48“ von Wangenheim, der nun wieder im sowjetischen Sektor lief und im Westen nicht gezeigt werden durfte. Der bekannte Westberliner Filmkritiker Friedrich Luft schrieb damals im Westberliner „Kurier“, die Polit-Komödie „Ninotschka“ von Ernst Lubitsch sei umwerfend und wunderbar, Greta Garbo hinreißend schön, aber diese schroffe, kantige Figur einer Sowjet-Kommissarin liege ihr nun wirklich überhaupt nicht, man solle mal rüber in den Ostsektor fahren, da liefe gerade ein Film an, der hieße 'Und wieder 48’, da spiele eine Frau eine Hauptrolle, eine forsche, kantige Person, die wäre genau die richtige für eine sowjetische Kommissarin. Er konnte nicht ahnen, wie nahe er mit seiner Bemerkung den wirklichen Zusammenhängen gekommen war.
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