Geschichte und Film in Ost und West
Der Untertan
RE: Wolfgang Staudte, DB: Wolfgang Staudte, Fritz Staudte nach
dem Roman von Heinrich Mann, KA: Robert Baberske, MU: Horst Hanns Sieber,
PL: Willi Teichmann, Prod.: DDR 1951
DA: Werner Peters, Paul Esser, Blandine Ebinger, Carola Braunbock, Friedrich
Maurer, Friedel Nowack, Sabine Thalbach, Eduard von Winterstein
New York 1945. Der deutsche Schriftsteller F.C. Weiskopf bespricht die amerikanischen Editionen von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Eine amerikanische Literaturzeitschrift stellt diesen Text unter dem Titel „Little Superman“ vor:
„Weiskopf empfiehlt das Buch dem Personal der Militärregierung
in Deutschland als Pflichtlektüre. Es sei die klarste und informativste
Studie des deutschen Durchschnittsbürgers, jenes 'averadge good German’,
der Hitler zujubelte, der Nazipartei beitrat, an den Plünderungen der
Wehrmacht teilhatte, solange Krieg und Verbrechen sich auszuzahlen schienen,
um nach dem Untergang des Dritten Reiches in die Rolle des unschuldigen Opfers
zu schlüpfen und den lieben amerikanischen Befreiern eilfertig seine
guten Dienste anzubieten. 'Allied newspaper correspondents while visited one
of Heinrich Himmlers >reeding instituts< at Schwanenwerder near Berlin,
reported, that the so-called copulation rooms were adorned with life-size
Hitler pictures in front of the beds. This arrangements could have been made
by Diederich Hessling.’
(F.C. Weiskopf 1945, S. 377f
*)
Soviel vorweg zum Aktualitätswert des angezeigten historischen Romans.
Zwei Namen stehen für die DEFA ein, als Heinrich Mann die Verfilmungsrechte an seinem Roman freigibt: Dr. Falk Harnack, Künstlerischer Direktor, aus dem Kreis - und Prozess - um die „Weiße Rose“, und Walter Janka, der Heinrich Mann in seinem mexikanischen Exil-Verlag „El libro libre“ verlegt hatte. Und Wolfgang Staudte, obschon im Konflikt mit der DEFA, nahm das Filmangebot an.
„Nach der Feststellung, daß es mir immer noch fruchtbarer erscheint, mit der Direktion der Defa in heftige politische Auseinandersetzungen zu geraten und echte Meinungen zu vertreten, als mich ernsthaft darüber zu unterhalten, ob Herr Prack oder Herr Borsche in der ‚Försterchristel’ die Hauptrolle spielen soll, habe ich mit Freuden das Angebot der Defa angenommen, den 'Untertan’ bei ihr zu inszenieren.“ (Staudte 1952, in: Netenjakob 1991, S. 33 *)
Staudte verfolgt, kongenial zum Roman Heinrich Manns, das Leben des Dietrich Heßling, Untertan seines Vaters, Lehrers, Hauptmanns, Vorgesetzten, seiner Frau und seines Kaisers in einem grotesken Spektakel vom deutschen Ungeist. Der Film braucht den Verweis auf die Vorlage nicht, er steht für sich selbst ein. Ein filmisches Meisterwerk.
„Die Figur ist nicht bösartiger als sie grotesk ist. Und für Augenblicke (...) läßt der Regisseur etwas von jener unheimlichen Beklemmung sichtbar werden, die immer unter der Oberfläche des Grotesken lauert. (...) Der Film wurde bei der Defa gemacht, die Satire vom Untertanen gerade in der Sowjetzone gedreht. (...) Im übrigen stelle man sich einmal die Gesichter der westdeutschen Produzenten vor, wenn jemand wagen sollte, ihnen einen solchen Stoff anzubieten.“ (Berghahn 1952, in: Netenjakob 1991, S. 189 *)
Die Groteske war grotesk genug: ausgerechnet während des Übergangs zum neostalinistischen Obrigkeitsstaat, in dem Menschen auf „Rädchen und Schräubchen“ reduziert wurden und die Gesellschaft, zumindest zeitweise, um ihr gerade in Gang gekommenes demokratisches Eigenleben gebracht wurde, erschien dieser Film auf der Leinwand. Über seine historische Zuordnung hinaus konnte er vom Zuschauer zur Abrechnung mit dem Typus des Untertanen aufgenommen und zur Selbstachtung beansprucht werden, und zwar, wie sich herausstellte, im Osten wie im Westen.
„Er kam just in einer Epoche, in der allgemein Ausschau gehalten wurde nach neuen Maßstäben der Orientierung, in der zögerlich die kritische Beschäftigung mit der jüngsten deutschen Geschichte in Gang kam. Im Gegensatz zur kommerzialisierten damaligen westdeutschen Filmproduktion, die entweder eine naive Fortsetzung des Unterhaltungskinos aus der Nazizeit betrieb oder aber, sofern sie seriöse Absichten verfolgte, ihren Kurs noch nicht gefunden hatte, erschien dieser Film als die Inkarnation dessen, was man vom Kino erwartete: ein kämpferischer Beitrag zur Analyse eines nationalen Wertsystems, das in der Geschichte schreckliche Folgen haben sollte, ein Film schonungsloser Schärfe in seiner Attacke gegen Nationalismus, Militarismus, Autoritarismus, Opportunismus, der gnadenlos die Waffe der Satire und der Ironie gebrauchte, dazu gleichzeitig in brillanter Form die Möglichkeiten einer authentisch filmischen Sprache zu nutzen verstand. Was uns damals zentral wichtig erschien: im Mittelpunkt stand die ‚autoritäre Persönlichkeit’, wie sie Adorno und Horkheimer als movens der deutschen Geschichte erkannt hatten. (...) Wenn man bis in die Jetztzeit die Produktionen der DEFA zumeist mit Sympathie und Hoffnung betrachtet hat, dann hängt das auf eine gewisse Weise immer noch mit dem Bild zusammen, das die DEFA-Filme der ersten Nachkriegsjahre erzeugten, und zu ihnen gehörten eben an vorderster Stelle die Filme von Wolfgang Staudte.“ (Gregor 1991 *)


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