Re-orientation in praxi
Hinter den alliierten Schul- und Erziehungskonzepten standen Demokratie- und also Demokratisierungskonzepte.
„Deutsche Lehrerbildungsinstitutionen sollen überzeugt werden, eine Philosophie anzunehmen, die auf der Verpflichtung beruht, Lehrer auf die Beteiligung an einer freien und kooperativen Gesellschaft vorzubereiten.“ (US-Memo, in: Kleßmann 1991, S. 92f *)
Noch in der Direktive JCS 1779 vom Juli 1947 wurde Reeducation bezeichnet als
"eines der primären Mittel, um ein demokratisches und friedliches Deutschland zu schaffen.“ (Kleßmann 1991, S. 92f *)
Das führte zu einer direkten Übernahme Deweyscher Ideen durch die amerikanische Besatzungsmacht, also durch Offiziere (!), zur Nutzanwendung in Deutschland: so sehr waren sie schon Gemeingut der Öffentlichkeit geworden.
Amerikanische Reeducation-Teams reisten herum und versuchten in Vorträgen, Diskussionen und 'demonstrations’ die neue Philosophie (der Demokratie) zu vermitteln. Re-orientation im engeren Sinne lief auf das Einüben von Prinzipien der parlamentarischen Demokratie hinaus: Schülerzeitungen, Schülermitverwaltung, Bürgerforen, Schüler- und Studentenaustausch, dazu kamen die Amerikahäuser mit ihren Bibliotheken, Kursen, Foren, Filmprogrammen. Die jungen Leute nahmen das Angebot gern an. Eine biografische Selbstaussage dazu steuert Ralf Dahrendorf bei.
„In Berlin hatte bereits der große Robert Birley mich mit anderen in seine Dienstvilla in der Königsallee eingeladen. Die Absicht war, uns Junge zu Demokraten zu erziehen. Welcher Unterschied zu den Russen! Die Erziehung erfolgte gewiss auch dadurch, dass wir über die Elemente demokratischer Strukturen und Verhaltensweisen belehrt wurden, aber vor allem durch das Beispiel. (...) In Hamburg gab es mehrere jüngere Militärs, meist captains, also Hauptleute, die regelmässig Gruppen von jungen Deutschen zu intensiven Diskussionen bei einem Glas Gin und Tonic und Woodbine-Zigaretten einluden. Die Entdeckung der Diskussion war ein Teil der neuen Welt, aber auch die Diskussion wollte gelernt sein. Einmal, im Januar/Februar 1948, bekam ich ausgiebig Gelegenheit dazu, denn dank meiner Mentoren wurde ich für sechs Wochen nach Wilton Park geschickt. In einem komfortablen Bürgerhaus bei Beaconsfield westlich von London wurden deutsche Kriegsgefangene mit eigens zu diesem Zweck herübergebrachten Landsleuten zusammengebracht, um die Briten und ihre Art vor Ort und im lebendigen Austausch kennenzulernen. Lord Lindsay of Birker, Master des Balliol College in Oxford, leitete die Dauer-Diskussion, zu der prominente Gäste wie der damalige Deutschland-Minister Lord Pakenham geladen wurden. Auch das, die direkte Befragung von Ministern, war für uns neu.“ (Dahrendorf 2004, S. 97f *)
Re-orientation in ihrer idealtypischen und an Jugend adressierten Zielstellung wird immer wieder kritisch beurteilt, da in ihr formales Prozedere anstelle kritischer Auseinandersetzung obsiege. Richtig ist, dass Regeln des Meinungsaustausches nicht ihren Inhalt ersetzen können. Zeitzeugnisse wie das Dahrendorfs belegen, wie aufregend die Orientierung auf Austausch und Auseinandersetzung für die jungen Leute war. Sie bestätigen die englische und amerikanische Auffassung, demzufolge die Verständigung über Spielregeln ein unabdingbares Moment im demokratischen Prozess darstellt, bei der genauso viel gelernt werden kann wie bei der Vertiefung in Inhalte. Das führt auf die alte Frage nach dem langen oder kurzen Weg von Erziehung und die Antwort: Der Weg ist das Ziel. Kurt Tucholsky hatte das einst auf die Formel gebracht: Selber popeln macht fett.
Das politische Leben in der sowjetischen Besatzungszone war zunächst von einer pragmatischen Phase unmittelbarer demokratischer Beteiligung geprägt (1945-1948). Es fanden Gemeinde- und Landtagswahlen statt, die, trotz mancherlei Vorbehalt, den Namen freie Wahlen verdienten. In allen Bereichen der Gesellschaft kam es, trotz der immer zu gewärtigenden Sanktionen der sowjetischen Besatzungsmacht, zu demokratischem Aufbruch, der die Einübung der Regeln erforderte und voranbrachte, wie er zu inhaltlichen Entscheidungen und Übernahme von Verantwortung nötigte. Es war nicht von ungefähr, dass schon 1946 die Erörterung einer Verfassung für eine deutsche demokratische Republik unter breiter Einbeziehung von Fachleuten aller Art ihren Anfang nahm. Die geistige und moralische „Umerziehung“ lief auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, dem von Humanismus und deutsche Klassik, ab. Das war eine Verabredung der politischen Kräfte, die auch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) mittrug. Dieses Feld war von der SED um so leichter zu beackern, als die Arbeiterbewegung in ihrer sozialdemokratischen und sozialistischen Gestalt seit den deutschen Arbeiterbildungsvereinen immer eine Erziehungs- und Kulturbewegung gewesen ist: Durch Wissen zur Macht.
In dieser Tradition steht auch die Bevorzugung kollektiver Gesellschaftsformen gegenüber den aufs Individuum gestützten, die willige bis disziplinierte Ein- und Unterordnung in vorgegebene Organisationsformen und unter Beschlusslage. Bislang war man daran, mehr oder weniger und hin und wieder, beteiligt gewesen. Mit der Wende von 1948, der Ausrichtung der politischen Orientierung hin zum sowjetischen Gesellschafts- und Staatsmodell, wurde das ziemlich schnell obsolet und betraf in seiner Auswirkung nicht nur den kleinen Kreis der Organisierten, sondern die gesamte Gesellschaft in der SBZ/DDR. Diese Entwicklung entstand nicht nur unter politischem Druck, sondern fand sich getragen von Traditionsbeständen in Gestalt von Harmoniebedürfnis, Konfliktabgeneigtheit und dem Zusammenfall von Gesellschaft und Staat im Verfolg kollektiver, individueller und gesellschaftlicher Interessen.
„Im Namen eines neuen, nie gesehenen Menschen beschneidet die Partei die Rechte der konkreten Individuen. Die politische Aufkündigung einer Norm (...) unterbindet die einzige Chance ihrer Verwirklichung: nämlich die Praxis selbst. Der Weg, zuerst die Bedingungen der 'realen’ Demokratie schaffen und sodann die allgemeinen Freiheitsrechte ‚garantieren’ und 'gewährleisten’ zu wollen, statt durch das Praktizieren der Rechte die Demokratie als stets prekären Prozeß immer erneut herzustellen, ist der Kern der totalitären Versuchung.“ (Meuschel 1992, S. 84f *)
„Re-education“ fand, wenn man so will, auch im Osten Deutschlands statt, allerdings in Gestalt des „Kurzen Lehrgangs zur Geschichte der KPdSU (B)“. Diese apodiktische Wendung will nicht das Ende der Geschichte herbeischreiben, die sich dann noch vierzig Jahre hinzog: da ist mancherlei passiert, was des Aufschreibens und Aufhebens wert ist. An dieser Stelle geht es nur um die Schroffheit einer Wende, wie ja eine Weichenstellung nicht das Mittlere von Dreien ist, sondern nur ein „so lang“ oder „da lang“ kennt.
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