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SS, Schutzstaffel
Ohne die SS (Abkürzung für: Schutzstaffel), einem militärisch-industriellen Komplex, dem während des Zweiten Weltkriegs ständig knapp eine Million Menschen angehörten, wäre das Völkermordprogramm des Nationalsozialismus, insbesondere die Shoa, die Vernichtung der europäischen Juden, nicht in seiner tatsächlichen Dimension durchführbar gewesen. Die Gliederungen der SS unterstanden keiner rechtlichen Kontrolle, sondern waren allein Hitler persönlich verantwortlich. Die SS verkörperte organisatorisch, ideologisch, militärisch und kriminell die Vorstellungen des Diktators und der NSDAP vom bedingungslosen Rassenkrieg, bei dem die "nordische" Rasse (sieh: Arier), angeführt eben von der SS, die anderen dominieren, dezimieren oder gleich: ausrotten sollte. Die Bewachung und der Betrieb der Vernichtungslager wie Treblinka oder Auschwitz-Birkenau war dementsprechend eine der Hauptaufgaben der SS. Die SS wurde deshalb ebenso wie die NSDAP als Verbrecherorganisation eingestuft und verboten. Der amerikanische Faschismusforscher Stanley Payne charakterisiert die dominante Rolle der SS im nationalsozialistischen Deutschland treffend: "Die schwarz uniformierte SS wurde zur wichtigsten aller Naziorganisationen. Sie hatte kein Pendant in irgendeiner anderen modernen Diktatur."
Bevor die SS sich zu einem eigenen Staat im Staate auswachsen sollte, der den wichtigsten Einfluss auf Hitler hatte und ihm zugleich als williges Instrument seines Rassenwahns diente, war sie bis zum sogenannten Röhm-Putsch 1934 ein zunächst bescheidener Ableger der SA (Sturmabteilungen), der paramilitärischen Terror-Miliz der NSDAP vor und während der Machtergreifung 1933. Gegründet 1925 zum persönlichen Schutz Hitlers (hauptsächlich vor den Schlägertruppen parteiinterner Widersacher), blieb die SS bis 1929 stets auf 10% der Stärke der regionalen SA -Truppe beschränkt. Das änderte sich, als im selben Jahr Heinrich Himmler zum "Reichsführer SS" ernannt wurde, der er bis zur Kapitulation Nazi-Deutschlands 1945 bleiben sollte. Himmler löste die SS zunehmend aus der SA und baute sie kontinuierlich aus: im Herbst 1933 verfügte die SS bereits über mehr als 200.000 Mann. Laut Hitler übte die SS seit 1930 "den Polizeidienst innerhalb der Partei" aus, was ihr allein schon deshalb größte Macht verschaffte, weil Deutschland im Laufe des Jahres 1933 zur NSDAP-Einparteien-Diktatur gemacht wurde. Im Zuge dessen bekamen SA und SS polizeiliche Privilegien und errichteten die ersten Konzentrationslager (KZ) für politische Gegner des Nationalsozialismus in Oranienburg und Dachau (nach einem halben Jahr von Hitlers Herrschaft waren bereits 25.000 politische Gegner inhaftiert).
Die SS übernahm in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 die Hauptrolle bei der Ermordung der SA-Führung um Ernst Röhm, der dem linken Flügel der NSDAP nahe stand und als ernsthafter innerparteilicher Herausforderer Hitlers galt. In derselben Nacht wurden zwar auch konservative Konkurrenten Hitlers ermordet, der Hauptzweck der propagandistisch als Verhinderung eines "Röhm-Putsches" ausstaffierten Liquidierungen aber war die Entmachtung der SA. Die SS trat nun endgültig an deren Stelle im NS-Machtapparat, wurde am 20.Juli 1934 zu einer eigenständigen Organisation innerhalb der NSDAP erklärt, übernahm allein die Zuständigkeit für Betrieb und Ausbau des KZ-Systems und baute 1935 ihren parteiinternen Spitzelapparat zu einem eigenen Geheimdienst in militärischem Rang aus, den von Reinhard Heydrich geleiteten Sicherheitsdienst (SD).
Aus den bewaffneten Truppen der SS, der "Verfügungstruppe" und den "Totenkopfstandarten" entstand die im zweiten Weltkrieg berüchtigte "Waffen-SS". Sie war eine Art privilegiert ausgerüsteter Privatarmee Hitlers, die nur taktisch der Wehrmacht unterstand, diziplinarisch jedoch dem Reichsführer SS. Als ideologische und "rassische" Eliteeinheiten, in die man freiwillig eintrat und die bis Ende 1943 keine normalen Wehrpflichtigen rekrutierten, waren sie hauptverantwortlich für das Führen des Vernichtungskrieges gegen die jüdische oder politisch missliebige Bevölkerung hinter der deutschen Ostfront. Erst ab Ende 1943 wurde dieses Freiwilligkeits- und Ausleseprinzip (der SS-Mann - und auch dessen Ehefrau! - sollte nach Himmlers Vorstellungen blonder, blauäugiger und großgewachsener als der deutsche Durchschnitt sein) aufgeweicht. Zum einen wurden nun "fremdrassige", u. a. albanische und weissrussische SS-Divisionen aufgestellt, am Aufbau einer arabischen wurde gearbeitet; zum anderen wurden nun auch Rekruten zur Waffen-SS regulär eingezogen. Nur für die Jahrgänge 1926/27 ist es also wahrscheinlich, nicht freiwillig zur Waffen-SS gekommen zu sein. Trotzdem hatte die Propaganda der Organisation ehemaliger Waffen-SS-Angehöriger (HIAG) jahrzehntelang darauf abgezielt, sich fälschlicherweise als regulären Teil der Wehrmacht auszugeben. Ein Schwindel, der ebenso dahin ist wie auch der von der "sauberen" Wehrmacht an der Ostfront, denn bei den beispiellosen Verbrechen gegen Zivilisten und Kriegsgefangene wurden SS und der SD auch von Einheiten der Wehrmacht unterstützt. Als ein Beispiel unter vielen anderen für diese Kooperation sei die vollständige Zerstörung der polnischen Stadt Karnikowska (ein Massaker an rund 25.000 Menschen) im Jahr 1942 angeführt.
Die SS war von vorneherein eine zutiefst der nationalsozialistischen Rasse-Ideologie verpflichtete Organisation. Ihr 1933 angenommenes Symbol war die verdoppelte, altgermanische Sig-Rune, die einem Blitz-Symbol ähnelt (weswegen das bis heute übliche, rhythmische "Si(e)g"-Gebrüll bei Spielen der deutschen Fußball-Auswahl auch zu den leider akzeptierten Neonazi-Codes im öffentlichen Leben zählt). Himmler definierte die SS als "Orden nordisch bestimmter Männer", der einen pseudoreligiösen Kult des Todes und des Tötens (symbolisiert von der Farbe Schwarz und den allgegenwärtigen Totenköpfen) an die Stelle der christlich-jüdischen Werte wie Mitleid und Friedfertigkeit setzte. Auch war die SS als "Sippengemeinschaft" in den Augen ihrer Führer ausersehen, die neue Herren-Rasse buchstäblich zu erzeugen: auch die Ehefrauen sollten "rasserein" sein. Ebenso unterstützte die SS "nordische" Fortpflanzung jenseits der Ehe in ihren "Lebensborn-Heimen" - Aktivitäten, die das SS-Hauptamt für Rasse und Siedlung (RuSHA) in Berlin förderte und koordinierte.
Die sich im Lauf der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft stets vergrößernde Macht der SS stützte sich nicht nur auf ihre juristisch ungehemmte Polizeibefugnis (auch die Geheime Staatspolizei, die GeStaPo, war der SS angegliedert) und auf ihre bis zu 22 Divisionen verschiedener Waffengattungen starke Militärmacht, sondern auch auf ein eigenes Wirtschaftsimperium unter dem Namen Deutsche Wirtschaftsbetriebe (DWB, ab 1942: SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt mit Sitz in Oranienburg). Die DWB betrieben die Ausplünderung der besetzten Gebiete und alle Bereiche der Zwangs- und Sklavenarbeit, zu der KZ-Häftlinge wie auch Kriegsgefangene getrieben wurden - und deren unmenschliche Bedingungen nicht anders als Vernichtung durch Ausbeutung beschrieben werden können. 1943 umfasste dieses Imperium 30 Unternehmen mit über 100 Betrieben, in denen mehr als 40.000 Häftlinge arbeiten mussten.
Die heute noch für Neonazis aller Coleur schier unwiderstehliche Attraktivität der SS und ihrer Embleme und Losungen (am berühmtesten wohl: "Unsere Ehre heißt Treue") hat sicherlich zwei Hauptursachen: zum einen der esoterisch verbrämte Kultus von hemmungsloser Gewalt, der Soziopathen sowohl willkommene Rechtfertigung als auch Selbsterhöhung liefert. Zum anderen der mit der SS einhergehende Versuch des NS-Regimes, die hergekommenen Eliten Deutschlands durch "frisches Blut" zu ersetzen. SS steht also für die Möglichkeit eines sozialen Aufstieges, für den man sich nicht durch Fleiß, Bildung oder Reichtum qualifizieren muss, sondern nur noch durch das physische Erscheinungsbild ("arisch"), Grausamkeit und Todeslust.