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Antiamerikanismus
Kaum ein Vorurteil hat im Verlauf des gesamten 20. Jahrhunderts einen solch ungebrochenen Siegeszug in Europa (und im Zuge der Entkolonialsierung auch darüber hinaus) antreten können wie der Antiamerikanismus. Trotz je nach geografischen, kulturellen und politischen Hintergründen unterschiedlicher Gewichtungen in der Artikulation des antiamerikanischen Vorurteils, weist es durchgängig einen identischen Grundzug auf: Nämlich die Umdeutung der Freiheiten (und natürlich auch Mängel) der bürgerlich-liberalen Gesellschaft wie sie in den Vereinigten Staaten nicht nur historisch am längsten, sondern auch gänzlich frei von Vorgaben und Überresten vorbürgerlicher Staatsformen besteht, in negativ-verallgemeinernde, angstbesetzte Abwehrparolen. Der Antiamerikanismus macht also aus der Freiheit des Handels, der Freizügigkeit, der Gleichheit, der Staatsferne und dem Individualismus wie sie das liberale Gesellschaftsmodell der USA (in einem durchaus schmerzhaften Prozess gesellschaftlicher Emanzipation) zur Geltung gebracht hat, Begriffe wie "Kulturlosigkeit", "Ellbogengesellschaft", "Oberflächlichkeit", "Entwurzelung", "Kommerzialisierung" etc.
Dieser antibürgerliche bzw. antiliberale Affekt, der den Kern des Antiamerikanismus bildet, hat der Antiamerikanismus mit dem Antisemitismus gemeinsam: Hier werden Strukturprobleme der modernen Gesellschaft als Charakter- bzw. Kulturdefekt einer bestimmten Religion gedeutet. Im Antiamerikanismus treten nun dieselben Stereotypen wie im Antisemitismus zutage (Brunnenvergifter, Sittenverderber, Blutsauger / Wucherer und Weltzerstörer), werden hier aber einer bestimmten Nation zugeschrieben. Die antiamerikanische Propaganda (mit der beispielsweise die NPD -- siehe: Parteien, rechtsextreme -- so nah wie kaum sonst irgendwo am gesellschaftlichen Mainstream liegt) vermischt sich deshalb mit Motiven des Antisemitismus bis zur Ununterscheidbarkeit: Der Hinweis auf die Herrschaft des "Mammons" und des "Finanzkapitals" in den USA selbst und weltweit eben dann durch die USA vertreten, fehlt selten der auf die starke "jüdische Lobby", die in den USA angeblich das Sagen habe. Mit brachialer Offenheit hat Adolf Hitler die Struktur des Antiamerikanismus anläßlich der Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten 1941 dargelegt: "Einen Hass und eine Abneigung tiefster Art habe ich gegen den Amerikanismus. Jeder europäische Staat steht einem näher. Amerika ist in seiner ganzen geistigen Haltung eine halb verjudete und vernegerte Gesellschaft." Einen weiteren deutlichen Fingerzeig auf die Verwandschaft zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus gibt die Tatsache, dass die USA und Israel im modernen Antiimperialismus quasi als ein verschmolzener Feind-Staat betrachtet werden, als die doppelgesichtige politische Agentur der einen (jüdischen) Weltherrschaft und des "raffenden Kapitals".
Dass der Antiamerikanismus Ausdruck einer prinzipiell antiliberalen Haltung ist, lässt sich auch daran erkennen, welches Gegenmodell seine Vertreter statt des "Amerikanismus" (bis heute) bevorzug(t)en: die klar und traditionell strukturierte Gesellschaft und vor allem den autoritären, allumfassend regulierenden Staat. In diesem Sinne argumentierte bereits die deutsche Staatsphilosophie zu Beginn des 19.Jahrhunders: Ihr erschien der Staat als dem liberalen Individualismus überlegenes sittliches Prinzip, als Ziel und Subjekt der Geschichte. Entsprechend verächtlich äußerte man sich über die USA. Doch zunächst war im Deutschland des 19. Jahrhundert der Antiamerikanismus der Abneigung gegen das liberal-kapitalistische England und gegen das stets revolutionär gärende Frankreich, mit denen man sich immer auch in politischer Konkurrenz sah, bei- bzw. untergeordnet.
Die Ansichten des Antiamerikanismus über die USA im 19. Jahrhundert lassen sich kurz in etwa so fassen: "Zuviel Demokratie, zuwenig Staat". Damit war der Antiamerikanismus bis zum Ersten Weltkrieg (1914-18) eindeutig bestimmten, im Wortsinne reaktionären Kreisen vorbehalten: Soziale Gruppen, die gegen die bürgerliche Umwälzung im Gefolge der amerikanischen (1776) und französische Revolution (1789) opponierten, denen die Gleichstellung der Schwarzen in den USA im Gefolge des Sieges der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) suspekt war, schon allein, weil in Deutschland gerade erst einmal das Drei-Klassen-Wahlrecht eingeführt war (in dem der Wert der Stimme von der Höhe des Vermögens abhing), und die um ihre ständischen Privilegien fürchteten - kurz: Kreise und Schichten, die ihre politische und soziale Vormachtstellung verteidigten. Im Gegenzug waren die Vereinigten Staaten für die unterprivilegierte Mehrheit im alten Europa vielfach ein Hoffnungsschimmer: die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Armen, auf ein Exil für verfolgte Revolutionäre und auf Gleichstellung für diskriminierte religiöse uznd ethnische Minderheiten. Dass der Antiamerikanismus sich selber fortschrittlich dünken könnte, wäre damals undenkbar gewesen: Friedrich Engels beispielsweise schrieb der Sozialdemokratie noch 1891 ins Stammbuch, dass man sich die USA bei der Reformierung Preussen-Deutschlands zum Vorbild nehmen solle.
Dennoch gelang es dem Antiamerikanismus, sich (nicht nur, aber vor allem) in der deutschen Gesellschaft sozusagen von rechts nach links auszubreiten. Entgegen kam dieser Entwicklung, dass in der Arbeiterbewegung zunehmend Strömungen die Oberhand gewannen, die die ursprüngliche Staatsfeindlichkeit des Marxismus in einen wahren Staatsfetischismus verwandelten und damit - wenn auch mit starkem Fokus auf die "soziale Frage" - in das gleiche Horn stießen wie die bereits angesprochene deutsche Staatslehre. Das Verhältnis der Arbeiterbewegung zu den USA wurde zunehmend ambivalent: Man begrüßte die Demokratie in Amerika, distanzierte sich aber von der ihr zugrunde liegenden liberal-individualistischen Gesellschaftsform.
Erst im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde das antiamerikanische Ressentiment tatsächlich populär, wie überhaupt in dieser Zeit der Aufstieg der völkischen Ideologie zum Massenbewusstsein begann. Die Rechtsparteien und das Militär jedenfalls verurteilten die USA von Beginn als nur "scheinneutral" und kurbelten wahre Hasskampagnen an, als dann die USA 1917 in Reaktion auf den "uneingeschränkten U-Boot-Krieg", den Deutschland auf den Weltmeeren erklärt hatte, tatsächlich auf der Seite Englands und Frankreichs in den Krieg eintraten. Als sich schließlich im Versailler Frieden die Hoffnung zerschlug, dass die im November 1918 erfolgte Demokratisierung Deutschlands dafür sorgen würde, dass der verlorene Krieg ohne gravierende Folgen für Deutschland bliebe, da hatte die rechte Presse eine weitere Hass-Figur: den amerikanischen Präsidenten Wilson. Ihm kam in der unablässigen Hetzpropaganda vom "Dolchstoss", den die deutschen Demokraten im Bündniss mit dem westlichen Finanzkapital gegen das "im Felde unbesiegte" Heer geführt hätten, eine zentrale Rolle zu. Die Dolchstoss-Legende sollte die politische Legitimation der jungen Demokratie dauerhaft schwer erschüttern.
Dieser völkische Antiamerikanismus zeigte nun auch sein antisemitisches Gesicht ganz offen: Die USA (und auch die Weimarer Republik selbst) wurden als "Judenstaat" tituliert. Amerika sei Haupt einer "gelben Internationalen" (gelb war ein Synonym für "jüdisch"), hieß es, die moderne Kultur Amerikas sei "geronnener Judengeist", und überhaupt werde Deutschland durch den "Dollarimperialismus" kolonisiert und müsse sich mit den "jungen Nationen" in den Kolonien gegen die "Plutokraten-Staaten" Großbritanien und USA verbünden. Hitler und die NSDAP (siehe: Nationalsozialismus) profitierten schließlich von dieser andauernden Kampagne. Das lag unter anderem daran, dass mittlerweile auch die KPD begann, dem Antiamerikanismus zu frönen und zwar mit ähnlichen Stereotypen, die aber ohne offen agitierenden Antisemitismus auskamen: Wilson sei der Handlanger des internationalen Finanzkapitals, Deutschland müsse einen nationalen Befreiungskampf führen, denn es befände sich quasi kollektiv in der Rolle des Arbeiters gegen seine kapitalistisch-imperialistischen Ausbeuter - das war ab 1923 die offizielle Partei-Linie.
Auch bei der Sozialdemokratie und in der bürgerlichen Mitte hielt eine sich "kulturkritisch" verstehende pauschalisierende Verurteilung der "amerikanischen Verhältnisse" Einzug. Die Sozialdemokratie misstraute - wie schon angedeutet - der amerikanischen Mentalität, die dem von der SPD erstrebten Staatssozialismus traditionell wenig abgewinnen konnte (und kann); das Bürgertum hingegen graulte sich vor der amerikanischen "Zivilisation des Massenmenschen" wie es Adolf Halfeld in seinem Bestseller "Amerika und der Amerikanismus. Kritische Betrachtungen eines Deutschen und eines Europäers" 1927 vorurteilsgerecht formulierte.
In dieser schicht- und parteiübergreifenden Form, in der Deutschland sich in einem zugleich als völkisch-rückwärtsgewandter und proletarisch-zukunftsfroher Gegenentwurf gegen den "Amerikanismus" wähnte, wurde der Antiamerikanismus nicht nur zu einem zentralen Aspekt des Nationalsozialismus, sondern des "Deutschen Sonderwegs" überhaupt.
Nach dem Menschheitsverbrechen der Shoa und der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg war dieser "Sonderweg" an sein politisches Ende gelangt - allerdings nicht an sein ideologisches. Während in der Bundesrepublik die politisch führenden Kräfte, allen voran Bundeskanzler Adenauer, auf die politische und geistige Integration (siehe: Umerziehung) Deutschlands in den Westen drangen, setzte die DDR - auch unter Maßgabe des "Kalten Krieges", des Ost-West-Konflikts - die bereits beschriebene Vorkriegs-Linie der KPD in ihrer Propaganda fort. Im Ton fast nahtlos knüpfte sie damit an die zuvor vom Nationalsozialismus genährten deutschnational-antiamerikanischen Ressentiments an. Gegen Adenauer wärmte man die Dolchstoß-Legende wieder auf mit dem Vorwurf, er führe Deutschland in eine "nationale Versklavung", die "die in ihrer verderblichen Auswirkung den Versailler Vertrag um ein Vielfaches" übertreffe. (Grotewohl in der Zeitschrift "Einheit" Nr. 3, 1952). Die Linie hatte SED-Parteichef Walter Ulbricht 1952 vorgegeben: "Wir sind gegen diesen ganzen Amerikanismus, wir sind für die Schätze der deutschen Kultur [...] und wir führen einen harten Kampf gegen den Amerikanismus. Das ist eine große Aufgabe zur Verteidigung der deutschen Kultur." (Neues Deutschland vom 26. 4. 1952).
Für derlei Vorstellungen gab es in der Bundesrepublik bis Mitte der 1960er Jahre kaum politischen Raum. Das änderte sich erst im Zuge der weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg, in den die USA seit 1962 intervenierten. Doch die politische Kritik, die die westdeutsche Linke an den militärischen Maßnahmen der damaligen US-Administrationen (die von einer Mehrheit der US-Amerikaner geteilt wurde) mit durchaus guten Gründen übte, öffnete in ihrem Verlauf wieder das Feld für die im Westteil zunächst zurückgestauten Ressentiments gegen Amerika: die hoch emotionalisierte Identifikation mit der "Dritten Welt" erzielte Effekte wie die nationalrevolutionäre Kampagne gegen den "Dollarimperialismus" und für die "jungen Nationen" in den späten 1920er Jahren.
Das zeigte sich offen schließlich in den deutschen Friedensbewegungen der letzten 25 Jahre. Schrille Töne wie die vom "Atomaren Holocaust", den die USA für Deutschalnd angeblich planten, waren eher die Regel als die Ausnahme. Auch andere Stereotypien wie die von der Verteidigung der "deutschen Kultur" gegen "McDoof" und ähnliches reüssierten wieder - diesmal allerdings in einem Lager, das sich selbst als linksstehend einschätzte: Der Antiamerikanismus hatte als traditionelle Domäne des Rechtsextremismus ausgedient, eröffnete aber gerade deshalb nationalrevolutionären und ethnozentristischen Strömungen neue Interventionsmöglichkeiten in ihrem Kampf um "Hegemonie", also bestimmenden Einfluß auf das Alltagsbewusstsein (vgl. z. B. Neue Rechte).
Dieser neue, bundesrepublikanische Antiamerikanismus unterscheidet sich vom alten rein "kulturalistisch" geprägten der Weimarer Zeit durch seinen, allerdings nur vordergründigen "politischen" Charakter. So wie die NATO-Nachrüstung in erster Instanz eine umstrittene politische Maßnahme darstellt, verhält es sich auch mit dem "war on terror" und der Umweltpolitik. Gewiss kann man begründete Kritik an Maßnahmen und Haltungen der jeweiligen US-Administration auf diesen Feldern vorbringen. Häufig dienen fadenscheinige Faktensplitter freilich als bloße Aufhänger für das ganze Arsenal des antiamerikanischen Vorurteils.