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Ethnopluralismus
Der Ethnopluralismus (ein Kunstwort, das sich zusammensetzt aus dem griechischen Ethnos = "Volk" und dem lateinischen Pluralis = "Mehrzahl") stellt das zentrale Gesellschaftskonzept der Neuen Rechten (französisch: "Nouvelle Droite") dar, deren geistig-publizistische Zentren in Deutschland und Frankreich liegen. Die Autoren dieser Strömung beziehen sich stark auf die Konservative Revolution, wie die deutschen Vordenker des Nationalsozialismus in der Zeit der Weimarer Republik (1919 - 1933) zusammenfassend bezeichnet werden. Insbesondere das von Carl Schmitt angenommene "Pluriversum", mit dem er bestreitet, dass es so etwas wie die Menschheit als einheitliche Gattung überhaupt gibt, stellt den ideologiegeschichtlichen Ausgangspunkt des Ethnopluralismus dar. Weil hier eine Vielfalt angeblich von Natur aus absolut ungleicher "Völker" bzw. "Kulturen" die Menschen als Subjekte der Geschichte ersetzt, gleichen sich dessen Auffassungen sowohl dem gängigen Antiimperialismus als auch gewissen Formen eines zivilisations- und aufklärungsmüden "Multikulturalismus" an. Das wiederum ist ein von rechtsextremer Seite erwünschter Effekt im Kampf um die angestrebte "gesellschaftliche Hegemonie" (ein Konzept der Erringung geistiger Vorherrschaft, das der Vordenker des Ethnopluralismus, Alain de Benoist, aus dem geistigen Nachlass des Gründers der italienischen KP, Antonio Gramsci, übernommen hat). Aber nicht nur auf der Linken sieht die Neue Rechte potenzielle Verbündete in ihrem Kampf gegen den Westen, den Individualismus und den "Materialismus", sondern sucht sie genauso auch in nationalistischen Kreisen am äußersten rechten Rand der bürgerlichen Parteien.
Zeitgeschichtlich betrachtet, gehen die ethnopluralistischen Konzepte zurück auf das Bestreben einer neuer Generation Rechtsextremer am Ende der 1960er Jahre, einerseits zentrale Elemente von Faschismus und Nationalsozialismus (wie den Antiliberalismus, den völkischen Kollektivismus, die antichristliche und antijüdische Esoterik und den autoritär-hierarchischen Staat) wieder salonfähig zu machen und sich anderseits der rettungslos diskreditierten historischen Erblasten zu entledigen - wie beispielsweise Hitler und den Holocaust öffentlich zu rechtfertigen oder die NS-Rassenbiologie (vgl.: Arier) weiterhin vertreten zu müssen. Und der Zeitgeist der späten 1960er und frühen 1970er Jahre mit ihrer - zunächst wegen des Vietnamkrieges - zunehmenden Stimmung des Antiamerikanismus und der romantischen Begeisterung für "nationale Befreiungsbewegungen" in Asien, Afrika und Südamerika, begünstigte durchaus die von der Neuen Rechten forcierte Modernisierung völkischer Ideologie. Erst recht bildeten dann die Ökologie- und Friedensbewegung einen geeigneten Resonanzboden, ähnliches gilt heute für die Antiglobalisierungs-Bewegung.
Inhaltlich ist der Ethnopluralismus der Versuch eines Rassismus ohne Rassen, besser gesagt: der Versuch, die kollektivistische Ungleichheitsideologie des Rassismus in neuer Form zu präsentieren, nämlich ohne den politisch negativ besetzten und wissenschaftlich unhaltbaren Begriff der Rasse zu benutzen. Stattdessen wird das, was der klassische Rassismus den angeblichen Menschenrassen zuschreibt, jetzt den "Völkern" und ihren "Kulturen" unterstellt. Die Völker sind dem Ethnopluralismus zufolge eigene "Wesensheiten" (Benoist), denen das Individuum mit Haut und Haaren zugehört, in die es unentrinnbar hineingeboren wird. Da diese Wesenheiten - auch "Kulturen" genannt - grundverschieden seien, dürfen sie sich auf keinen Fall "vermischen", da damit die Identität jedes Einzelnen gefährdet würde, der in einer "überfremdeten Kultur" lebe. Europa und seine Bewohner würden aber nicht nur von den mitgebrachten "Kulturen" der Einwanderer gefährdet, sondern mindestens genauso durch die herrschende "amerikanische Cola-Kultur", die durch ihren reinen Individualismus entfremde und entwurzele. Letzlich trügen alle "gleichmacherischen" Kulturen, zu denen neben dem "Amerikanismus" u. a. auch der jüdische und christliche Glaube und der Marxismus zählten, zur Gefahr eines "kulturellen Ethnozids" bei (eine Anspielung auf den Begriff "Genozid", d.h. Völkermord). Deshalb müsse man sich auf die vorchristlichen "Kulturen" besinnen - womit der Neopaganismus ins Spiel kommt.
Leicht erkennt man hier die zwei rassistischen Hauptprinzipien: die angeblich angeborenen Wesenszüge einer Menschengruppe und der Irrglaube, dass "Durchmischung" Verfall und Minderwertigkeit nach sich zöge. Tatsächlich fordert der Ethnopluralismus in Konsequenz eine Art weltweiter Apartheid (so hieß die "Rassentrennung" im früheren Südafrika), in der jedem geografischen Raum sein zugehöriges Volk exklusiv zugeordnet ist. Meist wird in diesem Zusammenhang auch über eine Art "menschlichen Territorialtrieb" spekuliert - dessen Annahme allerdings den Menschen auf die geistige Stufe eines Wildtieres zurückversetzt. Fremdenfeindlichkeit ist deshalb also dieser Ideologie zufolge eine Art angeborener Schutzreflex und handgreiflicher Rassismus nur die biologisch unausweichliche Folge von Zuwanderung.
Das sind Folgerungen des Ethnopluralismus', die eher links gesinnte Antiimperialisten auf keinen Fall mittragen würden. Dennoch finden sich Versatzstücke dieser Ideologie auch bei ihnen wieder, spätestens wenn es um außereuropäische Verhältnisse geht: da werden häufig nahezu gleichlautend bei Rechts- und Linksradikalen die Menschenrechte als "eurozentristisch" kritisiert, demokratische Umwälzungen als "kulturfremde" und "imperialistische Anmaßung" verworfen und die oft repressiven Verhältnisse "indigener Kulturen" über das Wohl des (meist weiblichen) Einzelindividuums gestellt.