A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z
Freie Kameradschaften
Anfang der 90er Jahre erschütterten ausländerfeindlich motivierte Ausschreitungen in Hoyerswerda (September 1991), Rostock-Lichtenhagen (August 1992), Mölln (November 1992) und Solingen (Juni 1993) sowie andernorts die Öffentlichkeit. Die pogromartigen Zustände („Pogrom“, aus dem Russischen für: Verwüstung, Zerstörung, Krawall) schockierten ebenso wie die applaudierenden Zuschauer, die auf großen Rückhalt in der Normalbevölkerung schließen ließen, sowie die offensichtliche Gewaltbereitschaft jugendlicher Rechtsextremisten, die auch vor Mord nicht zurückschreckten.
Bundes- und Länderregierungen reagierten mit insgesamt 17 Parteien- und Vereinigungsverboten gegen rechtsextreme Organisationen zwischen 1992 und 2000, in der Hoffnung, so dem grassierenden Rechtsextremismus Einhalt zu gebieten.
Verstärkt setzte die Szene in der zweiten Hälfte der 90er Jahre ein so einfaches wie schlüssiges Konzept dagegen, das sie „führungsloser Widerstand“ oder auch „freie Kameradschaften“ nannten. Vereinigungen könnten nur dann verboten werden, so die Überlegung von federführenden Szene-Strategen wie den Hamburgern Thomas Wulff und Christian Worch, wenn sie auch vereinsähnliche Merkmale aufweisen. Es gelte also Strukturen zu schaffen, die nicht oder nur sehr schwer von außen als Zusammenschluss erkennbar sind.
In der Praxis entstanden lokale Kleingruppen aus meist nicht mehr als fünf bis 20 Mann (tatsächlich sind Frauen und Mädchen nur äußerst selten in Kameradschaften aktiv), die lokal operieren und mancherorts nur anlassbezogen zusammenkommen, d. h. beispielsweise nur zur konkreten Vorbereitung und Durchführung von Demonstrationen u. ä. Sie treten gelegentlich mit wechselnden Namen auf („Kameradschaft Oberhavel“, „Hauptvolk“, „Sturm 27“ etwa im brandenburgischen Rathenow und Umgebung), sie sind in hohem Maße überregional vernetzt und gelegentlich ist die Grenze zur rechtsextremistischen Jugendclique fließend. Nicht zuletzt dieser Umstand sowie die lokale Organsationsform waren dafür verantwortlich, dass sog. „Reisekader“ entstanden, also weltanschauliche gefestigte Personen, die von Ort zu Ort reisen, um ideologische Schulungen durchzuführen, etwa zur Frage, „was ist Nationalsozialismus?“, oder um ganz allgemein nach dem Rechten zu sehen.
Eine wichtige Rolle im „Kameradschaftsleben“ spielen neben „Kameradschaftsabenden“ Demonstrationen. Sie dienen dem überregionalen Zusammenhalt, da häufig Kameradschaften aus dem gesamten Bundesgebiet anreisen, sie forcieren Korps- und Kampfgeist nach dem Motto, „wir gegen den Rest der Welt, und das einzelne Kameradschaftsmitglied darf sich aufgewertet fühlen, wenn hier Gelegenheit für Kontakt und Ansprache zu prominenten Neonazis besteht, da Demonstration meist im kleinen Rahmen mit nicht mehr als 200 Teilnehmern statt finden.
Nach außen versuchen Kameradschaften, einen „ordentlichen“ Eindruck zu hinterlassen und insbesondere gemäßigt und friedlich aufzutreten. Ideologisch gehört die positive Bezugnahme auf den Nationalsozialismus zum guten Ton (siehe Neonazismus), und auch der Versuch, in der Außendarstellung als friedliebend wahrgenommen zu werden, wird durch zahlreiche Gewalttäterbiographien in den Reihen der Kameradschaften durchkreuzt.
Laut Auskunft des Verfassungschutzberichtes für 2004 operieren in der Bundesrepublik ca. 160 Kameradschaften, insgesamt rechnen die Verfassungsschützer 3.800 Personen zur neonazistischen Szene. Dieser Befund weist gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von 25 Prozent auf, jedoch sind nicht alle, die vom Verfassungsschutz als neonazistisch eingestuft werden, zwingend Kameradschaftsmitglieder.