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Freimaurerei
Fast überall, wo von Freimaurern im politischen Kontext die Rede ist, werden sie als verschwörerische Geheimgesellschaft dargestellt, die im Geheimen wichtige Drähte ziehe und Chaos und Zerfall fördere. Überhaupt gehört der Glaube an Verschwörungen als geheimer, letztendlich einziger Ursache für alle möglichen unerwünschten und krisenhaften gesellschaftlichen Phänomene ganz offenkundig in den Bereich der politischen Paranoia. Im Gegensatz dazu muss die seriöse Untersuchung tatsächlicher historischer Verschwörungen (zu Zwecken von Staatsstreichen und Tyrannenmord beispielsweise) und tatsächlich verdeckter Bestrebungen (die Arbeit von Geheimdiensten hauptsächlich) den Kriterien wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisgewinns gehorchen: Erstens müssen die aufgestellten Hypothesen durch überprüfbare Quellen belegt sein, zweitens müssen diese Hypothesen so formuliert werden, dass sie gegebenenfalls auch widerlegbar wären, und drittens dürfen sie nicht sämtliche Erkenntnisse moderner Gesellschaftswissenschaften schlichtweg ignorieren. All dem genügen die gängigen Verschwörungstheorien in keiner Weise: sie geben keine seriösen Quellen an, Mangel an Logik und Belegen gilt hier nicht als Widerlegungsgrund, sondern vielmehr als Beweis für die besondere Raffinesse der Verschworenen. Sie sind prinzipiell "unterkomplex", d. h., sie unterstellen, dass tatsächlich hochkomplexe und durch das gewollte wie ungewollte Wirken vieler Einzelner und Institutionen zustande gekommene soziale Prozesse auf das Wirken weniger Verschwörer zurückzuführen wären.
Die Attraktivität von Verschwörungstheorien dürfte mit einem ausgeprägten Straf- bzw. Verfolgungsbedürfnis einhergehen. Der Verschwörungswahn, der auch als Konspirationismus bezeichnet wird, knüpft unmittelbar an archaischen Formen magischen Denkens an wie der in primitiven Religionen verbreiteten Vorstellung eines "Schadenszaubers". In der Neuzeit hat das Verschwörungsgerücht insbesondere im Antisemitismus enorme Anziehungskraft entfaltet: Verschwörungsgerüchte führten zu den Pogromen (d. h. Massaker) an den deutschen Juden im ausgehenden Mittelalter: man warf ihnen u. a. vor, die damals wütenden Pestepidemien durch koordinierte Brunnenvergiftung ausgelöst zu haben.
In der Zeit der Aufklärung und der bürgerlichen Revolutionen, also im 18. und 19. Jahrhundert, gerieten neben den Juden der katholische Orden der Jesuiten und schließlich auch die Freimaurer und ähnliche Vereinigungen wie der kurzlebige bayerische Illuminaten-Orden ins Visier der Verschwörungsphantasien. Tatsächlich haben die genannten Gruppen miteinander nichts gemeinsam: die Jesuiten waren damals aus religiösen Motiven eher antijüdisch eingestellt, während die mit der Aufklärung sympathisierenden Freimaurer absolut nichts für die Jesuiten übrig hatten. Dass ihnen im konspirationistischen Denken dennoch gemeinsame Verschwörungen nachgesagt werden, hat wohl seinen Grund einzig im grenz- und nationenübergreifenden Charakter der drei Gruppierungen. Nur er war den in der Diaspora (siehe dazu: Antisemitismus) verstreuten Juden, dem allein dem Vatikan verpflichteten Mönchsorden und auch den bewusst kosmopolitisch (d. h. weltbürgerlich) ausgerichteten Freimaurer-Logen gemeinsam. Gerade der esoterisch grundierte Rechtsextremismus wiederholt ständig die Behauptung des ehemaligen Generalquartiermeisters des Deutschen Reichs im 1. Weltkrieg und Vordenkers völkischer Ideologie, Erich Ludendorff, dass Deutschland Opfer einer "freimauerisch-jesuitisch-jüdischen Weltverschwörung" geworden wäre. Thesen, die ähnlich der Anthroposoph Rudolf Steiner verbreitete und die sich heute noch größter Beliebtheit beim esoterischen Publikum erfreuen. Auch in der islamischen Welt sind sie in kaum abgewandelter Form Bestandteil des Massenbewußtseins.
All das steht in groteskem Missverhältnis zu dem, was das Vereinswesen der Freimaurer tatsächlich darstellt: Es handelt sich um in Deutschland öffentlich-rechtlich anerkannte, "Logen" genannte Vereinigungen, die also keineswegs geheimbündlerisch organisiert unter den Symbolen Winkel und Zirkel auftreten. Bei manchen der Freimaurerei entfernt verwandten Vereinen werden auch Zeichen des Todes verwandt - wie bei der von Verschwörungsmythen umrankten Studentenorganisation "Skull And Bones" (deutsch: Schädel und Knochen) an der US-amerikanischen Yale-Universität -, um eine Art Neugeburt als besserer, reiferer Mensch zu symbolisieren. Weltweit schätzt man die Zahl der in offiziell anerkannten Logen organisierten Freimaurer auf ca. 10 Millionen; Haupt- und Ursprungsländer der Freimauererei sind die alten Demokratien Großbritanien, Frankreich und die USA.
Freimaurer verpflichten sich selber, den fünf Idealen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität" zu dienen. Das wollen sie durch Persönlichkeitsentwicklung ihrer Mitglieder hin zu einer verantwortungsvollen, freien Kommunikation erreichen. Diese heute zwar freundlich und harmlos, wenn auch ein wenig altbacken klingenden Vorstellungen galten am Vorabend der amerikanischen bzw. französischen Revolution als ungeheuer umstürzlerisch. Tatsächlich boten die Freimaurerlogen aufgeklärten Menschen die damals nahezu einzige Möglichkeit, über Standesgrenzen hinweg offen und ungehindert miteinander gesellschaftlich zu verkehren und Ideen auszutauschen. Die Logen waren darin so etwas wie der vorweggenommene bürgerliche Gegenentwurf zur traditionellen Gesellschaft der absoluten Dominanz von Adel, Klerus und Königshof. Genau deshalb sympathisierten viele berühmte Aufklärer wie Voltaire oder Herder mit der Freimaurerei und genau deshalb verteufelten die traditionellen Machteliten und die konservativen Monarchisten die Freimaurer. Die antiaufklärerische Propaganda machte sich die zum Selbstschutz der Logen geltenden Verschwiegenheitsgelübde über das dort Besprochene zunutze und stellten die Freimaurer als antichristliche, ja sogar satanistische Geheimgesellschaft dar. Verbote und Verfolgungen waren die Konsequenz.
Bis heute wirkt die Anti-Freimaurer-Propaganda aus der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts weiter: Wurde damals bereits die Französische Revolution als Verschwörung von Freimaurern (oder noch absurder: als Werk des aufklärerischen Lesezirkles "Illuminati" - lateinisch: die Erleuchteten, italienisch: die Aufgeklärten - um den Ingolstädter Theologieprofessor Weißhaupt) gedeutet, so verfestigte sich dieses Vorurteil im Denken vieler Feinde der Moderne und ihrer befreienden, aber auch krisenhaften Begleiterscheinungen und wurde so zu einem festen Bestandteil antisemitischer Weltanschauung.
Deswegen ebbt die Flut der verschwörungstheoretischen Vorstellungen um die Freimaurer auch nicht ab, obwohl ihre Logen eher ein harmloser Anachronismus sind und obwohl kaum noch jemand überhaupt weiß, was Freimaurerei ursprünglich bedeutete. Verschwörungsideen kreisen insbesondere um die mit der Freimaurerbewegung des ausgehenden 18. Jahrhunderts lose verknüpfte, historisch relativ belanglos bleibende Gesellschaft der "Illuminaten" und werden in der populären Mystery-Literatur immer wieder kommerziell gewinnbringend verarbeitet. Zum neuerlichen Aufflackern der Illuminaten-Paranoia hatte wesentlich die Anfang der 1970er erschienene Trilogie "Illuminatus" von Shea und Wilson beigetragen: Allerdings gegen die humoristische Absicht der Autoren, die das Ausgangsmaterial ihres Buches aus einer Sammlung besonders paranoider Leserbriefe an die Zeitschrift Playboy willkürlich zusammenstellten. Leider nimmt ein nicht kleiner Teil der Leserschaft von beispielsweise Dan Browns Bestseller "Illuminati" dessen Fiktionen über eine geheime Bruderschaft, die alle wichtigen weltgeschichtlichen Ereignisse inszeniere und steuere, für bare Münze.