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Jugendkultureller Rechtsextremismus
Viele Jugendliche haben das Bedürfnis, eine eigene, von der Erwachsenenwelt abgrenzbare Identität zu entwickeln. Daraus speisen sich häufig jene Phänomene, für die im allgemeinen Sprachgebrauch die Begriffe "Jugendkultur" bzw. "Jugendkulturen" verwendet werden: Auf Grundlage eines oder mehrerer gemeinsamer Interessen (Musik, Sport, Literatur u. a.) entwickeln jugendkulturell geprägte Jugendliche ein Repertoire aus Sprache, Mode und Freizeitverhalten, das häufig nur von den Mitgliedern der "Szene" geteilt und verstanden wird - und daher auf Unverständnis durch die erwachsene Mehrheitsgesellschaft trifft. Manche Jugendkulturen spielen ironisch mit den Zeichen, Symbolen und Werten der Erwachsenen, manche versuchen so unvereinbar als nur irgend möglich mit bürgerlichen Werten aufzutreten, und bei anderen hingegen ist das Motiv, sich bewusst von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, nur wenig ausgeprägt - es ist dann in weit stärkerem Maße ungewolltes Nebenprodukt der gemeinsamen Interessen und Vorlieben denn angestrebter Zweck.
Viele, darunter vielleicht die bekanntesten Jugendkulturen speisen sich aus gemeinsamen musikalischen Vorlieben, aus denen je eigene ästhetische Vorlieben und Lebenshaltungen abgeleitet werden: U. a. Punk, Metal, Gothic, Skinhead. Der Motor jugendkultureller Entwicklungen kann aus allen Bereichen jugendlicher Lebenswelten kommen: Sport, (z. B. Groundhopping, Hooligans, Skateboarding), Motive aus Literatur und Film (z. B. Comic, Rollenspiel) oder beispielsweise religiöse Überzeugungen (jugendkulturell geprägte Esoterik, Satanismus).
Der Begriff "Jugendkultur" bzw. "Jugendkulturen" ist in den Sozialwissenschaften umstritten. Nicht zuletzt ist das der Unschärfe des "Kultur"-Begriffs selbst geschuldet: Meist werden unter "Kultur" jegliche menschlichen Handlungsmuster oder soziale Techniken verstanden, die von natürlichen bzw. biologischen Vorgängen abgegrenzt werden können. Ein so allgemein gefasster Kulturbegriff eignet sich kaum, die Besonderheiten jugendkultureller Äußerungen zu beschreiben. Daneben stellen Jugendforscher fest, dass Jugendkulturen immer "erwachsener" werden. So finden sich immer mehr Personen in Jugendkulturen, die das Jugendalter längst hinter sich gelassen haben. Andererseits halten jugendkulturelle Ästhetik und Inhalte Einzug über die Popkultur, über Werbung usw. in die Welt der Erwachsenen, in den "Mainstream". In dem Maße, in dem etwa Techno zur musikalischen Untermalung von Werbeclips verwendet wird, stellt sich die Frage, inwieweit er noch originärer Ausdruck Jugendlicher ist. Auch als Konsumenten werden sie immer interessanter. Entsprechend rücken jugendkulturelle Vorlieben ins Interesse von Produktplanern und Marketing-Strategen. Die Klage über "Kommerzialisierung" und "Ausverkauf" ist längst fester Bestandteil jugendkultureller Rhetorik geworden. (Nicht nur) aus diesen Gründen verwenden Jugendforscher in jüngerer Zeit häufig den Begriff "Jugendszene" - und greifen damit eine Wendung auf, die Jugendliche in Zusammenhang mit ihrer Jugendkultur häufig selbst verwenden.
Jugendkulturen gelten spätestens seit den 60er und 70er Jahren als "überwiegend links" oder zumindest resistent gegenüber rechtsextremen Versuchungen (siehe: Rechtsextremismus). Dieses Vorurteil ist insbesondere bei jugendkulturell geprägten Jugendlichen selbst weit verbreitet. Ende der 70er Jahren provozierten Punks mit Nazi-Symbolen, und spätestens als Anfang der 80er Jahre die ersten offen neonazistischen Oi!Punk-Bands aus dem ironisch gemeinten Spiel Ernst machten, erwies sich das Vorurteil, jugend- oder popkulturelle Jugendliche seien immun gegen Rechtsextremismus, als falsch. Viele Skinheads hörten damals Oi!Punk, und aus der Musik rechtsextremer Skinheads entstand, was in der Bundesrepublik Rechtsrock genannt wird. Der Begriff bezeichnet keinen einheitlichen Musikstil, sondern meint die rechtsextreme Ausrichtung. Längst ist Rechtsrock nicht mehr nur die Musik von Skinheads, er kann als Oi!, als Hard- oder Hatecore, als Heavy Metal, als Mainstream-Rock u. v. a. m. auftreten.
Das Bild rechtsextremer Jugendkulturen ist keineswegs einheitlich: Es reicht von offen neonazistischen Szenen (etwa NS Black Metal) über neurechte Ideologien (etwa beim NeoFolk) bis hin zu solchen, in denen nur einzelne weltanschauliche Glaubenssätze des Rechtsextremismus (z. B. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus) weit verbreitet sind, wie es etwa bei den Hooligans der Fall ist, deren Mehrzahl sich dennoch als "unpolitisch" beschreiben.
Auch innerhalb der einzelnen Jugendkulturen sind die Überzeugungen recht vielfältig. In musikalisch geprägten Szenen kann man sich das Spannungsverhältnis wie das eines internationalen Popstars und seiner Fans vorstellen. Da gibt es den Popstar selbst, auf den sich die Aufmerksamkeit richtet, es gibt solche Fans, die ihn beinahe sklavisch verehren und an ihm ihren Lebensmittelpunkt ausrichten, und es gibt jene Hörer, die seine Musik nur gelegentlich hören und deren Verhältnis zum Popstar denen von Konsumenten gleicht. In anderen Worten: Weder darf man sich den rechtsextremen Popstar als den großen Verführer vorstellen (in dem Sinne, dass er gezielt von Außen versucht, die "Szene" zu unterwandern), denn seine ideologischen Überzeugungen sind in seinem Fall Teil und Wesen seines Popstar-Status. Noch sind etwa alle, die Rechtsrock hören, weltanschaulich gefestigte Rechtsextremisten. Aber gerade über die breite Gruppe der Konsumenten sickern rechtsextreme Symbole, Argumente und Inhalte in das Bewusstsein vieler unpolitischer Hörer. Man könnte sagen: Rechtsrock politisiert, d. h. er prägt und bildet politische Einstellungen.
Eines haben beinahe alle Jugendszenen, v. a. solche mit rechtsextremen Rändern, gemeinsam: Der Appell an das Gemeinsame der Szene überdeckt häufig die kritische Auseinandersetzung mit rechtsextremen Inhalten. Zu den beliebtesten Argumentationsmustern gehört es, Kritikern vorzuwerfen, sie würden mehr oder weniger gezielt den Szenezusammenhalt zerstören und die Toleranz in der Szene unterlaufen. Kombiniert wird das gelegentlich mit dem Verweis auf die Geschichte der jeweiligen Szene: Diese, so ist dann oft zu hören, könne aus Gründen ihrer Entwicklung und der in der "Szene" gepflegten Toleranz gar nicht rechtsextrem sein. Zu den Geboten dieser Toleranz gehöre es, Politik und politischen "Streit" aus der Szene herauszuhalten.
Sei es im Black Metal, der mit dem NS Black Metal ein offen neonazistisches Sub-Genre entwickelt hat, sei es im Gothic, dessen Spielart NeoFolk (zumindest teilweise und meist unwidersprochen) neurechte Themen anspricht, oder sei es bei den Hooligans: Fast überall, wo rechtsextreme Inhalte auf der Tagesordnung stehen, finden sich solche Verteidigungen der eigenen "Szene". Die breite Masse der Szenemitglieder und Gelegenheitshörer rechtsextremer Musik verwendet Inhalte und Symbole des jugendkulturellen Rechtsextremismus, wie es sein großer Bruder Popkultur vormacht: Es sei ironisch gemeint oder zur Provokation, alles sei nur ein Spiel.
Dass die Verteidigungshaltung, die gegenüber der erwachsenen Mehrheitsgesellschaft beinahe zwangsläufig einnimmt, wer rechtsextreme Symbole verwendet, zu positiver Aneignung der Inhalte führen kann; dass das Verwenden von rechtsextremen Symbolen und Inhalten zur Gewöhnung v. a. bei jugendkulturell interessierten Jugendlichen führt und dass dadurch offener Rechtsextremismus ununterscheidbar wird - all das blenden solche Argumentationen aus. Damit gehört jugendkultureller Rechtsextremismus zu den wichtigsten Faktoren rechtsextremer Meinungsbildung bei Jugendlichen.