Rechtsrock-Thema: Kinderschändung
Kaum eine Rechtsrockband, die auf sich hält, mag darauf verzichten: Der Song über „Kinderschänder“. Grob geschätzt behandelt jede dritte Rechtsrockveröffentlichung die Thematik, sie ist auf Szene-Foren im Internet virulent und nicht zuletzt ist ihr mit den Nationalisten gegen Kinderschänder (NgK) eine erfolgreiche Szene-Aktionen gewidmet. Gegründet wurde die NgK 2001 von den Betreibern der Homepages Templers Reich und Oikrach, unterstützt wird sie mittlerweile von zahlreichen Bands, Fanzines, Versänden, Homepages und Einzelpersonen. Nur wenige rechtsextreme Homepages verzichten darauf, die NgK zu verlinken, und in einigen Fällen gelang es der NgK in Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltern, vornehmlich der NPD und Personen aus der Kameradschaftsszene, Demonstrationen gegen Kinderschänder durchzuführen – fast ausschließlich an Orten, wo besonders stark von Presse und Öffentlichkeit wahrgenommene Fälle von Kindesmissbrauch aufgedeckt wurden.
Mit diesem Befund ist das Thema „Kinderschändung“ eines der einigenden Bänder zwischen organisierten Rechtsextremisten einerseits und einer jugendkulturell geprägten Szene andererseits, die nur vage politisch aktiv ist. Doch angesichts der jüngsten Zahlen des Bundeskriminalamtes überrascht die Vehemenz, mit der die rechte Szene das Thema verfolgt. Denn laut „Polizeilicher Kriminalstatistik“ (PKS) des Jahres 2004 betrafen nur 0,2 Prozent aller erfassten Straftaten des Jahres Fälle des sog. „Kindesmissbrauchs“ nach den Paragraphen 176, 176a und 176b StGB. Nachdem zwischen 1993 und 1997 ein Anstieg zu verzeichnen war (der darauf zurückzuführen ist, dass in diesen Jahren erstmals auch Straftaten aus den Neuen Bundesländern in die PKS einflossen), blieb die Zahl der registrierten Missbrauchfälle weitgehend stabil bei ca. 15.000 bis 16.000 Straftaten. Gegenüber dem Vorjahr ging die Zahl der erfassten Fälle von Kindesmissbrauch 2004 um 1,1 Prozent auf 15.255 zurück.
Die Faszination, die der Kindesmissbrauch auf die rechte Szene ausübt, hat offenbar zwei Ursachen. Zum einen das dem Thema eigene Pathos selbst, das es erlaubt, einen Sachverhalt in einfacher Sprache äußerst drastisch darzustellen:
ES GESCHIEHT IN MANCHER DUNKLEN NACHT
WIEDER WIRD EIN MÄDCHEN UM DEN SCHLAF GEBRACHT
DIE MUTTER SIE IST NICHT ZUHAUS
DA ZIEHT PAPA DIE TOCHTER AUS
Nordfront, WARUM (Argonnerwald, 2002)
So übt die Gewalt, die dem Kindesmissbrauch innewohnt, eine nicht geringe Anziehungskraft auf die Szene aus. Bereits 1984 sangen die Väter des bundesdeutschen Rechtsrock, die Böhsen Onkelz:
Blutverschmiert und mit großer Lust wühl ich in
Eingeweiden!
Die Gier nach Qual und Todesschreien macht mich noch verrückt
Kann mich denn kein Mensch verstehen, daß mich das entzückt
Komm, mein Kleines, du sollst heut’ Nacht mein Opfer sein
Böhse Onkelz, Der nette Mann (Der nette Mann, 1984)
Nachdem diese Strophen einer der Gründe dafür waren, dass die LP „Der nette Mann“ 1986 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert wurde, rechtfertigen sich die Böhsen Onkelz bis zuletzt damit, der Song sei völlig falsch verstanden worden, in Wirklichkeit sei es ein Lied gegen Kinderschänder. Hierin liegt zugleich der zweite und entscheidende Grund für die Beliebtheit des Themas in der rechten Szene. Denn wie bei anderen provokanten oder tabuisierten Gegenständen fällt seine moralische Bewertung scheinbar leicht:
Ekelhaft und abstoßend,
es ist traurig, aber wahr.
Kindesmißhandlung tausendfach
und es wird mehr, ein jedes Jahr.
Störkraft, Alptraummann (Gib niemals auf, 1996)
Die Öffentlichkeit reagiert immer wieder mit starker Anteilnahme auf tatsächliche Missbrauchsfälle, auf Trauer und Schmerz der Angehörigen und Opfer, und daher ist das Thema ausgesprochen präsent. Aufmerksamkeit und Zustimmung zur Ablehnung solcher Taten sind gewiss. Diesen Umstand, dass angesichts realer Missbrauchfälle von Kindern Empörung und moralische Verurteilung eindeutig ausfallen, macht sich die Szene durchaus zu Nutze. So wird dem ständigen Anwachsen sexueller Gewalt gegen Kinder das Wort geredet, die Schuld dafür dem „System“, den Ermittelungsbehörden und Richtern, sowie den verkommenen und dekadenten Zeitumständen in die Schuhe geschoben, unter denen dem Kinderschänder ungerechtfertigtes Verständnis entgegen gebracht wird:
Ein Riesenhaufen Abschaum im Land.
Eure Abartigkeit haben wir schon erkannt.
Anwälte labern von Therapie,
doch wirklich heilen kann man die Typen nie.
Einen auf krank machen sie vor Gericht
und später in der Zelle – das Lächeln im Gesicht!
Sie labern von Resozialisierung und von psychisch geheilt,
und dann lasst ihr sie wieder los – auf die Menschheit
Aufmarsch, Kinderschänder (Kinderschänder,
1999)
Es ist also einmal mehr das „verkommene System“, das es erlaubt, dem Täter mehr Verständnis entgegenzubringen als dem Opfer. Diese Sichtweise herrscht im Übrigen auch bei rechtsextremen Häftlingen im bundesdeutschen Strafvollzug vor, wie zahllose Knastberichte zeigen:
„Der menschliche Abschaum von Kinderfickern wird in allen Knästen besonders geschützt und bevorzugt behandelt. [...] Lockerungen bekommt dieser abartige Dreck zuerst. [...] So werden diese Perversen dann wieder auf unsere Kinder losgelassen. Wenn dann wieder etwas passiert, will niemand dafür verantwortlich sein. Wir müssen die Existenz unserer Art schützen und eine Zukunft für weiße Kinder schaffen!“ (Weisser Wolff, 11/1999)
Nicht zufällig wird auch hier die moralische Eindeutigkeit in der Beurteilung von Sexualstraftaten benutzt, um von der Schwere und Schuld der eigenen Tat abzulenken. Im Vergleich zu „Kinderschändern“, so die regelmäßig wiederkehrende Argumentation, werde man unangemessen hart bestraft, und diese würden im Gegenteil meist auch noch bevorzugt behandelt.
Dagegen wird eine simple Lösung gesetzt: die Todesstrafe. Und in dieser denkbar einfachen Logik verkommt das Problem zur politischen Parole nach dem Motto, „wer nicht mit uns gegen Kinderschänder demonstriert, ist ergo für die Kinderschänder“. So berichtete ein rechtsextremer Demonstrant auf der Anti-Antifa-Homepage Netz gegen linke Gewalt über den Verlauf einer Mahnwache am 13. April 2002 in Erlangen: „Der Polizeischutz war nötig, da linksfaschistische, vermutlich mit Pädophilen sympathisierenden Antifa’s sich störend, nahe der Mahnwache positionierten.“
Dass es Neonazis in dem Wahn, alle „Kinderschänder“ umzubringen und das Problem via Todesstrafe aus der Welt zu schaffen, nicht um die eigentlichen Opfer, die missbrauchten Kinder nämlich, geht, zeigt ein Text der Band Schwarzer Orden1 mit dem Titel „Todesstrafe“, in dem es heißt:
Die Seele des Mädchens ist gebrochen
es wird von Psychologen gesprochen
doch Psychologen brauchen wir nicht
denn bald halten wir, wir Gericht.
Der Schwarze Orden, Todesstrafe (Todesstrafe, 1999)
Bestenfalls will der Autor dieser Verse zum Ausdruck bringen, dass sich das Problem sexueller Gewalt erledigt, würde nur die Todesstrafe für Sexualstraftäter eingeführt. Im schlimmeren Falle – und der Text gibt wahrlich keinerlei Anlass ihn nicht als gegeben zu betrachten – ist der Urheber dieser Zeilen der Meinung, es bedürfe keiner psychologischen Betreuung der Opfer von Kindesmissbrauch. Sei es nun Zynismus oder doch schlicht Unbedarftheit, die zu solch verbalem Aussrutscher führten, zeigt sich an ihm doch der Stammtisch-Charakter, den aktuelle Themen in den Händen von Rechtsrockern anzunehmen pflegen.
Jan Buschbom
[1] Schwarzer Orden: Bezeichnung für die Waffen-SS.

Der „Kinderschänder“ auf dem Plattencover: Aufmarsch, Kinderschänder,
o. A. 1999

Auch die rechtsextreme Skinhead-Band mit "Kultstatus" in der Szene fordert
die Todesstrafe für Kinderschänder: Störkraft, Gib niemals
auf, 1996.

Verherrlichung der Waffen-SS, Propaganda gegen „das System“ und Stammtischforderung
nach der Todesstrafe für Kinderschänder: Schwarzer Orden, Schwarzer
Orden, 1999.
Linktipps zum Thema:
Polizeiliche Kriminalstatistik 2004 (Kurzfassung)