Martin Cüppers, Klaus-Michael Mallmann: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina (= Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 8)
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, 288 Seiten
Bereits 1924, als Hitler sein Pamphlet "Mein Kampf" diktierte, erklärte er die Besiedelung Palästinas durch die verschiedenen Zuwanderungswellen (meist) europäischer Juden als Versuch, eine "Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei" zu schaffen, als "Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner".
Diese Sicht auf den Zionismus und sein Projekt des "Judenstaates" als "Beginn vom Ende des Antisemitismus", wie Theodor Herzl es 1896 hoffnungsfroh formuliert hatte, teilte der Nationalsozialismus mit dem noch jungen arabischen Nationalismus. Das illustriert die grundlegende Studie der beiden Stuttgarter Historiker Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, "Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina".
Die Autoren zeichnen das Bild von den frühen Pogromen gegen die jüdische Minderheit in Palästina, die einsetzten nachdem der britische Außenminister Lord Arthur Balfour 1917 die Erklärung abgegeben hatte, dass die Regierung die "Bildung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk" in Palästina mit "Wohlwollen" begrüße und unterstütze. Mallmann und Cüppers spüren den vielfältigen gegenseitigen Berührungspunkten nach, die das Dritte Reich und den Islamismus bis 1945 eng aneinander banden. Aufgrund einer schier erdrückenden Quellenlage gelingt es den Autoren zu zeigen, dass Erklärungsmuster zu kurz greifen, nach denen die Protagonisten des politischen Islam sich etwa aus Opportunismus oder schlichtem Machtkalkül den Nationalsozialisten anbiederten. Beide, den Nationalsozialismus wie den Islamismus, verband eine Ideologie, die ihren Ausgangs- und Endpunkt in einem gleichermaßen mörderischen Antisemitismus hatte. Die Nationalsozialisten erkannten in den Islamisten Gesinnungsgenossen, derer sie sich unter je verändernden Interessenslagen bedienten. Bis um das Jahr 1938 gebot die Hoffnung auf eine gütliche Einigung mit Großbritannien Zurück- und Geheimhaltung in der Unterstützung arabischer "Befreiungsbewegungen", wie sie von den Nazis genannt wurden. Je deutlicher sich der bevorstehende Waffengang abzeichnete, desto geringer wurden die Bedenken, sich im Nahen und Mittleren Osten zu "betätigen".
Die Breite der Aktivitäten war groß: Sie reichte von propagandistischer und finanzieller Unterstützung des Islamismus über Waffenlieferungen zur Ausbildung nachrichtendienstlichen Personals, das im arabischen Raum rekrutiert wurde, um "Volksaufstände" und Pogrome zu schüren, die britische und später amerikanische Kräfte zum Schutz der jüdischen Bevölkerungen hinter der Front binden sollten. Im Sommer 1942 stand ein SS-Einsatzkommando bereit, dass aus jungen, fanatischen SS-Männern zusammengestellt worden war, die sich teilweise wie ihr Kommandeur Walther Rauff bereits zweifelhafte Meriten bei der Durchführung der Shoa in Osteuropa verdient hatten. So ging es auf eine von Rauffs Ideen zurück, dass seit September 1941 umgebaute Lastwagen zur mobilen Vergasung hinter den Linien des osteuropäischen Kriegsschauplatzes eingesetzt wurden, um die Belastungen durch Massenexekutionen für die Mannschaften gering zu halten. Im Falle eines Erfolges der Panzerarmee Afrika bei El Alamein sollte das Einsatzkommando unter Rauff "in Ägypten und nach dessen Eroberung im angrenzenden Palästina zum Einsatz kommen und dort zweifellos in erster Linie beim Massenmord an der jüdischen Bevölkerung aktiv werden" (S. 138f.)
Die Wehrmacht unterhielt moslemische Einheiten in Osteuropa, ebenso die Sicherheitspolizei und der Sicherheitsdienst beim Reichsführer-SS, und seit Anfang 1943 wurden in Südosteuropa islamische SS-Divisionen zur Partisanenbekämpfung ausgehoben, für die Himmler eigens den "rassischen" Kriterienkatalog zur Aufnahme bei der Waffen-SS erweitern musste. Zum Rapport bei Hitler hob Himmlers Verbindungsoffizier Hermann Fegelein im Führerhauptquartier lobend die besondere Grausamkeit der moslemischen SS-Division "Handschar" hervor. Hitler zeigte sich angesichts der blutrünstigen Schilderung allerdings unbeeindruckt: "Das ist Wurst!" (S. 233)
Bei nahezu allen Aktivitäten, die das Dritte Reich in der Region entwickelte, setzte es auf die Unterstützung der einheimischen Bevölkerungen. Nicht zu Unrecht, wie zahlreiche Berichte zeigen. Während des euphemistisch als "Generalstreik" bezeichneten pogromartigen Geschehens, das im April 1936 seinen unheilvollen Lauf nahm, galten Hakenkreuz und Hitlergruß geradezu als Überlebensgarantie. Der Palästinareisende Iwo Jorda berichtete: "In seiner äußersten Not schrie der junge Schwede: ‚Ich bin ein Deutscher! Heil Hitler!' Das wirkte. Der Anführer der Rotte trat zurück, erhob die Hand zum Gruß, entschuldigte sich und führte ihn zum Mukhtar, wo er verbunden und gelabt wurde" (S. 52). Immer wieder meldeten seit der Machtergreifung 1933 Beobachter des Nahen und Mittleren Ostens die hohe Affinität und Sympathie, die aus der Bevölkerung dem Dritten Reich und insbesondere seiner Politik in der "Judenfrage" entgegengebracht wurde. Mancher Zeitgenosse feierte Hitler gar als jenen 12. Iman, dessen Erscheinen in der schiitischen Überlieferung ein chiliastisches Szenario entfesseln werde, das schließlich in der Errichtung eines 1.000jährigen Reichs münde.
Die Protagonisten des Islamismus erhofften sich im Dritten Reich den Akteur der Weltpolitik, der ihnen die Verwirklichung ihrer panarabischen Großmachtphantasien ermöglichen werde. Als zentrale Figur entwickelte sich im Laufe der Jahre der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der sich seit November 1941 im Berliner Exil aufhielt, wo er engste Kontakte zur Führung des Dritten Reichs aufbaute. Stets hatte al-Husseini seine Hände im Spiel, wenn es etwa darum ging, den Nazis Türen im Nahen und Mittleren Osten zu öffnen, Aufstandsszenarien gegen Juden, Briten und Amerikaner zu planen und umzusetzen oder moslemische Kampfeinheiten auszuheben. Der Mufti unterhielt seit 1937 Kontakte zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, und seit 1941 zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler, der aus seiner Bewunderung für den Antisemitismus islamistischer Prägung keinen Hehl machte. Über solche Kanäle zeigte sich der Mufti stets gut informiert über die Durchführung der Shoa in Osteuropa, in die er regelmäßig eingriff - und so zum Akteur des Völkermords wurde. So etwa Ende 1942, als er von Plänen erfuhr, jüdische Kinder aus der Slowakei, Polen und Ungarn nach Palästina zu überführen. Al-Husseini intervenierte direkt bei Himmler, der umgehend reagierte, fortan ein Verbot der Emigration nach Palästina erließ und damit faktisch das Todesurteil ausgesprochen hatte. Solche Eingaben wiederholten sich. Im Frühjahr 1943 wandte sich al-Husseini an Außenminister Joachim von Ribbentrop, nachdem Großbritannien Bulgarien angeboten hatte, 5.000 Kinder nach Palästina zu übernehmen. Er fordere von den Achsenmächten "die Lösung des Weltjudenproblems", schrieb er Ribbentrop, hingegen würde die geplante Auswanderung nach Palästina es den Juden "erlauben mit den übrigen Juden der Welt [...] ungehindert in Kontakt zu treten, und werden (sic!) somit viel schädlicher und gefährlicher als bisher" (S. 117f.) - wohlgemerkt: die Rede war auch in diesem konkreten Fall von einigen tausend Kindern und ihren Betreuern.
Wo notwendig, wechselte der Großmufti virtuos zwischen dem antisemitischen Jargon der Nationalsozialisten und dem Vokabular des islamisch-religiös motivierten Antisemitismus. In einer Rede vor den Imanen der bosnischen SS-Division "Handschar" unterstrich er die ideologischen Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und dem Islam. Besondere Würdigung erfuhr der Kampf gegen das "Weltjudentum, den Erbfeind des Islam". Weitere Erwähnung fanden das "Führerprinzip", das seine Entsprechung in der monotheistischen Ausrichtung des Islam haben solle, "Disziplin" ("Der Islam als ordnende Macht"), "Kampf" und "Opferbereitschaft", "Gemeinnutz geht vor Eigennutz", "Familie als Volkszelle" und die damit verbundenen Familienwerte sowie "Verherrlichung der Arbeit und des Schaffens". Unter solchen weltanschaulichen Voraussetzungen könne auf "Synthetisierung von Nationalsozialismus und Islam getrost" verzichtet werden (S. 231): "Der Nationalsozialismus wird als völkisch bedingte deutsche Weltanschauung und der Islam als völkisch bedingte arabische Weltanschauung vermittelt", hieß es in einer Weisung zur "Erziehung der mohammedanischen Waffen-SS".
Besonders beklemmend gestaltet sich die Lektüre, wo die Autoren ihren Blick auf die Situation der jüdischen Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten richten. Schon früh nach den ersten Pogromen der 20er Jahre verfuhr die britische Mandatsmacht nach jener Linie, wie sie 1939 von Premierminister Neville Chamberlain konkret ausformuliert wurde, in dem Bewusstsein, dass man sich der Loyalität der jüdischen Bevölkerungen ohnehin sicher sein konnte: "Wenn wir schon eine Seite kränken müssen, dann lieber die Juden als die Araber" (S. 38). Bereits in den frühen 20er Jahren hatte diese Haltung eine Gewaltspirale in Gang gebracht:
"Um die Unruhen zu verhindern, empfahlen die Kommissionen stets das gleiche Mittel in unterschiedlicher Dossierung: Einschränkung jüdischer Einwanderung. Die Angegriffenen waren damit die Schuldigen, und die Araber realisierten, dass sie mit Attacken auf jüdische Menschen das Empire zu Restriktionen zwingen konnten. Jede Drosselung der Einwanderung ermutigte damit die arabische Gewaltbereitschaft. [...] Zudem bedingte die arabische Eigenwahrnehmung als doppeltes Opfer von Kolonialismus und Zionismus eine bis in die Gegenwart wirksame Perspektive der Selbstviktimisierung, die jeglichen Zweifel am eingeschlagenen Kurs verhinderte. Damit erschien lediglich der Weg der Gewalt eine Perspektive zu bieten"
S. 16
Nicht zuletzt sind es solche brisanten, aber stets vor dem Hintergrund eines breiten Quellenstudiums entwickelten Beurteilungen, die die besondere Relevanz von "Halbmond und Hakenkreuz" für die Einschätzung der historischen Ursachen von Nahostkonflikt und islamistischer Doktrin hat. Wie im Nebenbei bringen Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers auf dieser gut fundierten Grundlage zahlreich geäußerte Überzeugungen der Disziplinen Arabistik, Geschichts- und Islamwissenschaften in der Bundesrepublik ins Wanken. Immer wieder sehen die Autoren sich genötigt, Formulierungen wie diese (vor dem Hintergrund der antisemitischen Ausschreitungen vom 4. bis 8. April 1920 in Jerusalem) in ihre Darstellung einzuflechten: "Wer darin eine ‚nationale Demonstration für Unabhängigkeit und Freiheit' erblickt - so ein deutscher Arabist - verschließt die Augen vor antisemitischer Gewalt und glorifiziert den Terrorismus." (S. 14). Folgerichtig widmen sich die letzten Seiten im Epilog ihrer Studie ausführlich gängigen Verkürzungen, Stereotypien und Ressentiments seitens der deutschsprachigen Fachwissenschaften und stellen ihnen ein Armutszeugnis aus:
"Wenn Wissenschaft nicht mehr zwischen dem durchaus berechtigten Interesse nach staatlicher Unabhängigkeit und dem Rückgriff auf ressentimentgeladene Ideologeme wie dem Antiimperialismus, dem Antizionismus oder dem Antisemitismus zu unterscheiden weiß, besteht die Gefahr, die Differenzierung zwischen aufgeklärtem Denken und der Option auf einen Weg in die Barbarei zu verlieren."
Es ist das große Verdienst Klaus-Michael Mallmanns und Martin Cüppers die Debatte um den Nahostkonflikt durch das Ausbreiten der Quellen, durch die kenntnisreiche und nicht zuletzt ausgesprochen lesbare Darstellung zu versachlichen - vielmehr: von dem Kopf auf die Füße zu stellen -, indem sie von seinen historischen Ursachen berichten, von der intimen Verbindung, die Nationalsozialismus und Islamismus eingingen, wo sie Hand in Hand die Durchführung der Shoa im arabischen Raum planten, sowie ihrer sich hierin äußernden ideologischen Wesensverwandtschaft.