Clemens Heni:
Salonfähigkeit der Neuen Rechten.
„Nationale Identität“, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1970-2005: Henning Eichberg als Exempel.
Der Sportwissenschaftler, Soziologe und Historiker Henning Eichberg gilt als eine der Schlüsselfiguren der deutschsprachigen Neuen Rechten. Er prägte Begriffe wie „nationale Identität“, „Volklichkeit“ oder „Ethnopluralismus“ und er griff u. a. den Terminus vom „Befreiungsnationalismus“ auf, der bis dahin überwiegend in linken Kreisen diskutiert worden war, und führte ihn in rechtsextreme Diskurse der Bundesrepublik ein.
Eichberg will nach eigenen Angaben Anfang, Mitte der 70er Jahre rechtsextremes Terrain verlassen haben, griff in der Folgezeit jedoch immer wieder auf die in den 70er Jahren geprägten Begriffe zurück. Kritiker wiesen gelegentlich darauf hin, dass es Eichberg durch seine wissenschaftlichen, publizistischen und politischen Aktivitäten jenseits der extremen Rechten gelungen war, Themen und Argumente der Neuen Rechten in öffentlichen Debatten zu platzieren, wobei meist insbesondere seine Tätigkeit im Umfeld der Grünen und zuletzt der PDS hervorgehoben werden.
Eichberg hatte sich in seiner Jugend im Umfeld sog. „linker Nationalsozialisten“ bewegt, und noch in den späten 70er Jahren publizierte er in einer Zeitschrift des früheren Pressereferenten von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Später propagierte er einen sog. „Dritten Weg“ jenseits der politischen Kategorisierungen „Links“ und „Rechts“ sowie jenseits von „Kommunismus“ und „Kapitalismus“. Der „Dritte Weg“, der gleichermaßen in nationalrevolutionären wie in kommunitaristischen Debatten eine Rolle spielt, kann so als begriffliches Vehikel beschrieben werden, um rechtsextreme Inhalte aus ihrem begriffsgeschichtlichen Zusammenhang zu reißen und in neuen Kontexten fruchtbar zu machen.
Mit seiner Dissertation „Salonfähigkeit der Neuen Rechten“ nimmt Clemens Heni es sich vor, die ideengeschichtlichen Hintergründe im Denken und Schreiben des Henning Eichberg zu rekonstruieren: Thematisiert werden nicht weniger als „’Nationale Identität’, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1970-2005“ an Hand der Schriften und des Wirkens Henning Eichbergs.
Heni macht insgesamt fünf Bereiche aus, in denen Eichbergs Themen und Theoreme zum diskutablen Meinungsbestand, mitunter zum guten Ton gehören: Neben Eichbergs ursprünglichem Beschäftigungsgebiet – der Sportwissenschaft –, sind das die Kulturwissenschaft und Germanistik, drittens die Geschichtswissenschaften, sowie die von Heni so genannten konservativen und linken „Salons“.
Die Sportwissenschaft bildet den ersten Rahmen der kritischen Untersuchung der Wirkung Eichbergs. Grundlage dafür ist vor allem Eichbergs Habilitation über das NS-„Thingspiel“, das eine in den 30er Jahren ausgesprochen populäre Veranstaltungsform zwischen Massenspektakel und Theater war. Hier arbeitet Heni heraus, wie in Eichbergs Darstellung das „Thingspiel“ gänzlich von seinem rabiat völkisch-antisemitischen Wesen und von seiner Bedeutung für die NS-Propaganda, als massenwirksames „Volkstheater“ gereinigt erscheint. Ebenso beleuchtet Heni, wie es Eichberg innerhalb der Sportwissenschaft immer wieder gelingt, Ideologeme wie die von der „Nationalen Identität“, von „Volklichkeit“ und „Zwischenvolklichkeit“ zu platzieren – und dabei auf erstaunlich hohen Zuspruch und wenig Widerspruch stößt.
Streitbar zeigt sich Heni, wo er die Literatur zum Thema „Neue Rechte“ im Zusammenhang mit Eichberg darstellt. Insbesondere dann, wenn sich die Literatur kaum einen Begriff von zentralen Inhalten macht, namentlich: Antimodernismus, antiwestliche Einstellungen und Antiamerikanismus, die das Scharnier darstellen, über das Eichberg insbesondere Eingang zu linken „Salons“ findet, um seine völkisch grundierten Thesen zu verbreiten.
Dagegen setzt Heni darauf, Eichberg mit seinen Quellen zu konfrontieren.
Einleuchtend ist diese Vorgehensweise insbesondere angesichts der hinlänglich bekannten neurechten Strategie, rechtsextreme Inhalte sprachlich so aufzubereiten, „dass sie nicht mehr ins Klischee der ‚Ewig-Gestrigen’ passen“. So formulierte es ein Beitrag in der vom ehemaligen persönlichen Pressereferenten des Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, Wilfried von Oven, herausgegeben Zeitschrift „La Plata Ruf“ mit dem Titel „Die besseren Argumente“. Weiter heißt es dort: „In der Fremdarbeiter-Frage etwa erntet man mit der Argumentation ’Die sollen doch heimgehen’ nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: ’Dem Großkapital muss verboten werden, nur um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden.’ Der Sinn bleibt der gleiche: Fremdarbeiter raus! Die Reaktion der Zuhörer aber wird grundverschieden sein.“
In eben diesem „La Plata Ruf“ des Goebbels-Intimus von Oven hatte Eichberg noch 1973 und 1976 einen zweiteiligen Artikel publiziert, der sich der Frage widmete, „Warum sind wir Sozialisten?“ Diese Texte, die in die Zeit zwischen Promotion (1970) und Habilitation (1976) fallen, in der sich Eichberg von rechtsextremen Weltbildern gelöst haben will, sind, so Heni, „Eichbergs evidentester Bezug zum Nationalsozialismus“ (S. 135). Sie finden ihre thematische Entsprechung in einem Artikel in der ältesten neurechten Zeitschrift „Junges Forum“ von 1970 mit dem Titel „Sozialismus von ‚Rechts’“. In ihm thematisiert Eichberg die so genannten „revolutionären Nationalsozialisten“, also den „linken Flügel“ der NSDAP unter den Brüdern Strasser, und zitiert aus Goebbels Schrift „Der Nazi-Sozi“ von 1926 – Goebbels war damals dem Strasser-Flügel zuzurechnen. Heni verdeutlicht an diesen Texten, in welchem Maße sich Eichbergs Denken auf nationalsozialistische Ideologie beziehen lässt. Da ist zum einen die Forderung, dass jeder Einzelne getreu dem Nazi-Motto „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“ Opfer zugunsten der (Volks-)Gemeinschaft zu bringen habe.
Zum anderen ist da weiterhin die Bezugnahme auf das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm mit seinem zutiefst antisemitischen Gegensatz von „schaffender Arbeit“ und „raffendem Kapital“.
Und nicht zuletzt findet sich der sog. „Ethnopluralismus“, über den Heni schreibt: „Hier liegt der Ethnopluralismus der Epigonen von Goebbels offen zu Tage, indem gesagt wird, es gebe nicht die ‚Menschheit’, nur ‚verschiedene Völker und Rassen’. Goebbels hetzt in seinem [Nazi-Sozi] gegen ‚den Juden’ – und diesen Text fordert Eichberg im Jahre 1970 als Form von ‚Systemopposition’ (...) geradezu ein“ (S. 144).
In den Jahren 1978 folgende ist es insbesondere immer wieder die „nationale Identität“, mit der Eichberg an ein breites Publikum herantritt. Heni zeichnet Eichbergs Denken als ein antiuniversalistisches, antiamerikanisches und antisemitisches. Es ist ein Denken, das für ein „deutsches Deutschland“ plädiert – unter Abwehr von „Amerikanisierung“ und „Umerziehung“ seit 1945. Zur zentralen Vokabel gerät dabei das Adjektiv „volklich“, das Eichberg verwendet, um nicht „völkisch“ sagen zu müssen, wie Heni akribisch nachzeichnet. Doch noch die Quelle, der Eichberg den Begriff „volklich“ entnimmt, nämlich der dänische Theologe Nikolaj Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872) deutet „volklich“ ausgrenzend und antisemitisch: Als „Weltbürger“ sei einem dänischen Juden das Land, in dem er lebe, doch gleichgültig. Wenn er darauf beharre, „wohl Däne, aber auch Mensch zu sein“, stehe er in Grundtvigs Augen als „internationalistischer Volksfeind“ da: „Es werde sich ja zeigen, wer in Dänemark siegen werde, der Jude‚ und die anderen Fremden oder das Dänische Volk’“ (S. 235). In diesem Zusammenhang bemerkt Heni: „Grundtvig sieht den Menschen nicht primär als Menschen, sondern als Teil eines ‚Volkes’. ‚Auf der Erde gibt es keine Menschlichkeit ohne Volklichkeit’, wie er 1847 festlegt [...]
Damit ist deutlich geworden, dass Eichbergs Versuch, das Wort ‚volklich’ nicht als deutsch-völkischen oder nationalsozialistischen Begriff sehen zu wollen, sondern als harmlose Grundtvigsche Wortprägung, komplett fehlschlägt.“ (S. 235). Und weiter: „Resümierend bleibt festzuhalten, dass Grundtvig für Eichberg nicht nur dazu dient, dem NS ein Loblied zu singen, [...], sondern auch eingesetzt werden kann für eine Politik der ‚nationalen Identität’ (und Europas) gegen ‚Kommerz’, ‚Kriegspolitik’, ‚Energiepolitik’ und ganz allgemein die USA bzw. das ‚Prinzip Amerika’. Ressentiments gegen Amerika bzw. die ‚kolonisierenden Mächte im Alltag’ mit einem dänischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts zu schüren, ist für die Neue Rechte und ihre Freunde zu einem probaten Mittel geworden. Die neumodische, völkische Theorie der Neuen Rechten hat durch Analyse ihre Mimikry-Vokabel ‚volklich’ als wichtigsten Referenzpunkt verloren. Völkisch heißt volklich und vice versa.“ (S. 238).
Weitere wichtige Bezugspunkte für das Denken Eichbergs sind, wie Heni darlegt, das Neuheidentum, das er gegen den „Gott Israels“ bzw. „jüdischen Universalismus“ in Stellung bringt, sowie zentral die sog. Nationalrevolutionäre, allen voran Ernst Niekisch.
Mit der gleichen Detailfreude, mit der er Eichbergs Denken auf seine Quellen zurückführt, zeichnet Heni nach, wie und wo es Eichberg gelang, mit seinen Ideen über den rechtextremen Rand hinaus weit in den gesellschaftlichen Mainstream der Bundesrepublik wirksam zu werden.
Wenn Eichberg etwa ausgerechnet in einem Schulbuch 1979 die Auswüchse antijudaistischer und antisemitischer Verfolgung in ihr Gegenteil verkehrt und bspw. mittelalterliche Gettoisierung und Judenstern als Ausdruck eines spezifisch jüdischen „Volkstums“ deutet, zeichnet Heni besonders gespenstische Projizierungen nach. Folgerichtig sieht Eichberg die Juden nicht als „spezifische Opfer des Antisemitismus“, also als Opfer eines irrationalen Judenhasses, sondern als Opfer einer allgemeinen Krise: des Kapitalismus, der Verstädterung, der Kommerzialisierung und der „’verjudeten’ Regierung (sic!)“ (S. 258). Erneut bedient Eichberg in dem Kapitel „NS-Judenvervolgung 1933 – 39“ die Mär vom „guten Nazi“, indem er, entgegen alle Fakten, behauptet, beim „linken NSDAP-Flügel um Gregor Strasser“ sei der Antisemitismus im Hintergrund geblieben.
Weiterhin arbeitet Heni heraus, wie Eichberg in diesem Kapitel „die Ungleichheit der Menschen“ betont, sowie nahe legt, dass es einen „Verhandlungsspielraum über die Judenvernichtung“ gegeben habe und die „großzügigen Angebote“ der SS am Widerstand jüdischer Organisationen gescheitert seien. Nicht zuletzt wirft Heni Eichberg vor, die Zahl der ermordeten Juden zu verschleiern, und bemerkt schließlich, dass: „[d]er Abschnitt über die Endlösung im Dritten Reich so kurz gehalten [ist], dass er nicht auffällt in der langen Geschichte des Judentums in Europa. Genauso ‚ausführlich’ hatte Eichberg die Religion oder die Einführung des gelben Flecks dargestellt“ (S. 261).
Auf breiter Ebene geht Heni solchen Beispielen nach, verweist immer wieder auf die Quellen solchen Denkens und belegt, dass Eichberg nicht immer, aber viel zu oft auf wohlwollende Zustimmung aus der Mitte der Bundesrepublik stieß – von linken wie konservativen Kreisen, von Wissenschaft und Publizistik. Wer wissen möchte, wie neurechte Strategeme in die Praxis umgesetzt werden und wie ihnen argumentativ zu begegnen sei, der lese Clemens Henis umfangreiche Studie.