Mario R. Dederichs: Heydrich. Das Gesicht des Bösen
Piper, München und Zürich 2005, 329 Seiten
Die historische Biografie, die Mario Dederichs über den am 27. Mai 1942 von tschechischen Widerstandskämpfern getöteten Gestapo-Chef Reinhard Heydrich vorlegt, basiert in wesentlichen Teilen auf einer Stern-Serie des Autors aus dem Herbst 2002. Der Serientitel Heydrich: Macht des Bösen war dabei keineswegs überzogen formuliert. Selbst Hitler nahm in seinem Heydrich-Nachruf Bezug auf die völlige Abwesenheit humaner Regungen, die dessen Persönlichkeit prägte, und bezeichnete ihn als "Mann mit dem eisernen Herzen". Die Gegner des Regimes klassifizierten Heydrich noch treffender als "jungen bösen Todesgott", "blonde Bestie" und "Teufel in Menschengestalt". Offizielle Fotografien von Heydrich zeigen einen finster blickenden, schmallippigen Hünen - meist eine Herrenpose einnehmend, die Fäuste in die Hüften gestützt, die Ellbogen rücksichtslos und platzgreifend so weit wie möglich nach außen gedrückt. Auf diese Figur richtet Dederichs sein Augenmerk - das erste Mal überhaupt in dieser Ausführlichkeit. Dass Heydrich etwas außerhalb des Blickes der Historiker geraten war, lag wohl an seinem Tod drei Jahre vor der totalen Niederlage Nazi-Deutschlands. Denn die Mehrzahl der Historiker thematisiert bevorzugt die Führungsriege des Nationalsozialismus in der Götterdämmerung des Regimes, als sich zum Vernichtungsfuror noch die Gewissheit gesellte, den Krieg zu verlieren, was dem alptraumartigen Geschehen einen besonders morbide Note verleiht.
Dabei hatte Heydrich den Vernichtungskrieg wesentlich vorbereitet und in seinen ersten Phasen auch leitend durchgeführt. Heydrichs Handschrift als eines "Staatsterroristen" (Dederichs) von Rang war von Beginn an klar zu erkennen: wesentlich seine Initiativen trugen schon vor Kriegsbeginn zum Ausbau des Systems von Konzentrationslagern und "Schutzhaft" bei - eine Systematik, die er dann erst recht als offiziell bestallter oberster Leiter des deutschen Terrorapparates im von der Wehrmacht eroberten Prag an den Tag legte. Deshalb wurde Heydrich nicht erst nach seinem Tod von der nationalsozialistischen Propaganda als Held gefeiert, sondern galt zu Lebzeiten als der kommende Mann in der Nazi-Führungsriege. Seine Karriere war entsprechend: als unehrenhaft entlassener Flottenoffizier 1931 Eintritt in NSDAP und SS, Aufbau des Sicherheitsdienstes SD, Vertrauter von Heinrich Himmler, Chef der Politischen Polizei, 1939 Chef des Reichssicherheitshauptamtes, ab 1941 federführende Vorbereitung der "Endlösung", zeitgleich "Reichsprotektor" im besetzten Tschechien. Im (von Eugen Kogon so genannten) SS-Staat, der sich statt der hergebrachten Reichsinstitutionen spätestens mit Kriegsbeginn als eigentlich entscheidender Dienstweg erwies, war Heydrich der Mann der Zukunft.
Dederichs' Blick liegt aber nicht nur aus diesen politischen Gründen zu Recht auf Heydrich, sondern zeichnet zugleich das Psychogramm eines Mannes, dessen Charakterbildung als völlig gescheitert betrachtet werden muss, dessen moralische Entwicklung nie die Stufe des Gewissens und des Mitgefühls erreicht hat - und der deshalb der NS-Ideologie vom rücksichtslosen Faustrecht der Überlegenen gegen die als minderwertig Betrachteten ebenso begierig aufsog wie er sie später vorlebte und verkörperte. Der Historiker Charles Sydnor charakterisierte Heydrich so: "Er war Hitlers idealer Nationalsozialist" - und Dederichs rekonstruiert die Lebensgeschichte zu diesem treffenden Urteil.
Der besondere Wert des gut geschriebenen Buches besteht in zweierlei: dem Bösen bei aller biografischen Genauigkeit keine milieutheoretisch angehauchte Entschuldigung zu gewähren und zu zeigen, was es bedeutet, wenn die staatlichen Machtmittel in die Hände von Männern des Schlage Heydrichs geraten.