Peter Longerich: "Davon haben wir nichts gewusst!". Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 - 1945
Siedler, München 2006, 448 Seiten
Die Kränkung, die das vor gut zehn Jahren erschienene bahnbrechende Werk Daniel Goldhagens: "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" für ein gewisses Geschichtsverständnis bedeutete, wirkt fort. Im März behauptete der deutsch-nationale Münchener Professor Konrad Löw (2006 in Buchform und am 1.3.07 in einem FAZ-Essay) mit nach einhelliger Meinung der seriösen Historikerzunft an den Haaren herbeigezogenen Belegen, dass ausgerechnet in der Nazi-Zeit das deutsche Volk "ein Segen" für die Juden gewesen sein soll. Löw stützt also allen Ernstes noch einmal die Lebenslüge des Nachkriegs-Deutschlands, dass der Holocaust eine Sache allein der NS-Führungsclique gewesen sei, das deutsche Volk hingegen weder antisemitisch eingestellt gewesen wäre noch etwas von der Judenvernichtung gewusst habe.
Dabei ist unstrittig, dass die Deutschen der Frage gar nicht ausweichen konnten, wohin die sogenannte "Judenpolitik" des Nationalsozialismus steuerte. Die Radikalität seines Judenhasses wurde ja vom Regime selbst nicht beschönigt und letzlich besaß jeder bereits einiges an Informationen über den im Osten stattfindenden Masenmord an den Juden: aus Berichten von Frontsoldaten, aus dem Ton der Propaganda ("Juda verrecke" war da die Parole), aus der Tatsache, dass das Hab und Gut der Deportierten umstandslos weiterverteilt wurde, aus den Vorwürfen, die alliierte Radiosender zunehmend lauter erhoben.
Der in London lehrende Historiker Peter Longerich stellt sich deshalb in seiner 2006 erschienenen Studie "'Davon habe ich nichts gewusst'" nicht die Frage, ob die Deutschen etwas "davon" wussten - denn das taten sie ganz unzweifelhaft. Ebenso wenig zieht Longerich in Zweifel, dass eine breite, wahrscheinlich sogar mehrheitlich antisemitische Einstellung in den ersten Jahren des Dritten Reiches bei der deutschen Bevölkerung vorherrschte: in etwa von der Art, dass der Einfluss der Juden zurückgedrängt werden müsse oder dass sie mal einen Dämpfer verdient hätten. Durchaus positiv, wenn auch mit einem sehr quellenkritischen Ansatz bezieht er sich denn auch auf Ian Kerhaws Indifferenzthese, nach der eben die moralische "Indifferenz" der deutschen Bevölkerungsmehrheit gegenüber den Juden, der herrschenden radikalen Minderheit die "Autonomie" gewährt habe, in der sie den Holocaust plante und verübte.
Longerich bemüht sich genau an dieser Stelle, etwas Licht ins Dunkel dieser Indifferenz zu bringen, also genauer zu untersuchen, wie sich die stetige Eskalation des Regimes in der "Judenfrage" zum herrschenden Meinungsbild in der Bevölkerung verhielt - unter den Bedingungen einer totalitären Diktatur. Er kommt dabei zu dem interessanten Ergebnis, dass die Deutschen (selbst in dem Nationalsozialismus fernstehenden Milieus) sich umso weniger für die sogenannte "Judenfrage" interessierten, je mehr das Regime die Judenverfolgung samt der entsprechenden Propaganda radikalisierte. In den letzten Kriegsjahren schließlich, die sichere Niederlage vor Augen, gaben sich weite Kreise völliger Ignoranz oder einer Art absichtlicher Amnesie hin: "Seit Mitte 1942 propagierte das Regime zunehmend - ein ungefähres Wissen um die 'Endlösung' voraussetzend - und ganz offen, dass im Falle einer Niederlage in diesem Krieg die Juden den Deutschen das Gleiche zufügen würden, was diese ihnen angetan hatten."(325) Diese Botschaft des Regimes, dass "an der 'Judenfrage' sich nicht nur die Existenz des 'Dritten Reiches', sondern auch die des deutschen Volkes (entscheide), wurde in der Bevölkerung durchaus verstanden - und gleichzeitig sperrte man sich offenkundig gegen die Vorstellungen einer kollektiven Haftung für die verübten Verbrechen. Je wahrscheinlicher diese Niederlage wurde, desto größer war das Bedürfnis, sich dem Wissen über das offensichtlich vor sich gehende Verbrechen zu entziehen und sich in ostentative Ahnungslosigkeit zu flüchten." (327). Die zum Stereotyp gewordene Floskel der Nachkriegsjahre, "davon nichts gewusst" zu haben, gehe also auf diese Haltung zurück, "sich jeder Verantwortung für das Geschehen ... (durch) Flucht in die Unwissenheit" (328) zu entziehen.
Dies Verdrängte aber kehrt im Alltagsbewusstsein der Bundesrepublik auch über 60 Jahre nach Kriegsende immer wieder zurück. Und genau zu dieser im englischsprachigen Raum sprichwörtlich gewordenen "german angst", also der Dauerkonjunktur rational nicht nachvollziehbarer Haltungen, die mit Vernichtung und Untergang sowohl in Fragen der Außenpolitik wie der Ökologie nahezu zwanghaft kokettieren, öffnet Longerich einen historischen Zugang.