Shoah
Ein Film von Claude Lanzmann
Frankreich 1985, (DVD) 566 min. absolut medien in Zusammenarbeit mit ARTE Deutschland. 2007.
Mehr als zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung erscheint Claude Lanzmanns Hauptwerk Shoah als vierteilige DVD im Berliner Verlag absolut medien. Neuneinhalb Stunden lang ist der Film des Franzosen, ein Meilenstein der Dokumentation, das trotz vielfacher Prämierung hierzulande nie ein großes Publikum erreicht hat.
Dennoch ist Shoah der bisher konsequenteste und überzeugendste Versuch, das Phänomen Holocaust filmisch zu fassen. Simone de Beauvoir, langjährige Lebensgefährtin des Autors, notierte:
„Wir haben nach dem Krieg unzählige Berichte über die Ghettos, über die Vernichtungslager gelesen; wir waren erschüttert. Doch wenn wir heute Claude Lanzmanns außergewöhnlichen Film sehen, merken wir, dass wir überhaupt nichts gewusst haben.“
Auch Jan Karski, polnischer Offizier und legendärer Kurier der polnischen Untergrundbewegung, bemerkte:
„Das ist der großartigste Film, der jemals über den Holocaust gedreht worden ist.“
Seine langen Zweifel, überhaupt an dem Projekt mitzuwirken, hatte Lanzmann vollständig zerstreuen können, ein kleiner Schritt auf dem schwierigen Weg der Realisation seines Projektes.
Zwischen 1973 und 1985 bereiste Lanzmann viele Orte in Europa, vor allem in Polen. Seine Recherchen führten ihn nach Berlin, in die Schweiz, schließlich nach Vermont/USA, nach Israel und Kanada. Er suchte vor allem Zeitzeugen, die ihm vor der Kamera berichteten. Aus 350 Stunden Material schnitt er in vierjähriger Arbeit schließlich seinen Film in der Endfassung.
Von Anfang an verweigerte Lanzmann die Verwendung von Archivmaterial. Der Holocaust sei nicht darstellbar, befand er, ein Urteil, mit dem er bis heute Gegenargumentationen provoziert. Stattdessen wollte er sich dem Unerklärlichen auf eine andere Weise nähern. Die Spurensuche mündete nicht einfach in den chronologischen Zusammenschnitt von Gesprächen.
„Es wurde viel Mühe darauf verwandt, die Aussagen in Szene zu setzen, die Sprecher in die Lage zu versetzen zu sprechen. ... Shoah hatte nicht das Ziel, über Dinge zu informieren, die sich ebenso in Geschichtsbüchern nachschlagen lassen ... Im Zentrum stehen die realen Orte von Heute und die Gesichter, die Körper der Zeugen. Es gibt keinen Kommentar, keine Off-Stimme. Es ist wirklich die Rehabilitierung der Zeugenschaft.“ (Claude Lanzmann)
Seine Zeugen sprechen direkt vis à vis und – gegenmontiert – zu Bildern der Vernichtungslager, wie Lanzmann sie während der Aufnahmen vorfand: Chelmno (Kulmhof), Sobibor, Treblinka, Auschwitz. Oft sieht man nur noch Wiesen, idyllische Lichtungen in polnischen Wäldern. Die Nazis haben vielfach keinerlei Spuren hinterlassen. Im ehemaligen Lager Treblinka erinnern nur künstlich aufgerichtete Steine und ein großer Turm an der Stelle der alten Gaskammer an die Vernichtung von 750.000 europäischen Juden. Durch die Montage mit den Erinnerungen jüdischer Überlebender lässt sich das Grauen zumindest erahnen. Die Reste der Krematorien in Auschwitz sehen ohne die detaillierten Beschreibungen von Filip Müller, der im so genannten Sonderkommando mit der Verbrennung der Leichen beschäftigt war, nicht gefährlicher aus als überwucherte Reste eines alten Hauses. Mit ihnen scheint sich die Welt der getarnten Umkleideräume und Gaskammern zu restaurieren.
Einen besessenen Spurensucher hat man Claude Lanzmann genannt, der fast wie ein Archäologe Schicht um Schicht abtragen und wieder neu zusammensetzen wollte. Diese Akribie teilte er mit dem bekannten amerikanischen Historiker und Politologen Raul Hilberg, welcher ihm in Shoah als Experte zur Seite steht. Hilberg hatte sich selbst an eine schier übermenschlich scheinende Aufgabe gemacht: den Holocaust verstehen, indem er so viele Fakten und Details wie möglich zusammentrug. Die Informationen schließlich in den richtigen Kontext zu bringen, das blieb die wichtigste und schwierigste Aufgabe. Ein Meisterwerk, wie Hilberg entsprechend ein Dokument „Fahrplananordung Nr.587“ in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit seziert: Zahlenkolonnen und Kürzel, die erläutern, welchen Weg ein Vernichtungszug gemacht hat, welche Stopps er unterwegs anlief und wie lange schließlich die Vergasung seiner Insassen gedauert hatte.
Der Holocaust, so formuliert es Hilberg, bedeute vor allem einen zutiefst bürokratischen Vernichtungsprozess.
„Es war eine Reihe von kleinen Schritten in logischer Folge.“
Tatsächlich war nirgendwo beschrieben worden, wie die „Endlösung“ sich letztlich gestalten sollte. Sie war schließlich ein Werk vieler Bevollmächtigter, die an ihren jeweiligen Wirkungsstätten oft einen erstaunlichen Perfektionismus an den Tag legten. Es ist Lanzmanns großem Engagement zu verdanken, dass durch seine filmische Darstellung greifbarer zu werden scheint, wie sich innerhalb weniger Jahre eine derartige Maschinerie des Todes entwickeln konnte.
Shoah ist ein langer, ein intensiver Film. Einige besonders schmerzvolle Interviewparts hat Lanzmann nicht abgebrochen, sondern später in voller Länge montiert. Fast sah er es als seine Verpflichtung, alles zu erfahren. Und alles mitzuteilen, was nach vierzig Jahren noch erinnerbar war. Das Ergebnis ist zutiefst berührend, ein eindringlicher, großartiger Film.
Jan Buschbom, Oktober 2008