[ <
EINFÜHRUNG RUNDGANG MATERIAL IMPRESSUM HOME

EINFÜHRUNG



HALBE. EIN FRIEDHOF UND SEINE TOTEN
Waldfriedhof Halbe 1995 - Rekonstruktion einer Geschichtswerkstatt

Einführung

Die vorliegende Website dokumentiert und rekonstruiert die von der Ostberliner Geschichtswerkstatt von April 1995 bis November 1996 auf dem Vorplatz des Waldfriedhofs Halbe gezeigte Ausstellung „Nun hängen die Schreie mir an … Halbe. Ein Friedhof und seine Toten“. Warum lohnt es sich, diese Ausstellung, deren Ende 1996 abmontierte Tafeln lange Zeit auf dem Boden der alten Schule in Halbe lagerten bevor sie in eines der Depots des Museumsverbunds Pankow abtransportiert wurden, erneut ins Bewusstsein zu rufen? Was kann die Erinnerung an dieses seinerzeit äußerst kontrovers aufgenommene Projekt noch zu den bis in die Gegenwart andauernden Debatten über den Umgang mit einer der größten deutschen Kriegsgräberstätten beitragen?

Die Ausstellung von 1995 stellt eine wichtige Zäsur in der Geschichte der öffentlichen Auseinandersetzung um die Formen und Inhalte des Toten-Gedenkens auf dem Waldfriedhof Halbe nach 1989 dar. Im Zuge der deutschen Einheit trat der Friedhof aus dem Schatten des durch die DDR-Behörden verordneten Schweigens. Angehörige aus allen Teilen Deutschlands und dem Ausland konnten nun erstmals ungehindert an den Gräber der Toten trauern. Gleichzeitig wurde Waldfriedhof Halbe zum Austragungsort und zur Projektionsfläche geschichtspolitischer Auseinandersetzungen in der deutschen Gesellschaft. In den Jahren 1990 und 1991 erlangte Halbe erstmals traurige Berühmtheit in den Medien: Am Volkstrauertag marschierten dort rechtsextreme Gruppierungen auf und erklärten den Friedhof zu einem zentralen symbolischen Ort für ihr so genanntes „Heldengedenken“. Die rechte Szene hatte durch die deutsche Einheit und den Zuwachs aus dem Osten – in der DDR hatte sich seit Mitte der 1980er-Jahre eine eigene rechte Szene formiert – beträchtlichen Aufwind bekommen. Halbe wurde zu einem der Orte, an dem die Rechten ihr neues Selbstbewusstsein öffentlichkeitswirksam zu dokumentieren suchten. Die erkennbare Absicht der rechtsextremen Gruppen, den Friedhof mit ihren Gedenkritualen in Besitz nehmen zu wollen und zu einem ihrer wichtigsten Erinnerungsorte zu machen, forderte zum Widerspruch heraus. Für die Ostberliner Geschichtswerkstatt bildeten diese Aufmärsche einen wichtigen Anlass, um das Projekt einer Dokumentation vor Ort in Halbe auf den Weg zu bringen. Die Ausstellung ist somit auch ein Zeugnis zivilgesellschaftlichen Engagements gegen die drohende Inbesitznahme des Waldfriedhofs durch die rechte Szene.

Es gehörte zum Selbstverständnis der Macher um Herbert Pietzsch, Rainer Potratz und Meinhard Stark, dass sie nicht nur knapp 30 Informationstafeln auf dem Friedhofsvorplatz aufstellten, sondern mit dem Projekt zugleich einen Diskussions- und Reflektionsprozess mit den Bewohnern von Halbe und den Besuchern des Friedhofs auslösen wollten. Während der gesamten Laufzeit der Ausstellung stand auf dem Friedhofvorplatz ein Bürocontainer, in dem sich die Projektmitarbeiter abwechselnd aufhielten und das Gespräch mit den Besuchern der Ausstellung suchten. Die Ausstellung wurde auf diese Weise zu einer Geschichtswerkstatt, zu einem Ort der Aufklärung und der Dokumentation. Wichtige Zeitzeugen konnten befragt werden, weiteres Material wurde erschlossen und vor allem wurde die Ausstellung zu einem Gegenstand der Diskussion mit ihren Besuchern.

1995 jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum fünfzigsten Mal. Die Kämpfe um Berlin bis zur endgültigen Niederschlagung des NS-Regimes und mit ihnen die so genannte Kesselschlacht von Halbe rückten erneut in den Mittelpunkt eines breiten öffentlichen Interesses. Bei den Kämpfen im April 1945 fanden südöstlich von Berlin neben deutschen und sowjetischen Soldaten auch viele Zivilisten den Tod. Zu den über 22 000 Toten, die auf dem Friedhof in Halbe bestattet liegen, gehören jedoch auch von der Wehrmachtsjustiz als „Deserteure“ und „Wehrkraftzersetzer“ verurteilte und hingerichtete Soldaten sowie ukrainische Zwangsarbeiter. Darüber hinaus wurden in den Jahren 1952 und 1953 ca. 4500 Opfer aus dem sowjetischen Internierungslager Ketschendorf bei Fürstenwalde nach Halbe umgebettet. Allein schon die große Zahl und Zusammensetzung der in Halbe bestatteten Toten warf eine Reihe von grundsätzlichen Fragen auf: Warum kämpften die Deutschen vom General bis zum einfachen Soldaten bis zu letzten Minute einen aussichtlosen Kampf gegen die vorrückenden sowjetischen Truppen? Warum entschied sich nur eine verschwindend geringe Zahl von Wehrmachtsangehörigen, sich diesem Wahnsinn zu entziehen? Wie ist der Toten von Halbe öffentlich zu gedenken, wenn man weiß, dass die Mehrheit der in den Wäldern Brandenburgs gefallenen deutschen Soldaten vorher bereitwillig und im Bann der nationalsozialistischen Ideologie in einen brutalen Eroberungskrieg gegen die Nachbarländer gezogen war? Wie kann angemessen an die deutschen Opfer unter der Zivilbevölkerung erinnert werden, ohne die historische Verantwortung der Deutschen für den Zweiten Weltkrieg in Frage zu stellen? Handelte es sich bei der Niederschlagung des NS-Regimes im Falle der Roten Armee um eine Befreiungstat, obwohl die sowjetische Besatzungsmacht in Deutschland erneut ein Unrechtsregime etablierte? Waren die in den sowjetischen Internierungslagern auf deutschem Boden Inhaftierten zurecht belangte NS-Straftäter oder überwiegend unschuldige Opfer stalinistischer Geheimdienstwillkür? Warum gerieten einzelne Opfergruppen des NS-Regimes, wie die Millionen nach Deutschland verschleppten ausländischen Zwangsarbeiter, allmählich in Vergessenheit und welche Verantwortung erwächst aus dieser Tatsache für das vereinigte Deutschland?

Die Ausstellung der Ostberliner Geschichtswerkstatt hat versucht sich diesen schwierigen Fragen zu stellen. Sie ist eindeutig in ihrer Bewertung des Unrechtscharakters des NS-Regimes und in der Kennzeichnung der von deutscher Seite begangenen Verbrechen. Hier ist sie ganz dem aufklärerischen Gestus der Geschichtswerkstättenbewegung verpflichtet, deren Gründungsimpuls die öffentliche Auseinandersetzung mit bislang tabuisierten oder verdrängten Kapitel der Geschichte des Nationalsozialismus war. Es gehört zu den Stärken der Ausstellung, dass sie trotz dieser engagierten Position keine einfachen Antworten auf die genannten Fragen zu geben versuchte. Diese Fragen an einem Ort aufzuwerfen, an dem die Angehörigen in erster Linie der stillen Trauer um ihre toten Angehörigen nachgehen wollen, war ein mutiges und zugleich schwieriges Unterfangen. Auch wenn dies manch zeitgenössischer Beobachter oder Besucher des Friedhofs anders wahrgenommen haben mag, versuchte die Ausstellung eher Nachdenklichkeit zu erzeugen, als dass sie bewusst provozieren und konfrontieren wollte.

Rückblickend lohnt es sich, die Ausstellung in den Kontext der geschichtspolitischen Debatten im Umfeld des 50. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung vom Nationalsozialismus 1995 zu stellen. Letztere wurden vor allem durch die im März 1995 in Hamburg eröffnete und inzwischen legendär gewordene Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung geprägt. Beide Ausstellungen diskutierten letztlich aus unterschiedlichen Perspektiven die gleiche Frage nach der Rolle der Wehrmacht im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Die enorme Resonanz der Wehrmachtsausstellung rührte daher, dass sie die Frage nach der Beteiligung der Wehrmacht an den nationalsozialistischen Verbrechen, die von der Forschung längst eindeutig beantwortet worden war, in die Öffentlichkeit und in den Bereich der familiären Erinnerung trug. Auch die wesentlich bescheidenere Ausstellung in Halbe thematisierte dies und war insofern ein Statement gegen die Legende von der sauberen Wehrmacht, die nicht nur im rechten Milieu kultiviert wurde. Insofern lohnt es sich, beide Dokumentationen in einer vergleichenden Perspektive zu betrachten. Während die Hamburger Ausstellung jedoch ihren Schwerpunkt auf die Dokumentation der Verbrechen selbst legte und in diesem Zusammenhang eine Reihe von methodischen Fragen aufwarf, wählte die Ausstellung in Halbe einen stärker biographischen Ansatz. Die Macher der Ostberliner Geschichtswerkstatt hatten es sich zum Ziel gesetzt, über die historische Einordnung des Zweiten Weltkrieges und der Kämpfe in Halbe hinaus, den auf dem Friedhof bestatteten Toten erneut ein Gesicht zu geben und exemplarisch deren konkreten Lebensumstände zu rekonstruieren. Dies hieß im Falle der auf dem Friedhof bestatteten Soldaten vor allem auch, nach den Motiven und Beweggründen für deren Beteiligung am Krieg zu fragen und jenen Weg zu rekonstruieren, den die in Halbe Gefallenen bis zu ihrem Tod im Frühjahr 1945 im Verlauf des Krieges zurückgelegt hatten. Die unmittelbare Nähe zum Friedhof brachte es mit sich, dass sich die Ausstellung in Halbe wesentlich stärker mit dem Spannungsverhältnis zwischen historischer Bewertung und individuellem Gedenken an die deutschen Opfer des Krieges auseinanderzusetzen hatte. Sie berührte damit ansatzweise Fragen, die die öffentliche Diskussion zehn Jahre später anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung vom Nationalsozialismus prägen sollten.

Die Ausstellung kann, selbst wenn im Detail aus heutiger Sicht manches vielleicht anders akzentuiert werden müsste, auch heute noch bestehen. Sie hat nachdrücklich deutlich gemacht, dass der Waldfriedhof Halbe eine ständige historische Dokumentation vor Ort braucht, um seinen Besuchern einen differenzierten Einblick in die komplizierten historischen Zusammenhänge zu vermitteln, in denen die auf dem Friedhof bestatteten Menschen agierten. Es gehörte darüber hinaus zu den unbestrittenen Verdiensten der Dokumentation, dass sie erstmalig einer größeren Öffentlichkeit die Entstehungsgeschichte des Friedhofs und das Wirken von Pfarrer Ernst Teichmann nahe brachte, ohne dessen beharrliches Engagement der Waldfriedhof in seiner heutigen Form nicht denkbar wäre.

Die Diskussion um das Gedenken in Halbe ist längst nicht beendet, im Gegenteil. Den Beitrag der Ausstellung der Ostberliner Geschichtswerkstatt zu dieser Debatte erneut ins Bewusstsein zu rücken, ist das Anliegen der vorliegenden Online-Dokumentation. Die Ausstellung hätte seinerzeit einen länger währenden Prozess der Diskussion und Überarbeitung hin zu einer dauerhaften Institution verdient. Dazu ist es aus verschiedenen Gründen nicht gekommen. Wer heute über die Einrichtung eines Dokumentationszentrums für den Waldfriedhof nachdenkt, kommt an der Ausstellung von 1995 nicht vorbei und muss sich mit deren Ergebnissen auseinandersetzen.

Die Rekonstruktion der Ausstellungsinhalte war nicht ohne Schwierigkeiten möglich: Ein Teil der Tafeln wurde inzwischen für andere Zwecke verwendet und konnte nur mühsam anhand von Aufnahmen der Ausstellungsmacher nachvollzogen werden. Die originalen, von den Gestaltern benutzten Druckvorlagen für die Tafeln waren nicht mehr verfügbar. Umso mehr ist den damaligen Initiatoren der Ausstellung Herbert Pietsch, Rainer Potratz und Meinhard Stark zu danken, die das Vorhaben unterstützt haben. Die Dokumentation der Ausstellung wird durch eine Sammlung zeitgenössischer Pressestimmen und weiterführender Materialien ergänzt.

Jürgen Danyel und Anja Tack