
WILHELM RITTER
Im Frühjahr 1945 war Hauptmann Ritter für eine Ausbildungskompanie im Füsilier-Ersatz-Bataillon 68, Standort Brandenburg, zuständig. Die Familie war in die Nähe von Nauen evakuiert worden. Liselotte verbrachte mit einer "BdM-Haushaltungsschule" die Jahreswende 1944/45 am "Westwall". Im März 1945 besuchte die Sechzehnjährige ihren Vater. Sie aßen gemeinsam zu Mittag; der Vater teilte die Ration in gleiche Teile. Auf dem Bahnhof ließ er die Tochter "kehrt" machen und bemängelte ihre schiefen Absätze. Es war ihre letzte Begegnung.
27.3.45
Liebe Mutti,
am Sonnabend sind wir ganz plötzlich verlegt worden, so daß ich gar keine Zeit fand, Dich zu verständigen. Ich führe zur Zeit das Btl. [Bataillon] und meine Kompanie hat ein Oberleutnant übernommen. Ob es so bleibt, weiß ich nicht. Begeistert bin ich über meine neue Verwendung nicht. [...] Wir liegen hier zur Sicherung und die Ausbildung geht munter weiter. Den Turm von Fürstenwalde habe ich auch schon gesehen. Nächstens mehr!
Herzliche Grüße und Küsse, auch an Lotti und Karin.
Vati
5.4.45
Liebe Mutti, das ist die 3. Nachricht. Wir haben unsere Unterkunft erneut gewechselt. Ich liege bei einem Bäckermeister und werde nebenbei gut versorgt. [...] Wir bilden weiter aus. - Du fährst am besten mal nach Potsdam und läßt in das Sparkassenbuch den Kontostand eintragen. - Ist Lotti noch da? Was macht Karin? Herzliche Grüße und Küsse auch an Lotti und Karin.
Vati
Aus den letzten Briefen Wilhelm Ritters an seine Familie.
Nun meine liebste Liselotte, komme ich zum Schwersten. Dein lieber Vati ist am 24.4. bei der Rückwärtsbewegung zwischen Müllrose und Storkow verwundet, am Unterschenkel. Am 10.5. mußte der Splitter entfernt werden, danach hat er sich nicht mehr erholt und ist am 14.5. im Lazarett Königs Wusterhausen gestorben. Er liegt dort auf dem Soldatenfriedhof beerdigt. Schöner konnte dieses pflichtbewußte Leben nicht enden. Du mußt es tapfer tragen, liebe kleine Liselotti. Dein Vater hatte Dich doch besonders gern. Dein Vater hat das letzte Stückchen Vaterland verteidigen helfen, den schwersten, bittersten Kampf mit gekämpft. Seine letzten Notizen lauten: 23.4. Bataillon Ritter eingesetzt, Stellung unbedingt zu halten. Am 26.4. russisches Feldlazarett. 30.4. Lazarett Königs Wusterhausen. 10.5. Splitter raus. - Die Schwester hat zu Tante Seline gesagt: Dein Vati wäre ein an Leib und Seele gebrochener Mann gewesen. Oft hat er still den Kopf geschüttelt. Und der Arzt hat gemeint, man hätte ihn vielleicht durch eine rechtzeitige Amputation bis zum Kniegelenk retten können, vielleicht? - Ob er sich jemals hätte zurecht finden können? Ich weiß nicht, ob nicht die Heimgegangenen besser dran sind, als wir. Gönnen wir ihm die Ruhe, er ist ja nicht tot, sondern, in seinem Wesen, seiner Treue mitten unter uns. [...] Sein ganzer Gesundheitszustand war nicht der Beste. Nun ist ihm soviel erspart geblieben. Wir wissen die letzten Tage von ihm, wir wissen wo er ruht. Wieviele Mütter und Frauen warten ein ganzen Leben, es sind so viele namenlos beerdigt. [...] Wir müssen uns in Zukunft treu beistehen, müssen für einander beten. Für uns Christen gibt es ein Wiedersehen in der Ewigkeit. Aber erst müssen wir unsere Pflicht auf Erden erfüllen. Das treue deutsche Herz bewahren - hinüberretten in eine noch sehr ferne, bessere Zeit. Das sind wir unseren Gefallenen schuldig.
Aus einem Brief an Liselotte von der Schwester ihres Vaters, 5. August 1945



Erkennungsmarke und Begleitzettel für Verwundete
Name: Ritter, Wilh.
Dienstgrad: Hptm.
Verletzung: Gr. Spl. Verl. [Granatsplitterverletzung] li. Unterschenkel
Knochenverletzung: nein
Wundstarrkrampfserum: 5 mm, 26.4.
Sonstige Hilfeleistung: Wundreinigung, Unterschenkelverband Besonders zu achten auf: Chirurg. Abt. Wird entsendet nach: Feldlazarett
Name des Arztes: unleserlich
Ausgestellt am 26.4.45, 8.30 Uhr
