Naher und mittlerer Osten
Die islamische Revolution im Iran
Eine anhaltende Krise von globalem Ausmaß löste 1979 die „islamische Revolution“ im Iran aus. Deren Ursachen reichten tief. Bereits 1905 forderten Händlerschaft und Geistlichkeit (!) die Einrichtung eines parlamentarischen Systems. Der amtierende Schah Muzaffar al-Din stimmte der Bildung einer konstitutionellen Monarchie zu, die sein Nachfolger Mohammed 1908 allerdings gewaltsam wieder aufhob. Die nachfolgenden Wirren bestätigten nur die faktische Teilung Persiens in russische und britische Einflusszonen. Mit Rückendeckung der Engländer stürzte Reza Chan, Führer der iranischen Kosaken, 1921 die Regierung. Er vertrieb 1925 den letzten Kadscharen-Schah und bestieg nun selbst den Thron. Gegen den Widerstand der Mullahs und der Traditionalisten verordnete Reza Schah, Begründer der kurzlebigen Pahlewi-Dynastie, dem Land eine zwangsweise „Verwestlichung“. Ein bürgerliches Gesetzbuch trat in Kraft, geistliche Stiftungen verloren ihren Besitz, islamische Schulen wurden geschlossen.
Frauen hatten sich westlich zu kleiden, die Verschleierung war fortan verboten. Gleichzeitig griff der Herrscher tief in die jahrtausendealte Reichsgeschichte zurück. Persien erhielt 1935 den Namen Iran – abgeleitet von Ayryana Vaejo: Ursprung der Arier. Sein Sohn Mohammed Reza Schah führte die drastische Modernisierungspolitik ebenso fort wie die Hinwendung zur vorislamischen „Arya“-Ideologie. Nachdem sich 1949 kurzzeitig eine nationalbürgerliche Regierung unter Mohammed Mossadeq bilden konnte, welche die Erdölindustrie verstaatlichen wollte, setzten sich Briten und vor allem Amerika-ner massiv für den geflüchteten Schah ein. Das Militär putschte 1953 und installierte das Schah-Regime neu.
Massiv und mit Unterstützung durch die USA trieb Mohammed Reza Schah Anfang der 60er Jahre die Modernisierung des Landes voran. Mit gewissem Erfolg: Gab es 1965 nur 694 Fabriken im Land, so stieg ihre Zahl bis 1972 auf 5661. Die Lebenserwartung der Iraner erhöhte sich von 27 Jahren (1941) auf 46 Jahre (1976). Gleichzeitig aber klaffte die Schere zwischen Reich und Arm, Stadt und Land immer weiter auseinander. Wie ein Hohn wirkten da die prunkvollen Feiern zum 2500jährigen Bestehen der iranischen Monarchie, welche der Schah 1971 in Persepolis zelebrierte. Jegliche Opposition unterdrückte ein äußerst repressiver Sicherheitsapparat im Keim.
Als 1978 mehre Demonstrationen blutig niedergeschlagen wurden, ging eine Streikwelle durch das Land, die den Schah schließlich außer Landes trieb. Die Kraft hinter dem Umsturz war der schiitische Klerus, vor allem repräsentiert durch den Ayatollah Rohollah al-Khomeini, der 1964 ins Exil gehen musste und zuletzt von Paris aus die Massen agitierte. Khomeini kehrte im Februar 1979 in den Iran zurück und proklamierte am 1. April die Islamische Republik Iran, zu dessen Oberhaupt er selbst ernannt wurde.
Fortan regiert ein theokratisches Regime das Land, welches den Iranern eine geistige Kehrtwendung verordnete: Nun war die westliche Kleidung verpönt, Frauen hatten sich in den schwarzen Tschador zu verhüllen. Dies und eine strenge Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit überwachte ab sofort eine rigide Religionspolizei. Der religiöser „Wächterrat“ kontrolliert seither die Einhaltung der islamischen Gesetze in allen Lebensbereichen.
Mit der Machtübernahme durch die Mullahs änderte sich die Aussenpolitik des Iran. Erklärte Hauptfeinde des Regimes wurden der „grosse Satan“ USA und der „kleine Satan“ Israel. Noch 1979 kam es zur Besetzung der amerikanischen Vertretung in Teheran durch fanatisierte Studenten. Vergeblich versuchten sich die USA in einer militärischen Befreiung der als Geiseln genommenen Botschaftsangehörigen. Insgesamt 444 Tage mussten die Amerikaner bis zu ihrer Freilassung in iranischer Haft verbringen.
Im Überschwang des schnellen Erfolgs träumten die Mullahs des Iran aber auch von einem „Export“ ihrer Revolution in andere islamische Länder. Unsanft angesprochen davon musste sich der Nachbar Irak fühlen.
Seit dem Sturz der Monarchie 1958, erst Recht seit der Machtergreifung der sozialistischen Baath-Partei, war der Irak ein betont laizistischer Staat. Die schiitische Bevölkerungsmehrheit (mehr als 60 %) hatte sich der sunnitischen Minderheit zu beugen, der auch der starke Mann des Landes, Sadam Hussein, angehörte. In der Vergangenheit war es zwischen Irak und Iran immer wieder zu Grenzstreitigkeiten gekommen. Massive Ansprüche erhob der Irak auch auf die Provinz Khusistan („Arabistan“), in der nicht nur die arabische Minderheit des Landes wohnte, sondern auch – praktischerweise – die meisten Erdölvorkommen des Iran lagern.

In der jüngsten Vergangenheit unternahm der Iran große Anstrengungen beim Ausbau seiner Atomindustrie. Das Land verfügt über Uran-Vorkommen, unter anderem im Gebiet von Yazd. In Busher, Ahwas und Arak befinden sich Kernkraftwerke im Bau, und die Anlagen in Arak und Natanz können zur Erzeugung von Schwerem Wasser beziehungsweise zur Urananreicherung verwendet werden. In Parchin befindet sich angeblich eine Atomwaffenfabrik. Der Iran verfügt zudem über eigene Mittelstreckenraketen: Die Muster vom Typ Schahab 3 sind Nachbauten der nordkoreanischen Rodong-Rakete, welche Sprengköpfe von 800 kg Gewicht bis zu 1.300 km tragen kann. Da sich der Iran immer wieder der Kontrolle seines Nuklearprogramms entzogen hatte, gibt es Gründe zur Annahme, dass das Land an der Produktion von Atomsprengköpfen arbeitet – nicht nur für die Anrainerstaaten eine besorgniserregende Perspektive.
Da während der islamischen Revolution die regulären Streitkräfte des Nachbarlandes faktisch zerschlagen wurden, nutzen die Iraker die vermeintliche Gunst der Stunde und marschierten im September 1980 in den Iran ein. Nach Anfangserfolgen lief der Vorstoß fest, und bis Juni 1982 mussten die irakischen Truppen hinter die völkerrechtlichen Grenzen zurückweichen. Nunmehr versuchte sich das Mullah-Regime in der „Befreiung“ der heiligen schiitischen Stätten des Irak. Der folgende mörderische Stellungskrieg zog sich noch bis 1988 hin und forderte insgesamt etwa eine Million Opfer. Der Irak blieb ein Sicherheitsrisiko in der Region. Nachdem das Land bereits 1961 und 1973 einen „Anschluß“ des benachbarten Scheichtums Kuweit erzwingen wollte, drang im August 1990 die Armee Bagdads in den Kleinstaat ein und okkupierten ihn. Die meisten arabischen Staaten solidarisierten sich mit Kuweit und schickten symbolische Truppenkontingente nach Saudi-Arabien. Gleichzeitig setzten die USA und Großbritannien ihre Militärmaschinerie in Gang und trieben ab Januar 1991 den Aggressor zurück. Allerdings zerschlugen die Alliierten das Sadam-Regime nicht völlig: Dieses hatte noch Kraft genug, unter den Augen der Weltöffentlichkeit einen Aufstand der Kurden und Schiiten brutal niederzuwerfen. Der seit 1979 diktatorisch herrschende Sadam Hussein blieb weiter unbehelligt im Amt.