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Reformation

Lexikon Politische Bildung Als Reformation (lateinisch: Erneuerung, Wiederherstellung) wird eine religiöse Bewegung aus dem 16. Jahrhundert bezeichnet. Sie richtete sich zunächst gegen Missstände in der westlichen (römisch-katholischen) Kirche, zog in ihrem Verlauf aber tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen mit sich. In Deutschland werden die Jahre zwischen 1517 und 1648 als Zeit der Reformation bezeichnet. Für die christiliche Kirche stand am Ende dieser Periode eine Spaltung, die bis heute nicht überwunden ist: Neben der katholischen Kirche entstand die evangelische (protestantische) Kirche.

Martin Luther gilt als Begründer der deutschen Reformation. Am 31. Oktober 1517 soll der Augustinermönch und Professor der Theologie an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg (heute: Lutherstadt Wittenberg) seine berühmten 95 Thesen angeschlagen haben. Er protestierte damit gegen den kirchlichen Ablasshandel, bei dem man sich mit Geld von seinen Sünden freikaufen konnte und lud zu einer akademischen Diskussion über Misstände in der römisch-katholischen Kirche ein.

Seine Ideen waren auf eine kirchliche Erneuerung (Reformation) gerichtet, wurden von anderen aber auch schnell radikaler aufgefasst und auf gesellschaftliche Missstände, insbesondere die miserable Lage der Bauern, übertragen. Herausragende "Radikale" dieser Zeit waren Andreas Karlstadt, der zu den „Bilderstürmern“ zählte, Kirchen verwüstete und mit dem sich Luther deshalb überwarf. Oder der Prediger Thomas Müntzer, dessen Theologie auch vor der sozialen Revolte nicht Halt machte. Er wurde zu einem Führer der Bauern und im Mai 1525 hingerichtet.
 

Reformation oder Reformationen

Erinnern an die Reformation

Der 31. Oktober ist einigen deutschen Bundesländern, darunter auch in Brandenburg, ein gesetzlicher Feiertag. Er erinnert an den angeblichen Thesenanschlags Martin Luthers im Jahr 1517 und wird als Reformationstag begangen. Zum 500jährigen Jubiläum 2017 ist der Tag bundesweit ein Feiertag.

Die Reformation war keine Bewegung, die auf die deutschen Länder begrenzt war. Es ist deshalb auch richtig, von Reformationen zu sprechen, die sich im 16. Jahrhundert in verschiedenen Ländern Europas entwickelten. In der Schweiz gelten zum Beispiel Huldrych Zwingli (1484–1534) und Johann Calvin (1509–1564) als Begründer der Reformation. Die Unversöhnichkeit zwischen Luther und ihnen führten zu einer Spaltung der Reformation in einen lutherischen und einen reformierten Flügel und in der Folge zu einer Spaltung der protestantischen Kirche.

Besonders Johann Calvin hatte sehr weiten Einfluss. Seiner Lehre schlossen sich vor allem Gemeinden in den Niederlanden, am Niederrhein und in Frankreich an. Die französischen Reformierten, die unter dem Namen „Hugenotten“ bekannt wurden, mussten ab 1685 ihren Glauben aufgeben oder das Land verlassen. Viele von Ihnen fanden in Brandenburg eine neue Heimat. Denn Kurfürst Johann Sigismund (1572–1619) war schon 1613 vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis übergetreten.
 

Reformation von oben

In Deutschland war die Reformation stark mit den Landesfürsten verbunden. Diese wollten ihre Territorien des alten Reiches zu weitgehend unabhängigen Einzelstaaten ausbauen. Diese Entwicklung war bereits im Gang gewesen, bevor Luther auftrat, aber sie holte sich von Luthers Reformation die weltanschauliche Rechtfertigung. Umgekehrt entging Luther einer Verurteilung als Ketzer und dem Tod, weil Sachsens Kurfürst Friedrich der Weise (1463–1525) ihn schützte. Für beide Seiten, die Fürsten und den Reformator, war es eine win-win-Situation. Auch in den skandinavischen Ländern wurde die Reformation unter fürstlicher Leitung eingeführt. So bilderte der Protestantismus dort, wo er die dominierende Konfession wurde, eine besondere Nähe zur staatlichen Macht aus.

Ein Fürst war es auch, der die Spaltung der protestantischen Kirche in Deutschland beendete. 1817, 300 Jahre nach der Reformation, verordnete König Friedrich Wilhelm III. von Preußen die organisatorische Aufhebung der protestantischen Kirchenspaltung in Deutschland und erließ ein Dekret zur Schaffung einer einheitlichen Evangelischen Landeskirche.
 

Deutsche Sprache und Herrschaft der Schrift

Ein wesentliches Element der Reformation war die Bildung. Lesen wurde zum Allgemeingut. Bildung galt als kultureller Wert an sich. Schule vermittelte Kompetenz für die Emanzipation der Bürgergesellschaft. Lesen konnte aber, namentlich in Deutschland, nur deshalb zum Allgemeingut werden, weil Luther nicht mehr das Latein der Gelehrten nutzte, sondern das Deutsch seiner Mitmenschen. Die deutsche Sprache breitete sich aus.

Die Verwendung der Volkssprache für Bibeltexte, aber auch in theologischen Streitschriften, hat jedoch eine Kehrseite. Sie machte Luthers Schriften zwar populär, aber nur dort, wo man Deutsch sprach. Die Rezeption in der europäischen Gelehrtenwelt, für die Latein das war, was heute im Wissenschaftsbetrieb Englisch ist, wurde durch die Verdeutschung der Reformation wesentlich eingeschränkt.

Darüber hinaus hat Luthers kompromisslose Berufung auf das Wort, wie es geschrieben steht, bis heute Folgen für unseren Umgang mit Schrifttexten. Denn in der Tradition Luthers entwickelte sich gerade in Deutschland eine Schriftgläubigkeit, die ihresgleichen sucht. Was geschrieben steht, genießt bis heute eine so hohe Autorität, dass eine kritische Prüfung des Inhalts oft nur zögerlich stattfindet.
 

Reformation heute

Die Ideen der Reformationszeit und ihre Folgen haben unsere Gesellschaft in einem Maß geprägt, die weit über religiöse Belange hinausgehen. Ein reines "Kirchending" ist die Reformation deshalb bis heute nicht. Auch für nicht religiöse Menschen gibt es Einiges zu entdecken.


T.W., Februar 2017