Leichte Sprache

Zeit im Film: Selbstfindung zur Demokratie

Zeit im Film, Filmblatt Nr. 15, Cinegraph Babelsberg 2001, S. 4In der zweiten Phase der Re-education, der so genannten Re-orientation, entstanden unter dem Office of the High Commissioner for Germany (HICOG) in Zusammenarbeit mit deutschen Filmproduzenten ab Ende der 1940er Jahre die „Zeitfilme“, so genannt nach dem Label „Zeit im Film“, gewidmet der Selbstfindung der Deutschen zur Demokratie.

In einfachen Sujets enthalten sie die Essenz der Menschen- und Bürgerrechte. Sie stellen eine Vielzahl von Lebenssituationen vor, in denen demokratisches Verhalten gelebt werden kann: Basis selbstbestimmter Demokratie, die mit den Haupt- und Staatsaktionen nur den Begriff gemeinsam hat.  

Unter dem programmatischen Label 'Zeit im Film’ warben zwischen 1949 und 1952 kurze Dokumentarfilme und dokumentarisch angelegte Kurzspielfilme für eine demokratische Geisteshaltung in der amerikanischen Zone und in der Bundesrepublik. Diese Filme wurden als Teil der Re-education- und Re-orientation-Politik vom Office bzw. in dessen Auftrag von neulizensierten deutschen Firmen produziert. (...) Die Filme der Produktion 'Zeit im Film’ (Zeitfilme) sind, kurzgefaßt, Werbefilme für die Demokratie. (...) Vorgestellt werden in der Regel Alltagssituationen, in denen Bürger sich zur Wahrung ihrer Interessen in Arbeitsgemeinschaften zusammenschließen und die Lösung ihrer Probleme kooperativ angehen. (...) Eigeninitiative, Diskussionen, Vertrauen und Zuversicht, Weiterbildung, internationale Verständigung, Denken im globalen Maßstab, deutsch-amerikanische Freundschaft sowie Anti-Kommunismus sind einige der zentralen Werte, die in diesen Filmen angesprochen werden. Die Themen umspannen Diskussionstechniken, Volkshochschulen, Freizeitgestaltung, Blutspenden, Verkehrserziehung, Wiederaufbau, Marshall-Plan-Hilfe, Flüchtlings- und Wohnungsproblematik, Polizei, Justiz sowie den Ost-West-Gegensatz. Ursachenforschung findet in (...) '

Zeit im Film’ nicht statt - der Blick wird stattdessen konsequent nach vorne gerichtet, auf das Erlernen und Neu-Lernen demokratischer Verhaltensweisen. Die Demokratie wird aber nur selten durch ihre Organisationsprinzipien wie freie Wahlen und Gewaltenteilung vorgestellt; Demokratie beschränkt sich auf die aktive Teilnahme des Bürgers an der Gestaltung seiner unmittelbaren Umgebung und auf eine veränderte Form der Meinungsbildung. Diskutieren wird so als eine neue Geisteshaltung angesprochen, deren Grundregeln, wie z.B. Toleranz, man (...) lernen kann. Es geht darum, jeweils alle Seiten eines Problems zu beleuchten, so daß jeder einzelne sich seine Meinung bilden kann. Die Jugend (bildete) die Hauptzielgruppe der Re-education und Re-orientation. Viele Zeitfilme machen vor allem den Zuschauern Mut, ihre Lethargie zu überwinden und die Probleme aktiv anzugehen.“ (Goergen 2004, S. 4ff*)

Die deutsche Politik hat sich davon wenig beeindrucken lassen. Was immer als Handicap dieser Filme überliefert wurde, ihr idealtypisches und aufs demokratische Prozedere beschränkte Bild, das mit sozialer Wirklichkeit und politischer Interessenlage nichts zu tun hatte, machte sie der „großen“ Politik zur Bagatelle. Der Vorbehalt verdeckt die für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbaren Lernprozesse, die von politischen Slogans nicht ersetzt werden können und für die diese Filme modellhaft stehen. Könnte also, so die Vermutung, die mehr als ein frommer Wunsch sein möchte, von dem Bild von Demokratie, das die Filme zeichnen, immer noch gelernt und für den heutigen Reformbedarf profitiert werden?

Was den Filmen als Nachteil angezeigt wird, gereicht ihnen zum Vorzug. Die Filme sehen vom Inhaltlichen ab, weil das ablenken würde von jenem Wesentlichen, auf das die Filme aus sind, nämlich demokratische Verhaltensweisen oder, mit anderen Worten, Demokratie als Lebensform. Das Absehen vom institutionellen Prozedere schließlich signalisiert den Stellenwert, den Institutionen der Demokratie im amerikanischen öffentlichen Leben haben.

Ein Nebenaspekt ist das Zeugnis, das diese Filme vom deutschen Verständnis amerikanischer Problemlagen ausstellen, die sie, dritter Gesichtspunkt, ihrer so ganz anders veranlagten Gesellschaft vermitteln, auf deren Fragen sie antworten, die sie nie gestellt hat. Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass hier die erste Frage die nach Rolle und Rang der Institutionen, des Staates, der Parteien, also nach Demokratie als Regierungsform war. Das Ausbleiben einer Antwort darauf stellte diese Filme ins politische Abseits der sich neu organisierenden Bundesrepublik. Diese Re-orientation war nicht gebraucht. Die Kinoauswertung war folgerichtig der eher geringere Teil der Übung. Die Filme waren vor allem für Schülerbildung, Jugendarbeit und Erwachsenenweiterbildung gedacht, liefen in Klubs, Amerikahäusern und Bildungseinrichtungen und setzten auf Langzeitwirkung. Was nicht schlechter war.

Von diesem Punkt aus gesehen hat die historisch unstatthafte Frage “Was wäre, wenn...“ vielleicht doch einen zulässigen, wenngleich hinterhältigen Sinn.

Noch keine Bewertungen vorhanden