Leichte Sprache

„Walküren, Mädels, Mütter“

Frauen und Mädchen in der extremen Rechten

„Es war wie im Horrorfilm“, sagte der 24jährige Tamás B. als Zeuge vor Gericht. Er war zusammen mit seinem Freund Christoph B. (26) am 3. Juli 2005 aus einer Gruppe von rund 15 Neonazis brutal angegriffen worden. Die Angreifer, darunter Mitglieder der verbotenen Kameradschaft „Tor“ (Berlin) und der Potsdamer Anti-Antifa, hatten den Tag bei einem Grillfest unter 60 Gesinnungsgenossen verbracht und befanden sich auf dem Rückweg in der Straßenbahn.

Buchcover: Mädelsache!Im Vorbeifahren erkannte einer der Angeklagten Tamás B. als „stadtbekannte Zecke“ und zog die Notbremse. Einige Täter streiften sich die Kapuzen ihrer Pullover und Handschuhe über. Mit dem Ruf, „scheiß Zecken, wir machen euch platt!“, wurden die beiden Opfer umringt und angegriffen. Christoph B. erinnerte sich besonders „an das hassverzerrte Gesicht der jungen Frau“.

Die 18jährige Sandra C. fiel durch ihre Brutalität auf: Sie war die erste, die zuschlug – mit einer berstenden Bierflasche prügelte sie Tamás B. bewusstlos –, sie war die letzte, die den Tatort verließ. „Möglicherweise“, gestand sie vor Gericht, „aus politischem Hintergrund“. Sie musste von zwei Mittätern weggezerrt werden, um von dem bewusstlosen Opfer abzulassen, auf das sie eintrat, wie sich ein Zeuge erinnerte.

Tötungsvorsatz als Tatmerkmal des versuchten Mordes konnte das Gericht nicht nachweisen, daher verurteilte die Richterin am Landgericht Potsdam Sandra C. wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren und drei Monaten Haft ohne Bewährung. Diese nach Jugendstrafrecht ungewöhnlich hohe Haftstrafe verdankt die junge Rechtsextremistin auch ihrem Vorstrafenregister: Körperverletzung und Widerstand gegen die Staatsgewalt.

 

Weibliche Tatverdächtige „politisch motivierter Kriminalität -rechts-“ (PMK)

Mit dieser Tat ist Sandra C. eine von sieben tatverdächtigen Frauen und Mädchen des Jahres 2005, denen in Brandenburg die Beteiligung an einem „politisch motivierten“ Gewaltdelikt – rechts – vorgeworfen wurde. Zum Vergleich: In 2005 gab es in Brandenburg zusammen 235 Tatverdächtige in Fällen der politisch motivierten Gewaltkriminalität -rechts- bei insgesamt 116 Gewaltverbrechen, von denen 97 rechtsextremistisch motiviert waren.

Nach Angaben des brandenburgischen Innenministeriums lag der Anteil von Frauen und Mädchen an den Tatverdächtigen im Bereich der politisch motivierten Gewaltkriminalität in den Jahren 2001 bis 2004 zwischen acht und zwölf Prozent. Der Befund liegt etwas unter dem Anteil tatverdächtiger Mädchen und Frauen an Gewaltkriminalität ohne politische Motivation im Jahr 2004: (Vorsätzliche leichte) Körperverletzung 15,3 %, Gefährliche und schwere Körperverletzung 14,0 %, Gewaltdelikte 12,9 %, Mord und Totschlag 12,7 % und Straftaten gegen die persönliche Freiheit 12,6 % (PKS 2004).


Bundesweite Statistik

Die brandenburgischen Zahlen liegen deutlich höher als das Ergebnis der bundesweiten Auswertung aus den Jahren 2001 bis 2005. Laut Angaben des Bundeskriminalamtes lag der Anteil weiblicher Tatverdächtiger an Delikten der politisch motivierten Kriminalität -rechts- (alle Deliktbereichen) in den Jahren 2001 bis 2005 zwischen 6,32 Prozent (855 tatverdächtige Frauen und Mädchen) in 2005 und 7,97 Prozent (1.019 tatverdächtige Frauen und Mädchen) in 2002.

Wenig überraschend fällt der Prozentsatz an tatverdächtigen Frauen und Mädchen bei den Gewaltdelikten noch ein wenig niedriger aus: In 2005 waren hier 5,97 Prozent der Täter weiblich (135 tatverdächtige Frauen und Mädchen), und 2003 markiert die Spitze mit 141 Täterinnen, das entspricht 6,98 Prozent. In absoluten Zahlen wurde 2002 mit 156 tatverdächtigen Täterinnen (6,72 Prozent) an Gewaltverbrechen ein trauriger Höhepunkt erreicht.

Wie bereits in Brandenburg fallen diese Zahlen geringer aus als der Anteil tatverdächtiger Täterinnen an Kriminalität ohne politisch motivierten Hintergrund: In 2005 gab es laut Ausweis der polizeilichen Kriminalstatistik 23,7 Prozent tatverdächtige Frauen und Mädchen. 

 

Neonazistische Frauengruppen in der Bundesrepublik

1970 - 1979

  • Mädelbund der Wiking-Jugend (verboten 1994)


1980 - 1989

  • Deutsche Frauenfront (DFF)
  • FAP Frauenschaft (verboten 1995)


1990 - 1999

  • Skingirl-Freundeskreis Deutschland (SFD)
  • Women for Aryan Unity (WAU)
  • Freier Mädelbund Bad Gandersheim
  • Nationaler Mädelbund Thüringen
  • Mädelkameradschaft Sachsen-Anhalt
  • Gemeinschaft deutscher Frauen (GdF)
  • Nationale-Weiber-Aktionsfront (NWAF)
  • Bund heimattreuer Frauen (B.h.F.)
  • Mädelschar Deutschland - Arbeitskreis Mädelschar
  • White German Girls
  • Kraft Deutscher Mädels (K.D.M.)


seit 2000

  • JN-Mädelbund NRW
  • Mädelkameradschaft Ruhrgebiet
  • Initiative der weißen Mädels (idwm)
  • Frauen in der Fränkischen Aktionsfront (verboten 2004)
  • Skingirl Union Deutschland
  • Germanischer Frauenbund (GFB)
  • Aktive Frauenfraktion (AFF)
  • Mädelkameradschaft der Kameradschaft Tor (verboten 2005)
  • Mädelring Thüringen


Quelle: Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hrsg.): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. Münster 2005, S. 21