Leichte Sprache

Antisemitismus in Musiktexten

In seinem Artikel „Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch“ (Merkur, Heft 1/1982, S. 13-25) kennzeichnete Moishe Postone, Professor für Geschichte an der Universität Chicago, solche Formen des Antikapitalismus als zentralen Bestandteil des „modernen Antisemitismus“, die den Kapitalismus als „widernatürlich“, als „seelenlos“, als „ungesund“ respektive „krank“, als „kalt“ usw. brandmarken.

Postones Kommentar gilt in der Linken als einer der Schlüsseltexte in der bis heute erbittert geführten Debatte über den „Antisemitismus eines verkürzten Antikapitalismus“. Wo jedoch dort Antisemitismus meist nicht offen formuliert wird, sondern sich hinter der Kritik vom „kalten“ und „seelenlosen“ Kapitalismus versteckt hält oder hinter Angriffen gegen den „imperialistischen“ Staat Israel (vgl. „Rock gegen ZOG“), muss man mehr oder minder offen formulierten Antisemitismus seitens des Rechtsextremismus meist nicht lange suchen.

 

Antisemitisches Plattencover der Ska-Band SKA-PDas Cover stellt die gleichen antisemitischen Stereotype bildlich dar, wie sie u. a. von der neonazistischen Band Faustrecht besungen werden.

Abgebildet ist ein „Kapitalist“ in den klassischen antisemitischen Zuschreibungen – wulstiges Gesicht, breite Lippen, Hakennase, buschige Augenbrauen –, der einen „Arbeiter“ als Marionette in den Händen hält.

Auch dieses Bild vom „Kapitalisten“, der die „einfachen Leute“ mittels Kapital wie Marionetten dirigiert, gehört ins Repertoire des klassischen Antisemitismus.

Mit „El Vals Del Obrero“ gelangten SKA-P zu internationaler Popularität in linken und globalisierungskritischen Kreisen.

 

So hält sich der von der NPD im sächsischen Landtagswahlkampf verteilte „Schulhof“-Sampler in diesem Punkt zwar zurück, um sein agitatorisches Anliegen nicht zu überspannen, jedoch lassen sich einschlägige antisemitische Äußerungen der auf der CD versammelten Bands und Musiker ohne allzu große Probleme nachweisen.

So beispielsweise bei der auf der CD vertretenen Band Faustrecht in ihrem Debüt „Blut, Schweiß und Tränen“ von 1997, wo es in der Diktion der lupenreinen Antisemiten heißt:

Seit dem Mittelalter zieht ihr die Fäden, lasst Regierungen nach eurem Sinne reden. Viele Revolutionen habt ihr inszeniert, um zu zeigen, wer die Welt regiert
Euer Geld ist eure Macht. Euer Geld ist eure Macht.
[...]
Auch von Europas dunkler Zeit, den Bruderkriegen habt ihr profitiert durch eure Intrigen. Vernichtet Nationen für des Geldes Macht, zerstört Kulturen, in Europa wird’s Nacht.
[...]
Im Zeichen der Freimaurerei!
Nach endlosen Kriegen habt ihr nun gesiegt. Die ganze Welt eurem Diktat unterliegt. Die Wirtschaft und Medien sind in eurer Hand, diese Fakten sind nicht jedem bekannt.
Euer Geld ist eure Macht. Euer Geld ist eure Macht.“

(Faustrecht: F. G. B. Auf: Blut, Schweiß, Tränen. Pühses Liste 1997)


Faustrecht: Klassenkampf. 2002 Im Text sind einige der gängigsten antisemitischen Stereotype versammelt.

Besonders perfide stellt sich die Behauptung dar, die Juden hätten den Zweiten Weltkrieg („Dunkle Zeit“, „Bruderkriege“) angezettelt und von ihm profitiert – eine Unterstellung, die „den Juden“ nicht nur die Kriegsschuld unterschiebt, sondern letztlich auch am millionenfachen Mord in deutschen KZs.

 



 

Rechtsextreme Legenden und Mythen: Jüdische Kriegserklärungen an Nazi-Deutschland

Dass „die Juden“ dem Dritten Reich nach der Machtergreifung der Nazis den Krieg erklärt hätten und daher der Zweite Weltkrieg ein Akt der Selbstverteidigung gewesen sei, dieser Mythos kursiert in nahezu allen rechtsextremen Kreisen vom Geschichtsrevisionismus zum Neonazismus. Diese Deutung, die einzig auf einem Artikel beruht, der am 24.3.1933 im Londoner Daily Express erschien, unterschlägt die Tatsache, dass es damals wie heute keine „jüdische Regierung“ oder ein anderes, wie auch immer geartetes Gremium „der Juden“ in ihrer Gesamtheit gab, das dem Dritten Reich offiziell den Krieg hätte erklären können.

Unter dem so reißerisch wie sachlich falschen Titel, „Judea Declares War on Germany“ („Judea erklärt Deutschland den Krieg“) berichtete der Daily Express vielmehr über die empörten Reaktionen auf die mittelalterlich anmutende Hetze („medieval Jew-baiting“) Nazi-Deutschlands gegen jüdische Bürger. Londoner Händler hatten als Privatpersonen zu einem Boykott gegen deutsche Waren aufgerufen. Tatsächlich berichtet der Daily Express, dass das Board of Deputies of British Jews – die offizielle Vertretung jüdischer Bürger in Großbritannien – sich erst Tage später treffen werde, um in Sachen Boykott eine Entscheidung zu fällen.

Über dieses Zusammentreffen des Board berichtete die Londoner Times vom 27.4.1933: „Die Vertretung der in Großbritannien ansässigen Juden, der Jewish Board of Deputies, erklärte vielmehr ..., er wolle sich nicht in innerdeutsche Angelegenheiten einmischen. Boykottmaßnahmen und Protestversammlungen seien 'spontane Ausbrüche der Empörung' einzelner Personen, aber nicht vom Board organisiert.“

Auch in Nazi-Deutschland gab es von offizieller Seite keinerlei Reaktion, die darauf schließen lässt, dass die weltweite Empörung über den Antisemitimus, die sich gelegentlich in Boykott-Aufrufen Luft machte, als „offizielle Kriegserklärung“ gewertet wurde.

Literatur:
– Wolfgang Benz (Hrsg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. München 1992
www.h-ref.de/feindbilder/juedische-kriegserklaerungen/ 
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Kommentare

alter verwalter

Seh ich genau so. Nur weil eine Person "Politikwissenschaftler" der Ansicht ist, dass dem so ist, heisst das nicht, dass es der Weißheits letzer Schluss ist. Vor allem ist der zusammenhang zwischen Ska-P und rechtsextremistischem Rock total an den Haaren herbei gezogen! Antikapitalismus mit Antisemitismus gleich zu stellen ist das letzte. Kein wunder dass heutzutage so ein Reichsbürgerwahn am toben ist. Und sowas nennt sich "politische Bildung" Lächerlich! Ihr habt alle hart einen am Sender!
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 Ihr habt doch echt den

 Ihr habt doch echt den Schuss nicht gehört. Sicher, die Darstellung des "Kapitalisten" auf dem Cover ist arg klischeehaft. Aber diesem Typen ein jüdisches Aussehen anzudichten zeugt doch eher von den eigenen antisemitischen Ressentiments als von denen der Band. Ich finde eher, dass der Mann wie ein wohlgenährter Klischee-Spanier aussieht, und etwas Ähnliches wollte die Band wohl auch darstellen.

Wer hinter allem und jedem Antisemitismus lauern sieht, verharmlost den wirklichen Antisemitismus und macht die gesamte antifaschistische Szene auf lange Sicht lächerlich.

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