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Preußische Tugenden

Längst vergessen oder wieder erwünscht?
Preußische Tugenden

Rainer Ehrt karikiert preußische Tugenden - oder sind es Untugenden? Eigens für die Ausstellung in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung hat Ehrt Porträts von Persönlichkeiten unserer Zeit angefertigt und sie "preußischen Tugenden" zugeordnet. Der Betrachter entscheidet, ob er damit richtig liegt. Inmitten der Krisen - vielleicht braucht man neue Tugenden?

Nicht Friedrich II., sondern sein Vater Friedrich Wilhelm I. gilt als der Begründer der preußischen Tugenden. Der hatte mit seiner Thronbesteigung einen heruntergekommenen, überschuldeten Staat übernommen und ihn mit harter Hand reformiert und saniert. Für Prunksucht war fortan kein Geld mehr da, Sparsamkeit, Ordnung, Fleiß und Bescheidenheit wurden zur Devise des ungehobelten, aber gottesfürchtigen Königs. Er baute das preußische Heer auf, getrieben von dem Wunsch, sein Land besser vor Angriffen zu schützen und nicht, um selbst anzugreifen. Seine besondere Vorliebe galt den „Langen Kerls“, nach denen er europaweit suchen ließ und hohe Summen für sie bezahlte. Auch wenn er nie einen Krieg führte, ging Friedrich Wilhelm I. doch mit dem Beinamen „Soldatenkönig“ in die Geschichte ein.

Sein Sohn Friedrich II., schöngeistig, begabt und bildungshungrig, übernahm vom verhassten Vater eine gut aufgestellte Armee und stabile Staatsfinanzen. So ausgerüstet, begann er, anders als sein Vater, gleich nach der Thronbesteigung gegen seine Nachbarn Krieg zu führen. Die militärischen Siege – schwer errungen und opferreich – wurden zur Basis der Mythenbildung: Aus dem jungen König wurde schon zu Lebzeiten Friedrich der Große, der sich mit den Attributen Tapferkeit, Gerechtigkeit und Volksverbundenheit schmücken durfte. Später dann, als er für seine Umgebung längst zum schwer erträglichen, missmutigen Zyniker geworden war und von seinen Untertanen der „Alte Fritz“ genannt wurde, blieb er dennoch das Sinnbild für Härte, Pflichtbewusstsein und Disziplin.

Lange galten die preußischen Tugenden ausschließlich für das Militär. Drill, Gehorsam und Disziplin waren notwendige Grundlagen für eine funktionierende Armee. Unter König Wilhelm I. wurde Mitte des 19. Jahrhunderts das preußische Heer reformiert, die nötigen finanziellen Mittel nach heftigem Konflikt mit dem preußischen Landtag nachträglich bewilligt. Der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck, damals von Wilhelm I. zum Preußischen Ministerpräsidenten ernannt, spielte hierbei eine nicht unwichtige Rolle.

Der gewonnene Deutsche Krieg von 1866 machte den Weg frei für eine Neuordnung der deutschen Länder unter preußischer Führung und beförderte ein neues Nationalbewusstsein, das sich mit dem Sieg über Frankreich 1870/71 zum Nationalstolz steigerte und mit der Kaiserkrönung in Versailles und der Gründung des Deutschen Reiches ihren Höhepunkt fand. 

Fortan bestimmten militärische Tugenden auch die zivile Gesellschaft, wurden Maßstab bei der Erziehung, fanden Eingang in Schulen und Amtsstuben. Der hackenschlagende, obrigkeitstreue und tapfere Offizier galt im Ausland als Zerrbild des preußischen Militarismus, sein demonstratives Pflichtbewusstsein und sein an Kargheit grenzender Lebensstil wurden zu den öffentlich verachteten, von manchen auch heimlich bewunderten, preußischen Tugenden. 

Diese Tugenden galten seitdem als „typisch deutsch“ und standen in augenfälligem  Kontrast zur sprichwörtlichen französischen Lebensart, der italienischen Leidenschaft oder dem walzerseligen Charme der Österreicher. Selbst als das Kaiserreich 1918 unterging, wurden die preußischen Tugenden zur Grundlage einer gut funktionierenden Verwaltung in der Weimarer Republik. Die Nazi-Propaganda stilisierte Friedrich II. zum siegreichen Heerführer und erhob die Tugenden Treue, Tapferkeit und Pflichtbewusstsein zum gedankenlosen Gehorsamkeitskanon ihrer Weltanschauung – mit grauenhaften Folgen. 

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Preußen durch die alliierten Siegermächte abgeschafft – die preußischen Tugenden aber existieren weiter. Je nach Bedarf und Mode, politischer Überzeugung oder Abneigung werden sie verteidigt oder verdammt. Kabarettisten und Karikaturisten bedienen sich ihrer, um sie mit bösem Humor und um 180 Grad gedreht, als Untugenden zu entlarven. Dabei ist die Liste der Tugenden weder in Anzahl noch Qualität festgelegt und deshalb gerade kein Kanon, auf den sich jedermann berufen könnte. Lässt man das „preußische“ weg, sind es sittlich-moralische Verhaltensregeln, die das Zusammenleben der Menschen erleichtern. 

Frühere DDR-Schulkinder erinnern sich deutlich und oft mit Grausen an ihre Noten in Betragen, Ordnung, Fleiß  und Mitarbeit. Mit dem Ende der DDR verschwanden auch sie. Erst nach heftigen Debatten wurden vor sechs Jahren die sogenannten Kopfnoten auf den Zeugnissen Brandenburger Schulkinder wieder eingeführt. Und obwohl seitdem in jedem Fach auch das „Arbeits- und Sozialverhalten“  bewertet wird, beklagte jüngst die Industrie- und Handelskammer bei ihren Auszubildenden den Mangel an Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Pflichtbewusstsein. 
 

Rainer Ehrt ist kein Tugendwächter, aber ein profunder Preußenkenner. Er  beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit allem Preußischen, was in künstlerischer Umsetzung auf Papier zu bannen oder als Skulptur zu formen ist: die preußischen Könige und Politiker, die preußische Geisteshaltung, die Wissenschaft und die schönen Künste, die preußische Tradition und die Art zu leben. Immer führt sein Strich bis in die Gegenwart, schlägt Brücken zwischen dem historischen Preußen und dem heutigen Gebiet von Brandenburg und Berlin. Seine satirischen Kommentare sind voller Streitlust und bösem Witz, oft drastisch und immer anspielungsreich. 

Eigens für die Ausstellung in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung hat Rainer Ehrt Porträts von Zeitgenossen angefertigt und sie zusammen mit einer stattlichen Anzahl „preußischer Tugenden“ auf einem Blatt platziert. Jeweils eine dieser Tugenden hat Ehrt hervorgehoben und sie so den „neuen Preußen“ als – nicht immer ernst zu nehmende – Eigenschaft zuerkannt. 



Es liegt jetzt im Auge des Betrachters, ob nun diese oder vielleicht eine ganz andere Tugend den Dargestellten auszeichnet – die Debatte ist eröffnet und die Auseinandersetzung mit diesem Teil des preußischen Erbes gewollt. So auf den Prüfstand gestellt, wünscht sich Rainer Ehrt angesichts der Schuldenberge, der Energiewende, der Korruptionsskandale oder der Politikverdrossenheit ein Nachdenken über die „preußischen Tugenden“. Vielleicht braucht man längst neue Tugenden? Rainer Ehrt hat Vorschläge. 
 

Landeszentrale, Juni 2012

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