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Juden sind die Urheber

„Die Juden sind die Urheber von Intoleranz und Rassenhass“

[Im 5. Buch Mose] taucht z. B. zum ersten Mal, schüchtern und verklauselt, das Gebot auf, man solle Gott den Herren lieben; zugleich brachte dieses Buch die fanatisch-dogmatische Versicherung, dass die Juden allein Gottes Volk seien, und damit in Verbindung tritt das Verbot von Mischehen zum ersten Mal auf, sowie auch das Gebot, alle ‚Heiden‘ dort, wo Juden wohnen, ‚auszurotten‘, und jeden Juden, Mann oder Weib, der nicht rechtgläubig sei, zu steinigen (XVII, 5); zwei Zeugen sollten genügen, um das Todesurteil zu sprechen: die Welt war um den Begriff der religiösen Intoleranz reicher.*

Wer auf die Frage: wer ist der Jude? eine klare Antwort geben will, vergesse das Eine nie: dass der Jude, dank dem Hesekiel, der Lehrmeister aller Intoleranz, alles Glaubensfanatismus, alles Mordens um der Religion willen ist, dass er an die Duldsamkeit immer nur dann appellierte, wenn er sich bedrückt fühlte, dass er sie selber jedoch niemals übte noch üben durfte, denn sein Gesetz verbot es ihm und verbietet es ihm auch heute – und morgen.*

Von Beginn an rechtfertigt der moderne Antisemitismus seinen Hass auf „die Juden“ paradoxerweise mit dem Argument, sie, die Juden, seien ideengeschichtlich die Urheber und Erfinder von Intoleranz, Hass und Massenmord. Es seien also die Juden gewesen, die anfänglich und ursächlich die Spirale aus Hass, Intoleranz und Gewalt ins Laufen gebracht hätten. So sprach bereits 1879 der Nestor des deutschsprachigen modernen Antisemitismus, Wilhelm Marr, von der angeblich „gesetzlich vorgeschriebenen Feindschaft gegen alle Nichtjuden.“[1]

  • Diese Vorstellung projiziert die Neigung zu Hass und Gewalt von der Ebene grundsätzlicher menschlicher Eigenschaften auf die Juden als angebliche Urheber: Daran wird die Sündenbockfunktion, die ihnen in solchen Weltbildern zukommt, überdeutlich.

Auch der Einwand, gemeint sei nicht die Gewalterfahrung an sich, sondern vielmehr ideologisch motivierte Gewalt, ist vorgeschoben und zumindest naiv. Denn:

  • wann immer und wo immer Menschen Gewalt ausübten, waren sie stets auch bemüht, den Gewaltakt zu rechtfertigen.

So sind es gerade die frühen heidnisch-vormonotheistischen Mythen, die vielfach um den Gewaltakt kreisen, ihn heroisieren und vergöttlichen. 

  • Die Vorstellung eines vormonotheistischen heidnischen Utopia, geprägt von Friedlichkeit und Toleranz, erweist sich gerade in der Analyse heidnischer Mythen als unhaltbares Wunschdenken.

„Religion“, so erklärt Ernst Cassirer, war „von ihrem ersten Anfang an eine Frage über ‚Leben und Tod‘“.[2] In der zentralen Bedeutung des Todes auf die Erfahrungswelt des Menschen liegt der Grund für die Gewaltförmigkeit seiner ersten religiösen Mythen, die den Tod und der ihm vorausgehenden Gewalt Sinn verleihen und sie rechtfertigen sollen.

Eine der zentralen Fragen, auf die die Mythen eine Antwort liefern sollen, ist jene danach, unter welchen Bedingungen die menschliche Gemeinschaft das Leben von Menschen opfern darf. Die Antwort, die der Mythos liefert, ist einfach: immer dann, wenn es gilt, die Götter zu besänftigen, um Schaden vom Rest der Gemeinschaft abzuwenden, immer dann darf den Göttern menschliches Leben zum Opfer dargebracht werden. Im Zusammenhang mit der im zweiten Eingangszitat genannten Passage auf Seite 509 spricht Chamberlain konkret von einer Bibelstelle, die die besondere Blutrünstigkeit und Intoleranz des Judentums gegenüber „allen anderen Völkern der Erde“ (S. 509) belegen soll:

Hesekiel 39, 17f:

Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen; und er schrie mit großer Stimme und sprach zu allen Vögeln, die unter dem Himmel fliegen: Kommt und versammelt euch zu dem Abendmahl des großen Gottes, Fleisch der Starken sollt ihr fressen, und Blut der Fürsten auf Erden sollt ihr saufen,“

Diese Passage (die von Chamberlain übrigens nicht nachgewiesen wird) steht ausdrücklich im Zusammenhang mit dem vom Propheten Hesekiel gewahrsagten Angriff des Fürsten Gog aus dem Land Magog auf das heilige Land Israel:

So wirst du [Gog] kommen aus deinem Ort, von den Enden gegen Mitternacht, du und großes Volk mit dir, alle zu Rosse, ein großer Haufe und ein mächtiges Heer, und wirst heraufziehen über mein Volk Israel wie eine Wolke, das Land zu bedecken.“
(Hesekiel 38, 15f.)

Woher Chamberlain die Gewissheit nimmt, „Jahve“ befehle in dieser Passage, „alle [anderen Völker der Erde] sollen vernichtet werden“ (S. 509), bleibt freilich sein Geheimnis. Ausdrücklich geht es vielmehr darum, an dem Aggressor Gog und seinem Heervolk ein Exempel zu statuieren, „auf dass die Heiden mich [Gott] erkennen, wie ich an dir, o Gog, geheiligt werde vor ihren Augen.“ (Hesekiel 38, 16).

In dem Text ist nicht davon die Rede, „die Heiden“ oder andere Völker zu vernichten, sondern davon, sie mittels einer Demonstration Gottes Macht zu beeindrucken und zu überzeugen. Das Volk Israel ist in diesem Szenario der Verteidiger, und Gog und sein Heerhaufen, denen die Prophezeiung des Hesekiel mit Vernichtung droht, sind die Aggressoren, die „heraufziehen über mein Volk Israel“.

Einen Hinweis auf die Motive der Bibel liefert vielleicht das ebenfalls von Chamberlain zitierte 5. Mose 12, 29ff., wo es den Juden zum Gesetz gemacht wird, es in religiösen Fragen nicht wie „diese Völker“ d. h. die Heiden zu halten. Denn, was sie getan haben, nämlich ihren Göttern Menschen zu opfern, das ist Gott ein Gräuel und das hasst er. Solche Passagen sind daher weniger Ausdruck von Blutrünstigkeit und Intoleranz in der Bibel.

  • Sie sind im Gegenteil der Beleg für einen Zivilisationsschritt, der die Gewalt einhegen möchte, die den heidnischen Mythen innewohnt: Ausgerottet werden sollen offenkundig heidnische Opferrituale, die „dem HERRN ein Gräuel“ sind und die er „hasst“.

Der Religionswissenschaftler René Girard notiert über die zentrale Bedeutung solcher Passagen für den biblischen Monotheismus

Das Göttliche wird nicht schwächer, indem es sich von der Gewalt trennt, vielmehr erhält es mehr Bedeutung denn je in der Person des einzigen Gottes, Jahwes, der es allein und vollständig monopolisiert und der in keiner Weise von dem abhängt, was sich unter Menschen zuträgt. Der einzige Gott ist jener, der den Menschen ihre Gewalt vorwirft und sich ihrer Opfer erbarmt, der die Opferung der Erstgeborenen durch die Darbringung von Tieren ersetzt und später sogar die Tieropfer kritisiert.“[3]

Folgt man Girards Essay „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz“, liegt die entscheidende zivilisatorische Leistung des jüdischen wie des ihm folgenden christlichen Monotheismus darin, die Mechanismen kollektiver Gewalt offen zu legen und das unschuldige Opfer in den Fokus zu nehmen:

Die [heidnischen] Mythen sind sich ihrer eigenen Gewalt nicht bewusst, die sie, ihre eigenen Opfer dämonisierend-divinisierend, auf eine transzendente Ebene verschieben. Genau diese Gewalt wird in der Bibel sichtbar. Die Opfer werden zu wahren, unschuldigen, nicht länger mehr schuldigen Opfern. Die Verfolger werden zu wahren, schuldigen, nicht länger mehr unschuldigen Verfolgern.“[4

Um es zusammenzufassen: 

  • Die von Chamberlain bemühten Passagen (Hesekiel 38 & 5. Mos. 12) werden von ihm verkürzt und böswillig falsch wiedergegeben. Die Behauptung, es sei Jahwes Gesetz an die Juden, „alle ‚Heiden‘ dort, wo Juden wohnen, ‚auszurotten‘“ (S. 505) bzw. „alle anderen Völker der Erde“ „sollen vernichtet werden“ (S. 509), ist schlicht unwahr.
     
  • Ebenfalls auf Fälschungen beruht eine ganze Literaturgattung, die versucht anhand gefälschter Talmud-Zitate die „Unmoral im Talmud“ zu beweisen, so bspw. der Titel eines Pamphlets aus der Feder des NS-Vordenkers Alfred Rosenberg.

Titel wie „Die Judenfrage als Frage des Rassencharakters“ (Eugen Dühring, 1901), „Die jüdische Weltpest“ (Hermann Esser, 1939) oder Kapitel aus dem „Antisemiten-Katechismus” / „Handbuch der Judenfrage” (Theodor Fritsch, erstmals 1897) können auf eine lange Geschichte an Talmud-Fälschungen zurückblicken, die ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Sie alle schreiben mehr oder weniger voneinander ab – nur selten finden sich „neue“ Fälschungen –, und ihnen allen ist gemeinsam, dass sie den angeblich bösartigen „Rassencharakter“ der Juden anhand gefälschter oder sinnentstellender Passagen aus dem Alten Testament und insbesondere dem Talmud zu belegen trachten.

Unterschiede ergeben sich allein aus dem religiösen Standpunkt des jeweiligen Autors: wo sich christliche Antisemiten ausschließlich auf den Talmud berufen, dort können neuheidnisch-völkische Autoren auch auf die Thora zum vermeintlichen Beleg ihrer kruden Thesen verweisen.

Die Liste an Vorwürfen, die diese Literatur anhand gefälschter Bibel- und Talmudzitate zu belegen trachtet, ist lang: Den Juden sei es im Umgang mit Nicht-Juden erlaubt, alle denkbaren Tricks und kriminellen Praktiken zur Anwendung zu bringen, um die Nicht-Juden zu übervorteilen. Und schließlich gipfeln die Vorwürfe in der Behauptung, es sei den Juden erlaubt bzw. befohlen, Nicht-Juden zu ermorden; das Judentum sei Urheber von Intoleranz, Hass und Gewalt.

Bereits 1871 belegte der Rabbiner Dr. I. Kroner in Erwiderung des Hasspamphlets „Der Talmudjude“ von August Rohling (1871) Punkt für Punkt die Fälschungen, Verzerrungen und die Plagiate aus anderen bekannten antisemitischen Traktaten. Kroner bilanzierte seine Untersuchungsergebnisse so:

Wir haben 61 Talmudstellen geprüft und ergeben hat sich, daß 29 verdreht oder entstellt, 27 gar nicht vorhanden also erfunden, bei 3 sich Druckfehler fanden. Also von 61 Talmudstellen sind 58 theils verdreht und entstellt, theils erfunden. [...].

Ich versichere, daß der Herr Professor selbst nicht gelogen, nicht gefälscht hat. Er hat sich auf lügnerische oder vielleicht selbst wieder belogene Zeugen verlassen. Wenn Leute sagen möchten: der Herr Professor hat Alles abgeschrieben, so würde ich denen eher zustimmen. [...] Das Eine aber müssen wir nun festhalten. Der Herr Professor kennt den Talmud fast gar nicht und kann nicht ein Blatt in demselben ohne Fehler lesen, [...] Wenn aber der Herr Professor den Talmud nicht kennt, so ist ihm Nichts von dem, was er über den Talmud sagt, zu glauben. [...]

So wie er im Talmud unwissend ist, so und noch mehr ist er es in den andern citirten rabbinischen Schriften. Ich glaube sogar, daß er noch keine einzige von denselben je in Händen gehabt. Darum, werther Leser, willst du in Wahrheit den Talmud kennen lernen, so geh und lerne ihn an der Quelle. Das Eine aber sei so freundlich dir zu merken, daß der Talmud niemals ein Gesetzbuch für uns war und es nie sein kann. Unser Gesetzbuch aber lehrt, daß wir Jedem ohne Ausnahme wohlthun sollen.“[5]

Wenn Theodor Fritsch im Schlusswort seiner Übersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion“ (die, wie damals schon bekannt war, ebenfalls eine Fälschung sind) behauptet, der „Judengott“ sei nur für sein besonderes Volk da; er erlaube ihm „allerlei Unrecht gegen andere Völker“ und trage den Juden geradezu die „Ausrottung“ nichtjüdischer Völker auf[6], dann basiert das unmittelbar auf solchen Verdrehungen und Fälschungen, wie Kroner sie bereits 1871 nachgewiesen hatte.

Heute hört man den Vorwurf, das alte Testament und der Talmud seien gewissermaßen die Urschrift rassistischer Doktrinen auch in dezidiert antirassistischen Milieus.

  • Dagegen ist einzuwenden, dass es völlig unzulässig ist, ein Konzept wie das von der „Rasse“, dessen Entstehen auf das 18. und 19. Jahrhundert datiert, auf einen Text anzuwenden der rund 2.000 Jahre älter ist.
     
  • Derart alte Texte, wie es die Bibel oder auch bspw. der Koran sind, wortwörtlich in die Gegenwart zu übertragen, heißt nicht nur, sie außerhalb ihres historischen Entstehungszusammenhang zu lesen, sondern sie wie ein religiöser Fundamentalist zu interpretieren. Sowohl religiöse Fundamentalisten als auch der Antisemiten behaupten buchstabengetreue Gültigkeit von Texten, die vor über 2.000 Jahren verfasst worden sind. Dieses Denken ignoriert die gesamte jüdisch(-christliche) Ideengeschichte, in der zentral um die Frage gestritten wurde, wie die heiligen Texte zu verstehen und zu interpretieren seien.
     
  • Die Behauptung, in der Bibel und insbesondere im Alten Testament finde sich Rassismus, gehört – wie gezeigt wurde – fest ins Arsenal des modernen Antisemitismus.
     
  • Mit dem Wissen um die Shoa, also um die Ausrottung des europäischen Judentums durch den deutschen Vernichtungsantisemitismus, bekommt die Behauptung, die Juden seien die Urheber von Intoleranz und Rassismus eine neue Dimension des Judenhasses.
     
  • Denn nun erscheint der Mord an Juden als ein Ergebnis einer spezifisch jüdischen Art des Denkens. Die Juden / das Judentum sind in dieser Sichtweise die Urheber von Rassismus und daher letztlich selbst schuld. Diese Form des Judenhasses nennt die Forschung sekundären Antisemitismus, oder: Antisemitismus der Schuldabwehr.
     
  • Die Bezeichnung vom „Antisemitismus der Schuldabwehr“ ist durchaus irreführend. Denn wer behauptet, dass die Juden als Urheber von Rassismus selbst schuld am Judenmord seien, wehrt ja nicht nur die Schuld der deutschen Täter ab. Er liefert ihnen vielmehr im Nachhinein das Tatmotiv: Die Juden seien selbst schuld, und die Täter hätten recht daran getan, die ständige Ursache von Intoleranz und Rassenhass vom Erdboden zu tilgen – so klingt die Botschaft in der Behauptung von den Juden als den Urhebern des Rassismus.



Benjamin Weissinger und Jan Buschbom
2008

 

 



1) Wilhelm Marr: Der Sieg des Judenthum über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet. Bern 1879. S. 6.

2) Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens. Frankfurt a. M. 1985. S. 67.

3) René Girad: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums. Frankfurt a. M., Leipzig 2008. S. 154.

4) René Girad: Satan A. a. O. S. 186.

5) I. Kroner: Entstelltes, Unwahres und Erfundenes in dem „Talmudjuden“ Professor Dr. August Rohling’s. Nachgewiesen vom Rabbiner Dr. [I.] Kroner, Seminar-Director. [I. Theil] (E. Obertüschen) Münster 1871(1); auf: http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/3%20KronerI1871.pdf; eingesehen am 30.10.08. S. 45ff)

6) Theodor Fritsch (Hrsg.): Die zionistischen Protokolle. Das Programm der internationalen Geheim-Regierung. Aus dem Englischen übersetzt nach dem im Britischen Museum befindlichen Original. Mit einem Vor- und Nachwort von Theodor Fritsch. Leipzig(2) 1924. S. 68f.

 

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