Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?
Thesen
Prof. Dr. Jürgen Angelow:
1.
20 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem gewaltlosen Ende der SED-Diktatur verlagert sich die Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR von der individuellen stärker auf die historisch-kulturelle Ebene. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte kann einen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung leisten; vor allem dann, wenn sie kritisch und selbstkritisch, vergleichend und mit Augenmaß vorgenommen wird.
Im öffentlichen Raum dürfen qualifizierte Wortmeldungen weder unterdrückt noch ausgegrenzt werden. Erst die wechselseitige Kenntnisnahme von konkurrierenden und divergierenden Deutungen vermag eigene Ansichten zu qualifizieren. Nur so werden Möglichkeiten für Selbstkritik und die Revision eigener Standpunkte eingeräumt.
2.
Im Zentrum der historischen Aufarbeitung der DDR wird auch weiter die Beschäftigung mit der SED-Diktatur stehen. Diese Auseinandersetzung aber muss begrifflich und inhaltlich stärker differenziert werden. Hierbei sind die Wandlungs- und Erosionsprozesse der Diktatur genauso in den Blick zu nehmen wie die Veränderungen ihrer personellen Basis sowie ihrer Legitimationspotenziale innerhalb der DDR-Gesellschaft.
Moralische Maßstäbe sollten mit Augenmaß gehandhabt werden: Nach der NS-Zeit waren viele Menschen von der Richtigkeit der sozialistischen Idee überzeugt. Eine Mehrheit hat sich sehr lange mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu arrangieren gesucht und sich erst spät von ihnen abgewandt.
3.
Bei der Darstellung von Herrschaft und Unterdrückung müssen die internationalen, bündnispolitischen und nationalen Kontexte der SED-Diktatur sowie die daraus resultierenden Spielräume und Konflikte deutlicher gemacht werden. Erosion und unblutige Implosion des DDR-Herrschaftssystems sind nur vor dem Hintergrund der Entspannungspolitik und des inneren Wandels erklärbar. Ebenso wenig sollte die Bewertung der SED-Diktatur von der Alltagsperspektive getrennt werden.
Insbesondere müssen das Funktionieren der Diktatur und ihres Herrschaftssystems im Alltag gezeigt werden. Hierbei sind alle Facetten einzubeziehen, denn für die Vergangenheitsbewältigung sind Glaubwürdigkeit und öffentliche Akzeptanz geschichtspolitischer Angebote eine zwingende Voraussetzung.
Deutungen der DDR-Geschichte werden auf Dauer nur dann gesellschaftlich multipliziert, wenn sie eine gleichermaßen kritische wie gerechte, keine selbstgerechte Perspektive beinhalten und nicht mit den persönlichen Erfahrungen einer Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger kollidieren. Das diese Erfahrungen nicht ausschließlich politisch geprägt sind, liegt auf der Hand.
4.
Die historische Aufarbeitung der DDR-Geschichte obliegt dem professionellen Bemühen der Historiker und den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens. Sie hat kritische Deutungsangebote zu unterbreiten und die gesellschaftliche Debatte mit dem Ziel zu unterstützen, unreflektierte Bilder der Vergangenheit zu korrigieren, Vergröberungen und Verzerrungen richtig zu stellen, das kollektive Gedächtnis wach zuhalten und vor den Gefahren einer Diktatur zu warnen.
Vergangenheitsbewältigung dagegen ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die unter Beobachtung menschlicher Maßstäbe, der Vermeidung von Abrechnungs- und Instrumentalisierungsabsichten mit dem Ziel eines innergesellschaftlichen Ausgleichs zu leisten ist. Dieser Ausgleich muss die Möglichkeit einer Integration aller Ostdeutschen in die Gesellschaft offen halten.
5.
Die Erinnerung an die DDR in ihrer ganzen Vielfalt kann und soll nicht getilgt werden. Die kritische, offene und vergleichende Aufarbeitung der DDR-Geschichte einerseits sowie die Bewältigung der Vergangenheit andererseits bilden eine untrennbare Einheit.
Einen Schlussstrich unter die DDR-Geschichte kann und soll es nicht geben. Vergangenheit kann nicht entsorgt werden. Nur im historischen Vergleich können die Besonderheiten der SED-Diktatur herausgestellt und gegenüber der viel stärker belasteten NS-Diktatur abgegrenzt werden.
Kritische Distanz knüpft unmittelbar an jene Einsichten und Erfahrung von Millionen DDR-Bürgern an, die die Wende von 1989 durch ihr aktives Mittun und ihre Solidarisierung unterstützt haben. Die kritische Aufarbeitung der DDR-Geschichte soll nicht das Ziel verfolgen, ehemalige DDR-Bürger auszugrenzen. Sie soll statt dessen einen Rahmen für kritische Selbstüberprüfung und die Überwindung von Traumata schaffen.
Versöhnung kann und soll nicht beschlossen werden. Sie setzt individuelle Schuldbekenntnisse voraus und bleibt ein freiwilliger, individueller Akt.
Thesen:
Prof. Dr. Jürgen Angelow