Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?
Thesen
Dr. Michael J. Froese:
1.
Der Untergang der DDR hat für die Ostdeutschen neben dem Zugewinn an Freiheit und Demokratie zu bedeutsamen Verlusten geführt. Eine Reihe unangenehmer Dinge und Verhältnisse sind gern verloren gegeben, das Fehlen anderer wird als schmerzhaft empfunden: Hierzu zählen vor allem die existenziellen Folgen der Befreiung aus staatlicher Bevormundung und denen der Individualisierung des Lebens.
Die Mehrheit der Ostdeutschen hat produktive persönliche Entwicklungsprozesse wie selbstverständlich realisiert und bewertet das auch so. Dennoch sind in der Folge des politischen Systemumbruchs durch die reale Entwertung früherer Tätigkeiten, Lebensentwürfe und Werte Gefühle von Benachteiligung, Kränkung und emotionaler Heimatlosigkeit entstanden. Das gilt in erster Linie für Personen, die in der DDR politisch identifiziert und am Machtapparat beteiligt waren. Es gilt in reduzierter Form aber auch für frühere Mitläufer und Oppositionelle.
Denn trotz massiver politischer Anstrengungen, gerechte Verhältnis herzustellen, bleiben – wie die Stasi-Renten oder die unzureichende Berücksichtigung der DDR-Geschichte im gesamtdeutschen Geschichtsverständnis (s. Wehler-Debatte) zeigen – bestimmte Umstände erhalten, die von Ostdeutschen gern als ungerecht erlebt werden. Diese bilden den Nährboden für Haltungen und Einstellungen, die sich den Zielen von Aufarbeitung und Versöhnungsbemühungen widersetzen.
2.
Vor 1989 hat es in sowohl in der BRD als auch in der DDR eine schwieriges kollektives Selbstbewusstsein gegeben. Nach dem Mauerfall hatten viele Ostdeutsche das Gefühl, stolz darauf sein zu können, mit der friedlichen Revolution zu Untergang der DDR beigetragen zu haben. Für kurze Zeit wurde dieses Gefühl in den alten Ländern geteilt.
Die im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung von den Ostdeutschen erlebten Ungerechtigkeiten führten meist auf der persönlichen Ebene zu Gefühlen der Beschämung, der Kränkung, der Verbitterung, des Grolls, des Ressentiments. 2003 formulierte ein Psychiater Michael Linden sogar mit der sog. PTED eine sog. posttraumatische Verbitterungsstörung für ca. ein Drittel der Ostdeutschen im Alter zwischen 30 und 50. Auch wenn man nicht gleich eine neue Krankheit ausrufen muss: eine gewisse Gruppe leidet offen an Symptomen der Verbitterung. In der Normalbevölkerung, solange sie zu denen gehört, die einen bewussten Teil ihres Erwachsenenlebens in der DDR verbrachten, findet man Anzeichen eines latenten Ressentiments.
Dieses offene oder latente Ressentiment ist m.E. der wichtigste psychologische Hinderungsgrund für den angemessenen Umgang der Ostdeutschen sowohl mit der DDR-Vergangenheit als auch für ein aktives Engagement im wiedervereinigten Deutschland. Das Ressentiment behindert vor allem Wahrnehmung und Betrauerung der mit dem Untergang der DDR erlebten Verluste. Es versperrt aber auch den Umgang mit dem schwierigen Thema von Schuld und Wiedergutmachung.
3.
Das Ressentiment meint ein Gefühl des „Wir sind betrogen worden“! Und das sind die Ostdeutschen - wenn man so will - in doppelter Weise: zuerst in ihrem Glauben an die sozialistische Utopie. Dann in der Erwartung, sie würden nach der Wende ihrer Vergangenheit nur die positiven Möglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft hinzufügen, die alten Sicherheiten aber behalten können. Es erscheint wichtig zu betonen, dass Verbitterung und Ressentiment entstehen, wenn Menschen ihre Enttäuschungen, Idealisierungen und Verluste nicht betrauern. Sie unterdrücken, verleugnen oder verdrängen diese Gefühle, so dass sie sich in Groll und Ressentiment verwandeln.
Für einige ist der Zustand des Ressentiments eine Haltung des inneren Rückzugs: Die Betroffenen ziehen sich an einen gleichsam sicheren Ort zurück, der ihnen vor unerträglichen Angst-, Scham- und Schuldgefühlen Zuflucht bietet. Das sind oft diejenigen, die erkranken. Es gibt aber auch diejenigen, die sich in ihrem Ressentiment zusammentun und es gerade zur Grundlage gemeinsamer auch politischer Aktivitäten machen.
Die Entlastung von eigenen Scham- und Schuldgefühlen im Zustand des Ressentiments bedingt, dieses gleichsam zu hegen und zu pflegen. In diesem Zustand kann das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, längerfristig konserviert und rationalisiert werden. Es stellt einen fragwürdigen mentalen Nährboden für Vergeltungs- und Racheaktivitäten dar. In Kombination mit weltanschaulichen Überlegungen kann es zum Ausgangspunkt politischer Aktivitäten werden.
Da man erlittene Verluste und vorhandene Defizite weder betrauert noch kompensiert, werden Scham- und Schuldgefühle auf diejenigen projiziert, die die sog. Ungerechtigkeiten zu verantworten haben. Das reproduziert auf der psychischen Ebene eine paranoid-schizoide Atmosphäre. In dieser erscheint Trauerarbeit schwierig und wird weiterhin abgewehrt.
4.
Verbitterung und unbewusster Groll bilden ein gutes Reservoir für politische Mythenbildungen. Besonders rechte und linke Extremisten haben sich in der Vergangenheit gern ihrer bedient. Um diesen Tendenzen auch in Ostdeutschland zu begegnen, ist es notwendig, über bestehende Ressentiments offener zu sprechen, so dass sie nicht im mentalen Untergrund verbleiben und ihre vergiftende Wirkung beibehalten können.
Thesen:
Dr. Michael J. Froese