Aufarbeitung und Versöhnung – passt das zusammen?
Thesen
Prof. Ralf Wüstenberg:
1.
Versöhnung gibt einer schuldbelasteten Vergangenheit eine zukunftsfähige Perspektive. Versöhnung ist etwas anderes als ‚Schwamm drüber’. Versöhnung setzt die Anerkenntnis der Schuld voraus. Erst wo Schuld erkannt worden ist und bekannt wird, kann vergeben werden. Von einem biblischen Versöhnungsbegriff kann gelernt werden: Versöhnung ist kein billiges Konzept. Versöhnung ist teuer; sie beschreibt den Endpunkt eines langen Prozesses, der Schuldanerkenntnis auf Seiten der Täter ebenso wie Vergebungsbereitschaft auf Seiten der Opfer einschließt.
Ohne Vergebung gibt es aber keine Zukunft – weder im kleinen Zwischenmenschlichen, noch im großen Gesellschaftlichen. Wo Menschen immer wieder und nur auf ihre Fehler und ihr Fehlverhalten festgelegt werden, kann keine zukunftsfähige Perspektive wachsen. Zur „IM-Debatte“ bemerkte Richard Schröder schon kurz nach der Wende: „Die massenhafte Veröffentlichung menschlichen Versagens bringt keine heilsamen Erkenntnisse.“ Versöhnung schließt die geistige und moralische Durchdringung der Vergangenheit ein und hat zum Ziel, dass das Vergangene ein künftiges Zusammenleben nicht mehr belastet.
2.
Man kann viel im Umgang mit den Opfern der SED-Diktatur lernen, wenn man über die Landesgrenzen hinausschaut. Darauf hat schon Pricilla Hayner hingewiesen, die Wahrheitskommissionen weltweit miteinander verglichen hat. Besonders die südafrikanische Wahrheitskommission nach dem Ende der Apartheid lehrt Einiges: Geschichte lernt man am Besten durch Geschichten.
Von Südafrika lernen heißt die Kraft des Erzählens lernen. Die strukturell geschaffene Möglichkeit, dass Opfer von Systemunrecht ihre Geschichte vor einem öffentlichen Forum erzählen können, festigt erstens den antitotalitären Konsens in der Gesellschaft. Das ’Nie Wieder!’ stellt sich in einer Gesellschaft nicht durch Verbreitung historischer Detail-Analyse ein. Fachbücher verändern nicht die Einstellung zur Geschichte, öffentlich erzählte Geschichten schon. Zweitens trägt das Erzählen vor einer Wahrheitskommission zur Heilung der Erinnerungen bei.
Vielen Opfern kommt es in erster Linie nicht auf materielle Entschädigung an, sondern um die Anerkennung ihres unschuldigen Leidens, um die Versöhnung mit der eigenen Geschichte und den traumatischen Erinnerungen. Im Quervergleich zu Südafrika zeigt sich: In Deutschland hat es eine strafrechtliche, berufliche und verwaltungsrechtliche Rehabilitierung gegeben. Die moralische Dimension der Wiedergutmachung aber fehlte.
3.
Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit ist vorrangig in der deutschen Binnenperspektive erfolgt. Seit den 1970er Jahren wird in vielen Ländern aber die Aufarbeitung von Systemunrecht mit einer Wahrheitskommission verbunden. Ans Licht kommt, wie das repressive System sich auf das Leben der Menschen ausgewirkt hat. Und das hat eine gesellschaftlich orientierende Kraft entwickelt.
Wolfgang Ullmann kritisierte im Blick auf den Gesamtprozess, dass es zwar nach 1989 die unterschiedlichsten Formen der Aufarbeitung gegeben habe: von der justiziellen über die historisch-politische bis zur archivgestützten privaten. Was aber gefehlt habe, sei die gesellschaftliche Aufarbeitung.
Für die künftige Transformationsforschung bleibt aus dem Vergleich mit den Vorgängen in Südafrika ein unerwartetes Ergebnis festzuhalten: Der antitotalitäre Konsens ist offenbar gesellschaftlich leichter zu verankern, wo eine Kommission die Auswirkungen eines Systems untersucht, als wenn sie das System als solches zum Gegenstand der Analyse nimmt.
4.
Wer eine vergleichendes Resümee der Anstrengungen in Südafrika und Deutschland zieht, wird zunächst festhalten dürfen: Die südafrikanische TRC hat mit ihren rund 240 Mitarbeitern nicht weniger zur konstruktiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beigetragen als die zahlenmäßig bei weitem besser ausgestatteten Stränge der juristischen, politischen und aktenbezogenen Aufarbeitung in Deutschland.
Von der gesellschaftlichen Kraft, die der Versöhnungsprozess in Südafrika entfaltet hat, kann immer noch ein wegweisender Impuls für unsere Bemühungen ausgehen, die unter den wenig symbolträchtigen Begriff ‚Aufarbeitung’ gefasst werden. Zeitzeugenprojekte weisen in die richtige Richtung.
Thesen:
Prof. Ralf Wüstenberg