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Albrecht Göschel
Baukultur - Chancen und Defizite eines Programms symbolischer Politik

Seit Jahrzehnten taucht in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen das Thema Baukultur auf, und auch die Anlässe scheinen immer die gleichen zu sein. Dauerhaft nun schon seit mehr als einer Generation bilden die Bausünden der Suburbanisierung und mit fast der gleichen Konstanz die Verirrungen der Dorfsanierung Steine baukulturellen Anstoßes.

Die gehäuften Scheußlichkeiten peripherer Einfamilienhausgebiete, in denen sich jeder Bauherr, je nachdem, wie es der Bausparvertrag zulässt, geschmacklich „austoben” darf und deren gehäufte Verirrungen daher vom früheren Architektur- und Städtebauprofessor der TU Hannover, Friedrich Spengelin, auch gern als „Wildschweinsiedlungen” abgekanzelt wurden, sind hier genauso Anlass baukulturellen Zornes wie Dorfsanierungen mit hochtechnischen, glatten Materialien an alter bäuerlicher Bausubstanz:

Fachwerk verschwindet hinter Eternitfassaden, feine Sprossenfenster werden durch ungeteilte Thermopenscheiben, bunt gemischte Bauerngärten durch halburbane Steingärten mit Kleinspringbrunnen und konfektioniertem Figurenschmuck ersetzt. Zwar lassen einzelne Siedlungen mit so genannten Stadtvillen oder Ansätze der Denkmal- und Stadtbildpflege, auch mit Einsatz traditioneller Materialien in modernem Gestaltungsgestus, auf Besserung hoffen, zur flächendeckenden Baukultur im emphatischen Sinne scheint es aber nicht gekommen zu sein.

Wer sich dem Anblick dieser „Modernisierungen” entziehen will, ist nach wie vor gezwungen, seinen Wohnsitz in anderen urbanen Umfeldern, zum Beispiel in den innenstadtnahen Gründerzeitquartieren zu nehmen. Und mit der gleichen, aber immer auch gleich erfolglosen Hartnäckigkeit wird angesichts dieser Verwahrlosung baukultureller Sitten entweder nach staatlicher Regulierung oder nach umfassender Geschmackserziehung gerufen, meist beides zusammen. Die Architekten sind es vornehmlich, die sich zu dieser Geschmackspädagogik, sei es des Staates, dass er entsprechend regiere, sei es des Bauherrn, dass er entsprechend konsumiere, geradezu qua Amt berufen fühlen – eine Berufung, die meist von tiefem kulturkritischem Pessimismus über Individualisierung und Verfall eines sich ästhetisch artikulierenden Gemeinsinns begleitet ist.

Verweise auf Siena, das alte Amsterdam, das Bremer Haus oder im Krieg weitgehend untergegangene Zeugnisse Lübecker Bürgersinns sollen diesen mahnenden Rufen zur Umkehr Überzeugungskraft verleihen. Und dabei genügte doch ein Blick in weit jüngere Geschichte, jeden ästhetisch und geschmacklich Empörten nachdenklich zu stimmen. Ist es nicht diese nachgerade messianische Attitüde, die einen der Wortgewaltigsten wider ästhetische Geistlosigkeit, Le Corbusier, angetrieben hat, und wäre nicht die Vorstellung, er hätte seine Träume wirklich realisiert, ein unerträglicher Albtraum?

Und sollten uns nicht die Geschichte der Städtebauutopien und die ihnen zugrunde liegende Vorstellung, durch Ästhetik eine gute und richtige Gesellschaft zu erreichen, eines Besseren belehren angesichts des Terrors, der aus jeder Politik der Ästhetik erwächst? 1

Dass Geschmacksverirrungen im Bauwesen höchst ärgerlich sind, dass ästhetische Sünden häufig dem Bauherrn eher schaden als nützen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Geschmacksdiktatur mit äußerster Vorsicht und Zurückhaltung begegnet werden muss. Die Vorstellung, Regeln ästhetisch guter Architektur seien universell objektivierbar und unterlägen daher keinem individuellen Geschmacksurteil, ist nur in engsten Grenzen zutreffend, und baupolizeiliche Verordnungen dürften nur schwerlich geeignet sein, diese Grenzen zu markieren.

Allzu bekannt ist auch hier das historische Beispiel der klassischen Moderne. Exzellente moderne Architektur musste anfangs mühsam gegen Gestaltungsregeln durchgesetzt werden, die sich auf eben solche „objektiven ästhetischen Gesetze” zu stützen vorgaben, im Grunde aber nichts anderes fixierten als einen spezifischen „herrschenden” Geschmack.

In gewissem Sinne sind auch die „Wildschweinsiedlungen” Ausdruck demokratischer Freiheit. Zu verhindern wären sie nicht mit Geschmacksdiktatur durch Baupolizei oder missionarische Architekturerzieher, sondern durch eine Förderpolitik, die nicht noch städtebaulich höchst dysfunktionale Stadtentwicklung mit eminenten öffentlichen Folgelasten durch Subventionierung des privaten Bauherrn belohnt. Aber keine deutsche Regierung war in der Lage oder bereit, Suburbanisierung wirksam zu unterbinden.

Vermutlich nur Diktaturen könnten und konnten, wie Thomas Sieverts, Verfasser der „Zwischenstadt” 2 anmerkt, den Drang ins Stadtumland und ins Einfamilienhaus verhindern. Zu unverrückbar steht das Bild des Einfamilienhauses mit Garten als ideale Wohnform der Mehrheit der – deutschen – Bevölkerung vor Augen. Und so lange innerstädtische Wohnbereiche tatsächlich wenig familienfreundlich sind – vom Pkw okkupierte Straßen, von Erwachsenen mit Hunden besetzte Spielplätze und Parks, geräuschempfindliche Nachbarn, die alles, aber kein Kindergeschrei dulden – wirkt die Kritik am Einfamilienhaus auch nicht sehr überzeugend.

Es scheint also eher sinnvoll, Thomas Sieverts folgend, die positiven Seiten der „Zwischenstadt” zu suchen, diese planerisch herauszuarbeiten, statt dieses nicht nur deutsche, sondern auch internationale Phänomen von Demokratie und Wohlstand mit missionarischem, leider auch immer etwas überheblichem Eifer ästhetisch zu verteufeln.

Baukultur als symbolische Politik

Angesichts der irritierenden Tatsache, dass diese Debatte in unveränderten Positionen nun seit Jahren geführt wird, muss man sich nach den Anlässen fragen, die sie gegenwärtig wieder aufleben lässt. Was also ist dran an der Baukulturdiskussion, das ihr gerade jetzt wieder solch brisante Aktualität verleiht? Dass sich angesichts des besonders geringen Neubauvolumens eine aktuelle Häufung von schlechter Architektur ereignen könne, ist wenig plausibel. Im Gegenteil: Sowohl Innenstadt- wie Stadtrandarchitektur und Städtebau wirken, vielleicht wegen geringerer Volumen, sorgfältiger überlegt und entworfen als noch vor etlichen Jahren.

Und öffentliche Bautätigkeit, in der vorbildliche Standards gesetzt werden sollten und damit die Debatte begründet werden könnte, ist in diesen wirtschaftlichen Krisenzeiten ja fast ganz zum Erliegen gekommen, so dass auch dieses Motiv für Aktualität ausfällt. Sozialer Wohnungsbau, in dem anspruchsvolle Baukultur exemplarisch dargestellt werden könnte, findet praktisch nicht mehr statt und auch mit Einzelvorhaben sind die öffentlichen Gebietskörperschaften zurückhaltend.

Und doch könnte hier der Auslöser einer neuen Aktualität liegen: Die Debatte und die Initiativen zur Baukultur zeigen alle Merkmale symbolischer Politik. Weil real nichts oder sehr wenig passiert, müssen Aktivität und Engagement von Bund, Ländern und Kommunalverwaltungen symbolisch erfolgen. Und wenn sich für diese symbolische Politik ein Feld finden lässt, in dem sich zwar viel Emotion entfachen, aber wenige Ergebnisse erreichen lassen, und wenn dies alles auch noch wenig kostet, ist ein idealer Bereich symbolischen Handelns gefunden, mit dem man ganz nebenbei vom unangenehmen Faktum sonstiger erzwungener Untätigkeit ablenken kann.

Karl Ganser, einer der Sprecher der gegenwärtigen Initiative Baukultur, scheut sich daher auch nicht zuzugeben, dass alle derartigen Vorstöße bislang durchweg folgenlos geblieben seien.3 Die neue Initiative soll sich daher von ihren Vorgängern vor allem in dem breiten öffentlichen Diskussionsprozess unterscheiden, der in Gang zu setzen ist, um deutlich werden zu lassen, dass Baukultur nicht als isoliertes ästhetisches Phänomen, sondern eben als Kultur, d.h. als umfassendes normatives Werteproblem zu verstehen ist. Der Erfolg bleibt abzuwarten.

Neben der Verdammung der öffentlichen Träger zu weitgehender Untätigkeit scheint es aber noch mindestens zwei gute Gründe für eine symbolische Politikaktion Baukultur zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu geben. Zum einen erfreut sich in der Politik auf allen Ebenen, vor allem bei den Kommunen, ein neues Zauberwort wachsender Beliebtheit, das der Identität. Zum anderen bedroht ein relativ neues Phänomen – Stadtschrumpfung – die deutschen Städte und lange Zeit gehegte Wachstumsvorstellungen aller Politiker, aber auch der Bevölkerung.

Und beide Tendenzen, die Suche nach Identität des Ortes und der Stadt und die – identitätsgefährdende – Schrumpfung der Städte stellen Herausforderungen an Architektur und Städtebau dar, die in der Identitätssuche der schrumpfenden Stadt kumulieren: in dem, was in der Schrumpfung offensichtlich gefährdet ist, Stadtgestalt und Stadtidentität, trotz Bevölkerungsverlust und Gebäudeabriss eine neue unverwechselbare Form zu geben.

Baukultur als Identitätspolitik

Durch die zunehmende Ablösung industrieller Produktion von fixierten und tradierten Standorten, zum Beispiel den Lagerorten von Bodenschätzen, entsteht besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten eine massive Konkurrenz zwischen verschiedenen Standorten um Wirtschaftswachstum und Wirtschaftsansiedlungen. Angesichts einer fortgeschrittenen Angleichung harter Standortfaktoren – Straßen, Eisenbahn, Flugverkehr – gewinnen weiche Faktoren wachsende Bedeutung, so zumindest eine weit verbreitete, nicht völlig unplausible, wenn auch nie ganz zweifelsfrei erhärtete Annahme.

Zu solchen weichen Standortfaktoren können nun auch kulturelle Merkmale gehören, also zum Beispiel Architektur und bauliche Gestalt einer Stadt. Die Anforderungen aber, die an diese ästhetische Seite der Stadt gestellt werden, zielen vermutlich nicht einfach auf architektonische Qualität, wie sie Architekten oder Denkmalschützer verstehen und durchsetzen wollen. Es sind vielmehr bestimmte symbolische Leistungen, die von der Stadtgestalt erwartet werden.

Für Städtebau und Denkmalpflege scheint zunehmend eine Historisierung wichtig zu werden, die jedoch nicht unbedingt mit einer authentischen Geschichte zusammenfallen muss. Für moderne Dienstleistungseliten, die unter erheblichem Beschleunigungsdruck stehen, deren Arbeitsformen, Arbeitsinstrumente und Inhalte sich also zunehmend schnell verändern, scheint ein persönliches Identitätsproblem aus Wandel zu entstehen, dem Dauerhaftigkeit, Verlässlichkeit und Beständigkeit entgegengesetzt werden müssen. Diese bestehen in Symbolen von Unwandelbarkeit, also von dem, was wir unter Klassizität verstehen, einer der vermutlich entscheidenden Antriebe für viele Städte, ihren Innenstädten die Gestalt klassischer, historischer Urbanität zu geben und Bauten zu erhalten oder wieder aufzubauen, die stilistisch Zeitlosigkeit symbolisieren, einer Entwertung durch Modernisierung, wie sie sonst rapide um sich greift, entzogen sind, also einem in diesem Sinne klassischen Baustil entsprechen.4

Vermutlich muss vor allem in diesem Sinne die Argumentation für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses verstanden werden. Eine Hauptstadt und Metropole, die Berlin gern sein möchte, muss ein Schloss haben und es muss Barock sein, so wie die Stadt auch große Spitzenhotels braucht, die im klassischen Stil dieses Bautyps aus dem 19. Jahrhundert erscheinen müssen, was dann zu der stilistisch höchst fragwürdigen Reproduktion des Hotels Adlon am Pariser Platz führte, das in so ziemlich allen Details „nicht stimmt”, aber dennoch eben diese Atmosphäre „klassischer Urbanität” ausstrahlt.

Selbstverständlich sind vergleichbare Versuche auch in kleineren Orten zu bewundern, wenn mühsam altes Fachwerk erhalten wird, sich hinter diesem aber, eventuell sogar durch Zusammenlegung mehrerer Einzelgebäude Großraumbüros oder Schalterhallen moderner Dienstleistungsunternehmen ausbreiten. Auch die Wohnpräferenzen moderner Dienstleistungseliten für Altbauten lassen sich aus dieser Suche nach Dauer und Unwandelbarkeit erklären.

Es wird also durchaus Identität entwickelt, aber eben keine absolut einmalige, sondern die eines Typs von Stadt, dem man sich zuzuordnen sucht, weil man ihn für standortwirksam hält. Insgesamt scheint das Repertoire an möglichen, zukunftsträchtigen Identitäten klein zu sein und immer auf eine gelungene Synthese von Tradition und Modernität zu zielen, also genau das zu vermitteln und auszusöhnen, was im modernen Berufsleben so bitter auseinander fällt, Verwurzelung in einer Tradition, Bindung an eine Heimat gegenüber Flexibilitäts- und Modernisierungsanforderungen. Dies ist aber nicht die einzige symbolische Leistung, die moderne Stadtgestaltung zu erbringen hat.

In einer Zeit wachsender individueller Konkurrenz und Ungleichheit in der Gesellschaft gewinnt die Demonstration von Wohlstand in entsprechenden urbanen Zonen wachsende Bedeutung für die Attraktivität einer Stadt und damit als Standortfaktor. Demonstrativer Konsum, Freizeit und Erholung werden damit städtebaulich zu symbolisierenden Inhalten von Baukultur. Die Tatsache der Arbeit oder gar der Härte von Arbeit auch in modernen Dienstleistungsbranchen soll nach Möglichkeit nicht in Erscheinung treten, noch viel weniger aber sollen solche Dinge wie Mangel oder gar Armut zu erkennen sein, obwohl beides in den modernen Städten, auch in Mittel- und Kleinstädten, wieder zunehmend vorhanden sein dürfte. Selbst die Heterogenität der Stadtbevölkerung soll nach Möglichkeit unauffällig bleiben, obwohl sie doch nachgerade ein Kriterium von Stadtleben und Stadtöffentlichkeit darstellt.

Sauberkeit der Innenstadt und eine harmonische Gestaltung, die sie dem wohlhabenden, konsumfähigen Bürger als sein Wohnzimmer eröffnet und übereignet, werden zu unverzichtbaren Merkmalen einer erfolgreichen Stadt. Es vollzieht sich eine emotionale Aneignung öffentlicher Bereiche durch erwünschte Bevölkerungsgruppen bei gleichzeitigem Versuch eines Ausschlusses derjenigen, die das Bild stören.5 Und auch hier sind die Wahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Stadtgestalten gering, so dass sich Innenstädte und gehobene Bereiche in verschiedenen Städten anzugleichen beginnen, unterbrochen allerdings von „Alleinstellungsmerkmalen”, die in besonders charakteristischen Einzelbauten bestehen können.

Es ist offensichtlich: Die Städte und hier besonders die Innenstädte oder Schauseiten werden touristisch und konsumierbar, normiert und typisiert wie in Reiseprospekten dem Kunden angeboten, der sie sich per Kauf aneignen kann. Häufig tut dann die kommunale Kulturpolitik noch ein Übriges, um durch Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel auf Stadtplätzen diesen Freizeit- und Eventcharakter der Stadt zu stärken. Dass Auslöser für diese Bemühungen allerdings häufig auch in eklatanten Innenstadtkrisen liegen, denen durch Supermärkte am Stadtrand die Kunden verloren gehen, wurde zum Beispiel im nordrhein-westfälischen Programm „Ab in die Mitte” überdeutlich erkennbar – auch dies eine Standortkonkurrenz, innerhalb einer Region allerdings und nicht zwischen Regionen, aber durchaus zwischen Gemeinden, den Zentralstädten und den Randgemeinden. In allen neuen Bundesländern sind solche Bedingungen durch unrealistisch umfangreiche Gewerbegebietsausweisungen und übermäßige Investitionen im Einzelhandel gleichfalls entstanden.

Die wenigen beschrieben Konstellationen zeigen, dass Baukultur im Sinne von guter Architektur und Stadtgestalt gravierendem Distinktions- und Konkurrenzverhalten unterliegt, dass also die Hoffnung auf einen Gemeinsinn, der sich in objektiv guter Baukultur ausdrücken möge, immer wieder enttäuscht werden muss.

In Konkurrenzgesellschaften sind ästhetische Äußerungen Unterscheidungsäußerungen. Will man das vermeiden, kann man nur zum unangemessenen Regelwerk und ästhetischen Diktat greifen, für Demokratien kein besonders empfehlenswerter Gedanke.

Stadtschrumpfung als Herausforderung für Baukultur und Identitätspolitik

Bereits in den 1980er Jahren war erkennbar geworden, dass auch in Deutschland ein neuer Typ von Stadtentwicklung um sich greifen würde, die Schrumpfung von Städten, ein bisher nur aus den USA und Großbritannien bekannter Vorgang. In allen altindustriellen Städten und Regionen begann sich Schrumpfung im Sinne von Einwohner- und Arbeitsplatzverlust abzuzeichnen. Mit der deutschen Vereinigung hat dieses Phänomen in den neuen Bundesländern allerdings eine Dimension und ein Tempo erreicht, das selbst in den genannten anderen Nationen so nicht bekannt war. Einwohnerverluste von 30 Prozent in zehn bis zwölf Jahren sind keine Seltenheit, und zwar bei fast allen Stadtgrößen und Stadttypen, ohne dass eine Ende oder gar eine Wende zu erkennen wäre.

Natürlicher Bevölkerungsrückgang, Abwanderung in andere Regionen und Suburbanisierung sind die Ursachen dieser städtischen Schrumpfungsprozesse, die für neuere Stadtentwicklung ohne Beispiel sind und für die noch keine Planungsinstrumente der Stadtentwicklung existieren. Man muss in der Tat historisch sehr weit zurückgehen, etwa bis in den 30-jährigen Krieg, um auf vergleichbare Entwicklungen zu treffen. Auch damals kam es zu gravierenden Einwohnerverlusten in Städten und Dörfern bis zu so genannten Wüstungen, d.h. zum Ausbluten ganzer Siedlungen durch einen Bevölkerungsverlust von 40 bis 50 Prozent in dem Territorium, das heute als Deutschland bezeichnet wird, allerdings auf der Basis einer sehr viel geringeren Gesamtbevölkerung.

Als sich die Schrumpfung in den Städten der neuen Bundesländer zuerst in aller Deutlichkeit zeigte, wurde angenommen, vorrangig sei Suburbanisierung Schuld am Einwohnerverlust der Kernstädte, so dass Überlegungen einsetzten, Wohnformen wie das Einfamilienhaus, das bisher nur am Stadtrand zu realisieren war, nun auch in innerstädtischer Lage auf den Flächen abgerissenen verdichteten Wohnungsbaus möglich zu machen.

Bald zeigte sich jedoch, dass demografisch bedingter Bevölkerungsverlust und Abwanderung in andere Regionen, vor allem in die prosperierenden südwestdeutschen Bundesländer, die entscheidenden und vor allem dauerhaften Gründe der ostdeutschen Stadtschrumpfung sind, und diesen ist mit innerstädtischen Einfamilienhausprogrammen nicht ohne weiteres beizukommen. Gleichfalls als vermutlich unhaltbar erweisen sich Hoffnungen, die auf Zuwanderung in die neuen Bundesländer aus den mittelosteuropäischen Ländern zum Ausgleich des natürlichen Einwohnerverlustes setzen.

Selbst bei einer verstärkten Zuwanderung, zum Beispiel aus Polen nach dessen EU-Beitritt, werden polnische Migranten aber die grenznahen, ökonomisch schwachen Gebiete überspringen und direkt in die ökonomisch starken Regionen des Südwestens einwandern 6. Darüber hinaus zeigen sich aber auch in Polen und den anderen postkommunistischen Ländern ähnliche demografische Entwicklungen wie in Deutschland, so dass ein Wanderungspotenzial nicht im erhofften Maße entstehen wird.

Die einzige größere prognostische Unsicherheit scheint die Wanderungen zwischen Städten in den neuen Bundesländern zu betreffen. Es ist durchaus denkbar, dass sich Abwanderungen aus dem Industriegebiet Halle – Bitterfeld zugunsten Leipzigs ergeben, wodurch sich der Abstieg des erstgenannten Gebiets noch beschleunigen würde. Insgesamt wird in gegenwärtigen Bevölkerungsprognosen jedoch angenommen, dass die Bevölkerung der neuen Bundesländer von derzeit etwa 15 Millionen bis 2050 auf etwa 11 Millionen und bis 2100 auf etwa 6 Millionen Einwohner zurückgehen wird, und dies noch unter der optimistischen Annahme relevanter Zuwanderungen.7

Besonders betroffen sind in Zukunft wie gesagt die nördlichen neuen Bundesländer und die Grenzregionen zu Polen. In Brandenburg könnte sich also eine Spaltung ergeben, die ja in den neueren Raumordnungsplänen auch schon berücksichtigt wird: Bevölkerungszunahme im „Speckgürtel” um Berlin bei großräumiger Entleerung in den peripheren Gebieten.

Für die schrumpfenden Städte und Regionen lässt sich diese Perspektive vereinfachend auf den Punkt bringen, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten das Wachstum aus der Industrialisierung vom Ende des 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wieder rückgängig gemacht wird. Städtebaulich besteht das Problem aber unter anderem darin, dass diese Deindustrialisierung – verstärkt durch den Abzug von Militär und die Auflösung bestimmter sozialistischer Verwaltungen – nicht einfach durch Abstoßen auch der in der Industrialisierung entstandenen Bebauung und durch neuerlichen Rückzug in die alten Innenstadt- oder Dorfkerne erfolgen kann.

Aus zwei funktionalen und einem symbolischen Grund scheint das kaum möglich zu sein. Entweder gibt es die alten Kerne nicht mehr, sei es dass sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, wie zum Beispiel in Guben, oder dem Städtebau der Industrialisierung zum Opfer gefallen sind, wie ansatzweise in Cottbus. Wo sie aber noch existieren, entsprechen sie nicht mehr heutigen Lebensanforderungen, wie zum Beispiel in Teilen die wunderbare Altstadt von Görlitz, deren gotische Hallenhäuser sich gegen jede aktuelle Nutzung sträuben. Trotz ihrer herausragenden architektonischen und städtebaulichen Qualitäten verliert auch die Stadt Görlitz kontinuierlich Einwohner.

Neben diesen materiellen und funktionalen Argumenten kann eine symbolische Distanz zu einer geringen Bindung der Bevölkerung an alte Ortskerne und Zentren, an eine ältere vorindustrielle Bebauung insgesamt beitragen und deren Potenzial für die Neubestimmung einer Stadt schmälern: Sie symbolisieren nicht das Leben, das in diesen Städten und Ortschaften bis zum Einsetzen der Schrumpfung stattfand.

Um dazu eine These zu formulieren: Zumindest in großen Teilen war die Bevölkerung der DDR geprägt durch typische Industriearbeitermentalitäten. Technische Modernität und Funktionsfähigkeit galten daher als hoher Wert, besonders weil sie theoretisch in der Wirtschaft der DDR immer herausgestellt, in der Praxis aber kaum zu finden waren. Diese Orientierung sollte sich auch im Wohnumfeld ausdrücken und führte zu einer großen Beliebtheit der Plattenbauten im Gegensatz zum Altbau.

Dass diese Wertschätzung auch funktional begründet war, weil die Wohnung in der Platte über einen technischen Komfort verfügte, der dem Altbau in der Regel fehlte, hat die Wertschätzung der symbolischen Seite, also der Formen, sicherlich verstärkt. Altbausubstanz könnte daher von der Mehrheit der ehemaligen DDR-Bevölkerung, vor allem der Arbeiter und unteren Angestellten, mit Rückständigkeit und Marginalisierung assoziiert werden, so dass als akzeptable Wohnformen entweder die moderne Etagenwohnung oder – und dies wohl in erster Linie – das gleichfalls moderne Einfamilienhaus infrage kommen.

Auch wenn in den meisten Städten Plattenbauten in großem Maße bereits leer stehen, wäre es daher symbolisch und mental riskant, die gesamte „moderne” Stadt abzureißen. Altbausubstanz wirkt eher auf Intellektuelle und Mittelschichten attraktiv, aber natürlich auch nur in den entsprechenden Qualitäten. Sie suchen die genannte Konsistenz lokaler Identität im Alten. Für die Bevölkerung der ehemaligen DDR muss das nicht in gleichem Maße zutreffen. Nebenbei zeigt dieses Beispiel auch – wenn es denn zutrifft, und vieles spricht dafür –, wie sehr ästhetische Urteile und Prioritäten von spezifischen historischen Erfahrungen, von Arbeits- und Lebensformen geprägt sind.

Je nach Ausmaß von Stadtschrumpfung lassen sich nun ansatzweise drei Typen unterscheiden, Stadtperforation, Stadttransformation und Stadtauflösung. Um dem Phänomen der Schrumpfung, das alle Ebenen von Stadt erfasst, gerecht zu werden, wäre es notwendig, Planungsreaktionen auf jeden dieser drei Typen für die gebaute Stadt, für die Stadt als Lebens- und Wirtschaftsform und für die politische Institution Stadt zu untersuchen. Damit würde man auch den Anspruch der neuen Initiative Baukultur einlösen, die sich ja bemüht, von einer ausschließlich ästhetischen, hier baulichen, zu einer umfassenden kulturellen Sicht von Stadtentwicklung vorzustoßen. Die Darstellung der drei Typen zeigt allerdings, dass eine solche umfassende Behandlung des Schrumpfungsproblems bisher nur in Ansätzen gelingt.

Stadtperforation

Leer stehende Bausubstanz der Neubausiedlungen, vor allem aber des innerstädtischen einfachen Altbauwohnungsbestandes, der nicht mehr im Wohnungsmarkt nachgefragt wird, soll punktuell abgebrochen und entweder durch temporäre oder weniger verdichtete Nutzung ersetzt werden – alter, minderwertiger Geschosswohnungsbau also zum Beispiel durch Einfamilienhäuser, durch Grün- und Freiflächen. Es entsteht eine fragmentierte, diskontinuierliche Bebauungsstruktur, die zwar gewohnten Vorstellungen von Stadt nicht entspricht, aber durchaus eigene, neue Qualitäten entfalten kann, zum Beispiel durch Angebote von innenstadtnahen Einfamilienhäusern, die in einer wachsenden, unter hohem Verwertungsdruck des Bodens stehenden Stadt nicht verfügbar sein können, oder durch Freiflächen gleichfalls in innenstadtnaher Lage.

Für dieses Modell gilt allerdings, dass Städte, die dieses Ziel verfolgen, weder in ihrer Existenz noch in ihrem Charakter, in ihrer Identität gefährdet sein dürfen, dass sie also auch in der Schrumpfung weitgehend bestehen bleiben. Auf lange Sicht bietet dieses Konzept einer Stadt die Chance, sich von minderwertigen Quartieren, vor allem des einfachen Arbeiterwohnungsbaus der Gründerzeit, zu befreien. Planerische Barrieren scheinen vor allem im Bodenrecht zu liegen. Kleinteiliges Haus- und Wohnungseigentum in Altbaugebieten erschwert zusammenhängende Neuplanungen, fixiert langfristige Leerstände und kann damit die Bewegung der Abwärtsspirale gefährdeter Quartiere beschleunigen. Die Stadt Leipzig, von deren Planungsdezernenten der Begriff der „perforierten Stadt” auch stammt, 8 scheint in der Entwicklung dieses Konzeptes am weitesten fortgeschritten zu sein. Bevölkerungsbeteiligung zielt hier auf Akzeptanzsicherung von Stadtumbau. Der Abbruch soll also mit Respekt vor dem Alten erfolgen, ohne die Brutalitäten einer Wertvernichtung und Gleichgültigkeit gegenüber den Bindungen der Menschen an „ihre” Häuser.

Vor allem Projekte des Programms „Stadtumbau Ost” scheinen diese Beteiligungsstrategie zu verfolgen. Auch wenn Abbruch sensibel gehandhabt wird, lässt sich nicht verhindern, dass die Symbole, an die Bewohner gebunden sein können, vernichtet werden, so dass auch bei rücksichtsvoller Abrissplanung eine tiefe Entfremdung der Bewohner von ihrer Umgebung unvermeidlich ist. Unterschätzt werden beim Stadtumbau zu einer perforierten Stadt in der Regel die erheblichen Aufwendungen, die für die Anpassung der technischen Infrastrukturen an geringere Bevölkerungszahlen erforderlich sind. Technische Systeme können nicht einfach reduziert, sie müssen mit erheblichen Kosten als Ganzes den weniger werdenden Einwohnern und deren Verteilung in der Fläche angepasst werden.

Meist nicht ausreichend diskutiert werden bei der Stadtperforation die Konsequenzen für Lebensformen und für die politische Institution Kommune, obwohl bereits in den ersten Überlegungen zur Stadtschrumpfung empfohlen wurde, Stadtentwicklung der Schrumpfung nicht im Repertoire technischer Planung, sondern eher als Sozialplanung anzugehen, also zum Beispiel Lebensformen jenseits des Marktes zu ermöglichen.9

Ersatz von alten Etagenwohnungen durch Einfamilienhäuser löst diese Forderung noch nicht. Für die Stadt als politische Institution ist bei der Perforation allem Anschein nach nicht mit gravierenden Änderungen gegenüber der gegenwärtigen Situation zu rechnen. Nach wie vor gilt die Annahme einer relativ starken, funktionierenden Verwaltung und einer auf dem Repräsentationsmodell basierenden Politik, die sich ausschließlich um Akzeptanz ihrer Maßnahmen bemühen muss.

Stadttransformation

Fragt man nach dem Modell für eine Stadt mit wesentlich weitergehender Schrumpfung, in der die Stadt zwar noch nicht in ihrer Existenz gefährdet sein muss, aber doch durch Schrumpfung in ganz anderer Form entsteht, setzt als baukulturelle Aufgabe die Suche nach der Stadtgestalt ein, die in jedem Fall zu erhalten ist, wenn sich die Stadt nicht durch Schrumpfung auflösen soll. Unter einer solchen Stadtgestalt werden die baulichen und räumlichen Elemente verstanden, an die ihre Bewohner im Sinne „symbolischer Ortsbindung” gebunden zu sein scheinen und aus denen in der Regel die endogenen Potenziale einer Stabilisierung gespeist werden.

Dies muss nicht notwendig die Innenstadt sein, sondern kann einzelne Punkte oder Elemente der Stadt bezeichnen, die im Alltagsleben und als Erinnerungs- oder Identifikationswerte von Bedeutung sind. Selbst wenn die Erhaltung der Stadt unter diesen Bedingungen gelingt, wird sie nach der Schrumpfung aber zu etwas völlig Anderem transformiert sein. Eine Industriestadt könnte sich in diesem Sinne zum kleinen Landstädtchen wandeln. Im Forschungsverbund „Stadt 2030” des Bundesministeriums für Bildung und Forschung verfolgt zum Beispiel die brandenburgische Stadt Guben dieses Konzept der Transformation 10. Ihre Schwierigkeiten liegen wie gesagt darin, dass städtebauliche Objekte und Strukturen, aus denen sich das Neue definieren könnte, kaum mehr vorhanden oder aber symbolisch entwertet sein können, wie zum Beispiel in Guben.

Gegenstand von Bürgerbeteiligung in diesem Modell ist Mitbestimmung bei der Definition dieser neuen Stadtgestalt, eine Mitbestimmung, die direkt durch Beteiligung oder indirekt durch Befragungen erfolgen kann. Vorgezogen wird allerdings in der Regel die direkte Beteiligung. Der Standardeinwand gegen diese Beteiligungsformen ist allerdings immer, dass Planungen langfristig angelegt sein müssen, Bevölkerungsansprüche sich dagegen meist auf ausgesprochen kurzfristige Ziele richten. Eine Beteiligungsplanung dieser Art verlangt also erhebliche Moderationsleistungen.

Stadttransformation erfordert eine intensive Debatte über die Lebens- und Wirtschaftsformen, die mit der Transformation verbunden sein können. Dass ein klassisches Normalarbeitsverhältnis die breite Basis ökonomischer Existenz der Bewohner abgeben könne, wird in zunehmendem Maße bezweifelt, so dass alternative Existenzformen gefunden und entwickelt werden müssten. Bereits in frühen Überlegungen zur schrumpfenden Stadt als dauerhaftem Typ der Stadtentwicklung wurde aus wissenschaftlicher Sicht vorgeschlagen, solche alternativen ökonomischen Existenzformen zu entwickeln, da der gewohnte formale Arbeitsmarkt und eine „normale” Marktökonomie möglicherweise in Schrumpfungszonen nicht mehr tragfähig sein könnten.11

Als solche Alternativen gelten Tausch- und Subsistenzökonomie auf der Basis von Transfereinkommen. Kleine Produktions- und Konsumtionsgemeinschaften leben in entsprechenden Siedlungsformen als Selbstversorger und für einen engen regionalen Tauschmarkt, auf dem sie eigene Produkte und Leistungen gegen entsprechende, ihnen fehlende Güter ähnlicher Gruppen mit diesen ohne Geldverkehr tauschen.

Restansprüche an den normalen Warenmarkt werden durch Transfereinkommen – Arbeitslosenunterstützung, Kindergeld etc. – oder auch durch eher geringfügige Arbeitseinkommen abgedeckt. Es ist offensichtlich, dass solche Perspektiven nicht nur ökonomische und mentale, sondern auch städtebauliche und architektonische Siedlungs- und Nutzungsprobleme aufwerfen. Die verbreitete Wohnform ökonomisch schwacher Gruppen, die Etagenwohnung im Alt- oder Neubau, ist für Subsistenzökonomie denkbar ungeeignet.

Ehemalige landwirtschaftliche Anlagen, wenn sie nicht durch Orientierung auf agrarische Massenproduktion für Alternativökonomie von vornherein unbrauchbar sind, müssten mit hohen Kosten umgebaut werden, die gerade von den relevanten Bevölkerungsgruppen nicht aufzubringen sind. Es müsste also wieder die öffentliche Hand einspringen, und dies in Regionen, in denen durch Schrumpfung zumindest die kommunalen Haushalte längst faktisch handlungsunfähig sind und Kommunalpolitiker immer noch, wenn sie an Investitionen denken, die klassische wachstumsorientierte Wirtschaftsförderung verfolgen.

Und auf Landesebene werden Prioritäten bisher kaum anders gesetzt, falls überhaupt noch finanzielle Spielräume vorhanden sind. Entscheidungen um die Chip- Fabrik in Frankfurt/Oder und um den Cargo-Lifter zeigen, dass sich gerade Förderprioritäten, die auf Alternativökonomien ausgerichtet sind, bisher keiner großen politischen Beliebtheit erfreuen. Es gilt jedoch als ziemlich sicher, dass die Umsetzung von Förderprinzipien nach klassischem Wirtschaftswachstumsmodell in schrumpfenden Städten und Regionen die negativen Auswirkungen der Schrumpfung verschärfen.

Daher können Gemeinschaftswohnformen mit großzügigen Freiflächen im städtischen wie im ländlichen Kontext die Möglichkeiten, mit Schrumpfung und Deindustrialisierung auf Dauer zu leben, durchaus erleichtern.

Auch wenn das Modell der Stadttransformation nur in Verbindung mit einem Konzept alternativer Ökonomie tragfähig wird, stellt es also offensichtlich gravierende architektonische Anforderungen. Allerdings geht es hier nicht um Ästhetik, sondern um Existenzfragen des Überlebens in schrumpfenden Städten und Regionen. Und es wird deutlich, dass man nicht einfach „die Platte” – und entsprechende Industrieanlagen – abreißen kann, um eine Stadt wieder auf die Dimension vor der Industrialisierung zu bringen.

Während für die beiden Ebenen „gebaute Stadt” und „Stadt als Lebens- und Wirtschaftsform” bei der Stadttransformation durchaus Vorschläge und Konzepte vorliegen, scheinen Überlegungen für die „politische Institution Stadt” doch noch zu fehlen. Es scheint aber sicher zu sein, dass stark schrumpfende Städte, vor allem kleinere Ortschaften, in der Transformation nur durch Regionalisierung, also durch die Zusammenfassung zu größeren territorialen Einheiten, eine einigermaßen leistungsfähige Politik und Verwaltung erhalten können.

Stadtauflösung

Wenn auch in der Öffentlichkeit noch tabuisiert, scheint angesichts der anhaltenden Einwohnerverluste eine Auflösung von Ortschaften oder Siedlungen zumindest langfristig unausweichlich zu werden. Bereits jetzt nennt die Landesentwicklungsplanung Brandenburgs einige „existenzgefährdete” Städte. Stadtauflösung nun entzieht sich offensichtlich einer Debatte um Baukultur, wie sie bisher geführt wird.

Ganz eindeutig dominieren sozialplanerische und institutionelle Fragen von Stadtentwicklung, und nur in Form von Fragen kann das Problem hier angedeutet werden. Ist die Selbstauflösung einer Stadt von deren Politik und Verwaltung selbst zu planen, oder muss dies nicht Aufgabe übergeordneter regionaler und staatlicher Institutionen sein? Wann ist eine Einwohnerzahl erreicht, die den Erhalt einer Ortschaft mit den entsprechenden infrastrukturellen Aufwendungen nicht mehr rechtfertigt? Muss für minimale Restbevölkerungen, die in der Regel einen hohen Altersdurchschnitt aufweisen werden, ein Recht auf Heimat anerkannt werden, das auch extrem hohe Aufwendungen zum Erhalt von Siedlungen rechtfertigt?

Sind für eine Restbevölkerung Umsiedlungsprogramme denkbar, die in Anlehnung an entsprechende Maßnahmen von Dorfumsiedlungen, zum Beispiel im Braunkohletagebau oder bei der Anlage von Stauseen, entwickelt werden können? Kann es für Ortschaften Sozialpläne der Schließung wie für Betriebe geben? Oder – und das wäre die Vermeidung von Stadtauflösung – sind Siedlungen solch radikal alternativer Lebensformen denkbar, dass sie von sich aus so viel Attraktivität besitzen, um auch neue Bevölkerung mit entsprechenden Mentalitäten anzuziehen?

Konsequente Ökologie-Siedlungen ohne Individualverkehr, ohne Verwendung fossiler Brennstoffe, ohne alle Chemieprodukte, das Denkmaldorf mit ausschließlich historischer Bebauung sind als Ansätze hier in der Diskussion. Als ausgesprochen provokanter Vorstoß gilt der Vorschlag, „alternative Wirtschaftszonen” herzustellen, in denen „Marktökonomie pur” ohne alle staatlichen Restriktionen zugelassen sein soll, auch wenn schwer vorstellbar ist, wie derartige Konstruktionen in Inselsituationen funktionieren sollen.

Auch wenn es sich bei diesen Konzepten zur Vermeidung von Stadtauflösung bisher nur um Denkmodelle handelt, machen sie eines deutlich: Zur Bewältigung extremer Transformation oder gar zur Vermeidung von Stadtauflösungen ist nicht nur eine radikale Planung erforderlich. Es bedarf auch der entsprechenden Mentalitäten in der Bevölkerung, die nicht kurzfristig herausgebildet werden können. Dass sie in der ehemaligen DDR-Bevölkerung aber bereits entstanden, dass sie angelegt seien und diese Bürger und Bürgerinnen daher zur „Avantgarde” alternativer Lebens- und Wirtschaftsformen prädestiniert seien,12 ist eine These, die besonders in der Schrumpfungsdebatte viel Aufmerksamkeit und Zustimmung gefunden hat. Dennoch überzeugt sie nicht.

Selbst wenn die – ältere – ehemalige DDR-Bevölkerung in einer Ökonomie der Improvisation und informellen Beziehungen aufgewachsen ist, ohne die den permanenten Mängeln der offiziellen Planwirtschaft nicht zu begegnen war, basierte diese Wirtschaft doch auf formalen Anstellungs-, Arbeits- und Versorgungssystemen, die für jeden verfügbar und Pflicht waren. Gerade wenn man auf ältere Traditionen der DDR-Bevölkerung rekurriert, so dominiert für diese die Integration in ein klassisches Industriearbeitermodell von Alltagskultur, in der sich paternalistische Arbeits- und Versorgungsverhältnisse mit punktuellen informellen Aktivitäten verbinden, die formalen Systeme aber immer die Basis des Lebens bleiben.

Alle Untersuchungen zur Wende in der DDR und alle politischen Reaktionen auf die Wende und die deutsche Vereinigung dokumentieren die Persistenz dieses kulturellen Modells. Für Intellektuelle der ehemaligen DDR aber ist bis heute immer noch schwer vorstellbar, dass eine Gesellschaft ohne historischen Auftrag, dass ihre eigene Gesellschaft ohne politischen Führungsanspruch existieren kann und muss. So wird denn der Avantgardeanspruch auch mit beliebigen Inhalten gefüllt, mal mit dem Kampf für den Sozialstaat, gegen dessen Destruktion durch Globalisierung und US-amerikanische Liberalisierung und dann mit genau der gegenteiligen Zielrichtung für informelle Ökonomie.

Diese Beliebigkeit zeigt schon, dass es um Inhalte gar nicht geht, sondern nur um den intellektuellen Traum von der historischen Sendung, der bekanntlich zu den fragwürdigen Bestandteilen im Erbe einer deutschen „Kulturnation“ zählt. Aber es gehört auch zu den faszinierenden Aspekten der Baukulturdebatte, dass sie sogar in diese Tiefenschichten mentaler Traditionen hineinreicht und nicht nur Wünsche nach einem staatlich legitimierten Geschmacksdiktat weckt.

Resümee

Soll die Diskussion um Baukultur ihre symbolische Bedeutung überwinden und tatsächlich politische Bedeutung gewinnen, wäre zu fordern, dass sie Folgendes thematisiert: die rechtlichen, ökonomischen, mentalen und architektonisch-städtebaulichen Probleme der größten gegenwärtigen Planungsherausforderungen, der Stadtschrumpfung einerseits, der familiengerechten, verdichteten Stadt andererseits – die hier nicht entfaltet wurde – und dabei auch nicht bei Rezepten einer mehr oder weniger rigiden Geschmacksdiktatur stehen bleibt, sondern Planungsinstrumente, Richtlinien und Finanzierungsmodelle zur Bewältigung von Schrumpfung, zum Leben mit Schrumpfung in Städten und Gemeinden und zum Leben von Familien mit Kindern in verdichteten Stadtbereichen entwickelt.

Die ästhetischen Verirrungen der Zwischenstadt und der konkurrenzgeprägten Innenstadt sind sicher ein Ungemach, reichen in ihrer Bedrohlichkeit aber wohl kaum an die Krisen heran, die aus der Schrumpfung und der „demographischen Zeitenwende” 13 erwachsen. Diesen hätte sich eine verantwortungsbewusste Debatte um Stadt-, Bau- und Planungskultur zu stellen.

Anmerkungen/Literatur

1 Zur Kritik einer quasi theologischen und dennoch auf höchst subjektiven Urteilen basierenden Architekturideologie vgl. Dieter Claessen: Der Abbau der alten symbolischen Wirklichkeit und das Dilemma der Architektur im Wandel der Gesellschaft. In: Sibylle Meyer und Eva Schulz (Hg.). Ein Puzzle, das nie aufgeht. Stadt, Region und Individuum in der Moderne. Festschrift für Rainer Mackensen, Berlin 1994, S. 31–44.

2 Sieverts, Thomas: Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. Braunschweig und Wiesbaden 1998.

3 Ganser, Karl: Eröffnungsvortrag „Baukultur – Bau Kultur! Die Initiative des Bundes” zur Tagung „Stadtgestalt – Ihre kulturellen Dimensionen” der Evangelischen Akademie Tutzing, 7. Februar 2003.

4 Lübbe, Hermann: Modernisierung und Folgelasten. Trends kultureller
und politischer Evolution. Berlin 1997u. a. .

5 In diesem Sinne schon die älteren Kritiken an der Stadtgestaltung, z.B. Durth, Werner: Die Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestalt. Braunschweig 1977.

6 Bürkner, Hans-Joachim: Schrumpfung und Alltagskultur: Blinde Flecken im Stadtumbau. In: Karl-Dieter Keim (Hg.): Regenerierung schrumpfender Städte – zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. Erkner 2001.

7 Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Europa. München 2001.

8 Lüdtke Daldrup, Engelbert: Die perforierte Stadt. Eine Versuchsanordnung. In: Bauwelt, Heft 24/2001, S. 40 –45.

9 Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter : Neue Entwicklungstypen von Großstädten, In: Stadtbauwelt Nr. 91, Bauwelt 1986, Heft 36.

10 Vgl. z.B. den Überblick über den Forschungsverbund „Stadt 2030” in: Der Städtetag, Heft 4, 2003, Themenheft „Stadt 2030”: Mut zum Weitblick in deutschen Städten; zur Bevölkerungsentwicklung Gubens. Frank Schwartze: Zwischen Abgrenzung und Hoffnung: Guben/ Gubin, a.a.O., S. 27–29.

11 Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter: Neue Urbanität. Frankfurt/ Main 1987.

12 Engler, Wolfgang. Die Ostdeutschen als Avantgarde. Berlin 2002.

13 Birg, Herwig: a.a.O.

 

 

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Wohnhaus, Gartenseite, Neuruppin Foto: J. Schonauer/R. Sroka

Wohnhaus, Gartenseite, Neuruppin
Foto: J. Schonauer/R. Sroka