| 5
Arne Krohn
Baukultur als Antriebskraft
für die Stadtentwicklung – Neuruppin 2006
Die Fontane - Stadt Neuruppin
bezieht sich bei dem Formulieren ihrer Entwicklungsziele
auf die städtebaulichen Wurzeln ihrer Vorgängergenerationen.
Der Titel unseres Stadtentwicklungskonzeptes lautet
daher „Neuruppin 2006”.
Diese Bezeichnung ist nämlich
nicht nur der Ausblick auf eine mittlerweile immer näher
kommende Jahreszahl, sondern vor allem auch Erinnerung
an bedeutende Ereignisse der Stadtgeschichte: Im Jahre
1256 wurde dem Örtchen Neu Ruppin das Stendaler
Stadtrecht verliehen. Im Jahr 2006 wird das 750 Jahre
zurückliegen.
Außerdem wird sich
im gleichen Jahr zum zweihundertsten Mal der Abschluss
des Wiederaufbaus unserer Stadt (1806) nach dem verheerenden
Stadtbrand von 1787 jähren. Dieser Wiederaufbau
fasziniert uns noch heute in seiner Klarheit, seiner
gestalterischen Qualität, aber auch in seiner organisatorischen
Abwicklung durch die damalige preußische Bauverwaltung.
Die vor mittlerweile zwei
Jahren veröffentlichten Forschungsergebnisse von
Ulrich Reinisch1 haben
uns sehr interessante Einblicke in das Procedere einer
städtebaulichen Großtat, aber auch in das
Wechselspiel zwischen politischen Einflüssen, sozialen
Ansprüchen, finanziellen Möglichkeiten, staatlichen
Subventionen, bürokratischen Steuerungen und philosophischen
Reflexionen gewährt.
Die Beschäftigung mit
diesem interessanten Thema hat uns angeregt, die heutigen
Ansprüche an die Stadtentwicklung sehr sorgfältig
und vor allem nachhaltig unter Beachtung unseres großartigen
städtebaulichen und architektonischen Erbes zu
formulieren.

Stadtplan 1787 nach dem Brand
Zeichnung: Bernhardt Matthias Brasch

Plan der wieder zu errichtenden
Stadt 1787
Zeichnung: Bernhardt Matthias Brasch
Aus diesem Grunde haben wir als Erstes
eine übergreifende Vision entwickelt, die ein idealtypisches
Bild der Stadt in der mittelfristigen Zukunft darstellt.
Hierbei beziehen wir uns auf drei wesentliche Entwicklungsbereiche,
welche die Gesamtstadt, die mit einer Gesamtfläche
von 330 km2 zu den größten Städten Deutschlands
zählt, klar spezifizieren. Es handelt sich hierbei
um die Bereiche: Landschaft und Dörfer, Altstadt,
Stadtränder.
Für diese drei Teilbereiche wurden
folgende Entwicklungsziele formuliert, die für
die weiteren Planungen zugrunde gelegt werden sollen:
Landschaft und Dörfer
-
Erhalt der typisch
brandenburgischen Dorfformen;
-
Sicherung der Sozialstruktur in
den Ortsteilen;
-
Sicherung der agrarischen Wirtschaftseinrichtungen;
-
Stärkung von Vermarktungsmöglichkeiten
für regionale landwirtschaftliche Produkte;
-
Erhalt des Naturraums und Landschaftsbildes;
-
Sicherung der Mobilität der
Bewohner durch verbesserte Angebote im öffentlichen
Personennahverkehr (ÖPNV) u.a.m.
Altstadt
-
Stärkung
der Innenstadt als Herz und Motor der Gesamtstadt;
-
Erhalt der gestalterischen Qualität
der Gebäude und des öffentliches Raums;
-
Sicherung des Wirtschafts- und
Wohnstandortes, Mobilisierung von privaten Initiativen
zum Stärken des Innenstadtstandortes u.a.
Stadtränder
-
Innenentwicklung
vor Außenentwicklung: die vorhandenen ehemals
militärisch, gewerblich und industriell genutzten
Brachflächen für städtische Funktionen
entwickeln und dadurch den unzersiedelten Landschaftraum
erhalten;
-
durch geeignete Maßnahmen
im z.T. erheblich zersiedelten und nicht öffentlich
durchquerbaren Stadtrandbereich gut gestaltete Wegeverbindung
zwischen der Innenstadt und dem sie umgebenden Naturraum
etablieren;
-
Entwicklung attraktiver Wohnstandorte
in Altstadtnähe und direkt am Ruppiner See;
-
Stadtentwicklung durch Konversion
militärischer Brachflächen (Bildung, Verwaltung,
Forschung);
-
Entwicklung
eines regionalen Verkehrsknotenpunktes am Bahnhof
Neuruppin West.
Schlüsselprojekte
Während der Entwicklung dieses Leitbildes
war allen Beteiligten klar, dass eine grob formulierte
Vision niemals in allen Punkten erreicht werden kann.
Es konnte jedoch vereinbart werden, dass diese Vision
als Entwicklungsziel und Fahrplan in die Zukunft bei
der Entscheidung über konkrete Arbeitsschritte
eine wichtige Voraussetzung ist. Sie wurde daher in
einer Stadtverordnetenversammlung auch einstimmig als
Grundlage der Stadtentwicklung beschlossen.
Gleichzeitig wurde festgelegt, dass geeignete
Schlüsselprojekte definiert werden sollen, die
eine möglichst große Schubkraft entwickeln,
mit der die Gesamtstadt dem Bild der Vision möglichst
nahe kommen kann. Weiterhin wurde vereinbart, dass keine
Maßnahmen entwickelt und weiterverfolgt werden
sollen, die das Erreichen des Entwicklungszieles erschweren
oder durch ihre Wirkung gar verhindern könnten.
Im Rahmen der Konzepterarbeitung wurde
auch die Neuruppiner Bevölkerung umfassend in die
Diskussion miteinbezogen. Es fand eine große Ausstellung
in der damals noch brachliegenden Pfarrkirche statt,
in der die Entwicklungsziele dargestellt waren. Gleichzeitig
wurden auch Aktivitäten im Rahmen der lokalen Agenda
21 entwickelt.

Vision Neuruppin 2006, Die
drei Teile als Gesamtheit
Büro: Wagenfeld & Partner, Netzeband
Nach einer umfassenden Diskussion wurde
schließlich im Jahre 1998 das Konzept Neuruppin
2006 beschlossen. Zehn Schlüsselprojekte wurden
definiert, die seitdem in der politischen Diskussion
und auch in der Investitionstätigkeit der Stadt
Neuruppin einen festen Ausdruck gefunden haben:
Pfarrkirche und Kongresszentrum
Die Pfarrkirche ist mittlerweile als Kultur-
und Kongresszentrum fertig gestellt und erfreut sich
als Veranstaltungsstätte in Neuruppin ständig
wachsender Beliebtheit. Das dazu vorgesehene Kongresshotel
befindet sich in der Planungsphase. Bei entsprechender
Fördermittelbewilligung soll der Hotel-Komplex
mit ca. 130 Zimmern im Jahre 2005 fertig gestellt sein.
Bahnanschluss und Bahnhöfe
Mit der Inbetriebnahme des Prignitz Express
konnte eines der von der Stadt Neuruppin maßgeblich
geforderten und auch geförderten Verkehrsprojekte
in einem wesentlichen Teilabschnitt realisiert werden.
Gleichzeitig ist es der Fontane-Stadt gelungen, mit
dem Bau eines neuen Bahnhofs die Voraussetzung für
die Vertaktung mit anderen Bahnlinien und dem Regionalbusverkehr
zu schaffen sowie die Verknüpfung mit dem Individualverkehr
vorzubereiten. Was jedoch noch aussteht und zwingend
erreicht werden muss, ist die endgültige Durchbindung
des Regionalexpresses ins Stadtzentrum on Berlin, zum
Lehrter Bahnhof.
Dieses Ziel ist noch nicht erreicht und
hierzu bedarf es auch enormer Kraftanstrengungen, die
von der Stadt Neuruppin allein Raum erbracht werden
können. Hier sind ebenfalls der Landkreis, weitere
Kommunen, das Land und auch der und gefordert.
Bollwerk und Uferpromenade
Der berühmte Bereich, an dem die
Altstadt auf den See trifft, ist bereits mit Städtebaufördermitteln
und auch A-Mitteln (Förderprogramm: Gemeinschaftsaufgabe
Aufschwung Ost) saniert worden. Dieser Bereich ist das
touristische Highlight der Stadt Neuruppin.
Platz am Alten Gymnasium
Mit dem Bau des Schulplatzes, der Fußgängerzone,
der amit einhergehenden Investition der Bilderbogenpassage
und des Trend-Kaufhauses konnte im so genannten Citykarree
der Innenstadt eine wesentliche Stärkung für
Handel und Gewerbe erreicht werden.
Trotz aller nach die vor vorhandenen wirtschaftlichen
Probleme findet in iesem Bereich der Altstadt von Neuruppin
das gewerbliche eben statt, z.B. an den vier Wochenmarkttagen.
Seetorviertel
Das Seetorviertel ist das wichtigste Entwicklungsgebiet
der Stadt Neuruppin. Hier befindet sich der Standort
für das geplante Viersternehotel mit angeschlossenem
Gesundheitsbad. Gleichzeitig sollen hier touristische
Infrastrukturen, wie Marina, Parkhaus für die Altstadt,
sowie weitere Freizeiteinrichtungen entstehen.
Regattastraße und
Wassersportzentrum
Dieser Bereich schließt sich südlich
an das Bollwerk an und ist vorrangig für den Neuruppiner
Wassersportverein zu entwickeln. Viele Investitionen
sind hier bereits abgeschlossen (Landesleistungszentrum,
Jugendsegelsport, Ruderclub, Kanuclub, u.a.). Weitere
Planungen, die eine stärkere Öffnung für
die Öffentlichkeit herbeiführen, müssen
noch umgesetzt werden.
Wohnumfeldverbesserung im
Geschosswohnungsbau
In den Neuruppiner Plattenbausiedlungen
hat immerhin fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung
sein soziales Umfeld. Das Leerstandsproblem stellt sich
aufgrund rechtzeitig begonnener Sanierungen und der
Wohnumfeldgestaltung in diesem Bereich im Gegensatz
zu vielen anderen Plattenbausiedlungen Brandenburgs
hier nicht.
Die Siedlung ist nach wie vor ein gefragter
Wohnstandort, Rückbauten werden erst mittel- bis
langfristig notwendig und können demzufolge sorgfältig
vorbereitet werden.
Schlossinsel Alt Ruppin
Die Schlossinsel ist eine der wesentlichen
Freiflächen des Ortsteiles Alt Ruppin. Hier soll
durch eine touristische Infrastruktur (Bollwerk mit
Dampferanlegestelle, Ruderclub, Badeanstalt, parkähnliche
Anlage u.ä.) das Ortszentrum von Alt Ruppin gestärkt
werden.
Ehemalige Panzerkaserne
Das Areal wurde in den 1930er Jahren für
die Wehrmacht errichtet und nach dem Zweiten Weltkrieg
durch die Rote Armee weiter genutzt. Nach dem Wegfall
der militärischen Nutzung konnte dieses Gebiet
zu einem Bildungsstandort weiterentwickelt werden. Mittlerweile
sind dort das Oberstufenzentrum des Landkreises, das
Technologie- und Gründerzentrum Neuruppin und die
Ländliche Erwachsenenbildung Ostprignitz-Ruppin
beheimatet. Es bestehen Pläne, weitere Bildungseinrichtungen
bis hin zur Etablierung einer Fachhochschule anzusiedeln.

Luftfoto Schlüsselprojekte,
Institut Raum und Energie, Hamburg, Greifswald, Neuruppin
1 Pfarrkirche und Kongresszentrum
2 Bahnanschluss und Bahnhöfe
3 Bollwerk und Uferpromenade
4 Platz am Alten Gymnasium
5 Seeortviertel
6 Regattastraße und Wassersportzentrum
7 Wohnfeldverbesserung im Geschosswohnungsbau
8 Schlossinsel Alt Ruppin
9 Panzerkaserne
10 Flugplatz
Ehemaliger Militärflugplatz
Auch diese militärische Liegenschaft
wurde nach der Wende in Zivilverwaltung übergeben.
Neben der Umnutzung der Kasernen für Wohnzwecke,
der Nachnutzung einiger der bestehenden Shelteranlagen
für gewerbliche Zwecke, der Ansiedlung eines Segelflugplatzes
sowie der Trassenführung der Westachse, einer Ortsumgehung
für die Neuruppiner Innenstadt, werden weite Bereiche
dieser Immobilie dem Naturraum zurückgegeben.
Wie Sie der Auflistung und den Angaben
zu den einzelnen Projekten entnehmen können, sind
große Teile dieser zehn Schlüsselprojekte
bereits fertig gestellt bzw. haben einen weiten Realisierungsstand
erreicht. Es hat sich also herausgestellt, dass der
damalige breite Konsens einer übergreifenden Vision
und das Definieren dieser Schlüsselprojekte in
ihrem Wechselspiel eine starke Stadtentwicklung bewirkt
haben.
Obwohl das Jahr 2006 noch nicht erreicht
ist, befinden wir uns gegenwärtig bereits bei der
Überarbeitung unseres städtebaulichen Leitbildes,
um den Schwung der bisherigen Entwicklungsschritte auszunutzen.
Das neue Leitbild, welches einen Zeithorizont bis 2015
abdecken soll, wird sich dann stärker sozialen
und prozessorientierten Schwerpunkten widmen.
Die Zeit der großen Investitionen
neigt sich aufgrund der geringer werdenden Finanzmasse,
aber auch der sinkenden Einwohnerzahlen deutlich dem
Ende entgegen. Es wird in den nächsten Jahren zunehmend
darauf ankommen, den vorhandenen Bestand am Kulturgut
Stadt so zu strukturieren, dass er auch im 21. Jahrhundert
noch bestehen kann.
Literatur
1
Ulrich Reinisch: Der Wiederaufbau der Stadt Neuruppin
nach dem großen Brand von 1787 oder Wie die preußische
Bürokratie eine Stadt baute. Wernersche Verlagsgesellschaft
Worms 2001.

|