| Einführung
Bärbel Möller
Baukultur – ein Thema
politischer Bildung und zivilgesellschaftlichen Engagements
Relativ selten interessiert
sich die ministeriale Fachpolitik für die politische
Bildung. Umso mehr ist hier die Ausnahme zu erwähnen.
Die Brandenburgische Landeszentrale für politische
Bildung nahm das Angebot des Ministeriums für Stadtentwicklung,
Wohnen und Verkehr, eine Gesprächsreihe zur Baukultur
zu konzipieren und die entsprechende Fachkompetenz einzubringen,
interessiert auf.
Unter dem Titel Politikfeld
Baukultur fanden 2002/2003 fünf Diskussionsveranstaltungen
statt. Die Beiträge der Referentinnen und Referenten
beinhaltet dieses Buch.
Baukultur ist ein
weitreichendes gesellschaftliches und politisches Feld,
das neben dem unmittelbaren Bauen den Umgang mit der
gebauten Umgebung erfasst und maßgeblich die Lebensbedingungen
der Menschen bestimmt. Im Zentrum der Gesprächreihe
standen aktuelle Fragen des kritischen Umgangs mit bereits
Gebautem, die gegenwärtigen historisch unvergleichbaren
Herausforderungen des Stadtumbaus und perspektivische
Fragen des Zusammenhangs von Lebensqualität und
Stadtgestalt.
Das Vorhaben entsprach
dem Konzept politischer Bildung in Brandenburg: in dialogischen
Veranstaltungen Gegenwarts- und Zukunftsfragen zu diskutieren,
Bürgerinnen und Bürger zur Mitwirkung und
Einmischung in ihre eigenen Angelegenheiten anzuregen
und sie hierfür mit Wissen und authentischen Informationen
auszustatten.
Baukultur und politische
Bildung, wo sind die Verbindungen? Wie lässt sich
Baukultur als Politikziel vermitteln? Baukultur erweist
sich als aktuelles politisches Thema, das besonders
in den neuen Bundesländern mit dramatischen Prozessen
von Strukturumbrüchen am Wirtschafts-und Arbeitsmarkt,
erheblichem Rückgang der Bevölkerung und Einbrüchen
in den öffentlichen Finanzen verbunden ist. Die
Zeiten, in denen Stadtentwicklung mit Wachstum verbunden
war, sind vorbei.
Unter diesen gravierend
veränderten Bedingungen gewinnt Baukultur, verstanden
als Umgang mit der tradierten Lebensform Stadt, an Bedeutung,
obwohl sie noch kaum in den alltäglichen Medien
vorkommt. Die Thematik hat in Brandenburg eine eigene
politische Dimension. Als neues Bundesland mit vielerlei
Nachholbedarf, als dünn besiedeltes Flächenland
mit vorwiegend kleineren Städten, strukturschwachen
Gebieten und Grenzräumen sind realistische neue
Ansätze der überörtlich Planenden und
Selbsthilfe der Akteure vor Ort bei knapper werdenden
finanziellen Mitteln gefragt. Dabei müssen die
veränderten Bedingungen ungeschönt zur Kenntnis
genommen werden und die verschiedenen Ebenen zusammenwirken.
Diesen bürgerschaftlichen
Prozess mit anzustoßen, ist eine Aufgabe politischer
Bildung.
Die Veranstaltungsreihe
hat eines deutlich gemacht: Baukultur und die damit
verbundenen Probleme bedürfen der Diskussion, noch
dringlicher der gemeinsamen Diskussion von Professionellen,
Entscheidern und Laien/ Bürgerinnen und Bürgern.
Das jeweilige Thema der Veranstaltungen führte
Referenten und Diskutierende immer wieder auf Grundfragen
gesellschaftlicher Entwicklung zurück. Baukultur
steht in engen Zusammenhang mit dem jeweiligen Selbst-
und Werteverständnis einer Gesellschaft. Es sind
ausgesprochen dichte Gesprächsatmosphären
entstanden, weil anhand dieses Politikfeldes viele grundsätzliche
Fragen vergangenen und zukünftigen gesellschaftlichen
Zusammenlebens thematisiert werden konnten. Experten
wie Laien sind in diesem Dialog Suchende.
In den Diskussionen
wurde deutlich, dass die bereits seit längerem
vorhandenen Signale der Schrumpfungsprozesse ernst zu
nehmen sind und die Ansprüche an politische Gestaltung
und zukunftsbedachte Entwicklung lebenswerter Städte
gerade aufgrund geringerer finanzieller Mittel wachsen.
Dies betrifft alle politischen Entscheidungsebenen:
Bund, Land und Kommunen.
Die spezifischen ostdeutschen
Verhältnisse und Voraussetzungen schlugen dabei
immer wieder durch, dienten quasi als Brennglas zur
Deutlichmachung. In dramatischer Weise stehen hier Fragen
des Rückbaus von Wohnungen in Städten und
des Umgangs mit Brachen an. Leer stehende Wohnungen
und Häuser, ganze Leerstandsgebiete sowie Industriebrachen
werden nicht rekonstruiert werden können, nicht
aufgrund fehlender finanzieller Mittel, sondern aufgrund
der Veränderungen von Produktionsformen und Arbeit
und aufgrund der demografischen Entwicklungen. Die Landschaft
erfährt vielfältige Umdeutungen und Eigentumswechsel
mit entsprechend veränderten Nutzungskonzepten
(Landwirtschaft, Naturschutz, Wald, Wasserläufe).
Der ostdeutsche Transformationsprozess
hat bereits in seiner frühen Phase mit eigenen
Wortschöpfungen – Abwicklung, Warteschleife,
Insolvenz als neue Form der Unternehmensabwicklung,
Treuhandanstalt und Konversion – auf das Ende
von Prosperitätsdynamiken verwiesen. Die Dramatik
dieser Begriffe wird erst heute richtig deutlich.
Gebraucht wird eine
neue Kultur des Stadtumbaus. Unabdingbar ist, dass die
qua Amt oder Profession Beteiligten und die Bürgerinnen
und Bürger ihre eigenen Vorstellungen und entsprechende
Wertorientierungen in den Prozess einbringen. Dabei
geht es um das Aushalten einer möglichen Vielfalt,
die deshalb zu respektieren ist, weil sie demokratisch
entschieden wurde. Die hier aufgebrochenen Probleme
lassen sich immer weniger durch vereinheitlichte Maßnahmen
lösen. Dezentrale Ansätze werden notwendigerweise
zu entwickeln sein, unterschiedliche Entwicklungsdynamiken
und Zeithorizonte werden eine Rolle spielen. Hierzu
bedarf es, wie bei allen komplexen Problemen, des Wissens
und der Information in der Sache.
Drei inhaltliche Schwerpunkte
durchzogen die Diskussionen:
Auf den ersten Blick
schien Rückbau ein Thema zu sein, das man mit den
Erfahrungen der alten Bundesländer bei der Restrukturierung
altindustrieller Regionen oder der Sanierung sozialer
Brennpunkte in Städten bewältigen könnte.
Aber die Dimension im Osten ist eine andere: Alle Problemlagen
werden hier gebrochen bzw. verstärkt durch den
Sprung in eine Marktwirtschaft, die sozial relativ gut
abgefedert ist, aber noch immer nicht als solche funktioniert.
Und so wird der Osten Deutschlands noch weiter alimentiert
werden. Zeitgleich wird dieser Sprung überlagert
von den neuen Problemen postindustrieller Lebenswelten
und dem Ende bisher gekannten Wachstums in allen Bereichen.
Der Rückbau in den Städten ist ein Anlass
und ein sichtbarer Zwang wirklich umzudenken. Damit
haben sich auch alle Konzeptenachholender Modernisierung
in der Transformation des Ostens erschöpft. Folgen
des Leerstandes gehen weit über Probleme des Abrisses
von zu viel Wohnraum hinaus.
Die sich gegenseitig
verstärkenden Problemlagen schrumpfender Städte
können in Abwärtsspiralen hineinführen.
Die Verabschiedung von wachstumsorientierten Strategien
wirft zugleich neue Fragen auf: Wie kann dieser Prozess
gesteuert werden? Wer kann es tun? Wo sind die Akteure?
Stadtpolitik nicht
zuförderst als Wirtschaftpolitik zu begreifen,
fällt im Osten angesichts der hohen Zahl von Arbeitslosen
und fehlenden Arbeitsplätzen schwer. Beides zusammenzudenken
kann zu neuen Wegen und eher regional und lokal zu bestimmenden
Lösungen führen.
Ein zweites Problem
ist die Auseinandersetzung mit der Qualität der
gebauten Umwelt. Nach der Wende hat im Osten ein ausgedehntes,
staatlich gefördertes Baugeschehen eingesetzt,
mit dem es gelungen ist, den Verfall der Innenstädte
aus sozialistischen Zeiten aufzuhalten. Hierbei sei,
so die Diskussionen, im Zuge der Massenproduktion von
Gebautem berechtigterweise entschiedene Kritik anzubringen.
Die Frage „Warum unsere Städte so hässlich
sind?” 1
wurde in den Veranstaltungen nicht gestellt. Baukultur
ist keine Geschmacksfrage.
Hier stand die Frage
nach dem „Mehrwert” von Baukultur im Raum.
Ein Fazit der Diskussion ist: Unsere gebaute Umwelt
sollte uns „mehr Wert” sein. Hierfür
ist das Engagement vieler und unterschiedlicher Professionen
sowie Akteure in einer pluralistischen Gesellschaft
notwendig. Es wird schwer sein „alle unter einen
Hut zu bringen”.
Ein dritter Aspekt:
Häufig wird fehlende Steuerung durch die Politik
beklagt und zugleich die Rolle der Politik auf die Bereitstellung
von staatlichen Mitteln reduziert. „Die Idee,
Städte als Unternehmen zu betrachten, jedes Ämtchen
betriebswirtschaftlich zu durchforsten, ihre Funktion
aufs Nötigste zu reduzieren ist eine Stilblüte
der europäischen Stadttradition. Sie würde
zur Auflösung der Stadt als politische Einheit
führen. Eine Stärkung des politischen Einflusses
der Bürger auf ihre Städte wäre notwendig,
nicht ihre Reduktion auf einen Konsumentenstatus –
nicht weniger, sondern mehr Kommunalpolitik also.”
2
Es ist Aufgabe der
Politik vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen.
Baukultur, so ist zu vermuten, ist ein Politikfeld,
das nur durch die Mitwirkung der Bürgerinnen und
Bürger mit Sinn erfüllt werden kann, da es
die dialogische Form des Aushandelns zur Voraussetzung
hat – frei von Wahlkampfabsichten und über
Legislaturperioden hinausreichend.
Die Diskussionen im
Rahmen der Veranstaltungsreihe förderten die Kommunikation
zwischen Akteuren und Laien, ermöglichten die Reflexion
eigener beruflicher Tätigkeit durch die Experten
in neuen Gesprächskontexten und unterstützten
im besten Fall die Motivation der Teilnehmer beim Stadtumbau
mitzuwirken.
Dies soll noch einmal
mit dem vorliegenden Buch verstärkt werden. Der
herzliche Dank der beiden Herausgeberinnen gilt allen,
die zum erfolgreichen Zustandekommen der fünf Veranstaltungen
und ihrer Dokumentation beigetragen haben, insbesondere
den Referentinnen und Referenten für die Schriftfassung
ihrer anregenden Beiträge und das Bildmaterial.
Wir danken Prof. Dr. Eduard Führ von der Brandenburgischen
Technischen Universität Cottbus für die gesprächsfördernde
Moderation von drei Veranstaltungen und Elke Pahl-Weber
für die zielführende Moderation der abschließenden
lebendigen Podiumsdiskussion.
Anmerkungen/Literatur
1 Vgl.
Ganser, Karl: Interview Endlich Heimat bauen. In: Die
Zeit Nr. 14 vom 27.3.2003.
2 Häußermann,
Hartmut: Die Erfindung der Stadtgesellschaft. In: Das
Parlament Nr. 37 vom 8.9.2003, S. 1.

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