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Bernhard Schuster
Baukultur erfordert Kommunikation und Öffentlichkeit

Seit mehreren tausend Jahren bauen wir Menschen. Die Behausung gehört zu unseren Grundbedürfnissen ebenso wie das Leben in der Gemeinschaft. Gleich ob in der Stadt oder im Dorf. Bauen war und ist dabei immer mehr als nur simple Befriedigung eines funktionalen Bedarfes.

Bauten spiegeln immer den kulturellen Anspruch der konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse wieder, in denen sie entstanden. Insofern stellt unsere gebaute Umwelt ein großes Geschichtsbuch dar, das wir durchschreiten können, das uns anbietet, darin zu lesen.

Die Umwelt als eine lebendige Architekturausstellung, eine, die sich erkennbar wandelt. Eine, die Gesellschaft und die öffentlichen und privaten Bauherren gemeinsam mit ihren Architekten mitgestalten.

Bauen setzt immer einen Bauherrn voraus. Waren die Bauherren früher Landesherren und Patrizier, später das Bürgertum, zeitweise der vergesellschaftete Staat, so sind es heute der demokratische Staat, Investorengesellschaften und vereinzelt noch die Bürger. Der Anspruch des Bauherrn ist entscheidend für die Qualität des Gebauten. Gute Architektur kann nicht ohne den Bauherrn entstehen.

Bauen setzt Ordnung voraus, Ordnung der städtebaulichen, funktionellen, konstruktiven, gestalterischen, ökologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Diese Ordnung erfordert Planung, einen Prozess des Kopfes. Nach privaten und öffentlichen Bedürfnissen Räume zu gestalten, die neben dem Gebrauchswert verantwortlich mit den Ressourcen umgehen, zukunftsfähig sind, aber auch die Sinne ansprechen, das sind große und verantwortungsvolle Aufgaben für Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten.

Sich im Tagtraum einen zu verändernden Stadtraum vorzustellen, durch zu planende Gebäude zu schreiten, gleichsam dieses Gebäude im Kopf in Grundrisse, Schnitte und Details zu zerlegen, das gehört zu den anregendsten, spannendsten, aber auch anspruchvollsten Teilen des Planens. Gleichwohl wichtig ist es, dieses Kopfprodukt während des Planens in einem interdisziplinären, arbeitsteiligen Prozess aufzulösen, um es später anhand der geschaffenen Pläne als Gebäude wieder zusammenzufügen.

Zwischen den beschriebenen ersten Tagräumen und dem fertig gestellten Gebäude vergehen häufig mehrere Jahre. Das setzt Beharrlichkeit und Stehvermögen voraus. Der schnelle Erfolg ist im Architektenberuf nicht zu haben. Deckt sich das Ergebnis jedoch weitgehend mit der Vision, so ist damit ein kaum beschreibbares Gefühl der Befriedigung verbunden, aus dem Kraft für die Zukunft geschöpft wird. Denn an jeder Planung hängt auch ein Stück vom eigenen Ich.

Viele Generationen haben mit ihren Bauten zur Vielgestaltigkeit unserer gebauten Umwelt beigetragen. Einiges des Überlieferten ist erhalten geblieben, hat Feuer, Kriege und strukturelle Veränderungen überstanden. Allen gemeinsam ist die räumliche, bildhafte und benutzbare Geschichte, die durch die Gebäude und städtebaulichen Räume mit uns spricht. Nach meiner Auffassung geschieht diese Reflexion unabhängig von unserem Willen. Man kann diese kurzfristig schönreden, langfristig jedoch führt die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Beiträgen zur gebauten Umwelt zu einer selektiven Wertung. Die ist ein permanenter Prozess. Im Ergebnis entstanden Lebensdichte und Vielfalt in den Städten in äußerst differenzierter Weise.

Unserer Gesellschaft befindet sich im Wandel. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Strukturen bedürfen einer nachhaltigen Erneuerung. Seit jeher ist der Wandel mit der Suche nach Verlässlichkeit und dem Wunsch nach Integration in die Gesellschaft verbunden. Die Stadt ist der Brennpunkt der Gesellschaft, der Ort der sozialen Integration. Zeiten des Wandels ermöglichen auch Freiräume für Innovationen. Dies ist eine historische Erfahrung: Mitte des 19. Jahrhunderts fanden mit der Industrialisierung tief greifende strukturelle Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft statt. Städte, Dörfer und Landschaften wurden einem umfassenden Wandel unterzogen. Durch wirtschaftliche Expansionen in Teilen Deutschlands wurden Wanderungsbewegungen initiiert, die bestehende soziale und kulturelle Gefüge von Grund auf veränderten.

In der Architektur dieser Zeit ist durch die Parallelität vielfältiger Stile der intellektuell differenzierte Umgang mit der gesellschaftlichen Transformation von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft noch heute nachvollziehbar. Weitgehend zeitgleich reichte die Spanne von der Adaption klassischer Bauformen über die eklektische Mischung von Stilelementen verschiedener Epochen bis hin zur Suche nach innovativen Ausdrucksformen. War dies Ausdruck eines wachsenden Pluralismus in der Gesellschaft oder Wunsch nach formaler Stabilität in den schnelllebigen Zeiten? Wohl eine Mischung aus beidem! Wandlungsprozesse vollziehen sich in der Realität oft schneller als in den Köpfen der Vielzahl der Bevölkerung.

Ähnlichkeiten in den Wandlungsprozessen sind auch über mehr als 100 Jahre nicht zu leugnen. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Bewältigung heutiger Aufgaben weniger durch den Blick zurück als den Blick nach vorn gestützt und der Glaube an die Zukunft gestärkt werden kann. Was voraussetzt, zu wissen und zu berücksichtigen, woher wir kommen.

Wer wie ich beruflich in zwei grundsätzlich anderen Gesellschaftsystemen tätig war und ist, kann den Wertewandel aus eigenem Erleben nachvollziehen. Aus kritischer Distanz lösen sich dabei mit Ernsthaftigkeit betriebene, mühsam durchgesetzte Planungen in Banalitäten auf. Mitzuwirken an der zuvor beschriebenen selektiven Reflexion der baulichen Umwelt wird sicherlich wenigen Generationen zuteil geworden sein. Wie vorauszusehen, sind unterschiedlichste Reflexionen festzustellen, auch innerhalb der Architektenschaft. Diskussionen innerhalb der Brandenburgischen Architektenkammer in Vorbereitung der Architektenwerkstatt Potsdamer Mitte haben vielfältige Meinungsäußerungen offenbart. Insofern ist die Architektenkammer nicht allein Träger eines inhaltlichen und formalen Leitbildes zum heutigen Bauen, sondern wir helfen Rahmenbedingungen gestalten, in denen Architekten tätig werden können.

Neben den wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind das ebenso die kulturellen. Unter dem Überbegriff Baukultur verstehen wir daher nicht nur die Ergebnisse von Architektur und Stadtplanung, sondern ebenso den Prozess der Auseinandersetzung bis dahin.

Nach unserer Erfahrung ist Baukultur nicht so sehr durch Programme, Forderungen und demonstrative Auseinandersetzungen wirksam zu beeinflussen. Wir versuchen vielmehr als Architektenkammer Instrumente aktiver Einflussnahme auszuprägen. Diese Einflussnahme ist nicht auf den Kreis von Fachleuten begrenzt, der oft in gleichgesinnten Gruppen Feststellungen trifft, deren Umsetzung häufig schon an der Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen scheitert.

Wir suchen hingegen Öffentlichkeit, nicht als Bühne, sondern als Partner. Das mag vielleicht etwas leise sein, entscheidend dabei sind jedoch die Ergebnisse und diese sind oft nachhaltig wirksam. Die Mitwirkung in Beiräten für Stadtgestaltung oder Denkmalschutz in den Kommunen, die im 2-Jahres-Rhythmus vollzogene Auslobung des Brandenburgischen Architekturpreises – in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr (MSWV), die jährliche Veranstaltung des Tages der Architektur am letzten Juniwochenende, die Begleitung von Architektenwettbewerben und nicht zuletzt die Durchführung von Architektenwerkstätten sind die Beiträge der Brandenburgischen Architektenkammer zur Diskussion über die Baukultur und zu ihrer Entwicklung.

In der Brandenburgischen Architektenkammer haben die erwähnten Architektenwerkstätten mittlerweile Tradition. Sie werden seit 1997 kontinuierlich durchgeführt. Konzentrierte Gespräche und konzeptionelle Ansätze zu ausgewählten Problemstellungen der Kommunen haben wir bislang in den Werkstätten organisiert. Mit den Ergebnissen wurden die Kommunen in die Lage versetzt, qualifizierte Aufgabenstellungen für weiterführende Planungen oder Architektenwettbewerbe zu erstellen und einen nachhaltigen Konsens im politischen Raum zu erzielen. An der Nachbereitung der Ergebnisse in Form von öffentlichen Präsentationen und Ausstellungen wirkt die Architektenkammer mit.

Architektenwerkstätten ersetzen jedoch keine Planungsleistungen, sondern helfen deren Rahmenbedingungen zu stabilisieren. In Frankfurt/Oder wurde zum Beispiel die bauliche Umgestaltung im Stadtkern mit auf den Weg gebracht, mittlerweile ist diese zu großen Teilen realisiert. Ebenfalls wurden in Frankfurt/Oder die Verbindungen zwischen Stadt und Fluss beleuchtet. In die im Bau befindliche Umsetzung sind viele Anregungen der Architektenwerkstatt eingeflossen.

Im Jahr 2002 wurden Architektenwerkstätten in Frankfurt/ Oder zum Stadtumbau im Stadtteil Süd, in Brandenburg zum Stadtumbau im Wohngebiet Hohenstükken und im Landkreis Oberspreewald-Lausitz zum Schulstandort Schwarzheide (Thema Schule im 21. Jahrhundert) durchgeführt. Für Potsdam ist das – wie schon erwähnt – die Architektenwerkstatt Potsdamer Mitte geplant. Der genaue Termin steht noch nicht fest.

Beeindruckend ist immer wieder die Bereitschaft der Kammermitglieder zur Teilnahme an diesen meist zweitägigen Veranstaltungen, aber auch die ergebnisorientierte Arbeit in den Gruppen. Mit den aus den Werkstätten vorliegenden Ergebnissen leisten wir einen nachhaltigen Beitrag zur Hebung der Baukultur und präsentieren die Kompetenz der Architektenschaft im Land Brandenburg. Auf dem Architektentag in Wittstock 1998 hat die Brandenburgische Architektenkammer das Thema Chancen der brandenburgischen Städte aufgegriffen. Dabei ging es um Wachstum oder Schrumpfen. Zwei Jahre später wurde daraus eine öffentliche Diskussion.

Der Stadtumbau Ost hat sich zu einem Programm für die nächsten 15 Jahre entwickelt. Auch unser Architektentag im Mai 2003 in Frankfurt/Oder hat sich unter dem Thema: „Stadtumbau – zwischen Euphorie und Ernüchterung“ mit den Chancen und Risiken des Stadtumbaus und des Schrumpfungsprozesses auseinandergesetzt, ein abendfüllendes Thema.

Wohnhaus alte Schmiede, Brandenburgischer Architekturpreis 2003,Müncheberg/Jahnsfelde Architekt: Thomas Kolb; Foto: Kolb+Ripke

Wohnhaus alte Schmiede, Brandenburgischer Architekturpreis 2003, Müncheberg/Jahnsfelde Architekt: Thomas Kolb; Foto: Kolb+Ripke

Ich sprach zu Anfang von den Bauherren und deren Einflüssen auf die Qualität des Gebauten. Ist es nicht arrogant, sich mit dem Geld anderer Leute selbst inszenieren zu wollen, ohne dem Bauherrn Gelegenheit zu geben, sich mit den Plänen zu identifizieren? Ist es nicht richtiger, vorher Einfluss auszuüben, beginnend bei der schulischen Bildung und bei der Qualitiät öffentlicher Meinungbildung? Zum Letzteren sage ich eindeutig ja. Gesellschaftliche und private Ansprüche, heute oftmals in Teilen widerstreitend, prägen wesentlich den Anspruch an die Qualität der Architektur. Architekten können innerhalb der Grenzwerte dieses Anspruchs den Gestaltungsrahmen ausloten und diesen ausnutzen. Differenzierte Ergebnisse werden es allemal.

Vermessen ist meiner Auffassung nach der verbreitete Glaube unter uns Architekten und die Erwartung der Gesellschaft an diese Fachleute, Baukultur allein schultern und nach vorn transportieren zu können. Dies ist nur in gemeinsamer Arbeit zu leisten. Darüber zu reden ist wie überall der Anfang.

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Oberstufenzentrum (OSZ I), Brandenburgischer Architekturpreis 2003, Potsdam, Jägerallee, Architekt: Erich Schneider-Wessling Foto: Jürgen Strauss

Oberstufenzentrum (OSZ I), Brandenburgischer Architekturpreis 2003, Potsdam, Jägerallee, Architekt: Erich Schneider-Wessling
Foto: Jürgen Strauss