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Christiane Sörensen
Die moderne Allmende –
wem gehört in Zukunft die Landschaft?
„Jede Form ist das
erstarrte Momentbild eines Prozesses, also ist das Werk
nur Haltestelle des Werdens und nicht erstarrtes Ziel.”
(El Lissitzky) 1
Wandel ist das Wesensmerkmal
einer Kulturlandschaft. Jede Landschaft ist und bleibt
so gesehen eine „Übergangslandschaft”.
Die Situation, in der wir uns heute befinden, beschreibt
eine neue zivilisatorische Epoche und ist in keiner
Weise ein allein regionales Problem. Insofern bleibt
die Frage, wohin die Veränderungen führen
werden, noch offen. Umso mehr gilt es Kriterien zu finden,
die zum einen der Übergangssituation Rechnung tragen
und dennoch Aussicht auf eine nachhaltige Wirkung bieten.
Hierfür lassen sich sowohl in den sozialen als
auch in den raumordnerischen Dimensionen historische
Vergleiche heranziehen.
Historische Formen der
Landbewirtschaftung als Krisenmanagement
Die Geschichte weist ein
Auf und Ab gesellschaftlicher Entwicklungsbögen
auf, die in Form der Landbewirtschaftung ihre Umsetzung
bzw. im jeweiligen Landschaftsbild ihren Ausdruck finden.
Vor einiger Zeit hatte ich
eine Studie über die Landschaftsgeschichte einer
Heidelandschaft in Brandenburg vor und nach dem 30-jährigen
Krieg in der Hand, in der kartografisch genau die Verschiebungen
von bewirtschaften Flächen gegenüber nicht
bewirtschafteten belegt wurden. Sichtbar wurden darin
die Folgen der Verwüstung: Verwilderung, Bewaldung,
Vernässung etc., entsprechend dem naturräumlichen
Potenzial des jeweiligen Standortes, das die eine oder
andere Entwicklungsrichtung im Feuchtigkeitsgefälle
der Landschaft begünstigte.2,
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Was quasi als eine Form
des Krisenmanagements der Flächenbewirtschaftung
hervorging, war die Vergrößerung der Allmende,
die von den Bauern im Dorf gemeinschaftlich genutzt
werden konnte. Das Gemeingut an Boden, Wald und Gewässern
zur kollektiven Bewältigung der Armut bedeutete
auch die gemeinsame Verantwortung für diese Flächen.
Als jüngeres Beispiel
kann das Bodenreformland als eine Übergangsform
für den nutzbringenden zeitweisen Besitz an Grund
und Boden nach 1945 betrachtet werden. In diesem Zusammenhang
gilt es, die besondere Nutzungspflicht, welche an diese
Eigentumsform von landwirtschaftlichen Flächen
geknüpft war, herauszustellen. Unmittelbar nach
dem Krieg fand die Übergabe von Grund und Boden
an landlose Bauern, Umsiedler, Kleinsiedler sowie an
Handwerker und Arbeiter als bewirtschaftungspflichtiges
Arbeitseigentum statt. Verließ ein Bauer sein
Land, verfiel sein eigentumsrechtlicher Anspruch und
das Land ging in die kollektive Verantwortung (Bodenfonds)
zurück.
Mit diesen Beispielen möchte
ich die Eigentumsformen an Grund und Boden im Hinblick
auf ihre schrumpfende Verwertbarkeit diskutieren und
die gesellschaftliche Mitverantwortung für die
Flächennutzung herausfordern. Ich komme am Ende
meines Beitrages darauf zurück.
Historische Beispiele nachhaltiger
Landschaftsveränderung
Beginnend im 16. Jahrhundert, entwickelte
sich in England die Wollverarbeitung in großem
Umfang. Infolgedessen wurde die gesamte Britische Insel
für damalige Zeitsprünge binnen kurzem radikal
in eine Park-Weide-Landschaft verwandelt. Intensive
Beweidung mit nur noch wenigen Hirten rechneten sich
für den Besitzer mehr als Ackerbau. Viele Rohstoffe
und Nahrungsmittel bezog man aus den Kolonien. Systematisch
wurden mittels Einhegungskampagnen die Flächen
zusammengelegt.
Die Landbevölkerung flüchtete
in die Städte.´Sir Thomas Morus beschrieb
in seinem Werk „Utopia” (1516) die Situation
folgendermaßen: „Alles hegen sie zu einer
Weide ein, sie reißen Häuser nieder, sie
ebnen Dörfer ein, und lassen nichts stehen als
die Kirche, die zu einem Schafstall gemacht wird.”
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Der Übergang von der Agrargesellschaft
zur Industriegesellschaft beschreibt ein Jahrhundert
mit enormen Umwandlungsprozessen, Bevölkerungsverschiebungen,
sozialen Brüchen und Veränderungen in der
Lebensweise. Verbunden damit waren aber auch die Quellen
für Utopien, wie etwa die Idealstadt eines Thomas
Morus, oder das Entstehen der ornamented farm sowie
später des Landschaftsgartens.
Orte, an denen Bilder für eine neue,
zukünftige Welt, Symbole eines liberalen Weltentwurfes,
entstanden. In England entwickelte sich die Liebe zur
wilden Natur genau zu dem Zeitpunkt, als die wenigen
nicht bewirtschafteten Landstriche verschwanden. Daraus
resultierte die Ästhetisierung und Romantisierung
des ländlichen Lebens und fand ihren Ausdruck in
den Entwürfen von Landschaftsgärten.
Allein der bedeutendste englische Gartenarchitekt
dieser Zeit, Lancelot Brown (1716 bis 1783), genannt
Capability Brown, schuf über 200 Parks auf der
britischen Insel. Das englische Landschaftsbild wurde
grundlegend verändert.
Fragen nach dem heutigen
Landschaftsbild
Heute stellt sich die Frage nach dem Landschaftsbild
einer Dienstleistungsgesellschaft, was wiederum eine
Romantisierung und Ästhetisierung von Industrie-Ruinen
zur Folge hat – als Ausdruck der Trauer über
den Verlust einer schwindenden Epoche. „Kann man
den erzwungenen Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft
so gestalten, dass er nicht nur lebbar ist, sondern
anziehend wird, zur inneren Alternative der Arbeitsgesellschaft
avanciert?“ 5
Der Landschaftspark Duisburg-Meiderich
auf einem ehemaligen Hochofengelände im Ruhrgebiet,
entworfen von dem Landschaftsarchitekten Peter Latz,
hat als Meilenstein in dem Prozess der ästhetischen
Verwilderung von Industrie - Ruinen internationale Beachtung
gefunden und gilt als Avantgarde-Projekt. Hier wurde
an einem ehemaligen Arbeitsort, der verloren gegangene
Alltag enthüllt, über den eine imaginäre
Landschaft gewachsen ist. Das Projekt war ein Beitrag
zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscherpark.
Der Fluss Emscher, ein Abwasservorfluter, wurde zum
Sinnbild für die Revitalisierung der Landschaft
und den kulturellen Aufbruch einer vom Niedergang bedrohten
Region. Der momentane Stillstand in der Entwicklung
weist auf das Entstehen einer neuen Zeitqualität
hin.
Gerade in diesem Prozess der Verlangsamung
können Landschaftsbilder von utopischer Kraft sein.
In einer romantisierenden Landschaftswahrnehmung drückt
sich die Trauer über den Verlust und die Suche
nach dem Verlorenen aus, aber gleichzeitig öffnet
sie das Bewusstsein für die veränderte politische
Realität.
Die Rolle der Kulturlandschaft
als identitätsstiftende Basis
Der Begriff Baukultur ist mit dem Begriff
Kulturlandschaft eng verknüpft. Kultur ist im allgemeinen
Verständnis zunächst ein positiv belegter
Begriff, jedoch gelingt es selten, bei den Entwicklungskonzepten
für die Neuausrichtung von Gebieten mit Landschaft
als Kulturgut erfolgreich zu argumentieren.
Mit Kulturlandschaft ist nicht nur die
kunstvolle, elitäre Landschaft, wie etwa der Park
des Schlosses Sanssouci oder der Park Babelsberg gemeint,
sondern auch das gesamte agrarische Umfeld, das diese
Kulturleistungen überhaupt möglich machte,
mit seinen Obstalleen, Eichen- und Eschendämmen,
Wäldern, Dörfern.
Die Mark Brandenburg ist ein agrarisch
geprägtes Land gewesen und bis heute geblieben
und wird insofern als eine Kulturlandschaft identifiziert.
Für die anstehenden Prozesse in dieser Region,
wie Entvölkerung und Entschleunigung, sind Visionäre
gefordert, die sich derartigen Veränderungen stellen
können und wollen.
Wenn ich mich aus der Distanz mit dem
Land Brandenburg verbünde, dann denke ich neben
den herausragenden Landschaftsarchitekten, wie Peter
Josef Lenné oder Fürst von Pückler,
auch an die friedländischen Güter der Charlotte
Helene von Friedland oder an die späteren Leistungen
des Forstmeisters Heinrich Bier in Sauen. Und an den
Architekten David Gilly, der mit seiner Bauordnung im
„Handbuch der Landbaukunst” (1797)
6 das Bild der märkischen Dörfer bis heute
nachhaltig prägte.
Dies alles waren landschaftsprägende
Kulturleistungen von bleibendem Wert in Zeiten, deren
Weichen scheinbar in eine andere Richtung gingen, wie
etwa die Entwicklung der städtisch geprägten
Industriegesellschaft sowie das Wachstum und die Verdichtung
Berlins zu einer Metropole. Die damaligen Protagonisten
der Landschaftsplanung und -gestaltung zeichneten sich
durch Experimentierfreudigkeit aus: Sie besaßen
das Vermögen, Schönheit und Nutzen zu vereinen
und mit kosmopolitischem Denken über die Region
hinaus zu wirken. So entstanden Wirtschaftsweisen mit
einem langen Zeithorizont, worin der Begriff der Nachhaltigkeit,
insbesondere in der Forstwirtschaft, seinen Ursprung
fand.
In diese Gesprächsreihe möchte
ich gern meine eigene Prägung, die ich im Land
Brandenburg erfuhr, mit einbinden: Mein Vater, Jens-Jörgen
Sörensen, gründete als Ausländer (Skandinavier)
in den Wirren der Nachkriegszeit bewusst auf märkischem
Boden eine Sortimentsbaumschule und widmete sich als
Pflanzenzüchter der Gehölzkunde und dem Landschaftsschutz.
Sein Anliegen war es, das märkische Landschaftsbild
durch fremdländische Gehölze zu bereichern.
Gerade die extremen Standortbedingungen der nährstoffarmen
Sandböden waren für ihn notwendige Voraussetzungen
für die Anzucht von Gehölzen, die später
in Großstädten, auf Industrie- und Verkehrsflächen
gedeihen sollten. Er bevorzugte die schlechten Standortbedingungen
für die aktuellen Fragestellungen des Umweltschutzes
und der Luftverschmutzung.
Qualifizierung der historischen
Kulturlandschaft am Beispiel der Bornstedter Feldmark
Historische Kulturlandschaften spiegeln
alte politisch-gesellschaftliche, territoriale, soziale
und religiöse Verhältnisse wider und vieles
andere mehr. Alles zusammen summiert sich zum Wiedererkennungswert
einer Landschaft. Diese zu kultivieren bedeutet weder
deren Eigenheiten aufzuheben noch sie unter gemeinsamen
Richtlinien zu verallgemeinern, sondern gerade diese
Eigenheiten zu wahren oder wieder neu zu schaffen.
Vor diesem Hintergrund ist der Stadt Potsdam
ein hervorragendes Projekt mit Modellcharakter gelungen:
Im Rahmen eines „Flurneuordnungsverfahrens”
wurde die Feldflur Lennés mit den historischen
Wegeachsen und der typischen Bepflanzung rekonstruiert.
Während auf der einen Seite gravierende Schäden
die Potsdamer Kulturlandschaft im städtebaulichen
Kontext verändert haben, wurde auf der anderen
Seite im Rahmen eines Bodenordnungsverfahrens diese
Feldflur auf der Grundlage des Lenné’schen
Verschönerungsplanes von 1833 wiederhergestellt
und mit Mitteln der Bundesgartenschau (BUGA) finanziert.
Zuständig war das Amt für Flurneuordnung
und ländliche Entwicklung. Auf der Grundlage einer
agrarstrukturellen Vorplanung wurden die aktuellen Probleme
vor dem historischen Kontext gelöst.

Lenné ’sche
Feldflur in Potsdam-Bornstedt Foto: Jürgen Strauss
Brückenschlag zwischen
Stadt und Landschaft?
Die herausragenden Kulturleistungen im
Umgang mit der Landschaft gelten als weithin bekanntes
Identitätsmerkmal des Landes Brandenburg. Gleichzeitig
steht das Land für eine vergleichsweise dünn
besiedelte Region. Hinzu kommt die aktuelle Entsiedlung.
Am Weltmarkt orientierte Prognosen besagen,
dass in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland
auch die Landwirtschaft um die Hälfte ihrer Fläche
schrumpfen wird. Dies wird die ertraglosen, sandigen
Böden in der Mark Brandenburg in einem besonderen
Maße und Umfang treffen. Stadt und Landschaft
sind vom Schrumpfungsprozess also gleichermaßen
betroffen. Das bedeutet: keine Zukunft oder ein konsequenter
Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft.
Perspektive Landschaft –
die gezielte Renaturierung als globale Chance der Region
Bekanntermaßen ist die Herausforderung,
die sich aus dem Schrumpfungsprozess in der Landwirtschaft
für das Land Brandenburg ergibt, kein regionales,
sondern ein globales und nachhaltiges Problem.
Wesentlich dabei wird die Frage sein,
wie kann sich das Land Brandenburg als regionale Kraft
im globalen Kontext behaupten? Ein kompetentes Naturmanagement
könnte, den Auswirkungen brachliegender landwirtschaftlicher
Flächen folgend, zur Ausweitung des Naturschutzes,
sowie zur Vergrößerung des Waldes und der
Feuchtgebiete führen, mit Konsequenzen für
das Klima in ganz Europa.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen,
dass auf dem UNO-Umweltgipfel 2002 in Johannesburg beschlossen
wurde, dass waldreiche Regionen von der Weltbank als
Klimaschutzzonen profitabel finanziert werden können.
Das Land Brandenburg verfügt u.a. über eine
große Zahl ehemaliger militärischer Übungsplätze.
Im Vorgriff auf die heute so drängenden
Fragestellungen an die Zukunft der Landschaft wurden
schon seit längerem Konzepte gesucht, welche die
geschichtliche und räumliche Besonderheit derartiger
Sperrgebiete aufheben und Ansätze für einen
zukunftsfähigen Umgang mit diesen Arealen enthalten.
Deren Qualität besteht darin, dass man hier Landschaft
– so widersprüchlich es klingen mag –
noch in seiner erhabenen Weite, ohne zivilisatorische
Störungen erleben kann.
In der mitteleuropäischen Kulturlandschaft
mit ihren oftmals zu kleinen und verinselten Naturschutzgebieten
stellen diese Gelände Wiederausbreitungsgebiete
für eine Vielzahl teils gefährdeter Tier-
und Pflanzenarten dar und haben somit eine wichtige
Bedeutung für den Artenschutz und als Genreservoir.
Ich möchte ein visionäres Projekt
vorstellen, das dem Landschaftswandel auf ungewöhnliche
Weise gerecht wird: eine Diplomarbeit, die an der Kunsthochschule
in Hamburg entstanden ist und von mir betreut wurde.
Auf dem Gelände eines ehemaligen Truppenübungsplatzes
wurden drei zukunftsorientierte, aber zunächst
widersprüchliche Themen- und Arbeitsfelder verknüpft:
Das Anliegen dieses Projektes war, die
fragile Balance zwischen Natur und Technik zu verdeutlichen.
Wir leben in einer Welt von Gegensätzen und Widersprüchen,
die Polaritäten hervorrufen und jeweils eigene
Systeme und Welten beanspruchen. Wegen der Endlichkeit
unser Ressourcen sind jedoch Konzepte gefordert, die
nicht polarisieren, selbst Antagonismen miteinander
verknüpfen können und eine gemeinsame Perspektive
beleuchten.
Die Herausforderung liegt darin, den Landschaftsraum
zu nutzen, um Utopien zu entwickeln, die Bedeutung über
die Region hinaus haben können.
Perspektive Region –
ein effizientes Netzwerk
War das Ende der Agrargesellschaft für
einen Großteil der Bevölkerung, die es in
die Städte zog, verbunden mit dem Verlust an unmittelbarem
Landschaftsbezug, so postulierte Thomas Sieverts 1997:
„Wir leben heute in einer ausgesprochenen Stadtkultur.
Es ist wahrscheinlich, dass sie sich jetzt wieder mehr
dem Lande zurichten wird.
Als Übergang dürfte eine Art
,neuer Stadtlandkultur‘ sich durchsetzen.”
7 Für die Region
resultiert daraus, Landschaft, Stadt und Arbeit unter
veränderten Rahmenbedingungen enger miteinander
zu verknüpfen und ein effizientes Netzwerk zu schaffen,
das zwischen Angeboten und Defiziten vermitteln kann,
also eine regionale Infrastruktur zu schaffen, die Arbeitsförderung
und Regionalentwicklung miteinander verknüpft,
vergleichbar den traditionellen Vorteilen einer Stadt.
Als ein Beispiel möchte ich das international
renommierte Center for Land Use Interpretation (CLUI)8,
vorstellen. Das CLUI ist eine Verbindung aus verschiedenen
Kompetenzen, zu denen neben der ökologischen und
soziologischen auch die künstlerische gehört,
die in einer Vielzahl von Publikationen ihren Ausdruck
findet. In umfangreichen Recherchen und Dokumentationen
untersucht das CLUI die Nutzung verschiedener Landregionen
im westlichen Teil der USA, wie ehemaligen Atomtestgebieten
in Nevada und verlassenen Bergbaustädten, sowie
auch den Verfall von Landart-Kunstwerken u.v.m.
Die zwanglose dokumentarische Vorgehensweise
des Institutes schafft ein weltweites Netzwerk für
die Verständigung über Handlungs- und zukünftige
Arbeitsfelder in entleerten Landschaftsregionen.
Perspektive Stadt –
waiting lands oder die moderne Allmende
Für die Städte aber, die in
einer ohnehin dünn besiedelten Region liegen, könnte
es die Chance und Herausforderung bedeuten, städtebauliche
Fehlentwicklungen mit einem hohen Anspruch an die Baukultur
zu korrigieren und so ihr Stadtbild als ein Privileg
der Eigenart des konzentrierten Ortes zu gestalten.
Die Geschichte des Bauens war ohne Naturverlust
nicht möglich. Ein deutliches Zeichen waren die
Auswirkungen der Flutkatastrophe für weite Siedlungsbereiche
in ehemaligen Feuchtgebieten. Jetzt stellt sich die
einmalige Aufgabe einer veränderten Perspektive:
verloren gegangene naturräumliche Grundlagen als
Chance für die Stadtgestalt wieder zu entdecken
und die Stadt nach jenen Vorgaben zurückzubauen.
Paul Valéry stellt in seinem Buch „Eupalinos”
fest: „Zerstören und Aufrichten sind gleich
an Wichtigkeit. Zerstören mit Verstand.”
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Welche Perspektiven aber lassen sich an
die Leerstands- Areale knüpfen, als Brückenschlag
zwischen Stadt und Landschaft? Auch an dieser Stelle
möchte ich eines meiner Projekte an der Kunsthochschule
vorstellen: Es handelt sich um das Kunst-Konzept für
die Landesgartenschau in Pößneck 2000.
Besucht man die Stadt Pößneck
in Thüringen, so kommt man in einen verlassenen
Ort. 10 In Bezug auf
diese Tatsache entfachte sich eine Diskussion über
Sinn und Unsinn einer nicht frei zugänglichen Landesgartenschau:
Welche identitätsstiftende Bedeutung hat das Ereignis
einer Landesgartenschau, das nur gegen Eintritt zugänglich
ist, in einer Stadt ohne spürbares Einkommen?
Das Auffinden des Eigenen dieser Stadt
sowie die gegenwärtigen Situation ihrer Bewohner,
war das Thema, dem sich die Studierenden der Hochschule
für bildende Künste in Hamburg verpflichteten.
Ästhetische Erfahrungen erzeugen eine spezifische
Präsenz. Die Präsenz der Trauer, des Abschieds
als Bewusstseinsform in einem Prozess der Veränderung
zu artikulieren, dies wurde zum Anliegen des Kunst-Konzeptes.
Die Präsenz der Stadt Pößneck bilden
die leer stehenden Fabriken mit ihren Schornsteinen,
die noch immer die Stadtkulisse prägen. (Zwei Studierende
haben sich zu Fabrikbesitzern gemacht, indem sie eine
alte Fabrikbei einer Treuhand-Auktion ersteigerten.)
Hier entstand für die Zeit der Landesgartenschau
– außerhalb ihrer Grenzen – eine öffentliche
Plattform, ein Ort der Begegnung, genannt TEATER. Die
Protagonisten wagten das Experiment: Die Stadtbrache
wurde zum Trendsetter für Pößneck, zum
Kult-Ort mit enormer Eigendynamik und zum Anziehungspunkt
für die ortsansässigen Jugendlichen.
Diese haben heute das TEATER in ihre Verantwortung
übernommen und betreiben es als Internetcafé
weiter. Der Philosoph Michael Foucault sagte über
Gärten als besondere, korrespondierende Orte: „Es
gibt ... in jeder Kultur, und das wohl in jeder Zivilisation
– wirkliche Orte, wirksame Orte, tatsächlich
realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze
innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert,
bestritten und gewendet sind ... Weil diese Orte ganz
anders sind als alle Plätze, die sie reflektieren
oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz
zu den Utopien ... HETEROTOPIEN ...” 11
Innerstädtische Brachen werden auf
diese Weise wie im Mittelalter zur Allmende, zum gemeinsamen
Nährboden für das Entwickeln von Überlebensstrategien.
Als waiting lands, wie der niederländische Architekt
Kees Christiansen sie beschreibt, können Brachen
zur geplanten Landschaft in der Stadt, zum konkreten
Neuland für eine langfristige Entwicklung werden:
„ ... erhaltenswerte Gebäude werden unterteilt
in unmittelbar nutzbar oder noch nicht nutzbar. Die
nutzbaren werden so viel wie möglich vermietet,
auch ohne Mietpreis an Startunternehmer mit der Auflage,
ihre Flächen selber zu verbessern. Die übrigen
Gebäude werden abgerissen, Material bleibt auf
dem Gelände für später. Die entstandenen
Leerflächen ... werden extensiv benutzt als Weideland
oder für Raps oder Schafzucht, eine Form der Nutzung,
die jedenfalls eine strukturierende/thematische Wirkung
auf das Gebiet hat.” 12
Dies alles setzt jedoch voraus, dass die
Eigentumsverhältnisse diesen Prozess erlauben.
Somit schließe ich an meine eingangs formulierten
Gedanken an und fordere die moderne Allmende als Warteschleife
für eine sinnvolle Landnutzung heraus.
Die Umsetzung übergeordneter, landschaftsräumlicher
Konzepte, könnte der Suche nach Gemeinschaft, Orientierung
und notwendigem Zusammenhang in hohem Maße entsprechen.
Der Städtebau lässt sich schwer korrigieren,
aber das Entstehen eines lebendigen Landschaftsraums
– als kultureller Bezugsraum einer spezifischen
Region und als städtisch verwaltete Natur –
könnte Verbindlichkeiten ermöglichen.
Anmerkungen / Literatur
1 El Lissitzky
(Lasar Markowitsch L., 1899 bis 1941), russischer Konstruktivist,
mit H. Arp: Die Kunstismen. München, Leipzig 1925.
2 Mangelsdorf,
Günter: Die Ortswüstung des Havellandes. Ein
Beitrag zur historisch-archäologischen Wüstungskunde
der Mark Brandenburg. 1994.
3 Knapp,
H.D.: Die Seelendorfer Heide bei Brandenburg –
eine landschaftsgeschichtliche, geobotanische Studie.
In: Gleditsia – Beiträge zur botanischen
Taxonomie und deren Grenzgebiete. Akademie Verlag, Berlin
18/1990, Heft 1/2.
4 Morus,
Thomas (1478 bis 1535): Utopia. 1516.
5 Engler,
Wolfgang: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Aufbau- Verlag,
Berlin 2002.
6 Gilly,
David (1748 bis 1808): Handbuch der Landbaukunst. 11797.
7 Sieverts,
Thomas: Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und
Zeit, Stadt und Land. Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden
1997.
8 The center
for land use interpretation (CLUI), Kalifornien. [http://clui.zone.org]
www.clui.org
9 Valéry,
Paul: Eupalinos. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1995.
10 Kohl,
Sybil; Oswalt, Philip; Schäfer, Albrecht (Hg.):
Verlassene Stadt. Der Architektur-Stadtführer Ostdeutschland,
Band 1. Berlin 2002. Katalog anlässlich der Ausstellung
„Verlassene Stadt" in der Galerie Kamm.
11 Foucault,
Michel: Andere Räume. In: Barck, Gente u.a.: Aisthesis
Leipzig 1990.
12 Fachbereich
Architektur, Universität Hannover (Hg.): hoch 2
– Jahrbuch 2002, Stadt im Umbruch. Internationalismus
Verlag, Hannover 2002.

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