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Christiane Sörensen
Die moderne Allmende – wem gehört in Zukunft die Landschaft?

„Jede Form ist das erstarrte Momentbild eines Prozesses, also ist das Werk nur Haltestelle des Werdens und nicht erstarrtes Ziel.” (El Lissitzky) 1

Wandel ist das Wesensmerkmal einer Kulturlandschaft. Jede Landschaft ist und bleibt so gesehen eine „Übergangslandschaft”. Die Situation, in der wir uns heute befinden, beschreibt eine neue zivilisatorische Epoche und ist in keiner Weise ein allein regionales Problem. Insofern bleibt die Frage, wohin die Veränderungen führen werden, noch offen. Umso mehr gilt es Kriterien zu finden, die zum einen der Übergangssituation Rechnung tragen und dennoch Aussicht auf eine nachhaltige Wirkung bieten. Hierfür lassen sich sowohl in den sozialen als auch in den raumordnerischen Dimensionen historische Vergleiche heranziehen.

Historische Formen der Landbewirtschaftung als Krisenmanagement

Die Geschichte weist ein Auf und Ab gesellschaftlicher Entwicklungsbögen auf, die in Form der Landbewirtschaftung ihre Umsetzung bzw. im jeweiligen Landschaftsbild ihren Ausdruck finden.

Vor einiger Zeit hatte ich eine Studie über die Landschaftsgeschichte einer Heidelandschaft in Brandenburg vor und nach dem 30-jährigen Krieg in der Hand, in der kartografisch genau die Verschiebungen von bewirtschaften Flächen gegenüber nicht bewirtschafteten belegt wurden. Sichtbar wurden darin die Folgen der Verwüstung: Verwilderung, Bewaldung, Vernässung etc., entsprechend dem naturräumlichen Potenzial des jeweiligen Standortes, das die eine oder andere Entwicklungsrichtung im Feuchtigkeitsgefälle der Landschaft begünstigte.2, 3

Was quasi als eine Form des Krisenmanagements der Flächenbewirtschaftung hervorging, war die Vergrößerung der Allmende, die von den Bauern im Dorf gemeinschaftlich genutzt werden konnte. Das Gemeingut an Boden, Wald und Gewässern zur kollektiven Bewältigung der Armut bedeutete auch die gemeinsame Verantwortung für diese Flächen.

Als jüngeres Beispiel kann das Bodenreformland als eine Übergangsform für den nutzbringenden zeitweisen Besitz an Grund und Boden nach 1945 betrachtet werden. In diesem Zusammenhang gilt es, die besondere Nutzungspflicht, welche an diese Eigentumsform von landwirtschaftlichen Flächen geknüpft war, herauszustellen. Unmittelbar nach dem Krieg fand die Übergabe von Grund und Boden an landlose Bauern, Umsiedler, Kleinsiedler sowie an Handwerker und Arbeiter als bewirtschaftungspflichtiges Arbeitseigentum statt. Verließ ein Bauer sein Land, verfiel sein eigentumsrechtlicher Anspruch und das Land ging in die kollektive Verantwortung (Bodenfonds) zurück.

Mit diesen Beispielen möchte ich die Eigentumsformen an Grund und Boden im Hinblick auf ihre schrumpfende Verwertbarkeit diskutieren und die gesellschaftliche Mitverantwortung für die Flächennutzung herausfordern. Ich komme am Ende meines Beitrages darauf zurück.

Historische Beispiele nachhaltiger Landschaftsveränderung

Beginnend im 16. Jahrhundert, entwickelte sich in England die Wollverarbeitung in großem Umfang. Infolgedessen wurde die gesamte Britische Insel für damalige Zeitsprünge binnen kurzem radikal in eine Park-Weide-Landschaft verwandelt. Intensive Beweidung mit nur noch wenigen Hirten rechneten sich für den Besitzer mehr als Ackerbau. Viele Rohstoffe und Nahrungsmittel bezog man aus den Kolonien. Systematisch wurden mittels Einhegungskampagnen die Flächen zusammengelegt.

Die Landbevölkerung flüchtete in die Städte.´Sir Thomas Morus beschrieb in seinem Werk „Utopia” (1516) die Situation folgendermaßen: „Alles hegen sie zu einer Weide ein, sie reißen Häuser nieder, sie ebnen Dörfer ein, und lassen nichts stehen als die Kirche, die zu einem Schafstall gemacht wird.” 4

Der Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft beschreibt ein Jahrhundert mit enormen Umwandlungsprozessen, Bevölkerungsverschiebungen, sozialen Brüchen und Veränderungen in der Lebensweise. Verbunden damit waren aber auch die Quellen für Utopien, wie etwa die Idealstadt eines Thomas Morus, oder das Entstehen der ornamented farm sowie später des Landschaftsgartens.

Orte, an denen Bilder für eine neue, zukünftige Welt, Symbole eines liberalen Weltentwurfes, entstanden. In England entwickelte sich die Liebe zur wilden Natur genau zu dem Zeitpunkt, als die wenigen nicht bewirtschafteten Landstriche verschwanden. Daraus resultierte die Ästhetisierung und Romantisierung des ländlichen Lebens und fand ihren Ausdruck in den Entwürfen von Landschaftsgärten.

Allein der bedeutendste englische Gartenarchitekt dieser Zeit, Lancelot Brown (1716 bis 1783), genannt Capability Brown, schuf über 200 Parks auf der britischen Insel. Das englische Landschaftsbild wurde grundlegend verändert.

Fragen nach dem heutigen Landschaftsbild

Heute stellt sich die Frage nach dem Landschaftsbild einer Dienstleistungsgesellschaft, was wiederum eine Romantisierung und Ästhetisierung von Industrie-Ruinen zur Folge hat – als Ausdruck der Trauer über den Verlust einer schwindenden Epoche. „Kann man den erzwungenen Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft so gestalten, dass er nicht nur lebbar ist, sondern anziehend wird, zur inneren Alternative der Arbeitsgesellschaft avanciert?“ 5

Der Landschaftspark Duisburg-Meiderich auf einem ehemaligen Hochofengelände im Ruhrgebiet, entworfen von dem Landschaftsarchitekten Peter Latz, hat als Meilenstein in dem Prozess der ästhetischen Verwilderung von Industrie - Ruinen internationale Beachtung gefunden und gilt als Avantgarde-Projekt. Hier wurde an einem ehemaligen Arbeitsort, der verloren gegangene Alltag enthüllt, über den eine imaginäre Landschaft gewachsen ist. Das Projekt war ein Beitrag zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscherpark. Der Fluss Emscher, ein Abwasservorfluter, wurde zum Sinnbild für die Revitalisierung der Landschaft und den kulturellen Aufbruch einer vom Niedergang bedrohten Region. Der momentane Stillstand in der Entwicklung weist auf das Entstehen einer neuen Zeitqualität hin.

Gerade in diesem Prozess der Verlangsamung können Landschaftsbilder von utopischer Kraft sein. In einer romantisierenden Landschaftswahrnehmung drückt sich die Trauer über den Verlust und die Suche nach dem Verlorenen aus, aber gleichzeitig öffnet sie das Bewusstsein für die veränderte politische Realität.

Die Rolle der Kulturlandschaft als identitätsstiftende Basis

Der Begriff Baukultur ist mit dem Begriff Kulturlandschaft eng verknüpft. Kultur ist im allgemeinen Verständnis zunächst ein positiv belegter Begriff, jedoch gelingt es selten, bei den Entwicklungskonzepten für die Neuausrichtung von Gebieten mit Landschaft als Kulturgut erfolgreich zu argumentieren.

Mit Kulturlandschaft ist nicht nur die kunstvolle, elitäre Landschaft, wie etwa der Park des Schlosses Sanssouci oder der Park Babelsberg gemeint, sondern auch das gesamte agrarische Umfeld, das diese Kulturleistungen überhaupt möglich machte, mit seinen Obstalleen, Eichen- und Eschendämmen, Wäldern, Dörfern.

Die Mark Brandenburg ist ein agrarisch geprägtes Land gewesen und bis heute geblieben und wird insofern als eine Kulturlandschaft identifiziert. Für die anstehenden Prozesse in dieser Region, wie Entvölkerung und Entschleunigung, sind Visionäre gefordert, die sich derartigen Veränderungen stellen können und wollen.

Wenn ich mich aus der Distanz mit dem Land Brandenburg verbünde, dann denke ich neben den herausragenden Landschaftsarchitekten, wie Peter Josef Lenné oder Fürst von Pückler, auch an die friedländischen Güter der Charlotte Helene von Friedland oder an die späteren Leistungen des Forstmeisters Heinrich Bier in Sauen. Und an den Architekten David Gilly, der mit seiner Bauordnung im „Handbuch der Landbaukunst” (1797) 6 das Bild der märkischen Dörfer bis heute nachhaltig prägte.

Dies alles waren landschaftsprägende Kulturleistungen von bleibendem Wert in Zeiten, deren Weichen scheinbar in eine andere Richtung gingen, wie etwa die Entwicklung der städtisch geprägten Industriegesellschaft sowie das Wachstum und die Verdichtung Berlins zu einer Metropole. Die damaligen Protagonisten der Landschaftsplanung und -gestaltung zeichneten sich durch Experimentierfreudigkeit aus: Sie besaßen das Vermögen, Schönheit und Nutzen zu vereinen und mit kosmopolitischem Denken über die Region hinaus zu wirken. So entstanden Wirtschaftsweisen mit einem langen Zeithorizont, worin der Begriff der Nachhaltigkeit, insbesondere in der Forstwirtschaft, seinen Ursprung fand.

In diese Gesprächsreihe möchte ich gern meine eigene Prägung, die ich im Land Brandenburg erfuhr, mit einbinden: Mein Vater, Jens-Jörgen Sörensen, gründete als Ausländer (Skandinavier) in den Wirren der Nachkriegszeit bewusst auf märkischem Boden eine Sortimentsbaumschule und widmete sich als Pflanzenzüchter der Gehölzkunde und dem Landschaftsschutz. Sein Anliegen war es, das märkische Landschaftsbild durch fremdländische Gehölze zu bereichern. Gerade die extremen Standortbedingungen der nährstoffarmen Sandböden waren für ihn notwendige Voraussetzungen für die Anzucht von Gehölzen, die später in Großstädten, auf Industrie- und Verkehrsflächen gedeihen sollten. Er bevorzugte die schlechten Standortbedingungen für die aktuellen Fragestellungen des Umweltschutzes und der Luftverschmutzung.

Qualifizierung der historischen Kulturlandschaft am Beispiel der Bornstedter Feldmark

Historische Kulturlandschaften spiegeln alte politisch-gesellschaftliche, territoriale, soziale und religiöse Verhältnisse wider und vieles andere mehr. Alles zusammen summiert sich zum Wiedererkennungswert einer Landschaft. Diese zu kultivieren bedeutet weder deren Eigenheiten aufzuheben noch sie unter gemeinsamen Richtlinien zu verallgemeinern, sondern gerade diese Eigenheiten zu wahren oder wieder neu zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund ist der Stadt Potsdam ein hervorragendes Projekt mit Modellcharakter gelungen: Im Rahmen eines „Flurneuordnungsverfahrens” wurde die Feldflur Lennés mit den historischen Wegeachsen und der typischen Bepflanzung rekonstruiert. Während auf der einen Seite gravierende Schäden die Potsdamer Kulturlandschaft im städtebaulichen Kontext verändert haben, wurde auf der anderen Seite im Rahmen eines Bodenordnungsverfahrens diese Feldflur auf der Grundlage des Lenné’schen Verschönerungsplanes von 1833 wiederhergestellt und mit Mitteln der Bundesgartenschau (BUGA) finanziert.

Zuständig war das Amt für Flurneuordnung und ländliche Entwicklung. Auf der Grundlage einer agrarstrukturellen Vorplanung wurden die aktuellen Probleme vor dem historischen Kontext gelöst.

Lenné ’sche Feldflur in Potsdam-Bornstedt Foto: Jürgen Strauss

Lenné ’sche Feldflur in Potsdam-Bornstedt Foto: Jürgen Strauss

Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft?

Die herausragenden Kulturleistungen im Umgang mit der Landschaft gelten als weithin bekanntes Identitätsmerkmal des Landes Brandenburg. Gleichzeitig steht das Land für eine vergleichsweise dünn besiedelte Region. Hinzu kommt die aktuelle Entsiedlung.

Am Weltmarkt orientierte Prognosen besagen, dass in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland auch die Landwirtschaft um die Hälfte ihrer Fläche schrumpfen wird. Dies wird die ertraglosen, sandigen Böden in der Mark Brandenburg in einem besonderen Maße und Umfang treffen. Stadt und Landschaft sind vom Schrumpfungsprozess also gleichermaßen betroffen. Das bedeutet: keine Zukunft oder ein konsequenter Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft.

Perspektive Landschaft – die gezielte Renaturierung als globale Chance der Region

Bekanntermaßen ist die Herausforderung, die sich aus dem Schrumpfungsprozess in der Landwirtschaft für das Land Brandenburg ergibt, kein regionales, sondern ein globales und nachhaltiges Problem.

Wesentlich dabei wird die Frage sein, wie kann sich das Land Brandenburg als regionale Kraft im globalen Kontext behaupten? Ein kompetentes Naturmanagement könnte, den Auswirkungen brachliegender landwirtschaftlicher Flächen folgend, zur Ausweitung des Naturschutzes, sowie zur Vergrößerung des Waldes und der Feuchtgebiete führen, mit Konsequenzen für das Klima in ganz Europa.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass auf dem UNO-Umweltgipfel 2002 in Johannesburg beschlossen wurde, dass waldreiche Regionen von der Weltbank als Klimaschutzzonen profitabel finanziert werden können. Das Land Brandenburg verfügt u.a. über eine große Zahl ehemaliger militärischer Übungsplätze.

Im Vorgriff auf die heute so drängenden Fragestellungen an die Zukunft der Landschaft wurden schon seit längerem Konzepte gesucht, welche die geschichtliche und räumliche Besonderheit derartiger Sperrgebiete aufheben und Ansätze für einen zukunftsfähigen Umgang mit diesen Arealen enthalten. Deren Qualität besteht darin, dass man hier Landschaft – so widersprüchlich es klingen mag – noch in seiner erhabenen Weite, ohne zivilisatorische Störungen erleben kann.

In der mitteleuropäischen Kulturlandschaft mit ihren oftmals zu kleinen und verinselten Naturschutzgebieten stellen diese Gelände Wiederausbreitungsgebiete für eine Vielzahl teils gefährdeter Tier- und Pflanzenarten dar und haben somit eine wichtige Bedeutung für den Artenschutz und als Genreservoir.

Ich möchte ein visionäres Projekt vorstellen, das dem Landschaftswandel auf ungewöhnliche Weise gerecht wird: eine Diplomarbeit, die an der Kunsthochschule in Hamburg entstanden ist und von mir betreut wurde. Auf dem Gelände eines ehemaligen Truppenübungsplatzes wurden drei zukunftsorientierte, aber zunächst widersprüchliche Themen- und Arbeitsfelder verknüpft:

  • Die Dokumentation des kontinuierlichen Artensterbens in Form von Herbarien in ehemaligen Munitionslagerstätten und auf dem Gelände durch Artenschutzzonen sowie eine Forschungsstation für biologische Vielfalt auf Grundlage der Biodiversitätskonvention.
  • Die Genbank eines Institutes für historische Kulturpflanzenforschung.
  • Ein Biotechnologie-Zentrum.

Das Anliegen dieses Projektes war, die fragile Balance zwischen Natur und Technik zu verdeutlichen. Wir leben in einer Welt von Gegensätzen und Widersprüchen, die Polaritäten hervorrufen und jeweils eigene Systeme und Welten beanspruchen. Wegen der Endlichkeit unser Ressourcen sind jedoch Konzepte gefordert, die nicht polarisieren, selbst Antagonismen miteinander verknüpfen können und eine gemeinsame Perspektive beleuchten.

Die Herausforderung liegt darin, den Landschaftsraum zu nutzen, um Utopien zu entwickeln, die Bedeutung über die Region hinaus haben können.

Perspektive Region – ein effizientes Netzwerk

War das Ende der Agrargesellschaft für einen Großteil der Bevölkerung, die es in die Städte zog, verbunden mit dem Verlust an unmittelbarem Landschaftsbezug, so postulierte Thomas Sieverts 1997: „Wir leben heute in einer ausgesprochenen Stadtkultur. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich jetzt wieder mehr dem Lande zurichten wird.

Als Übergang dürfte eine Art ,neuer Stadtlandkultur‘ sich durchsetzen.” 7 Für die Region resultiert daraus, Landschaft, Stadt und Arbeit unter veränderten Rahmenbedingungen enger miteinander zu verknüpfen und ein effizientes Netzwerk zu schaffen, das zwischen Angeboten und Defiziten vermitteln kann, also eine regionale Infrastruktur zu schaffen, die Arbeitsförderung und Regionalentwicklung miteinander verknüpft, vergleichbar den traditionellen Vorteilen einer Stadt.

Als ein Beispiel möchte ich das international renommierte Center for Land Use Interpretation (CLUI)8, vorstellen. Das CLUI ist eine Verbindung aus verschiedenen Kompetenzen, zu denen neben der ökologischen und soziologischen auch die künstlerische gehört, die in einer Vielzahl von Publikationen ihren Ausdruck findet. In umfangreichen Recherchen und Dokumentationen untersucht das CLUI die Nutzung verschiedener Landregionen im westlichen Teil der USA, wie ehemaligen Atomtestgebieten in Nevada und verlassenen Bergbaustädten, sowie auch den Verfall von Landart-Kunstwerken u.v.m.

Die zwanglose dokumentarische Vorgehensweise des Institutes schafft ein weltweites Netzwerk für die Verständigung über Handlungs- und zukünftige Arbeitsfelder in entleerten Landschaftsregionen.

Perspektive Stadt – waiting lands oder die moderne Allmende

Für die Städte aber, die in einer ohnehin dünn besiedelten Region liegen, könnte es die Chance und Herausforderung bedeuten, städtebauliche Fehlentwicklungen mit einem hohen Anspruch an die Baukultur zu korrigieren und so ihr Stadtbild als ein Privileg der Eigenart des konzentrierten Ortes zu gestalten.

Die Geschichte des Bauens war ohne Naturverlust nicht möglich. Ein deutliches Zeichen waren die Auswirkungen der Flutkatastrophe für weite Siedlungsbereiche in ehemaligen Feuchtgebieten. Jetzt stellt sich die einmalige Aufgabe einer veränderten Perspektive: verloren gegangene naturräumliche Grundlagen als Chance für die Stadtgestalt wieder zu entdecken und die Stadt nach jenen Vorgaben zurückzubauen. Paul Valéry stellt in seinem Buch „Eupalinos” fest: „Zerstören und Aufrichten sind gleich an Wichtigkeit. Zerstören mit Verstand.” 9

Welche Perspektiven aber lassen sich an die Leerstands- Areale knüpfen, als Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft? Auch an dieser Stelle möchte ich eines meiner Projekte an der Kunsthochschule vorstellen: Es handelt sich um das Kunst-Konzept für die Landesgartenschau in Pößneck 2000.

Besucht man die Stadt Pößneck in Thüringen, so kommt man in einen verlassenen Ort. 10 In Bezug auf diese Tatsache entfachte sich eine Diskussion über Sinn und Unsinn einer nicht frei zugänglichen Landesgartenschau: Welche identitätsstiftende Bedeutung hat das Ereignis einer Landesgartenschau, das nur gegen Eintritt zugänglich ist, in einer Stadt ohne spürbares Einkommen?

Das Auffinden des Eigenen dieser Stadt sowie die gegenwärtigen Situation ihrer Bewohner, war das Thema, dem sich die Studierenden der Hochschule für bildende Künste in Hamburg verpflichteten. Ästhetische Erfahrungen erzeugen eine spezifische Präsenz. Die Präsenz der Trauer, des Abschieds als Bewusstseinsform in einem Prozess der Veränderung zu artikulieren, dies wurde zum Anliegen des Kunst-Konzeptes. Die Präsenz der Stadt Pößneck bilden die leer stehenden Fabriken mit ihren Schornsteinen, die noch immer die Stadtkulisse prägen. (Zwei Studierende haben sich zu Fabrikbesitzern gemacht, indem sie eine alte Fabrikbei einer Treuhand-Auktion ersteigerten.)

Hier entstand für die Zeit der Landesgartenschau – außerhalb ihrer Grenzen – eine öffentliche Plattform, ein Ort der Begegnung, genannt TEATER. Die Protagonisten wagten das Experiment: Die Stadtbrache wurde zum Trendsetter für Pößneck, zum Kult-Ort mit enormer Eigendynamik und zum Anziehungspunkt für die ortsansässigen Jugendlichen.

Diese haben heute das TEATER in ihre Verantwortung übernommen und betreiben es als Internetcafé weiter. Der Philosoph Michael Foucault sagte über Gärten als besondere, korrespondierende Orte: „Es gibt ... in jeder Kultur, und das wohl in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind ... Weil diese Orte ganz anders sind als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz zu den Utopien ... HETEROTOPIEN ...” 11

Innerstädtische Brachen werden auf diese Weise wie im Mittelalter zur Allmende, zum gemeinsamen Nährboden für das Entwickeln von Überlebensstrategien. Als waiting lands, wie der niederländische Architekt Kees Christiansen sie beschreibt, können Brachen zur geplanten Landschaft in der Stadt, zum konkreten Neuland für eine langfristige Entwicklung werden: „ ... erhaltenswerte Gebäude werden unterteilt in unmittelbar nutzbar oder noch nicht nutzbar. Die nutzbaren werden so viel wie möglich vermietet, auch ohne Mietpreis an Startunternehmer mit der Auflage, ihre Flächen selber zu verbessern. Die übrigen Gebäude werden abgerissen, Material bleibt auf dem Gelände für später. Die entstandenen Leerflächen ... werden extensiv benutzt als Weideland oder für Raps oder Schafzucht, eine Form der Nutzung, die jedenfalls eine strukturierende/thematische Wirkung auf das Gebiet hat.” 12

Dies alles setzt jedoch voraus, dass die Eigentumsverhältnisse diesen Prozess erlauben. Somit schließe ich an meine eingangs formulierten Gedanken an und fordere die moderne Allmende als Warteschleife für eine sinnvolle Landnutzung heraus.

Die Umsetzung übergeordneter, landschaftsräumlicher Konzepte, könnte der Suche nach Gemeinschaft, Orientierung und notwendigem Zusammenhang in hohem Maße entsprechen. Der Städtebau lässt sich schwer korrigieren, aber das Entstehen eines lebendigen Landschaftsraums – als kultureller Bezugsraum einer spezifischen Region und als städtisch verwaltete Natur – könnte Verbindlichkeiten ermöglichen.

Anmerkungen / Literatur

1 El Lissitzky (Lasar Markowitsch L., 1899 bis 1941), russischer Konstruktivist, mit H. Arp: Die Kunstismen. München, Leipzig 1925.

2 Mangelsdorf, Günter: Die Ortswüstung des Havellandes. Ein Beitrag zur historisch-archäologischen Wüstungskunde der Mark Brandenburg. 1994.

3 Knapp, H.D.: Die Seelendorfer Heide bei Brandenburg – eine landschaftsgeschichtliche, geobotanische Studie. In: Gleditsia – Beiträge zur botanischen Taxonomie und deren Grenzgebiete. Akademie Verlag, Berlin 18/1990, Heft 1/2.

4 Morus, Thomas (1478 bis 1535): Utopia. 1516.

5 Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Aufbau- Verlag, Berlin 2002.

6 Gilly, David (1748 bis 1808): Handbuch der Landbaukunst. 11797.

7 Sieverts, Thomas: Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land. Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden 1997.

8 The center for land use interpretation (CLUI), Kalifornien. [http://clui.zone.org] www.clui.org

9 Valéry, Paul: Eupalinos. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1995.

10 Kohl, Sybil; Oswalt, Philip; Schäfer, Albrecht (Hg.): Verlassene Stadt. Der Architektur-Stadtführer Ostdeutschland, Band 1. Berlin 2002. Katalog anlässlich der Ausstellung „Verlassene Stadt" in der Galerie Kamm.

11 Foucault, Michel: Andere Räume. In: Barck, Gente u.a.: Aisthesis Leipzig 1990.

12 Fachbereich Architektur, Universität Hannover (Hg.): hoch 2 – Jahrbuch 2002, Stadt im Umbruch. Internationalismus Verlag, Hannover 2002.

 

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Lichtinstallation Pößneck, Bestandteil des Kunstparcours der Landesgartenschau Thüringen 2000, Realisierung: Dominik Lutz und Christoph Faulhaber Foto: Jürgen Höfer

Lichtinstallation Pößneck, Bestandteil des Kunstparcours der Landesgartenschau Thüringen 2000, Realisierung: Dominik Lutz und Christoph Faulhaber
Foto: Jürgen Höfer