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Elke Pahl-Weber
Stadtmauern im Kopf einreißen – das regionale Entwicklungskonzept Ueckermünde – Torgelow – Eggesin

Im aktuellen Diskurs über Baukultur in Deutschland wird immer wieder versucht den Begriff neu zu definieren.1 Dem soll an dieser Stelle kein zusätzlicher Versuch hinzugefügt werden.2 Baukultur und Planungskultur sind nur im Zusammenhang zu sehen.3

So wie Bauen und Planen sind sie Teile der Produktion eines Kulturgutes, sei es als Gebäude, als städtebauliches Ensemble oder auch als Gesamtstadt. Die Diskussion um Baukultur ist damit auch eine um Planungskultur und unabhängig von der Maßstabsebene zu führen. Dies entspricht auch der Definition von Kultur im Brockhaus: Dort wird Kultur als eine Bezeichnung von Handlungsbereichen beschrieben, in denen der Mensch auf Dauer angelegte und den kollektiven Sinnzusammenhang gestaltende Produkte, Produktionsformen, Lebensstile, Verhaltensweisen und Leitvorstellungen hervorzubringen vermag.

Bau- und Planungskultur sind danach nicht auf definierte Orte bezogen; der regionale Kontext ist in der Baukulturdebatte allerdings noch eher spärlich vertreten.4 Auch in Zeiten des Strukturwandels zeichnet sich aufgrund veränderter Lebensstile, Wohnansprüche und Arbeitsformen die Regionalisierung von Lebensabläufen ab.

Insoweit sind die Stadtmauern als Orientierungsmuster bereits aus den Köpfen der Bewohnerinnen und Bewohner verschwunden, sie sind in alltäglichen Tätigkeiten und Verflechtungen und den entsprechenden alltagskulturellen Kodierungen schon überwunden. In Bezug auf Planungs- und Baukultur müssen die Stadtmauern jedoch noch eingerissen werden.

Dass sich dabei ein Mehrwert ergeben kann, ist das Thema dieses Beitrags. Ich wähle daher bewusst ein Beispiel für die Konkretisierung von Planungskultur aus, das nicht Architektur ist, nicht einmal Stadt per se, sondern ein Prozess der Verständigung dreier Städte angesichts enormer Herausforderungen durch den Strukturwandel.

Der Entschluss zum Regionalen Entwicklungskonzept

Um es vorweg zu nehmen: Die stadtregionale Kooperation zwischen drei Städten wurde nicht im Bewusstsein begonnen, einen Beitrag zur Baukultur zu leisten, sondern der Anlass ist der tief greifende Strukturwandel, dem sich die Städte im Rahmen des Bund-/Länder-Programms und mit einem Beitrag zum Bund-/Länder-Wettbewerb „Stadtumbau Ost” gemeinsam stellen.

Die drei kleinen Gemeinden Ueckermünde, Torgelow und Eggesin im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns erleben enorme Herausforderungen durch die starken Einbrüche in der Bevölkerungsentwicklung und im Wirtschaftswachstum, wie es sie seit Beginn der Industrialisierung nicht mehr gegeben hat. Um sich diesen Problemen stellen zu können, haben sie sich für die gemeinsamen Planungen zum „Stadtumbau Ost” zusammengeschlossen.

Diese Kooperation nennt sich REK U.T.E. – in der Reihenfolge der Anfangsbuchstaben der drei beteiligten Städte. Sie macht Mut auf „mehr und weiter”, nicht nur im Sinne von „Not schweißt zusammen”.5 Der Ausgangspunkt des Stadtumbauprogramms der Kooperation waren wohnungswirtschaftliche Probleme. Und das übergeordnete Ziel war eine gemeinsam getragene Entwicklungsperspektive, weil die dringenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt ebenso wenig in Konkurrenz der Gemeinden zu lösen sind wie die Entwicklungen in den anderen Bereichen, die die Lebensbedingungen nachhaltig beeinflussen, zum Beispiel die Wirtschaftsund Beschäftigtenentwicklung und der Erhalt und Ausbau der Naturpotenziale.

Kleine Gemeinden bis zu 10 000 Einwohner sind von Schrumpfungsprozessen besonders stark betroffen. Abriss und Rückbau von Wohnungen bedeuten nicht nur die Umstrukturierung einzelner Stadtgebiete, sondern haben Einfluss auf die gesamte Stadtstruktur und stellen damit Anforderungen an das Überleben der kleinen Städte in allen ihren Facetten. Die Infrastruktur dieser kleinen Gemeinden kann mit dem Rückbau und Abriss auf ein Maß zurückgehen, dass die Überlebensfähigkeit der gesamten Gemeinde bedroht, zum Beispiel durch die Schließung der letzten weiterführenden Schule und durch starke Einschränkung der lokalen Nahversorgungsmöglichkeiten auch im täglichen Bedarf.

Die Uecker-Region steht auch nach zehn Jahren Umgestaltung und positiver Entwicklung weiterhin vor gravierenden Strukturproblemen. Konkretes Ziel ist es, den fortbestehenden Problemen und deren Auswirkungen insbesondere in infrastruktureller Hinsicht entgegenzuwirken.

Ausgangslage

Die Rahmenbedingungen für gemeinsames Handeln der drei Gemeinden sind ihre räumliche Nähe, die Lage in der Nachbarschaft zum zukünftigen EU-Mitglied Polen sowie der Strukturwandel, der in dieser Region durch den Abbau der Bundeswehrstandorte noch verschärft wird.

Die Ausgangslage der Städte ist ähnlich. Die Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern verringerte sich von 1989 bis 1995 im Landesdurchschnitt um 13,8 Prozent. Von 1995 bis 2001 nahm in den drei REK-U.T.E.- Städten zusammen die Bevölkerung in etwa eben dieser Größenordnung, wenn auch lokal unterschiedlich, ab: in Eggesin um 19 Prozent, in Torgelow 8 Prozent und in Ueckermünde 4 Prozent. Im Jahr 2001 lebten in allen drei Städten noch knapp 30 000 Personen.

Für 2010 wird eine Einwohnerzahl prognostiziert, die zwischen ca. 25 000 und ca. 27 000 liegt, ein Ausblick auf 2020 ergibt ca. 21000 Einwohner, was für den Zeitraum 2001 bis 2020 einem Rückgang von 27 Prozent entspräche. 6

Dieser Rückgang ist erheblich drastischer als der Landesdurchschnitt, der für den Zeitraum von 1995 bis 2010 mit 5,3 Prozent angegeben wird. Bei vergleichbarer statistischer Ausgangslage in den Bereichen Wohnungsbestand und Wirtschaft haben die drei Städte jedoch unterschiedliche Strukturen. Durch ihren spezifischen Charakter sind sie jeweils eigene „Planungsfälle”.

Als kleine Hafenstadt an der Küste besteht Ueckermünde aus einer historischen Altstadt und einer Stadterweiterung mit einem Plattenbaugebiet aus der Zeit der 1950er bis 1980er Jahre am Stadtrand. Dieser „Satellit” verfügt über eine eigene Infrastruktur mit Versorgungszentrum und Schulen.

Die Struktur der Garnisonstadt Eggesin wurde dagegen mit der Ansiedlung der Nationalen Volksarmee (NVA) seit den 1950er Jahren umgestülpt. Die Plattenbauten der Wohnsiedlungen der 1970er und 1980er Jahre überlagern als eigene Struktur die ehemaligen Dorfstrukturen.

Die Industriestadt Torgelow wiederum besitzt fünf dezentrale Standorte des Plattenbaus als Wohnsiedlungen für die Belegschaften der Industriebetriebe sowie für das Militär, die lange nur in geringem Maße mit der gewachsenen Stadtstruktur vernetzt waren.

Ablauf und Prozessgestaltung

Wegen der Eigenständigkeit der Städte musste auf die besonderen Probleme vor Ort eingegangen werden. Im Rahmen ihrer Kooperation erarbeiteten die Städte daher sowohl drei lokale Entwicklungskonzepte als auch ein gemeinsames Regionalkonzept, jeweils mit externer Moderation bzw. Beratung und unter Einbeziehung breiter Akteurskreise.

Als „Planung am Ort” wurden Integrierte Stadtentwicklungskonzepte (ISEKs) erarbeitet. Die ISEKs sind gesamtstädtische Entwicklungskonzepte mit Aussagen für die einzelnen Stadtbereiche und Quartiere. Sie sind integriert, weil sie die unterschiedlichen Handlungsbereiche der Stadtentwicklung miteinander vernetzt betrachten und dafür Leitbilder und Konzepte entwickeln. Das Regionale Entwicklungskonzept U.T.E. kann dabei als „gemeinsamer struktureller Rahmen” gesehen werden. Es wurde in einem mit den lokalen ISEKs getakteten Dialogverfahren erarbeitet.

In den drei Gemeinden wählte man jeweils eine auf die speziellen Anforderungen der Kommune abgestimmte Prozessgestaltung und Beteiligungsorganisation mit externer Moderation, die breit angelegt war und Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit bot, an der Entwicklungsperspektive ihrer Städte mitzuarbeiten. Zusammen erarbeiteten städtische Bauverwaltung und lokale Politik, Bürgerinnen und Bürger sowie externe Planungsbüros innerhalb sehr kurzer Zeit integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die Maßnahmenbereiche definieren. In den lokalen ISEKs wurden die jeweiligen Schwerpunktgebiete des Stadtumbaus, der Umstrukturierung und der Wohnumfeldverbesserung festgelegt. Sie liegen in den Stadtzentren (Eggesin, Torgelow), am Rand der inneren Stadt (Ueckermünde West) sowie am Stadtrand (Ueckermünde Ost und Drögeheide/Spechtberg in Torgelow).

Rückbau und Abriss betreffen in allen Gebieten die Plattenbauten. Einen kompletten Gebietsabriss wird es in keiner Stadt geben. Das Regionale Entwicklungskonzept REK U.T.E. wird als „Chefsache” der Bürgermeister über den Wettbewerb „Stadtumbau Ost“ hinaus fortgeführt. Die planerische Herausforderung besteht darin, die Identitäten der einzelnen Orte zu stärken, zugleich aber eine gemeinsame Entwicklungsperspektive zu erarbeiten. Dabei haben die beteiligten Planungsbüros die Arbeit aufeinander abgestimmt. In den örtlichen ISEKs besteht die Rollenteilung in unabhängiger Moderation und Prozessberatung7 sowie in Planungsarbeiten am ISEK8.

Die Planungsarbeiten am REK U.T.E. übernahmen die ISEKModeration und die Planungsbüros gemeinsam, die Moderation der Bürgermeisterrunden erfolgte rotierend durch die Bürgermeister selbst, jeweils von dem Bürgermeister des Tagungsortes. Externe Moderation und Prozessberatung sowie kommunales Engagement von der „Spitze” der Bürgermeister bis zur Basis der Bürgerinnen und Bürger haben in einer Synergie als Strukturgeber – mit dem Blick von innen und außen für die Strukturierung gemeinsamer Arbeit – funktioniert.

So ist das REK U.T.E. nicht am grünen Tisch entstanden, sondern es wurde viel Wert gelegt auf eine möglichst breit angelegte Diskussion zur Erarbeitung der gemeinsam tragbaren Entwicklungsperspektive der drei Städte. Die demografische Entwicklung, die für die drei Städte zu erwarten ist, schuf wegen der an die Existenzfähigkeit gehenden Dimension den Druck, der die Bürgerinnen und Bürger mobilisierte, sich an der Erarbeitung dieser Entwicklungsperspektive zu beteiligen.

Damit wurde eine in kleinen Orten eher ungewöhnliche Beteiligungskultur geschaffen: Der Schwerpunkt lag auf einer Zusammenarbeit an den ISEKs der drei Städte; auf dieser Basis wurden dann auch Angebote zur Mitarbeit an der stadtregionalen Kooperation angenommen.

In Ueckermünde begleitete eine Arbeitsgruppe Stadtumbau den Prozess der Erarbeitung des Stadtentwicklungskonzeptes, in Torgelow war mit der Agenda- 21-Gruppe ein breiter Beteiligungsansatz gegeben und in Eggesin konnte es mit Arbeitsgruppen und einer ISEK-Kommission gelingen, nicht nur das Stadtentwicklungskonzept gemeinsam zu erarbeiten, sondern parallel bereits erste Aktionen durchzuführen: Ein Zukunftsbaum wurde gepflanzt, die wichtigen öffentlichen Räume der Stadt wurden mit Blumen in Szene gesetzt.

Ergänzend wurden in allen Städten Informations- und Publikationsmöglichkeiten genutzt sowie Bürgerversammlungen und schriftliche Befragungen durchgeführt. Insgesamt beteiligten sich damit in den drei Städten ca. 10 000 Menschen an der Erarbeitung der Stadtentwicklungsperspektiven und jeder Haushalt wurde durch die monatlich in den Amtsblättern veröffentlichten Berichte erreicht.

Die Wohnungsbaugesellschaften haben sich vor Ort an der Erarbeitung der ISEKs beteiligt, für die Finanzierung von Abrissmaßnahmen wurden Portfolioanalysen durchgeführt und im Rahmen des REK U.T.E. Kooperationen vereinbart.

Schwerpunkte des Konzeptes

Das Konzept für die stadtregionale Kooperation hat sich der Problematik von Prognostik, die unvorhersehbare Ereignisse nicht integrieren kann, mit einem Korridor für die Siedlungsentwicklung gestellt. Dabei ist die stadtregionale Kooperation von Freiwilligkeit bis zum Zusammenschluss unter gemeinsamer Verwaltung zu einer der größeren Städte Mecklenburg-Vorpommerns thematisiert.

Wegen der Praktikabilität und der Umsetzungsorientierung der Kooperation in der Startphase haben sich die drei Gemeinden auf vier thematische Schwerpunkte der Zusammenarbeit verständigt: Wohnungswirtschaft, Wirtschaftsentwicklung, Verkehrsinfrastruktur und Tourismus.

Die Umlandgemeinden wurden später in die Diskussion einbezogen. Die Zeit für die Erarbeitung des Konzeptes war durch die Teilnahme am Bundeswettbewerb „Stadtumbau Ost” begrenzt. Sie forderte eine Schwerpunktsetzung und förderte die Erarbeitung in überschaubarem Rahmen.

Gleichwohl ist das Ergebnis nicht „ein fertiges Konzept”, sondern vielmehr die Grundlage für die weitere Arbeit. In Wirklichkeit hört die Arbeit an integrierten Stadtentwicklungskonzepten nicht auf, sondern setzt sich in der Umsetzung von Leitideen und Leitbildern fort. Einer der Schwerpunkte war die künftige Entwicklung der Wohngebiete und des Wohnungsangebots. Durch die Bevölkerungsrückgänge, die mit dem demografischen Wandel im allgemeinen Trend verbunden sind, zeigen sich Leerstände, die in den vergangenen sechs Jahren in Ueckermünde und Torgelow um etwa 2 bis 3 Prozent, in Eggesin infolge des Bundeswehrabbaus um 13 Prozent zugenommen haben.

Der Stadtumbau erfordert deshalb Abriss und Rückbaumaßnahmen in Eggesin von ca. 1000 bis 1250 Wohnungen, in Ueckermünde von ca. 550 bis 770 und in Torgelow von ca. 400 bis 800 Wohnungen. Veränderte Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt erfordert zugleich neue Angebote für individuelles Wohnen, das für die U.T.E.-Region mit einem Flächenbedarf von ca. 45 ha prognostiziert wird. Mit dem Abriss von Wohnungen stellt sich auch die Frage nach der Entwicklungsperspektive der technischen und sozialen Infrastruktur.

Der Zusammenschluss der drei Gemeinden eröffnet Chancen für eine abgestimmte Entwicklung, die eine insgesamt noch tragfähige Ausstattung ermöglicht. Die private Nahversorgungsinfrastruktur wird in REK U.T.E. mit der Entwicklung der Ortskerne verbunden, die als „Anker” für die Entwicklung neuer Stadtstrukturen (Eggesin) oder die Stabilisierung der vorhandenen gewachsenen Strukturen (Ueckermünde und Torgelow) einen Bedeutungszuwachs erhalten. Die wirtschaftliche Lage der Region ist nicht zuletzt Motivator für die Abwanderung.

Die hohe Arbeitslosigkeit von 24,9 Prozent zählt zu den Spitzenwerten in Deutschland. In den drei Städten gibt es Betriebe unterschiedlicher Größenordnungen und Branchen, u.a. auch so genannte „Global Actors”. Gefordert sind besondere Anstrengungen in der Bestandspflege und für die Neuansiedlung von Betrieben. Mit dem EU-Beitritt Polens wird sich die geopolitische Lage der Region mit Rückwirkungen auch auf die kleinen und mittleren Städte ändern. Konzeptionen für die Beschäftigung setzen unter diesem Gesichtspunkt auf die Wiederentdeckung gesamtwirtschaftlichen Handelns – Bestandspflege und Neuansiedlung von Betrieben mit Flächenvorsorge. Perspektiven für neue Betriebe können jedoch nur entwickelt werden, wenn der Standort attraktiv ist.

In der Vernetzung mit der EU-Erweiterung werden transnationale Netze eine wesentliche Rolle spielen. Die Verbindung mit Polen über die U.T.E.-Region, die Verbesserung der Vernetzung der einzelnen Verkehrsträger und der Ausbau von Kreis- und Landesstraßen werden im REK U.T.E. in einem Prioritätenplan zusammengestellt. Der Erhalt des Bahnanschlusses für den regionalen und überregionalen Verkehr hat ebenfalls hohe Priorität, zumal es, wie üblich in kleinen Städten in ländlicher Struktur, hier keinen schienengebunden öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gibt. Die Bahntrasse bietet aber Potenziale für eine Verbindung der drei Gemeinden mit der Kreisstadt sowie mit der Metropole Stettin.

Bei der Konversion militärischer Flächen werden neben der traditionellen Gewerbeflächenvorsorge auch innovative Ansätze geprüft, wie beim „Kompetenzzentrum Wald” in Mecklenburg-Vorpommerns waldreichster Gegend.

Von der gemeinsamen Vermarktung der touristischen Potenziale durch das REK U.T.E. werden ebenfalls Beschäftigungseffekte erwartet. Das Leitbild der gesamten Siedlungsentwicklung verbindet sich mit dem touristischen Schwerpunktkonzept. Das touristische Potenzial Ueckermündes liegt vor allem im Schwerpunktraum an der Haffküste, der einzigen Deutschlands, mit wasserbezogenen Freizeitangeboten in unmittelbarer Nähe der Altstadt.

Im Leitbild thematisiert Ueckermünde „Wohnen am Haff” mit dem Teilabriss und der Aufwertung/Wohnumfeldverbesserung im Stadtumbaugebiet Ueckermünde Ost sowie mit dem Abriss, dem Rückbau und der Neubebauung in Ueckermünde West. Torgelows Industrie- und Geschichtskultur sind Grundlage für den Ausbau eines stadtkulturellen Schwerpunktes mit touristischer Relevanz. Hier wird mit dem Stadtumbaugebiet Stadtmitte bei Umnutzung von Gewerbebrachen ein neues Wohnangebot mit städtischen Freiräumen an der Flusslandschaft geschaffen.

Eggesin wird seine Rolle im Tourismus-Entwicklungsraum der Region mit unterschiedlichen Angeboten des natur- und bewegungsbezogenen Freizeitangebots ausprägen. Ein neues Konzept von Stadt-Landschaft prägt Eggesin nach dem bereits erfolgten Rückbau und dem geplanten Abriss großer Siedlungsbestandteile. Welche Chancen sich bieten, mit einem „Kompetenzzentrum Wald” die besondere Lage des Ortes und der Region zu nutzen und touristisch zu vermitteln, wird sich in einer Machbarkeitsstudie zeigen.

Mehrwert „Baukultur” in der stadtregionalen Kooperation

Der Kooperationsprozess hat sich insbesondere deshalb bewährt, weil vor Ort Vertrauen zwischen Bürgermeistern, Bauämtern, Planungsbüros, professionellen Akteuren der Stadtentwicklung, wie Wohnungsbaugesellschaften, Kammern und Verbänden, aber auch Bürgerinnen und Bürgern aufgebaut werden konnte und im REK U.T.E. ohne Reibungsverluste und komplizierten Informationstransfer die Arbeit an den gesetzten Schwerpunkten möglich war.

Doch das Entwicklungskonzept geht über die Ergebnisse der gesetzten Schwerpunkte hinaus. Es sind Effekte entstanden, die im Gegensatz zu den „Produktwirkungen” der Ergebnisse innerhalb der Schwerpunktbereiche als „Prozesswirkungen” zu verstehen sind. Ohne Gegenstand der Bearbeitung gewesen zu sein, fügen sie dem „Gesamtprodukt REK” einen zusätzlichen Nutzen – einen Mehrwert – zu.

Die Gestaltung des Verfahrens mit seinen Zielbildern zur Erläuterung des Entwicklungskorridors und des handlungsorientierten Dialogs zwischen den Akteuren ist im Hinblick auf die Erzielung von Mehrwert insbesondere in drei Dimensionen von Bedeutung: „Identität” wurde geschaffen und gestärkt.

Dem Gespenst der „Auflösung” in Schrumpfungsprozessen wurde „eine umfassende Qualitätsoffensive“ gegenübergestellt und es wurde im Sinne der Herstellung von auf Dauer angelegten Produkten ein Beitrag zu nachhaltiger Stadtentwicklung geleistet, deren baukultureller Wert noch nicht explizit entdeckt ist.

Mehrwert „Identität”

Bevölkerungsabwanderung, Leerstände, Arbeitslosigkeit, sehr knappe kommunale Kassen sind mehr als ein konjunkturelles Tief, sie gefährden vielmehr die Stabilität der Stadtstruktur. Angesichts der Herausforderung dieser Umwälzung von Lebensbedingungen sind nicht nur die Stadtverwaltungen und die Stadtpolitik gefragt, Konzepte zu entwickeln, die für die Zukunft tragfähig sind. Es besteht auch eine Herausforderung für die unterschiedlichsten Akteure und für die Bürgerinnen und Bürger in der Stadt.

Der Zusammenschluss der drei Gemeinden bedeutet in diesem Kontext einen Schritt, gemeinsam Lösungen zu finden und Probleme nicht auf Kosten anderer zu lösen. Mit REK U.T.E. ist es nicht bei der Absichtserklärung geblieben, sondern die Kooperation hat zu einem gemeinsamen Leitbild für die Entwicklung geführt.

Dabei wurde die Grundlage für eine neue Identität geschaffen, die jeden einzelnen Ort wertschätzt und die Leitthemen für die Zukunft gemeinsam bestimmt.

Für Politik und Verwaltung ist damit neben der eigenen örtlichen Identität die Idee einer neuen stadtregionalen Identität gewachsen. Die „neue Städtegesellschaft” als Träger und Nutzer der Kooperation ist für bestehende institutionelle Strukturen eine Herausforderung, Ergänzung und sinnvolle Bereicherung. Ihre Legitimität bezieht sie aus der Bildung einer neuen „Institution” stadtregionaler Zusammenarbeit, deren Aufgaben und Rahmensetzung selbst bestimmt ist, sowie aus den Ergebnissen gemeinsamen Handelns.

Die drei Gemeinden gewinnen als „kollektiver Akteur”9 in dieser Kooperation neue Handlungskompetenzen und -kapazitäten. Ihre neue Identität erprobt sich nicht nur in der Erarbeitung gemeinsamer Ziele und Leitbilder, sie stärkt und festigt sich in neuen Handlungsfeldern: Mobilisierung von strategischen Allianzen und Agenden, zum Beispiel im Hinblick auf die Kooperation mit dem Nachbarn und EU Beitrittskandidaten Polen, die bislang nur einzeln wahrgenommen wurde; Gestaltung der Vereinbarungen zur Kooperation, Bildung neuer institutioneller Kapazitäten und Aufbau einer gemeinsamen Handlungsroutine bis hin zum „mainstreaming” 10 der Identität der neuen „kollektiven Regierungsverantwortung”; Wahrnehmung und Förderung der stadtregionalen Stärken durch die Bürgerinnen und Bürger der Städte mit der Entwicklung neuer Formen von Information, Beteiligung und Kooperation.

Raumordnerische und regionale Konzepte sind gerade im Osten Mecklenburg-Vorpommerns aktuell in der Diskussion11, darin liegen Synergie Chancen für eine neue regionale Identität dieser Region. Die regionale Identität ist kein abstraktes Produkt, sie ist in diesem Zusammenhang ein Bestandteil von Standortbildung.

Mehrwert „Umfassende Qualitätsoffensive”

Stadtregionale Kooperation vor dem Hintergrund tief greifenden Strukturwandels bietet die Chance, sich die unterschiedlichen lokalen Bedingungen klar zu machen, unter denen „Stadtumbau“ stattfindet. Sie motiviert, gemeinsam über die regionale Bedeutung des „Stadtumbaus“ nachzudenken, kooperativ nach Lösungen zu suchen und gemeinsame Qualitäten12 zu entdecken.

„Was unter der neutral anmutenden Vokabel Stadtumbau tatsächlich stattfinden wird, ist Rückbau von Gebäuden und Siedlungsbereichen, die in einer Industriegesellschaft entstanden sind und nun ohne Bedarf dastehen. Baukultur wird sich zutrauen müssen, die phantasievollen und umweltverantwortlichen Kräfte in der Gesellschaft zu entdecken, zu sammeln und entwicklungsfähig zu machen, die Angebote für eine bessere Behausung in schöneren Städten und Landschaften entwerfen.

Sie muss sich als eine umfassende Qualitätsoffensive verstehen.”13 In der stadtregionalen Kooperation der U.T.E.-Städte ist schon jetzt deutlich geworden, dass diese „Qualitätsoffensive” kein „Trostpflaster” ist, mit dem die schmerzhaften Wunden der Schrumpfung abgedeckt werden. Sie bildet vielmehr ein Vorgehen, das sich auf die vorhandenen Stärken besinnt und diese neu in Wert setzt, indem sie die Qualitäten jeden einzelnen Ortes herausarbeitet – in Ueckermünde die touristisch günstige und für den Wohnstandort hochattraktive Lage am Haff, in Eggesin die Naturbezogenheit, in Torgelow die Industrie- und Kulturtradition – und aus ihnen Ansätze für die gemeinsame Zukunft entwickelt.

Mehrwert „Nachhaltige Stadtentwicklung“

Nachhaltige Stadtentwicklung ist das Stadtentwicklungsthema der 1990er Jahre gewesen – „Stadtumbau” das Thema des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Tatsächlich liegen beide Themen sehr nahe beieinander. Anlass für die Nachhaltigkeitsdebatte waren die durch Wachstum ausgelösten Belastungen der Umwelt und der sozialen Strukturen. Im Stadtumbau geht es um Stabilisierung, Rückbau und Qualitätssicherung. Gerade angesichts ökonomischer Zwänge werden die Verfahren und Produkte, die mit Kreislaufwirtschaft auf ökonomische Tragfähigkeit setzen, zunehmend Bedeutung erhalten.

In der stadtregionalen Kooperation U.T.E. hat sich dies bereits darin gezeigt, dass für den Dialog zur Erarbeitung des Planes und auch in der nachfolgend gemeinsam erarbeiteten Stellungnahme zum neuen Landesraumordnungsprogramm die lokalen Agenda-21-Gruppen beteiligt waren.

Der Zusammenschluss der drei Gemeinden öffnet Chancen für eine abgestimmte Entwicklung, die insgesamt einenoch tragfähige Ausstattung ermöglicht. Der Mehrwert „Baukultur“ kann sich hier in der Erhaltung vitaler Strukturen auf Dauer zeigen, er kann sich aber auch darin zeigen, dass auf Dauer nicht tragfähige Strukturen, Gebäude und Einrichtungen geschlossen und vielleicht sogar abgerissen werden, und zwar sowohl auf der Grundlage ökonomischer Tragfähigkeitsüberlegungen als auch der Gestaltung städtischen Lebensraums.

„Die Qualität der Baukultur ergibt sich aus der Verantwortung der gesamten Gesellschaft für ihre gebaute Umwelt und deren Pflege.”14 Diesem Leitsatz aus dem Statusbericht des Bundes zur Baukultur wird mit der stadtregionalen Kooperation besonders Rechnung getragen, dabei liegt die Betonung auf „gesamten”.

Die Kooperation von Städten und Akteuren, die jeweils auch Entscheidungskompetenzen hatten, also tatsächlich einen Aushandlungs- und Verständigungsprozess zu einer gemeinsamen Perspektive gestaltet haben, ist bei diesem regionalen Entwicklungskonzept die Voraussetzung für einen baukulturellen Mehrwert gewesen und wird es auch weiterhin sein.

Anmerkungen/Literatur

1 Vgl. Planung/Prozess/Kultur. SRL Schriftenreihe 50. Berlin 2001. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Informationen zur Raumentwicklung (IzR), Heft 11/12.2002, erschienen März 2003, Baukultur – Planungskultur.

2 Zumal Baukultur als Begriff eigentlich eine Tautologie ist; im lateinischen Wortstamm cultura ist bereits der Begriff Bebauung enthalten, wörtlich übersetzt heißt cultura Bearbeitung, Bebauung, Besorgung, Landbau, Ackerbau, übertragen in den geistigen Bereich Pflege, Ausbildung, Verehrung, Huldigung.

3 Für Hinweise bei der Vorbereitung dieses Beitrags danke ich Jan Abt, BPW Hamburg.

4 Matthiesen, Ulf: Baukultur in Suburbia – Perspektiven und Verfahrensvorschläge. In: IzR Heft 11/12 2002, a.a.O.

5 Das REK U.T.E. wurde erarbeitet im Auftrag der BIG Städtebau GmbH MV im Namen der drei Städte: von den Planungsbüros BPW Hamburg, Stadtplanung, Forschung, Beratung, Elke Pahl-Weber und bsr Neubrandenburg, Lutz Braun, in einem auf den Dialog zwischen Politik und Verwaltung sowie mit Bürgerinnen und Bürgern angelegten Prozess.

6 Die Bevölkerungsprognose wurde erstellt von GMA, Gesellschaft für Markt und Absatzforschung, Ludwigsburg/Erfurt.

7 Pahl-Weber, Elke für BPW Hamburg.

8 Braun, Lutz für bsr in Zusammenarbeit mit den Planungsbüros Schütze/Wagner, A&S und Baukonzept aus Neubrandenburg.

9 Healey, Patsy: Spatial Planning as a Mediator for Regional Governance – conceptions of place in the formation of regional governance capacity. In: Dietrich Fürst, Jörg Knieling (Eds): Regional Governance, New Modes of Self-Government in the European City. Hannover 2002, S. 14.

10 Healey, Patsy, a.a.O., S. 15.

11 Neuaufstellung des Regionalkonzeptes des Kreises, des Regionalen Raumordnungskonzeptes, und des Landesraumordnungsprogramms.

12 Qualitätssicherung ist auch eine der Empfehlungen im Positionspapier Baukultur Stadtumbau Ost, IRS Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner bei Berlin, Februar 2003.

13 Ganser, Karl: Baukultur gerade jetzt. In: Informationen der Initiative Baukultur, November 2002, S. 2.

14 Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hg.):, Statusbericht Baukultur in Deutschland, Ausgangslage und Empfehlungen. Initiative Architektur und Baukultur. Berlin. Dezember 2001, S. 13.

 

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Ueckermünde Hafen Foto: Planungsbüro: BPW Hamburg

Ueckermünde Hafen Foto: Planungsbüro: BPW Hamburg

Torgelow Foto: Planungsbüro: BPW Hamburg

Torgelow Foto: Planungsbüro: BPW Hamburg

Eggesin Foto: Planungsbüro: BPW Hamburg

Eggesin Foto: Planungsbüro: BPW Hamburg