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Frank Zimmermann
Nachhaltige Inselprojekte
– ein Rückbaubeispiel Cottbus-Sachsendorf/Madlow
Städtebauliche
Situation
Die Großsiedlung
Sachsendorf/Madlow ist mit 12000 Wohnungen das größte
industriell errichtete Wohngebiet des Landes Brandenburg
und größter Cottbuser Stadtteil. Die drei
elfgeschossigen Wohnhochhäuser Theodor- Storm-Straße
6, 8 und 9 markieren mit weiteren drei Hochhauspaaren
die südliche Grenze des Stadtteilzentrums und bilden
den Übergang in das als „Grüne Mitte“
bezeichnete Kleinsiedlungsgebiet im Zentrum der Großsiedlung
Sachsendorf/Madlow.
Dieser Siedlungsteil war
nach den Bebauungsplänen mit den Sortimenten des
industriellen Wohnungsbaus verdichtet überplant
worden. Durch den Widerstand der privaten Gebäudeeigentümer
und die sich in den 1980er Jahren abzeichnenden veränderten
Rahmenbedingungen in der Wohnungspolitik entwickelte
sich das Paradoxon, dass das geografische Zentrum einer
Großsiedlung des industriellen Wohnungsbaus durch
ein „Einfamilienhausgebiet” geprägt
ist.
Die ursprüngliche städtebauliche
Idee zur Ausbildung der südlichen Zentrumskante
mit giebelständigen Hochhauspaaren entlang der
Gelsenkirchener Allee wurde jedoch auf diesem Grundstück
durch so genannte Nachverdichtung – das Hinzufügen
des Gebäudes Theodor- Storm-Straße 9 –
gestört. Mit der Errichtung des Hochhauses Theodor-Storm-
Straße 9 wurde nicht nur die ideelle Grenze zwischen
dem urbanen Stadtteilzentrum und der individuellen Siedlung
überschritten, sondern es wurden auch städtebauliche
Missstände – infolge von Unterschreitungen
baulicher Mindestabstände und hoher baulicher Verdichtung
– hervorgerufen, welche die Wohnqualitäten
nachhaltig stören.

Städtebauliche Situation,
Großsiedlung Cottbus-Sachsendorf/Madlow
Vermietungsprobleme
Vor dem Hintergrund unausgewogener
Wohnungsstrukturen und des allgemeinen Bevölkerungsrückgangs
in der Großsiedlung sind insbesondere Wohnhochhäuser
von strukturellen Leerständen überproportional
betroffen. Dramatische Leerstandszuwächse sind
seit dem Jahr 1997 zu verzeichnen, wobei der Leerstandszuwachs
nahezu proportional mit dem Bevölkerungsverlust
im Stadtteil verläuft.
Von insgesamt 152 Wohnungen
in den drei Gebäuden waren zum Zeitpunkt konzeptioneller
Voruntersuchungen Ende 1998 nur 100 Wohnungen belegt
(Leerstandsrate 34 Prozent!).
Planungsansatz
Die zwei giebelständigen
Gebäude (Theodor- Storm- Straße 6 und 8)
wurden im Sinne des „Ensembleschutzes” für
die Stabilität der Zentrumskante umfassend modernisiert
und instand gesetzt.
Durch den behutsamen Teilrückbau
des Wohnhochhauses Theodor-Storm-Straße 9 im Zusammenhang
mit dem Neubau zwei- und dreigeschossiger Wohngebäude
entstand eine genossenschaftliche Wohnanlage, welche
im städtebaulichen Sinne den Übergang vom
hoch verdichteten Zentrum zum Kleinsiedlungsgebiet bewältigen
soll.
Die konzeptionelle Idee
stützt sich auf die weitestgehende Erhaltung der
stadttechnischen Versorgung und des Kellergeschosses
für die zentralen haustechnischen Anlagen und die
Abstellflächen außerhalb der Wohnungen. Mit
der Wiederverwendung von rückgebauten Bauelementen
sollte die Werthaltigkeit (Baualter ca. 20 Jahre) der
Stahlbetonbauteile genutzt werden, um – trotz
individueller Qualität – besonders preisgünstigen
Wohnungsbau herstellen zu können. Die Außenwandkonstruktionen,
bestehend aus Außenwand- und tragenden Innenwandelementen,
wurden mit partiellen Zusatzdämmungen ausgerüstet
und mit leichten individuellen Fassaden komplettiert,
ohne das typische Erscheinungsbild von „Plattenbauten”
aufzugeben.
Die insgesamt fünf
Teilgebäude sind jeweils individuell strukturiert
und verfügen über insgesamt 13 Etagenwohnungen
und Maisonetten unterschiedlicher Größen
und Kombinationen mit insgesamt 1050 m2 Wohnfläche.
Die Wohnungsstrukturen der Bestände der Gemeinnützigen
Wohnungsbaugenossenschaft „Stadt Cottbus“
e.G. (GWG) – in der Großsiedlung –
derzeit durch 2,5-RWE (Wohneinheiten mit zweieinhalb
Räumen) geprägt – werden damit um ein
Angebot von ZSwei- bis Fünfraumwohnungen (59 bis
114 m2 Wohnfläche) für unterschiedlicher Wohnbedürfnisse
erweitert.
Die Nachfrage hat das Angebot
nach der Realisierung der Wohnungen weit übertroffen.
Die geplante, mäanderartig versetzte Bebauungsstruktur
soll in Verbindung mit der terrassierten Geländemodellierung
gegenseitige Verschattungen reduzieren, freie Blickbeziehungen
in den umliegenden Grünraum sichern und das zur
Verfügung stehende Baugrundstück optimal auslasten,
da wohnungsnahe Freiflächen in Form von Gärten
den Wohnungen direkt zugeordnet werden.
Baukosten und Finanzierung
Nach Bereinigung der Bruttogesamtkosten
durch den Demontageanteil nicht zur Wiederverwendung
vorgesehener Betonfertigteile und grundstücksbedingter
Herrichtungsaufwendungen wurden reine Baukosten (Kostengruppen
300/400 brutto) von unter 2000,- DM/m2 Wohnfläche
erreicht.
Der Kostenansatz vergleichbarer
Neubauten wird unterschritten. Für die Komplexität
von Rückbau bei gleichzeitiger Wiederverwendung
und Verringerung von altschuldenbelasteten Wohnflächen
waren neue integrative Förderkonzepte zu entwickeln:
Zuschuss für den kompletten
Rückbau:
-
KfW - Darlehen
(Kreditanstalt für Wiederaufbau)
-
ILB - Darlehen (Investitionsbank
des Landes Brandenburg)
-
Investitionszulage
-
Ausnahmeregelung zum Erlass von
Altschulden.
Der Gebäudekomplex
– ebenso wie der beispielhafte Rückbauprozess
– verdeutlichen die sozialen, ökonomischen
und ökologischen Dimensionen des Baukulturbegriffs.
Die Erfolgskomponenten des preisgekrönten Projektes
gründen auf Kooperation und Wagemut der Bauherren,
Entwurfskompetenz und Überzeugungskraft des Architekten,
konstruktivem, bautechnischen Fachverstand und intelligentem
Recycling der Platte, einem integrativen, kreativen
Finanzierungskonzept sowie nicht zuletzt auf der Vielfalt
und der Qualität von Wohnform und Wohnumfeld.

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