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Gert Kähler
Baukultur – wirksames Programm
oder Sonntagsrede?
Zum ersten Mal in der Geschichte
der Bundesrepublik haben sich alle auch nur entfernt
mit dem Bauen befassten Verbände und das Bundesministerium
für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen zu einer gemeinsamen
Aktion zusammengeschlossen, die der Verbesserung der
Baukultur im Lande dienen soll.
Auch im Koalitionsvertrag
wurde diese Absicht ausdrücklich betont. Das verweist
auf der einen Seite auf ein Defizit. Andererseits fragt
man sich, ob es hier um Programme für eine notleidende
Bauwirtschaft geht oder welchen konkreten Inhalt derartige
Initiativen haben können, die über ein „Gut
gemeint” hinausgehen?
Was ist überhaupt Baukultur
und wie kann man sie verbessern in einer Zeit, da die
Parameter des Bauens ausschließlich durch den
Preis diktiert scheinen? Oder geht es darum endlich
die Graffiti von den Wänden zu kratzen? Oder sollen
den Bürgern draußen im Lande die putzigen
Giebeldächer mit roten Ziegeln und die Sprossenfenster
verboten werden, weil sie von schlechtem Geschmack zeugen?
Nein. Es geht bei der Baukultur
nicht um eine Geschmackserziehung im Sinne: Alles, was
modern ist, ist gut, alles, was so tut, als sei es alt,
ist moralisch verwerflich.
Es geht nicht um die Propagierung
einer bestimmten Ästhetik – die Initiative
Architektur und Baukultur ist nicht der wiederbelebte
Deutsche Werkbund! Es geht eigentlich und bei allen
Themen, die damit zusammenhängen, um einen Kern,
der da heißt: Die gebaute Umwelt beeinflusst jeden
einzelnen Menschen. Ob einer im Knast aufwächst
oder in der Villa. Sie beeinflusst ihn. Wenn aber etwas
alle Menschen beeinflusst, dann heißt das: Es
verändert sie. Man kann sie manipulieren. Und deshalb
ist die gebaute Umwelt nicht egal. Man muss sie verstehen
lernen. Dabei geht es nicht um den oft beklagten Pfusch
am Bau.
Es wird alles schon berechnet
und von unzähligen Vorschriften bestimmt. Es geht
nicht um die technische Nachlässigkeit, es geht
um ästhetische Schlamperei, die von keiner DIN-Norm
erfasst wird und für die sich keiner zuständig
fühlt.
Es kommt doch nicht darauf
an, dass das Heizungsrohr ein wenig schief geführt
wird, die Kunststoff-Fußleiste sich schon löst,
bevor der letzte Arbeiter die Wohnung verlassen hat.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten,
heißt es. Der Satz ist zwar völlig falsch
– über Weniges streiten wir so gern. Aber
Geschmack ist auch gar nicht gemeint.
Klar kann etwas misslingen,
obwohl sich jemand darum bemüht hat. Bei den vielen
Fällen ästhetischer Umweltverschmutzung jedoch
war es nur: egal.
In regelmäßigen
Abständen fordern einschlägige Verbände
eine ästhetische Erziehung in der Schule, die über
den Malunterricht hinausgeht. Aber nicht die Schüler
sind Schuld an der Umweltverschmutzung, sondern die
Eltern, die sie tolerieren oder selbst verursachen.
Die Eltern, denen es gleichgültig ist, wie es um
sie herum aussieht. Die Professoren, die an den Hochschulen
Gestaltung lehren, von der Architektur bis zum Produktdesign,
tolerieren, dass die Wände beschmiert, die Plastikpappbecher
für den Kaffee auf jeder Fensterbank stehen.
Es wäre so einfach,
in einer gemeinsamen Aktion aller einen Raum, eine Hochschule
zu streichen und zu erneuern – es scheitert nicht
am Geld, sondern an der Gleichgültigkeit. Wobei
die Verhunzung jeder Wand durch Farbsprühereien
Jugendlicher ein eigenes Kapitel ist und keineswegs
immer ein künstlerisches.
Das Ergebnis passt zwar
in die Beispiele, die Motivation ist jedoch eine andere
– genauer: Dahinter steht immerhin noch eine Motivation
zwischen Auflehnung gegen die Eltern, Reiz des Verbotenen
und symbolischer Inbesitznahme einer nicht für
sie gebauten Umwelt. Das andere, das eigentlich Schlimme,
hat nicht einmal eine Motivation – es geschieht
einfach. Weil es egal ist. Weil es billig ist. Weil
es ja auch so funktioniert. Weil es egal ist. „Dich
will ich loben: Hässliches. Du hast so was Verlässliches”,
reimte Robert Gernhardt.
Das Verlässliche liegt
inzwischen in der Gewissheit, dass man die Schlamperei
im Umgang mit der ästhetischen Umwelt als gegeben
voraussetzen kann: Städtische Müllcontainer,
eigentlich zur Verbesserung der Umwelt gedacht, sind
von einer unglaublichen Trostlosigkeit, zu der die Nachlässigkeit
der doch so umweltbewussten Deutschen passt, die den
Müll großflächig drumherum verstreuen.
Eine Frage des Bewusstseins:
Es ist doch eine großartige Sache, dass wir gelernt
haben, dass Müll ein Rohstoff ist – warum
behandeln wir ihn dann immer noch wie Müll? Kein
Mensch kann mir weismachen, es liege nur am Geld. Sicher,
die Lohnkosten sind gegenüber den Materialkosten
gestiegen. Vor 100 Jahren bückte man sich auf dem
Bau noch nach einem Nagel, um ihn gerade zu biegen und
erneut zu verwenden – das kann sich heute kein
Arbeiter leisten.
Aber ob eine Leiste gerade
oder schief verläuft, ein Schild auf einer Wand
irgendwie oder nach einer erkennbaren Ordnung angebracht
wird, ein Plastikstuhl vor der ehrwürdigen Feldsteinwand
nur noch gemein aussieht, das ist keine Frage der Kosten
oder des Geschmacks. Es ist eine Frage des Bewusstseins,
wenn man so will: der Konvention. Es hat etwas mit gutem
Benehmen zu tun.
Kein Handwerker hätte
vor 100 Jahren gewagt, eine Arbeit in ästhetischer
Hinsicht nicht ordentlich abzuliefern – er konnte
das nicht einmal denken. Dass die Wohnung möglicherweise
von einem miesen Spekulanten zur Ausbeutung von Arbeitern
gebaut worden war, spielte keine Rolle – vielleicht
war die Wand zu dünn gegen die Kälte und die
Miete viel zu hoch, aber die Fußleiste war ein
nachgerade kunstvolles Gebilde mit mehreren Zierprofilen,
in den Ecken sauber auf Gehrung unter 45 Grad beschnitten.
Um nicht missverstanden
zu werden: Das ist kein Plädoyer für Handwerkerkunst
zu Lasten des Wohnkomforts oder der Wohnkosten. Das
aber gilt auch umgekehrt: Unser hohes, für mehr
Menschen als jemals zuvor geltendes Wohnniveau sollte
auch nicht zu Lasten der ästhetischen Qualität
gehen.
Wir hinterlassen unseren
Kindern eine Umwelt, die immer hässlicher wird,
nein: auf deren wohlgeordneten Anstand niemand mehr
achtet. „Lieblos” nennt man das.
Wir erheben den Anspruch,
unsere Kinder zu lieben, ihre Umwelt zu schützen
– wir haben dafür extra einen Minister engagiert.
Um die ästhetische Umwelt hat der sich allerdings
noch nicht gekümmert. Dabei wäre es wichtig.
Wichtiger aber wäre,
dass jeder von uns es merkte, was wir uns und unseren
Nachfahren antun. Die Lieblosigkeit, mit der wir unsere
Umwelt in ästhetischer Hinsicht behandeln, spiegelt
ein Defizit. Wir fühlen uns in dieser Umwelt nicht
aufgehoben – aber wir ändern das auch nicht.
Und wir übergeben unseren Kindern eine von uns
lieblos behandelte Umwelt. Wie sollen die sich darin
wohlfühlen?
Nun hatte ich eingangs gesagt,
es tue sich etwas auf diesem Gebiet – langsam,
aber hoffentlich gewaltig. Seit zwei Jahren gibt es
auf Bundesebene die Initiative Baukultur, in der sämtliche
Berufsverbände und Kammern einschließlich
der der Ingenieure, die Wohnungswirtschaft, die Bauwirtschaft
mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau- und
Wohnungswesen (BMVBW) zusammenarbeiten.
Diese Baukultur ist nicht
identisch mit schöneren Bauten, also mit Architektur.
Baukultur kann man haben, aber nicht sehen! Baukultur
ist nach der von uns zugrunde gelegten Definition die
Herstellung von und der Umgang mit der gebauten Umwelt.
Damit ist Baukultur nicht
allein eine Sache der Architekten, Ingenieure oder Behörden,
die professionell damit befasst sind, sondern aller
Bürger; und sie ist nicht allein eine Sache der
Architektur, sondern eine alles Gebauten. Die Betrachtung
nur der Architektur verkürzt den Blick darauf,
dass wesentliche Teile der gebauten Umwelt, die die
Menschen prägt, eben nicht aus Häusern, sondern
aus Straßen, Plätzen, Brücken, Müllentsorgungsboxen
etc. bestehen. Auch am Umgang damit lässt sich
die Baukultur eines Landes ablesen.
Die Qualität dieser
Baukultur ergibt sich also aus der Verantwortung der
gesamten Gesellschaft für ihre gebaute Umwelt.
Ihr Niveau wird definiert durch die Qualität von
Gestalt, von Nutzbarkeit, von Nachhaltigkeit im ökologischen,
sozialen und ökonomischen Sinne sowie durch die
Transparenz und Fairness der ihr zugrunde liegenden
NVerfahren.
Baukultur beschreibt also
kein feststehendes, einmal erreichbares Ziel, sondern
den andauernden Prozess der Aneignung von und des Umgangs
mit gebauter Umwelt. Baukultur ist menschliche Erfahrung
in gebauter Form.
Man muss es sich doch einmal
vorstellen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik
sitzen alle am Bau Beteiligten an einem Tisch zusammen,
weil sie Defizite sehen. Die Interessenlagen sind dabei
völlig unterschiedlich: Die Bauwirtschaft will
ihren Schrumpfungsprozess abfedern, die Architekten
wollen staatliche Unterstützung beim Export etc.
Aber diese unterschiedlichen Interessenlagen werden
in einen konstruktiven Zusammenhang gebracht –
so selbstverständlich ist das nicht.
Natürlich stand bei
allen Vorschlägen, wie man die Situation verbessern
könne, an erster Stelle – das scheint so
eine Art bedingter Reflex zu sein –, Architektur
in der Schule zu lehren. Es bedurfte eines Diskussionsprozesses
zu erkennen, dass es nicht in erster Linie um die gestalterische
Seite dabei geht, um das „Lehren von Schönheit
eines Hauses”. Sondern dass mindestens ebenso
wichtig das Verständnis für demokratische
Verfahren ist, an denen man als Bürger teilnehmen
kann und sollte.
Es funktioniert nicht, an
den Bürgern vorbei zu planen – gleich, wie
großartig eine Planung ist. Aber man muss von
diesen auch Kenntnisse verlangen, die sie zur Kritik
befähigen! Wegen der Komplexität der Interessen
und der damit entstehenden Schwierigkeiten war der Initiative
schnell klar, dass eine Verbesserung der Situation nur
durch Maßnahmen auf allen Ebenen gleichzeitig
erfolgversprechend sein könnte.
Man muss die Architekten
mitnehmen, die ja keineswegs eine einheitliche Gruppe
mit einem einheitlichen Verständnis dessen sind,
was denn schön sei. Man muss sie mitnehmen und
ihnen klar machen, dass sie als „Fachleute für
Baukultur” auftreten können. Aber man muss
ihnen auch den Satz von Kurt Tucholsky ins Bewusstsein
bringen: „Lass dir von keinem Fachmann imponieren,
der dir erzählt: Lieber Freund, das mache ich schon
seit zwanzig Jahren so.– man kann eine Sache auch
zwanzig Jahre lang falsch machen.” Das heißt
eben auch, dass die ach so sensiblen Architekten sich
der Kritik stellen und selbstverständlich damit
umgehen müssen. Und dass eine aufgeklärte
Öffentlichkeit diese Kritik von den Medien fordert.
Man muss auch die Beratenden
Ingenieure mitnehmen – sie sind nicht alle große
Konstrukteure. Aber sie gestalten einen vielleicht noch
größeren Teil der gebauten Umwelt als die
Architekten – und das muss ihnen bewusst werden.
Man muss die Angestellten
und Beamten der Planungs- und Hochbauämter mitnehmen,
deren Arbeit in vielen Fällen die gebaute Umwelt
stärker prägt, als auch ihnen selbst bewusst
ist: Wie oft werden gerade die kleinen Baumaßnahmen
und die Reparaturen unter Kosten- und Sicherheitsaspekten
korrekt ausgeführt und danach, dass auch alle Vorschriften
eingehalten werden – aber keine Vorschrift weist
darauf hin, dass diese Maßnahmen auch gestalterische
Auswirkungen haben!
Und wir müssen auch
die Politiker mitnehmen. Es wäre ja so schön
– eine einzige Überschrift in der Bildzeitung
würde das Problem lösen: „Babs und Boris
– die Baukultur war schuld!” Ursache und
Wirkung. Leider ist es mit der Baukultur eben nicht
so einfach. Ich weiß nicht, wie viele Milliarden
Mark im Zusammenhang mit BSE bei Rindern allein in Deutschland
ausgegeben wurden. Tatsächlich hat man bis heute
144 infizierte Rinder von mehreren Millionen gefunden.
Es gibt hierzulande noch keine Erkrankung, noch keinen
Todesfall bei Menschen. (Trotzdem ist das Geld natürlich
sinnvoll angewendet.) Aber wie viele Menschen sind deprimiert
durch eine triste Umgebung und wie viel Arbeitskraft
geht dadurch verloren? Wie hoch ist andererseits der
finanzielle Ertrag durch mehr und kreativer geleistete
Arbeit in einer Arbeitsplatzumgebung, die stimuliert?
Wie viel Geld kann eine Gemeinde an Reparatur- und Pflegekosten
im öffentlichen Raum sparen, wenn eine interessierte
Öffentlichkeit ihn als ihren eigenen begreift und
sich damit identifiziert?
Keiner kann die Zahlen nennen
– aber jedem von Ihnen ist der Zusammenhang von
Kosten oder Gewinn durch den Einfluss gebaute Umgebung
klar. Können sie, unsere Politiker, diesen Zusammenhang
ignorieren, nur weil er nicht berechenbar und in Haushaltsjahren
fassbar ist? Wir sagen ja immer, Baukultur koste nicht
mehr Geld, sondern spare Geld. Das ist richtig –
Gesamtkostenrechnungen über die Lebensdauer eines
Gebäudes zeigen es. Aber selbst wenn das anders
wäre, wenn ein höheres Qualitätsniveau
tatsächlich etwas mehr kosten würde –
darf man dann nicht nachhaltig, schön, langlebig
und nach fairen Auswahlverfahren bauen?
Ist Baukultur, ist das Bauen,
ist die Herstellung einer viele Menschen befriedigenden
– um nicht zu sagen: glücklich machenden
– Umwelt tatsächlich nur eine Funktion des
billigsten Angebotes?
Baukultur ist menschliche
Erfahrung in gebauter Form – das gilt in beide
Richtungen: Sie zeigt sich in großen, in bedeutenden
Bauten, in denen sich eine Gesellschaft erkennt.
Sie zeigt sich aber auch
im Nicht-Bauen, in der sparsamen Verwendung des Vorhandenen.
Und sie zeigt sich im Negativen, im Verfall, vielleicht
auch: in der Zerstörung.
Welchen Anteil hatte der
Verfall der Leipziger Innenstadt am Bürgerprotest,
der 1989 zu einer Revolution wurde? Welche unsinnigen
Kosten entstehen andererseits, wenn die ostdeutschen
Städte erst mit Einkaufs- und Gewerbezentren sowie
den folgenden Reihenhäusern auf der grünen
Wiese überzogen werden, denen keine oder zu wenige
Arbeitsplätze folgen? Und wenn die Menschen dann
deshalb wegziehen, hinterlassen sie leere – wenn
auch unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten einwandfrei
restaurierte – Innenstädte, die neue, milliardenschwere
Sanierungsprogramme erfordern.
Wenn ich mir alle diese
Beispiele betrachte, dann fällt mir die Aussage,
bei Baukultur handele es sich um Kultur, nicht um einen
Wirtschaftsfaktor, schwer. Sinkende Bevölkerungszahlen
und ihre Auswirkungen, beruflicher Mobilitätsdruck,
steigender Ausländeranteil, Globalisierung und
die voranschreitende europäische Harmonisierung
und ihre Erweiterung – alles fordert heute die
Bereitschaft aller Bürger, sich von vorhandenen
Bindungen und Denkmustern zu lösen.
Damit wächst aber die
Notwendigkeit, einen stabil gebauten Rahmen trotz neuer
gesellschaftlicher Entwicklungen zu schaffen –
beinahe ein Widerspruch in sich. Die Wand, zu der man
mit dem Rücken steht, muss wenigstens stabil sein.
Immerhin sind die Räume für einen Stadtumbau,
der Ort neuer Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens
ist, als Bestand und in den Brachen innerstädtisch
vorhanden.
Die heute vielerorts bevorzugten,
scheinbar leichten Lösungen mit der zunehmenden
Privatisierung von Planungen, von öffentlichen
Räumen und mit der Vergabe an Gesamt-Investoren
könnten sich aber als trügerisch erweisen,
wenn ihr Ergebnis eine neue Teilung der Gesellschaft
ist – in prosperierende westdeutsche und arme
ostdeutsche Städte, in Ausländer und Deutsche,
in Wohlhabende und Arme. Die öffentliche Hand hat
dabei eine besondere Verantwortung, aber auch besondere
Chancen. Sie bestimmt die Regeln und kann als Vorbild
für andere mit dem eigenen Bauen dienen. Deshalb
ist das Zurückschrauben öffentlicher Verantwortung
durch Abbau oder Ausgliederung von Hochbau- und Planungsämtern
so problematisch.
Rationalisierung darf nicht
zulasten der öffentlichen Verantwortung für
das Ganze gehen. Gerade im Hinblick auf die notwendige
Stärkung der Einwirkungsmöglichkeiten der
Bürger, die sich dadurch stärker mit der Kommune
identifizieren werden, bestehen hier auch neue Chancen.
Ein Unbehagen am Zustand der gebauten Umwelt und der
Baukultur führte zur Initiative Architektur und
Baukultur, obwohl auch klar ist, dass sich sehr viele
Menschen engagiert um diese bemühen.
Es wäre schön,
wenn unser aller Engagement das Problem lösen,
die Baukultur mit einem Schlag auf ein nie gekanntes
Niveau heben und die gebaute Umwelt ein für alle
Mal schön machen würde: zwei Jahre Initiative
Architektur und Baukultur, Ursachen erkannt, Fehler
beseitigt.
In einer gemeinsamen Anstrengung
würden alle Graffiti abgewaschen, alle hässlichen
Häuser neu verkleidet (wenn nicht abgerissen),
alle öffentlichen Orte „in Ordnung”
gebracht. Das Projekt scheitert schon daran, dass man
sich nicht einmal darauf einigen könnte, was ein
„hässliches Haus” ist. Das aber stellt
eine gesellschaftliche Qualität dar.
Zugegeben: Das ist mühselig
in einer Demokratie: Man muss sich ständig auseinandersetzen,
wissend, dass der/die andere nicht Recht oder Unrecht
hat, sondern eine andere Meinung. Darin liegt aber auch
der Kern von Baukultur: Nicht die einmalige Festlegung
eines richtigen Weges, sondern die ständige Auseinandersetzung
darüber, was der richtige Weg sein kann –
das macht Baukultur in einer offenen Gesellschaft aus.
Wenn man akzeptiert, dass
die gebaute Umgebung die Menschen darin prägt,
dann heißt das, dass Politiker, Bauverwaltungen,
Planer und Bauherren eine unglaubliche, nicht demokratisch
kontrollierte Machtposition besitzen, die Menschen zu
verändern.
Insofern sind die Fragen
ganz einfach: In welcher Stadt, in welcher Umgebung,
in welchen Häusern wollen wir in 10, 20 oder 30
Jahren leben?
Welche Folgen haben bestimmte
gebaute Umgebungen auf die Menschen in ihr? Wie werden
sie durch ihre gebaute Umgebung verändert? Welche
Gesellschaft baut sich ihre Stadt? Welche Folgen für
die Umwelt haben das zukünftige Bauen, die zukünftige
Stadtplanung?

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