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Hathumar Drost
Drei pragmatische Leitsätze
In den bisherigen Veranstaltungen
dieser Gesprächsreihe wurde sowohl von Referenten
als auch aus dem fragenden Publikum der Wunsch nach
einem Maßstab für Baukultur und nach objektiven
Bewertungskriterien geäußert.
Dieser Wunsch ist nicht
ganz neu, wie folgendes Zitat des Wiener Architekten
Franz Schuster zeigt: „Wir haben es auf einzelnen
Gebieten sehr weit gebracht und Bewundernswertes geschaffen.
Aber im Ganzen sind wir in höchster Not und Verwirrung.
Woran liegt das und was müssen wir tun, um diesen
uns alle bedrückenden Zustand zu überwinden?
Es liegt dies in der Hauptsache
daran, dass der Einzelne im Verlauf der Menschheitsentwicklung
sich immer mehr innerlich aus der Gemeinschaft im weitesten
Sinne gelöst hat; von vereinzelten, meist äußerlichen
und von der Not aufgezwungenen Versuchen neuer Bindungen
abgesehen, ist jeder heute eigentlich ganz auf sich
allein gestellt. (...)
Wer heute nur sich und sein
Werk alleine sieht, ist im Geist des 19. Jahrhunderts
befangen. Auch wenn er seine Bauten in Platten, Stützen
und Glas auflöst. Es geht noch um anderes und mehr.
Es geht (...) um die Gewinnung jener allgemein gültigen,
elementaren, klaren und wahrhaft einfachen Formenwelt,
die die Grundlage einer umfassenden, allgemein verständlichen,
einheitlichen Haltung unserer gesamten Umwelt sein kann,
die allein die Bezeichnung einer zeitgemäßen
Baukultur verdient.
Dazu gehört höchst
objektive Haltung und Erkenntnis. Nur dann wird es möglich
sein, die widerstreitenden Auffassungen, die Ursache
der Verunstaltung unserer Orte und Landschaften sind
und damit der Entwurzelung unseres Zusammengehörigkeits-
und Heimatgefühls Vorschub leisten, zu läutern.”
Dieses Zitat ist in einer ähnlichen Veranstaltung
wie dem Darmstädter Gespräch im Jahr 1951
in der Diskussion zu Martin Heideggers Vortrag „BAUEN
WOHNEN DENKEN“ entstanden.
Der dort zum Ausdruck kommende
„fromme” Wunsch nach einer einheitlichen
Haltung – nach einem gesellschaftlichen Konsens
– zu Bestehendem und zu Werdendem wurde auch in
den Diskussionen in dieser Veranstaltungsreihe immer
wieder geäußert. Es hat sich zusätzlich
herauskristallisiert, dass Baukultur auf zwei Ebenen
zu betrachten ist: Es geht gleichermaßen um die
vorhandene bereits gebaute Umwelt, das Produkt, und
um das Entstehen und die Veränderung von gebauter
Umwelt, den Prozess.
Hiervon ausgehend und auf
konkrete Produkte und Prozesse Brandenburger Baukultur
Bezug nehmend, möchte ich kurz meine Auffassung
darlegen: Ich bin der festen Überzeugung, dass
ein gesellschaftlicher Konsens und ein Maßstab
zur Bewertung der baukulturellen Qualität unserer
gebauten Umwelt, d.h. zu den bestehenden Produkten,
nicht herstellbar ist und dass alle dahingehenden Bemühungen
ins Leere laufen werden.
Sicherlich besteht in Brandenburg
der Konsens, dass die Kirche im Dorf und in der Stadt
bleiben muss und dass Schlösser und Parks aus unserer
gestalteten Umwelt nicht wegzudenken sind. Aber bereits
bei der Farbgebung eines Nauener Tores in Potsdam scheiden
sich die Geister.
Und spätestens beim
Umgang mit Plattenwohngebieten – das haben wir
in dieser Reihe ebenfalls vernommen – ist Schluss
mit Konsens. Ich bin aber ebenso fest davon überzeugt,
dass wir einen gesellschaftlichen Konsens zur Gestaltung
des Prozesses, d.h. zum Stellenwert der Baukultur beim
Entstehen von Neuem und bei der Veränderung des
Alten, benötigen, und dass dieser Konsens herstellbar
ist.
Ein solcher gesellschaftlicher
Konsens zur Baukultur, der zu einem tatsächlichen
Mehrwert für Brandenburg führen könnte,
müsste meines Erachtens von drei Leitsätzen
bestimmt sein. Diese Leitsätze lauten:
Der
erste Leitsatz Abschied von der Gedankenlosigkeit
ist schlicht und einfach der Appell darüber nachzudenken,
was wir tun. Das ist bei kleinen und großen Vorhaben
nicht selbstverständlich.
Nehmen wir zum Beispiel
die Standardtoilette, die uns auf den Brandenburger
Autobahnparkplätzen begegnet: Der Bauherr, das
Brandenburgische Autobahnamt, hat mit der Klinkerfassade
und dem rot gedeckten Satteldach klassische Elemente
Brandenburger Baukultur aufgenommen. Damit waren die
Bedürfnisse der Nutzer aus Bauherrensicht offensichtlich
hinreichend berücksichtigt.

Standardtoilette Autobahnraststätte
Foto: Complan
Ansonsten ist das Gebäude
ausschließlich von den Bedürfnissen des Bauherrn
und des für die Pflege Verantwortlichen geprägt:
Ich muss nicht bei jedem neuen Parkplatz über Flächenbedarf,
Anschlussstellen, Statik und Kosten nachdenken und die
Reinigungstrupps wissen immer, wo sie wie wischen müssen.
Das ist Facility-Management!
In der Schweiz, in Frankreich
und in Dänemark finden wir individuelle Bauten,
in denen sich das Nachdenken von Architekten widerspiegelt.
Sie werden nicht mehr gekostet haben.
Der
zweite Leitsatz Entdecke die Möglichkeiten
fordert dazu auf, eingespielte Möglichkeiten für
das Nachdenken übers Bauen wieder zu entdecken
und neue Möglichkeiten für das Nachdenken
übers Bauen zu schaffen. Da sind die klassischen
Wettbewerbsverfahren, die in Brandenburg rasant an Bedeutung
verlieren. Da sind Preisverleihungen zur Anerkennung
von Denkprozessen, wie der Wettbewerb „Beispielhaft
saniert”, den das Städtenetz Prignitz seit
vielen Jahren auslobt, und da sind innovative Verfahren,
wie die Beteiligung von Schülern und Bewohnern
am Stadtumbau, wie wir es im vergangenen Jahr in Finsterwalde
praktiziert haben.
Jugendliche haben ein Modell
des Stadtteils im jetzigen Zustand gebaut und haben
den auf 5 x 5 Meter verkleinerten Stadtteil an einem
Samstagvormittag in die Einkaufspassage gebracht. Die
Gespräche mit den Passanten brachten Erstaunliches
zu Tage.

Stadtteilmodell Finsterwalde,
Beitrag einer Schülergruppe zum Bundeswettbewerb
Stadtumbau-Ost Foto: Complan
Es geht letztlich darum,
für die jeweilige Fragestellung die geeignete Vorgehensweise
mutig zu entdecken und konsequent anzuwenden.
Der
dritte Leitsatz Tolerantes Brandenburg ist ein
Aufruf an alle Beteiligten die Ergebnisse der jeweils
gewählten Vorgehensweise zu akzeptieren. Dass dies
nicht immer einfach ist, lässt sich an zwei Beispielen
erläutern.
Erstes
Beispiel: Ein Wettbewerb für die Nachnutzung
der am Teltower Marktplatz gelegenen
denkmalgeschützten Kuppelmayrschen Siedlung führt
im Ergebnis zur Beauftragung eines Architekturbüros.
Da hier ein Bürgerzentrum mit Bibliothek, Seniorenclub,
ein Veranstaltungssaal und die Stadtverwaltung untergebracht
werden sollen, ist das Vorhaben in hohem Maße
öffentlich. Etwa die Hälfte der künftigen
Nutzfläche wird in Neubauten untergebracht.
Zur Überzeugung
der Bürger sehen sich die Architekten gezwungen
Darstellungen zu erarbeiten, die eher einem Suchbild
ähneln. Wo versteckt sich das Neue? – Zeitgenössisches
in der historischen Altstadt – das ist für
viele Bürger eine baukulturelle Fehlleistung!
Zweites
Beispiel: Umsiedlung der Gemeinde
Diepensee für den Ausbau des Flughafens Schönefeld.
60 Wohneigentümer sollen umziehen und als eigenständige
Bauherren ihr neues Haus am neuen Ort errichten. Der
gemeinsame Modellbau soll sensibilisieren für Fragen
zur Gestaltung, zur Einbindung des neuen Eigenheimes
in die Nachbarschaft, zu Materialien und Möglichkeiten.
Das Ergebnis:
bunte Vielfalt! Zusammengewürfeltes aus den Katalogen
der Hausanbieter – das wiederum ist für viele
Stadtplaner, Architekten und sonstige Bauschaffende
eine baukulturelle Fehlleistung!
Wenn
wir beide Sachverhalte als Ergebnisse von bewusst gewählten
und gewollten Vorgehensweisen akzeptieren, sind wir
auf dem Weg in ein auch baukulturell tolerantes Brandenburg.
Vielleicht
sind die drei Leitsätze geeignet, Baukultur zu
einem Mehrwert für das Land Brandenburg zu machen.

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