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Marta Doehler
Stadtumbau – Lebensqualität
und Gestalt
Gegenwärtig sehen sich
zahlreiche Städte der neuen und zunehmend auch
der alten Bundesländer einem demografischen Wandel
und Wanderungsverlusten sowie einem daraus folgenden
Nachfragerückgang nach Wohnungen ausgesetzt.
Das führt zu weit reichenden
Folgen der Entleerung und Deinvestition im Stadtraum.
Mit der Leerstandsproblematik, die nicht allein Wohnungen,
sondern auch Industrieflächen, Krankenhäuser,
Bahnhöfe und Bahngelände, Militärflächen,
Schulen, alte Stadtbäder und viele andere Gebäude-
und Flächennutzungen betrifft, wird vor allem eine
Krise schwacher Lagen und aus der Nutzung gefallener
Bestandstypen offenkundig.
Das sichtbare Resultat der
um sich greifenden Leerstände und Baulücken
wird in Ostdeutschland seit einiger Zeit recht übereinstimmend
perforierte Stadt genannt. Der damit beschriebene lückenhafte
Zustand städtischer Strukturen greift ein einstmals
kompaktes und kohärentes Raum- und Bauprogramm
an, in dem die Häuser dicht an dicht standen.
Heute unterbrechen größere
und kleinere Lücken diesen räumlichen Zusammenhalt.
Brandwände drängen sich in das Stadtbild,
Hinterhäuser, private Höfe und Gärten
werden öffentlich einsehbar.
Die Leerstellen und Leerräume
der Städte sind mehr oder weniger ab- und aufgeräumt,
oft unkontrolliert und daher zugänglich, jedoch
bei weitem nicht öffentlich. Die weitere Auflösung
der baulich-räumlichen Nutzungs- und Infrastrukturen
scheint vorgezeichnet, wenn niemand das Risiko der Sanierung
im Bestand oder eines Neubaus in den Lücken übernehmen
wird.
Gewiss gibt es in allen
Städten robuste Stadtstrukturen, die hervorragende
Aussichten haben, sich selbst als subsistente Nachbarschaften,
attraktive Bestände und gute Lagen zu reproduzieren.
Aber ebenso klar dürfte sein, dass die schwächsten
Bestände und schlechtesten Lagen vor dem Hintergrund
einer sinkenden Nachfrage andere Zukunftsaussichten
haben.
Die Stadt des 19. und 20.
Jahrhunderts entstand in Deutschland und in weiten Teilen
Europas durch gründerzeitliche Stadterweiterungen
um sehr alte Siedlungskerne und wuchs im Zeitalter der
städtebaulichen Moderne des 20. Jahrhunderts zum
Kern einer ausufernden Stadtregion heran.
Heute flacht das Bedeutungsgefälle
zwischen Kern und Peripherie immer weiter ab; die innovativsten
und am häufigsten nachgefragten Orte befinden sich
eher selten in den Innenstadtkernen und noch weniger
in den unter- oder gerade durchschnittlichen Teilen
der Erweiterungsgebiete aus der Gründerzeit und
aus der Nachkriegsära.
Auf der anderen Seite gibt
es die typischen und allseits bekannten Eigenheimangebote,
die in technisch-technologischer Hinsicht ausgereift,
als Industrieprodukte wettbewerbsfähig sowie durch
eingeführte Vermarktungsstrategien und eine staatliche
Förderung überaus erfolgreich auf dem Markt
platziert werden.
In konservativen Wohnmodellen
und tradierten Wohnwertorientierungen hat das eigene
Häuschen im Grünen quer durch alle Gesellschaftsschichten
einen festen Platz. Die Menschen folgen dabei ihrer
eigenen Rationalität und ihren kulturellen Wertemustern
sowie ihren ganz subjektiven Vor- und Leitbildern. Das
herkömmliche Eigenheim hat allerdings seinen „Biotop”
am Stadtrand und im Stadtumland; in seiner städtebaulichen
und architektonischen Ausprägung, in Maßstab
und Ästhetik scheint es einfach nicht in die verdichteten
Lagen der Innenstadt zu passen.
Aber vielleicht geht es
auch nicht mehr nur um das Nullachtfünfzehn-Einfamilienhaus
mit vier Ecken und einem Dach am Stadtrand, wo der Eigenheimer
drum herumlaufen kann.
Es gibt zunehmend neue Ansprüche
der Menschen im 21. Jahrhundert, die eine Modernisierung
dieses Bautyps und Industrieprodukts erforderlich machen
könnten. In seiner Ausgabe 17/2002 meldet der Spiegel
unter der Überschrift „Strip für die
Forschung”, dass sich der Körperbau des Wohlstandsmenschen
rapide verändere und daher viele Kleidergrößen
nicht mehr zum Durchschnittskunden passten. In Großbritannien
würden deshalb die Bürger neu „vermessen”.
Was für die Kleidung
zutrifft, könnte auch für das Wohnen gelten:
Da sind veränderte Haushaltstrukturen und massive
demografische Veränderungen in der Gesellschaft
zu verzeichnen. Single- und Zweipersonenhaushalte sind
ebenso weit verbreitet wie Patchworkfamilien. Neue Ansprüche
aus der Arbeitswelt erfordern den flexiblen und mobilen
Menschen. Computer erobern selbst in der privaten Sphäre
ihren Raum, sei es als zusätzlicher Arbeitsplatz,
als Büro für persönliche Angelegenheiten
oder als moderner Spielplatz für die ganze Familie.
Nicht zu vergessen, dass
in einer älter werdenden Gesellschaft der Selbstständigkeit
der Menschen bis ins hohe Alter häufig lange Phasen
einer umfassenden Pflegebedürftigkeit folgen. Es
wächst allseits die Erkenntnis, dass stadtkompatible
zeitgemäße Eigenheime neuer Funktionalität
und Ästhetik dringend gebraucht werden.
Sobald in Zeiten des Wohnungsüberhangs
der selbst bestimmten Optimierung des Lebensortes und
der Wohnqualität kaum Grenzen gesetzt sind, solange
der verbreitete Wunsch nach dem traditionellen Eigenheim
auf herkömmlichen suburbanen Standorten realisiert
wird und wenn die durchaus vorhandenen Freiraumpotenziale
in inneren Stadtlagen unansehnliche Lücken und
Brachen bleiben und keine Neuinterpretation als zeitgemäße
Wohnstandorte erfahren, werden die physisch und/oder
moralisch verschlissenen Produkte des Massenwohnungsbaus
des 19. und 20. Jahrhunderts in Ziegel- oder Plattenbauweise
dem weiteren Leerstand anheim gestellt und zu einer
Vernachlässigung, Verwahrlosung, ja Aufgabe von
Stadtquartieren führen müssen.
In den Städten der
neuen Bundesländer ist die Frage der Reproduktion
der vorhandenen Mehrfamilienhaussubstanz und der Transformation
städtischer Strukturen angesichts des Wohnungsleerstandes
im Geschosswohnungsbau akut auf die Tagesordnung gerückt.
Für neue Lebensmuster
und Wohnmodelle müssen die städtebaulichen
Randbedingungen – gemeint sind entsprechende Lagefaktoren
und Standortqualitäten – geschaffen und gegen
ein mächtiges Schema vermittelt werden. Dahinter
verbergen sich hohe Anforderungen an die Entwicklung
und Planung für die Lücken und Leerstände,
die es ja in einer perforierten Stadt im Überfluss
gibt.
Mitten in der Stadt zu wohnen,
dort, wo die Schulen sind, die Straßenbahn vorbeifährt,
die Ladengeschäfte nach Kunden suchen, und gleichzeitig
die überschaubaren Qualitäten des eigenen
Hauses zu genießen, also „vorn die Ostsee
und hinten die Friedrichstraße” zu haben
– das müsste sich doch als hochwertiges Produkt
vermitteln und vermarkten lassen!
Wer da behauptet, Einfamilienhäuser
wären untaugliche Stadtbausteine für innerstädtische
Lagen, muss sich nur in den ältesten Teilen unserer
Innenstädte umschauen oder den Blick westwärts
über die Grenze, in die Niederlande oder nach Großbritannien
richten. Selbst in New York City wird ein Schwerpunkt
der Stadterneuerung, Revitalisierung und sozialen Stabilisierung
der Nachbarschaft durch small scale units im Eigentum
der Bewohner gesetzt.
Voraussetzung für eine
Ansiedlung der bislang peripher verorteten Lebensstilgruppen
ist freilich, dass man im auseinander brechenden Raumkontinuum
der europäischen Stadt und an den Rändern
der Siedlungsstadt Cluster für sozial überschaubare
Nachbarschaften organisieren und erfreuliche Zukunftsaussichten
vermitteln kann.
Immerhin binden sich Käufer
für lange Zeit an einen Standort, wollen „Eigenheimer“
unter sich sein und streben „geordnete Verhältnisse”
an. Um dem eben dadurch erzeugten Sozialstress zu entkommen,
brauchen sie andererseits eine visuelle Großzügigkeit
und Auslauf gleich hinter der Haustür. Hier muss
der Blick von der eigenen Wohnterrasse über eine
grüne Kulisse schweifen können, von hier aus
möchte man mit dem Hund spazieren gehen, mit der
Freundin joggen, mit den Kindern Rad fahren und seine
Ruhe haben – warum sonst sollte man sich ein Haus
kaufen!
Um solcherart neue Lagefaktoren
zu schaffen, deutet sich eine umfangreiche und überaus
anspruchsvolle Gestaltungsaufgabe an. Von zentraler
Bedeutung ist, welche Qualität Landschaft unter
den Umständen der kleinteilig parzellierten Stadt
und der großformatigen Industrie- und Gewerbebrachen
annehmen kann.
Dauerhafte stadtstrukturelle
Veränderungen müssen gut platziert, bewusst
entschieden und aufwändig erworben und entwickelt
werden. Vermutlich steht vor dem Hintergrund knapper
öffentlicher Mittel daher nur im Ausnahmefall eine
Vergrößerung des öffentlichen, sprich
durch die Stadt zu unterhaltenden Raumsystems mit Schmuckplätzen
und Stadtparks zur Debatte. Wenn solche Entlastungsräume
für dicht genutzte Stadtquartiere nicht mehr gebraucht
werden, können viele Flächen weniger intensiv
gestaltet und vielleicht auch nur temporär in Nutzung
genommen werden. Sie würden dann eher extensiv
unterhaltenen Land- und Forstwirtschaften gleichen.
Als Anregung können
Kulturtechniken und industrielle Landschaftsbautechnologien
dienen, die in Mitteldeutschland bei der Rekultivierung
von Braunkohleflächen genutzt werden. Das Leipziger
Jahrtausendfeld, bei dem auf herbeigeschafftem Mutterboden
von der Schkeuditzer Flughafenerweiterung mitten im
Leipziger Stadtteil Plagwitz auf einer Fläche der
Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG) Getreide ausgesät
wurde, verdeutlicht einen solchen Zugang. Für den
altindustriellen Stadtteil Plagwitz inmitten von Leipzig
war die Aktion das Ereignis der Saison und ist bis heute
ein anhaltender Qualitätsgewinn, Promotion für
den Standort und Inspiration für andere Formen
ungewöhnlicher Flächennutzungen.
Vielleicht kann die Internationale
Bauausstellung (IBA) Emscherpark als Referenz dienen,
wo über innovative Konzepte und einen agilen Vermittlungsprozess
die Bereitschaft für eine völlig neue Aneignung
von Altindustrieflächen geschaffen wurde, die bis
dahin wohl nur der Trendsetter als interessant, anregend
oder gar schön erfahren haben dürfte.
Vorläufiges
Fazit: Für eine Stadt, die nicht ganz voll
und an manchen Stellen sogar ziemlich leer ist, die
kleine und manchmal recht große Lücken hat,
in der die private Risikobereitschaft erlahmt und die
Banken misstrauisch sind, müssen definitiv neue
Lesarten, Experimente und Pilotvorhaben her, um die
Stadt weiterhin ertragen, bewirtschaften und lieben
zu können. Das Wohnen sollte dazu gehören.

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