| Einführung
Renate Fritz-Haendeler
Politikfeld Baukultur – Beweggründe
für eine Gesprächsreihe
Das Ministerium für
Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr und die Landeszentrale
für politische Bildung in Brandenburg führten
im Winterhalbjahr 2002/2003 erstmals zusammen eine Gesprächsreihe
zum Thema Politikfeld Baukultur – über Stadtumbaufragen
und den Zusammenhang von Lebensqualität und Stadtgestalt
durch.
In einem offenen Gespräch
zwischen Fachleuten und interessierten Bürgerinnen
und Bürgern wollten die Veranstalter der Frage
nachgehen: Welche Rolle spielt die Baukultur im Aufbau
Ost?
Das Politikfeld Baukultur
ist zu einem europäischen Gesprächsstoff geworden.
Einige europäische Nachbarstaaten wie Frankreich,
die Niederlande und Finnland haben Impulse für
eine beispielhafte Baukulturpolitik gegeben. Die Bundesregierung
hat dieses Politikfeld im Herbst 2000 mit der Initiative
Baukultur aufgegriffen.
Sie löste in Deutschland
eine breite und vielstimmige Diskussion über die
Gestalt der gebauten Umwelt und ihre Bedeutung für
Wirtschaft und Gesellschaft aus. Ein Statusbericht
des Bundes zur „Baukultur in Deutschland”
1 unternimmt
eine Bestandsaufnahme und formuliert Empfehlungen und
Maßnahmevorschläge.
Baukultur ist offensichtlich
ein Indikator für den Lebens- und Geldwert von
Städten wie für den Umgang mit der tradierten
Lebensform Stadt. Wertschätzung und Verfahrensweisen
gründen auf gesellschaftlicher Erfahrung. Der Bevölkerungsverlust
rüttelt zusammen mit den Strukturumbrüchen
auf dem Wirtschafts- und Arbeitsmarkt an den Grundfesten
der brandenburgischen Siedlungsstruktur, aber auch an
den Grundfesten herkömmlicher Kommunal- und Unternehmenspolitik.
Stadtumbau im Rückwärtsgang
widerspricht den Denk- und Handlungsgewohnheiten von
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Er fordert zur
Umbesinnung heraus. Dabei sind nicht nur Experten gefragt,
sondern auch die betroffenen Bürgerinnen und Bürger.
Die Schrumpfung der Städte
erweist sich als ein tiefgreifender ökonomischer,
ökologischer und soziokultureller Wirkungszusammenhang.
Er zwingt zu komplexem Denken und Handeln lokal, regional
sowie auf Landes- und Bundesebene, ohne vergleichbare
Erfahrung.
Wie sichert man Lebensqualität
in schrumpfenden Städten? Welche kommunalen Potenziale
lassen sich als Stabilisatoren nutzen? Die Diskussion
über Baukultur fördert einen kreativen Suchprozess.
Sie regt dazu an, grundlegender darüber nachzudenken,
wie wollen wir leben, was kann verändert werden,
was soll abgerissen werden, was bleibt, warum lohnt
es sich zu bleiben?
Die wirtschaftlichen Kraftfelder
liegen im Westen Europas. Die Osterweiterung der Europäischen
Union steht bevor. Wie positioniert sich das Land Brandenburg?
Wie sollen sich die landesentwicklungspolitisch bedeutsamen
Kommunen orientieren? Welche Rolle spielt dabei die
Baukultur?
Fragen der Werterhaltung
und der Neubewertung umreißen den Spannungsbogen
dieser Gesprächsreihe. Die herkömmlichen Maßstäbe
des Bauens, wie Standfestigkeit und Zweckmäßigkeit
der Gebäude, Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs,
sind notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen
für das Wohlbefinden und die Anziehungskraft einer
Stadt. Ihr Erscheinungsbild, ihre Atmosphäre, die
Aufenthaltsqualität der öffentlichen Räume
und Gebäude sind ein ebenso wichtiger Beweggrund,
in eine Stadt zu investieren, sei es als Wohn-, Arbeits-,
Ausbildungs- oder Ferienort.
Ziel der Veranstaltungen
war es, sich vorurteilsfrei über die Lebensform
Stadt, das historische Erbe und zukunftsbedachte Aufwertungsstrategien
zu verständigen.
Der englische Kulturwissenschaftler
Terry Eagleton hält die Kultur für „eine
jener seltenen Ideen, die für die politische Linke
ebenso integrierend wirken, wie sie für die politische
Rechte lebenswichtig sind” 2.
Das lässt sich auch für die Baukultur sagen.
Die Diskussion sei der politischste Teil am Thema Baukultur,
meint Gert Kähler, Verfasser des Statusberichts
für die Bundesregierung.
Baukultur hat etwas mit
Wissen zu tun, bewusst wahrzunehmen, was man sieht,
in Kenntnis der Geschichte und des gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Umfeldes.
Die Demokratie ist unästhetisch,
meint der Kunsthistoriker Walter Grasskamp 3.
Sie bringt keine geschlossene ästhetische Repräsentation
mehr hervor. Eine pluralistische Gesellschaft zeichnet
sich durch viele Blickwinkel aus. Blickwinkel verändern
sich in der Bewegung. Die Perspektiven hängen wesentlich
von der Augenhöhe des Betrachters ab.
Komplexe Probleme wie der
Stadtumbau erfordern unterschiedliche Flughöhen
bei der Betrachtung. „Je mehr Affekte wir über
eine Sache zu Wort kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene
Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen,
um so vollständiger wird unser Begriff dieser Sache,
... sein.” 4 ( Nietzsche,
1887, zitiert nach Werner Hofmann, Kunsthistoriker)
An dieser Einsicht orientierten
sich Aufbau und Gliederung der fünfteiligen Gesprächsreihe
im Winterhalbjahr 2002/2003 ebenso wie die vorliegende
Dokumentation.
Aufbau und Gliederung
Das Politikfeld Baukultur
wird unter fünf Themenschwerpunkten beleuchtet.
Der einzelne Problemkomplex wird jeweils an einem konkreten
Projekt (ein öffentliches Gebäude, einige
Ingenieurbauwerke, ein Wohnquartier, Beispiele der Landschaftsarchitektur,
ein Stadtentwicklungskonzept oder ein Projekt der regionalen
Städtekooperation) durch die Planverfasser anschaulich
gemacht und darüber hinaus durch Fachkollegen auf
seine Bedeutung für Stadtumbau und Stadtgestalt
reflektiert.
Im ersten Themenschwerpunkt
geht es um eine grundlegende Annäherung an das
Politikfeld (u.a. mein Beitrag) und die Frage Baukultur
– Rückbaukultur. Zwei Architekturkritiker,
Gert Kähler und Wolfgang Kil, setzen sich mit der
Programmatik Baukultur und ihrer gesellschaftspolitischen
Botschaft auseinander. Der Sozialwissenschaftler Albrecht
Göschel thematisiert Motivation und Reichweite
symbolischer Politik .
Der zweite Themenschwerpunkt
befasst sich mit dem traditionellen Bauen und der Frage
nach zeitgemäßen Architektursprachen und
Vermittlungsformen. Kontrapunkt Alt –
Neu, „geistes-gegenwärtige” Architektur,
ein Markenzeichen für die Stadt? lautet die
Frage. Reibungspunkt ist ein öffentliches Gebäudeensemble,
das neue Amtsgericht von Bad Liebenwerda, vorgestellt
durch die Architekten Rebecca Chestnutt und Robert Niess.
Das Gebäude erhielt bei der Verleihung des Brandenburgischen
Architekturpreises 2003 eine Anerkennung für die
zeitgenössische Ergänzung eines Baudenkmals.
Der Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer,
Bernhard Schuster, begründet das auf Kommunikation
und Öffentlichkeit angelegte Strategiekonzept der
Brandenburgischen Architektenkammer.
Der dritte Themenschwerpunkt
Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft
– „mit Landschaft Stadt machen“
widmet sich einer widersprüchlichen Frage und dem
Syntheseversuch Brückenschlag. Ausgehend von einigen
historischen Vorbildern setzt sich die Landschaftsarchitektin
Christiane Sörensen u.a. mit der Allmende und möglichen
Strategien auseinander, Landschaft wieder zum stadtbürgerlichen
Thema zu machen. Der Architekt und Brückenbauer
Richard J. Dietrich illustriert an drei seiner Brandenburger
Brückenbauten in Potsdam, Töplitz und Rathenow
seine Entwurfsprinzipien und sein Verständnis von
Brücken als Zeichen der Baukultur. Der Präsident
der Brandenburgischen Ingenieurkammer, Wilfried Mollenhauer,
verdeutlicht in seinem Beitrag über Brücken
zwischen Technik und Gesellschaft die Verantwortung
der Ingenieure als Baukulturträger.
Der vierte Themenschwerpunkt
Vorhalten, mithalten, nachhalten? –
Stadtumbau über Projekte nimmt das Wohnen in
der Stadt als komplexes Handlungsfeld ins Visier. Ohne
Vorhaltungen, ohne Wettbewerbsdruck geht es um ortspezifische
illusionslose Stadtumbaustrategien mit anschaulichen
und Mut machenden Beispielen. Der Architekt Frank Zimmermann
skizziert ein vielbeachtetes, auf Bundesebene mit dem
Bauherrenpreis 2003 des Bundes Deutscher Architekten
(BDA), des Deutschen Städtetages (DST) und des
Gesamtverbandes der Wohnungswirtschaft (GdW) ausgezeichnetes
nachhaltiges Inselprojekt in seinem Werkbericht über
Umbau und Rückbau von Wohnhochhäusern an der
Theodor- Storm-Straße in Cottbus-Sachsendorf.
Die Stadtplanerin Marta Doehler behandelt das Thema
Stadtumbau – Lebensqualität und Gestalt.
Sie setzt sich sich vor dem Hintergrund ihrer Leipziger
Erfahrungen kritisch mit tradierten Leitbilder der Stadtplanerzunft
auseinander.
Der fünfteThemenschwerpunkt
Baukultur – ein Mehrwert für
Brandenburg fasst unterschiedliche Blickwinkel von
Fachleuten (Architekt, Stadtplanerin, Pädagoge,
Kunstwissenschaftler) zu einem Panorama zusammen. Sie
beschäftigen sich als Funktionsträger in der
Stadtverwaltung (Arne Krohn), in der Landesdenkmalbehörde
(Thomas Drachenberg) oder aus Sicht der freien Berufe
(Elke Pahl-Weber, Hathumar Drost) mit Fragen der kollektiven
Selbstdarstellung mit Gewinn, dem Umgang mit dem kulturellen
Erbe, mit regionaler Kooperation sowie mit der politischen
Funktion einer Baukulturdebatte in schrumpfenden Städten.
Dieses polyphone Kammerkonzert steht Pate für eine
notwendige Strategiediskussion über die Lebensform,
die Gestalt und die Zukunft ostdeutscher Städte.
Anmerkungen/Literatur
1
Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
(Hg.): Statusbericht
Baukultur in Deutschland. Bearbeitung: Gert Kähler.
Berlin 2001.
2 Eagleton,
Terry: Was ist Kultur? München 2001, S. 8.
3 Grasskamp,
Walter: Die unästhetische Demokratie. München
1992, S. 9.
4 Hofmann,
Werner: Die Moderne im Rückspiegel. München
1998, S. 297.

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