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Renate Fritz-Haendeler
Baukultur – Hausbau und dergleichen mehr 1

Mit der Bundesinitiative zur Baukultur hat dieses Politikfeld eine vielstimmige Diskussion über die Gestalt der gebauten Umwelt und ihre Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft ausgelöst. Schrumpfende Städte im Osten Deutschlands fordern zu einem Nachdenken über Stadt heraus.

Welche Rolle spielt dabei die Baukultur? Ein Blick zurück hilft bei der Positionsbestimmung. „Hausbau und dergleichen” 2 – diesen Titel gab der Architekt Heinrich Tessenow im Jahr 1916 einem Buch über die Grundlagen des Häuserbauens und der Wohnungseinrichtung. Ihm ging es darum, Baukultur anschaulich zu vermitteln – nicht rückwärtsgewandt, sondern seiner Zeit zugeordnet 3. Als Baumeister und Hochschullehrer (1876 –1950) machte er sich damals in vielen seiner Schriften Gedanken über die Baukultur in Europa, über europäische Siedlungsformen, den öffentlichen Raum, das Verhältnis von Kultur zur Natur sowie Überlegungen zur Kindererziehung und die Verantwortung von Schulen 4 – Themen also, die auch heute wieder die Diskussion über Baukultur bewegen 5.

Was sind die Gründe und Hintergründe dieser wiederauflebenden gesellschaftlichen Besinnung auf Baukultur? Welche Rolle spielt dabei der Staat? Im Rückblick auf die Vergangenheit scheint sich die Baukulturfrage immer zu Wendezeiten zu stellen, wenn sich die Machtverhältnisse zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verschieben. Baukultur ist offenbar ein „Mehrkomponentenkleber”: Welche Komponenten bestimmen das System? Wie wirken sie zusammen? Welche Triebkräfte sind förderlich? Wie lässt sich Baukultur als Politikziel vermitteln? Im Folgenden sollen einige dieser Fragen angesprochen werden, um den unbestimmten Begriff Baukultur dingfester zu machen.

Baukultur – eine Applikation?

Baukultur umschreibt sowohl das örtliche Erfahrungswissen einer Gesellschaft als auch den gegenwärtigen Umgang mit der dreidimensionalen gebauten Umwelt. Die einzelnen Gebäude, ihr Produktionsprozess ebenso wie ihr Zusammenspiel sind Indikatoren für den Lebenswert eines Ortes. Er wird in dreifacher Weise wahrgenommen: funktional im alltäglichen Gebrauch (Gebrauchswert), ökonomisch über die Nachfrage als Wohn- und Arbeitsort (Tauschwert) und emotional über das Erscheinungsbild und die Atmosphäre des Ortes (Inszenierungswert 6).

Im Vergleich mit anderen Städten ist der Zusammenklang aller drei Komponenten wettbewerbsentscheidend. Die Bewertung fällt je nach Lebenserfahrung und Blickwinkel des Betrachters aus. In seinem Buch „Hausbau und dergleichen” illustrierte Tessenow zum Beispiel, dass Wohnungsbau mehr bedeutet als materialgerechte Sorgfalt im Detail, mehr als eine zweckmäßige Grundriss- und kostenbewusste Gebäudeplanung. Der Architekt versinnbildlichte in den Ansichts- und Perspektivzeichnungen seine Vorstellungen von Wohnqualität. Die Gebäude beziehen sich auf ihr Umfeld. Haus, Straßenraum, Garten und Landschaft bilden eine Entwurfseinheit.

Ländliches Einfamilienhaus für das Ruhrtal 1909, Heinrich Tessenow In: „Hausbau und dergleichen“, Callwey Reprint München 1984

Ländliches Einfamilienhaus für das Ruhrtal 1909,

Heinrich Tessenow
In: „Hausbau und dergleichen“, Callwey Reprint München 1984

Tessenows Entwürfe verdeutlichen, wie sich Nützlichkeit und Warenwert durch Inszenierung verstärken lassen. Man spricht bei der Inszenierung von einem neuen Werttyp, einer Verschränkung von Gebrauchswert und Tauschwert. Sie wird durch ästhetische Arbeit von Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern geleistet. Baukultur versteht sich unter diesem Gesichtspunkt als eine systemimmanente Ergänzung – nicht als ein Nebenbei oder Darüber hinaus ohne unmittelbare Funktion 7.

Eigentum verpflichtet

„In der Regel ist jeder Eigentümer, seinen Grund und Boden mit Gebäuden zu besetzen oder seine Gebäude zu verändern, wohl befugt. Doch soll zum Schaden oder zur Unsicherheit des gemeinen Wesens oder zur Verunstaltung der Städte und öffentlichen Plätze kein Bau und keine Veränderung vorgenommen werden.” (Preußisches Allgemeines Landrecht von 1794, §§ 65 I 8) 8)

Seit dem Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 liegt die Hauptverantwortung für Baukultur beim Eigentümer, seien es öffentliche oder private Bauherrinnen oder Bauherren. Diese liberale Befugnis musste im Zeitalter der Industrialisierung, zum Ende des 19. Jahrhunderts, wegen der anhaltenden Landflucht in die Stadt zum Schutz des allgemeinen Wohls öffentlich gebremst werden, um Gefahren abzuwehren, Epidemien und Feuersbrünste zu verhindern, der Wohnungsnot der arbeitenden Klasse zu begegnen und spekulativer Landnahme durch Fluchtlinienpläne und Baupolizei einen Ordnungsrahmen vorzugeben. Die Anfänge des planmäßigen Städtebaus beherrschten stadttechnische Fragen der notwendigen Infrastruktur für das Leben in der Stadt. Die Frage der gesellschaftlichen Selbstdarstellung griff das Großbürgertum als künstlerische Arbeit auf 9.

Eine Vielzahl neuer öffentlicher Bauaufgaben, wie Rathäuser, Theater, Warenhäuser, Schulen, Krankenhäuser und Bahnhöfe bis hin zu einem Beispiel gebenden Arbeiterwohnungsbau, prägt die Stadtstruktur bis heute. Diese Projekte förderten die Produktentwicklung im Bauwesen und beschäftigten den Berufsstand der Architekten. In den Stadtverwaltungen wachten engagierte fachkundige Stadtbaumeister 10 darüber, dass Stadttechnik und Stadtbaukunst übereinkamen.

In den Nachkriegszeiten des 20. Jahrhunderts wurden die öffentlichen Aufgaben der Gefahrenabwehr aufgrund des raschen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums überlagert von den Fragen einer geordneten städtebaulichen Entwicklung an den Stadträndern. Die Eigentumsfreiheit erfuhr – je nach wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Problemlage – zwar Einschränkungen, doch rüttelte der westdeutsche Staat nicht am Prinzip der Baufreiheit. Denn bei Enteignung musste entschädigt werden.

Zwei zusammengebaute Familienhäuser 1906, In: Heinrich Tessenow – ein Baumeister, Hg.: Wangerin, G./Weiss, G., Essen 1976, S.179

Wohnhof-Bebauung in Hohensalza 1911, In: Heinrich Tessenow - ein Baumeister, Hg.: Wangerin, G./Weiss, G., Essen 1976, S. 206

Wohnhof-Bebauung in Hohensalza 1911, In: Heinrich Tessenow – ein Baumeister, Hg.: Wangerin, G./Weiss, G., Essen 1976, S. 206

Die Bauverwaltung verstand sich nunmehr als Sachwalter und Manager des öffentlichen Interesses und diktierte dem Eigentümer vielfach obrigkeitlich und detailbesessen die Rahmenbedingungen der Baukultur über den Zügel Planungsrecht – oder versuchte über Bauwettbewerbe ihr Glück. Das änderte zwar nichts an der Verantwortung des Eigentümers für die Baukultur,verbesserte aber das Ergebnis. Wegen der grundgesetzlich garantierten Eigentumsfreiheit bleibt Baukultur immer ein Kompromiss zwischen öffentlichem Gestaltungswillen und privater Baufreiheit.

Selbstorganisation – ein Bündnis für Baukultur?

Architekten, Designer und Künstler waren in Zeiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche schon immer Seismographen des kulturellen Wandels. So bedingte die industrielle Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel das Reformbündnis der „Arts & Craft s -Bewegung” – einer Bewegung zwischen Architekten und Kunsthandwerk in England.

Der Deutsche Werkbund verschrieb sich 1907 der „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk”, und – nicht zu vergessen sind – die Formgebungsambitionen der Moderne, die seit den 1920er Jahren vom Bauhaus in Weimar bzw. Dessau propagiert wurden. Alle diese Bewegungen waren beseelt von einem universalistischen ästhetischen und sozialen Weltgestaltungsanspruch 11.

Parallel zu den Lebensreformbewegungen begann die nationale Bauproduktgestaltung als Wirtschaftsfaktor auf dem Weltmarkt damals eine wichtige ökonomische Rolle zu spielen (erste Weltausstellung 1851). Wenn sich nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Umfeld globaler sozialer und wirtschaftlicher Verwerfungen die deutschen Kulturträger wieder zu einer „Initiative Baukultur” formieren, dann gibt die Wiederkehr Fragen auf:

Was hat sich inzwischen geändert? Wer ist der Träger der Initiative? Wie wirksam ist ein Bündnis für Baukultur? Mit wem ist es zu schließen?

Individualisierung und Globalisierung

Bei sinkender Finanzkraft des Staates, weltweiter Kapitalverflechtung, abnehmender Bevölkerung, grundlegender Umstrukturierung in Wirtschaft und Gesellschaft wächst die Konkurrenz zwischen den Städten in Europa und die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften mit hohen Lebensansprüchen.

Die Integrationskraft des Nationalstaates schwindet. Aus Sicht einer weltweit vernetzten Informationsgesellschaft wird die Bedeutung des Ortes in Frage gestellt. Die virtuelle Realität fragt den flexiblen Menschen nach. Mobilität zählt. Die internationalen Kapitalverflechtungen lösen die örtliche Elite aus ihrer lokalen Verantwortung. Banken, Versicherungen, Betriebe und Ladenketten werden durch anonyme Kapitalgesellschaften ferngesteuert. „Die Elite ist kosmopolitisch, das Volk ist ortsgebunden.” 12

Nach gut 200 Jahren hat sich das Kräfteverhältnis wieder verschoben. Die öffentlichen Bauaufträge gehen zurück, wenn aufgrund der Bevölkerungsentwicklung kein Bedarf mehr für Wohnungen, Schulen, Theater und Krankenhäuser besteht. In Zeiten des Neoliberalismus ist erneut der private Bauherr als hauptverantwortlicher Baukulturträger gefordert. Baukultur wird zu einem Thema für städtebauliche Verträge und privatrechtliche Vereinbarungen.

Baukultur in einer pluralistischen Gesellschaft

Baukultur ist ein vieldeutiger Begriff. Er umschreibt einerseits ein dreidimensionales Produkt – zum Beispiel einen historischen Stadtgrundriss, ein Gebäudeensemble, eine öffentliche Raumkonfiguration von Straßen und Plätzen, eine Landschaftsarchitektur, ein Einzelbauwerk – d.h. ein von Experten wertgeschätztes baugeschichtliches Erbe und möglicherweise auch ein von den Bewohnern über Familiengeschichten und Nachbarschaften geliebtes Erinnerungsstück mit Gegenwartswert. Baukultur umschreibt andererseits einen Prozess, den Umgang einer Gesellschaft mit der gebauten Umwelt.

Sie umfasst einmal die Art und Weise, wie das kulturelle Erbe gepflegt wird. Sie umfasst die zeitgenössischen Formen und Gewohnheiten zu bauen, zu wohnen und öffentliche Räume zu nutzen. Sie drückt sich aber auch in der örtlichen Zukunftsplanung aus. Die Umgangsformen mögen je nach Betrachter gut oder schlecht, aufgeklärt oder intolerant sein. Früher hingen sie ab von zentralstaatlichen Leitbildern mit autoritären Sanktionsmitteln. In einer demokratischen Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Lebensstilen muss man sich über einen Wertbegriff wie Baukultur verständigen.

Baukultur ist mehrdeutig geworden. Ein Meinungsstreit ist unabdingbar. Wenn Baukultur auf Erfahrungswissen gründet, dann sind immer Bautraditionen, sozialräumliche Erfahrungen und Wertvorstellungen mit im Spiel.

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten standen sich in den 1990er Jahren zwei gegensätzliche Erfahrungswelten gegenüber: mit und ohne Eigentumsgarantie und folglich mit jeweils anderen städtebaulichen Leitbildern und Maßstäben. Die neue sozialistische Stadt in Ostdeutschland verkörperte baulich-räumlich, organisatorisch wie symbolisch das Kollektiv 13. Dagegen prägten der Einzelne und der Investor das Bild der westdeutschen Stadt. Dreidimensionale Raumerfahrungen bestimmen das baulich- räumliche Vorstellungsvermögen. Soziale Raumerfahrungen und Aneignungsformen beeinflussen das Verhalten.

Beim Thema Stadtumbau tritt die unterschiedliche gesellschaftliche Bewertung von Baukultur wieder zu Tage: Was wird abgerissen, „Platte” oder die Gründerzeit- Stadt? Wie werden baulich-räumliche Erfahrungen heute überschrieben? Mit welcher Handschrift? Es fehlt ein neues Bild von Stadt, weil kein neues Bild von Gesellschaft existiert.

Baukultur – ein Lebenselixier für schrumpfende Städte?

Als Zaubertrank wirkt Baukultur sicher nicht. Als gesellschaftspolitischer Gesprächsstoff kommt diese Frage allerdings bisher zu kurz. Die Abrissdiskussion verstellt zurzeit noch den Blick auf die Zukunft. Sie lähmt die Betroffenen, unbefangen und illusionslos über Lebensalternativen in schrumpfenden Städten nachzudenken. Stadtumbau erscheint als komplexes Pokerspiel.

Wenn Stadt durch Umbau neu in Wert gesetzt werden soll, dann macht es Sinn, unter europäischem Blickwinkel Erfahrungen über Lebenswerte auszutauschen, über die Tragfähigkeit der Lebensform Stadt, über die Bedeutung des kulturellen Erbes, über zukunftsfähige Lebensweisen, über Baukultur in einer Gesellschaft, der Mobilität abverlangt wird, ohne Unterschätzung der Städtekonkurrenz.

  • Aufgabe einer zukunftsweisenden Baukultur bleibt unverändert, das Schöne mit dem Nützlichen (Lenné) zu verbinden. Strittig ist, wie man das Alte mit dem Neuen konfrontiert. Wie kann man bei schrumpfenden Städten mit Landschaft Stadt machen? Baukultur erweist sich am Umgang mit den Schnittstellen. Im internationalen Wettbewerb kommen nicht nur die harten, sondern auch die weichen Qualitäten einer Stadt auf den Prüfstand. Die Gestalt der Stadt, ihre Atmosphäre und die Aufgeschlossenheit für individuelle Lebensstile sind ausschlaggebend.
  • Baukultur in einem demokratischen Rechtsstaat wird bestimmt durch die Verantwortungsträger, d.h. durch die Privateigentümer. Das Erscheinungsbild der Städte ist das „ ... Resultat einer Vielfalt von Entscheidungen, die alle vernünftig sind oder zur Vernunft tendieren, jedoch unterschiedlichen miteinander konkurrierenden Arten von Vernunft gehorchen.” 14 Die Auflösung der Gesellschaft in Interessengruppen entlastet die Politik nicht, sondern fordert zu einer positiven Integration der privaten Interessen in ein demokratisches Regelsystem heraus.
  • Baukultur erfordert Bündnisse zwischen Experten und öffentlichen Meinungsbildnern als Anwälte für die Gestalt der Stadt und als Multiplikatoren und Triebkräfte für eine vorurteilsfreie Öffentlichkeit. Schulen und Hochschulen, Kammern und Verbände sind gefordert, die Qualität der gebauten Umwelt und das Leben in den Städten zur Tagespolitik zu machen. Hierzu gehören zum Beispiel: der „Tag der Architektur”, Stadtforen, die Projektarbeit an Schulen und Hochschulen, Workshops der Kammern zu Fragen der Stadtgestalt.
  • Baukultur entsteht durch Spielräume für selbstbewusste Bauherren. Individuelles Bauen und Wohnen in der Stadt ist möglich, wenn man aufgeschlossene Mitspieler gewinnt: beim Sanierungsträger, beim Stadtplanungsamt, bei der Denkmalpflege – und wenn man engagierte Architekten beauftragt, die sich professionell, sensibel, aber auch hartnäckig für neue „Gesichter” in der Stadt einsetzen.
  • Baukultur erweist sich im toleranten Umgang mit dem Erfahrungswissen der beiden deutschen Gesellschaften. Sie äußert sich im Prozess, wie man Geschichte überschreibt. Ohne einen Erfahrungsaustausch über Lebensqualität lässt sich der radikale Perspektivenwechsel nicht verarbeiten.

Politikfeld Baukultur – das Beispiel Brandenburg

Baukultur als Idee ohne Interesse bleibt ein wirkungsloser Appell. Im internationalen Wettbewerb kommen Gebrauchswert, Tauschwert und Inszenierungswert einer Kommune auf den Prüfstand einer Marktgesellschaft. Auf Landesebene stellen sich in Brandenburg für die Regional-Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik viele Fragen, die überörtlich bedacht werden müssen.

Wie lassen sich im strukturschwachen ländlichen Raum raumstrategisch bedeutsame Städte bzw. Netzwerke als Lebensstützpunkte, d.h. als Wohn- und Versorgungsschwerpunkte, stabilisieren? Wie erreicht man verkehrspolitisch – durch eine Verkürzung der Reisezeit – die Anbindung des Flächenlandes und seiner peripheren Räume an die Arbeitsmarktregionen der europäischen Metropolen?

Attraktive Lebensstützpunkte mit guter Erreichbarkeit erleichtern eine doppelte Lebensführung: ein Berufsleben in der Ferne, ohne auf die vertrauten sozialen Netze am Wohnort verzichten zu müssen. Wie lässt sich über die wichtigen Stadterneuerungs- und Eigentumsförderungsprogramme hinaus ein bürgerschaftlicher Prozess der Selbstkultivierung anstoßen?

Ein engagierter Träger der Baukultur ist die kommunale Arbeitsgemeinschaft der Städte mit historischen Stadtkernen, ein Städtenetzwerk von 29 Städten. Sie setzt sich selbstbewusst und selbstkritisch dafür ein, die Innenstädte als Wohnorte zu qualifizieren. Nicht zuletzt will das Ministerium mit seiner Eigentumsstrategie über Wettbewerbe, Tagungen und Veröffentlichungen private Akteure mit Förderanreizen davon überzeugen, dass es sich lohnt, in ihre Stadt zu investieren.

Tatkräftige Unterstützung findet diese Initiative durch die Brandenburgische Architekten- und Ingenieurkammer, die ihrerseits u.a. mit Landeswettbewerben Bewusstseinbildung in Sachen Stadtumbau und Baukultur leistet. Darüber hinaus hat das Brandenburger Bauministerium Anfang 2003 mit einer kommunikativen Internet-Plattform Schüler der 11. und 12. Klasse der gymnasialen Oberstufe durch einen Schülerwettbewerb herausgefordert, sich mit dem Stadtumbauprozess in ihren Heimatstädten zu befassen. Strukturumbrüche wie diese verlangen bei unsicheren Zukünften einen grundlegenden Dialog über Lebenswerte.

Baukultur, Hausbau, und dergleichen mehr sind Indikatoren für das Lebensgefühl, das Selbst- und das Weltverständnis der örtlichen Gesellschaft – eine große Herausforderung für die Kulturarbeit an der Stadt und für einen kooperativen Individualismus – trotz alledem.

Anmerkungen/Literatur

1 Veröffentlicht in: Raumplanung 106, Dortmund, Februar 2003, S. 5 ff.

2 Tessenow, Heinrich: Hausbau und dergleichen. 1916. Reprint München 1984; Wangerin, G./Weiss, G.: Heinrich Tessenow – ein Baumeister. Essen 1976.

3 ebd., Klappentext

4 Tessenow, Heinrich: Geschriebenes. Gedanken eines Baumeisters. Bauwelt Fundamente 61. Braunschweig 1982.

5 Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Hg.): Statusbericht Baukultur in Deutschland. Bearbeitung: Gert Kähler. Berlin 2001.

6 Böhme, Gernot: Aisthetik. München 2001.

7 Liessmann, Konrad Paul: Kultur-Inflation. In: Zwischen Vielfalt und Beschränkung. Ortsbestimmung der Kulturpolitik. 45. Loccumer Kulturpolitisches Kolloquium. Rehburg-Loccum 2001.

8 Preußisches Allgemeines Landrecht, zitiert nach Albers, Gerd: Zur Entwicklung der Stadtplanung in Europa. Bauwelt Fundamente 117, Wiesbaden 1997.

9 Sitte, Camillo: Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. 1889. Reprint 4. Auflage 1909, Braunschweig 1983.

10 Albers, Gerd: Stadtplanung. Eine praxisorientierte Einführung. Darmstadt 1996.

11 Breuer, Gerda (Hg.): Ästhetik der schönen Genügsamkeit oder Arts & Crafts als Lebensform. Bauwelt Fundamente 112. Braunschweig 1998. Sowie: Hoffmann, Ot: Der Deutsche Werkbund - 1907, 1947, 1987... Berlin 1987.

12 Castells, Manuel: Space flow – der Raum der Ströme. In: Kursbuch Stadt. Stuttgart 1999, S. 69.

13 Stadtentwicklung in Ostdeutschland. (Hg.): Häußermann, Hartmut/ Neef, Rainer: Opladen 1996.

14 Corboz, Andre: Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen. Bauwelt Fundamente 123. Basel 2002, S. 50.

 

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Grüner Winkel, Gartenseite, Güstrow Foto: Michael Lüder

Grüner Winkel, Gartenseite, Güstrow Foto: Michael Lüder