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Thomas Drachenberg
Nicht nur das Schöne
ist Baukultur, sondern auch das Bemerkenswerte
Was ist eigentlich Baukultur
aus denkmalpflegerischer Sicht? Man könnte sich
die Beantwortung der Frage leicht machen und sagen:
die Denkmale!
Aber das ist natürlich
stark verkürzt und wird dem weit gefächerten
Begriff der Baukultur nicht gerecht. Tatsächlich
sind die Denkmale aber ein wichtiger Bestandteil, vielleicht
auch die Grundlage für Baukultur bzw. das Ergebnis
von Baukultur. Sie sind nicht nur schön und positiv
besetzt, sondern müssen bemerkenswert sein: Bemerkenswert
ist aber auch Unbequemes.
Die Denkmalpflege besteht
dabei auf der historischen Substanz als Träger
des Denkmals, also der Baukultur. Wir haben heute oft
mit Plagiaten und Kopien zu tun, die nichts über
das Original sagen, sondern ein Bild vom Original erzeugen
– ein Bild, das darüber Auskunft gibt, wie
man sich das Original vorgestellt hat.
Diese Kopien können
sehr qualitätsvoll sein und wiederum zum Denkmal
werden. Damit ist dann wieder die Substanz geschützt:
Denken Sie an die Altstädte von Münster und
Warschau, deren Stadtregierungen in den 1950er Jahren
nach Erinnerungen und alten Plänen und Fotos die
völlig zerstörten Innenstädte wieder
aufbauten und damit heute ein qualitätsvolles Zeugnis
darüber abgeliefert haben, wie sich die 1950er
Jahre eine gewachsene Stadt vorstellten.Diese Städte
sind zu Recht Denkmale des Wiederaufbaus nach dem Zweiten
Weltkrieg und ein Teil unserer Baukultur.
Aber nicht allein die Substanz
ist für die Denkmalpflege unabdingbar. Wir müssen
die Baukultur der Vergangenheit mit ihren hochpolitischen
Aussagen verstehen: Wir müssen den ideellen Gehalt
der Baukultur erkennen, erst dann können wir verantwortlich
damit umgehen.
Ich möchte Ihnen drei
Beispiele nennen:
-
Josef Bischof,
der 1919 bis 1925 amtierende Baustadtrat in Luckenwalde,
vertrat mit dem gesamten SPD- dominierten Magistrat
die Meinung, dass u.a. der Erste Weltkrieg deswegen
verloren ging, weil so viele Mietskasernen in Deutschland
stehen und die Arbeiterschaft ungesund leben würde.
Er zog daraus ganz im Zeitgeist die Konsequenzen:
An den Stadträndern wurden Gartenstädte
in der Einheit von Landschaft und Wohnen errichtet.
Bischof plante für Luckenwalde gleich zwölf
und realisierte mitten in der Weltwirtschaftskrise
drei. Was sagt das heute noch dem Besitzer eines
Hauses in einer Siedlung, die längst kein gemeinsames
organisatorisches Dach mehr hat und aus lauter misstrauischen
Hauseigentümern besteht?
-
Bruno Taut verzweifelte, als er
in Berlin mit ansehen musste, wie die Leute seine
Siedlungen in Besitz nahmen und eben nicht so reagierten,
wie es von ihm geplant war. Sie nahmen die plüschigen
und verschnörkelten Garnituren einfach mit
und kümmerten sich nicht um die Visionen vom
„Neuen Wohnen“, die eine neue Gesellschaft
bringen würde.
-
Als das Stadttheater
in Luckenwalde, ein Bau der ausgehenden 1920er Jahre
mit klaren Linien und expressionistischer Farbigkeit,
Mitte der 1990er Jahre restauriert und auch die
Innenfarbigkeit nach Befunden der Erbauungszeit
wieder hergestellt und die Brauntöne der 1970er
Jahre verschwunden waren, bedurfte es einer diplomatischen
Großoffensive, um das Aufhängen der großblumigen
Gardinen aus den Siebzigern zu verhindern, die in
die klare Struktur gehängt werden sollten.
Wir müssen die historische
Baukultur nicht nur verstehen, sondern auch ihre Zeitbezüge
und ihre Grenzen. Sie darf nicht unwissend verscherbelt
aber auch nicht zum Heiligtum werden. Wer kümmert
sich um die Pflege der Baukultur?
Ich könnte mich nun
mit breitem Rücken hinstellen und einfach sagen:
wir von der Denkmalpflege, wer sonst? Das stimmt natürlich
nur zu einem kleinen Teil. Wir sind oder müssen
Teil eines breiten Netzwerks sein, das sich um die bereits
gebaute und noch entstehende Baukultur kümmert.
Wir müssen die Auseinandersetzung um die Erhaltung
der Baukultur, auch unbequemer Baukultur, führen.
Das ehemalige Konzentrationslager
Ravensbrück gehört genauso dazu wie die Kasernen
in Jüterbog II. Die Brandenburgische Technische
Universität (BTU) Cottbus erarbeitet zurzeit eine
Studie zu den Resten der Berliner Mauer und verwendet
den Begriff Kulturlandschaft dafür.
Wir brauchen einen breiten
gesellschaftlichen Konsens. Wissen und Gespür für
Baukultur muss vermittelt werden, sonst kämpfen
wir, belächelt in der Diaspora der Beliebigkeit
der Gewerbegebiete und Baumärkte, für Dinge,
die keiner mehr versteht.
Wer kann heute noch das
ikonografische Programm in einer Kirche lesen? Expertenwissen
und das Wissen des so genannten Laien müssen sich
durchdringen. Die Denkmalpflege ist zwar in Preußen
seit spätestens 1843 institutionalisiert. Sie vertritt
damit bis heute ein öffentliches Interesse mit
tagtäglichen Abwägungen aller Belange zur
Entscheidungsfindung. Sie braucht aber auch das Feuer
der Öffentlichkeit.
Behördliches Handeln
allein, ohne den gesellschaftlichen Konsens, lässt
uns zur Polizeibehörde verkommen, die für
etwas eintritt, das niemand mehr versteht.
Baukultur, Denkmalpflege,
Stadtumbau, Stadtrückbau, Schrumpfung – das
sind Begriffe, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen
werden. Die Stadt Guben hat von wissenschaftlicher Seite
gesagt bekommen, dass sie bei der momentanen Abwanderungsrate
nicht mehr lange existieren wird. Das ist kaum glaubhaft,
doch werden manche Dörfer wie im Mittelalter Wüstungen
werden, mit denen sich in 50 Jahren die Archäologen
beschäftigen müssen.
Angesichts dieses unwirklichen
Szenariums müssen wir Geschichte nicht über-
, sondern weiterschreiben, trotz Schrumpfung, trotz
Rückbau.
Berlin ist ein Beispiel,
wie Geschichte immer wieder überschrieben wurde.
Oftmals wurde bedenkenlos abgerissen. Sobald nicht um
des Neubaus willen gewachsene Qualität abgerissen
wird, sobald mit der gebauten Qualität verantwortungsbewusst
umgegangen wird, möchten wir unsere Kompetenzen
als Denkmalpfleger einbringen.
Wir sehen unsere Aufgabe
darin, die Werte der vergangenen Baukultur auszuweisen,
bewusst zu machen, zu erhalten und in die Diskussion
für eine zukünftige Baukultur zu bringen.
Wir müssen diesen Prozess steuern. Bei dieser Steuerung
muss die Bewertung der Substanz und der Struktur eine
wichtige Rolle spielen. Und sollte der Fall eintreten,
dass etwas sehr Wichtiges aus anderen Gründen abgerissen
werden soll, vielleicht weil es in absehbarer Zeit keinen
Nutzer geben wird, dann muss man an einzelnen Stellen
auch den Mut zur unfertigen Stadt haben: Es ist besser,
einmal etwas gesichert stehen zu lassen und der nächsten
Generation zu übertragen, als es unwiederbringlich
abzureißen.
Wir bedauern heute, dass
Friedrich Wilhelm I. im frühen 18. Jahrhundert
die Marienkirche auf dem Harlunger Berg in Brandenburg
an der Havel abreißen ließ, da man damals
keine andere Möglichkeit der Baumaterialgewinnung
sah. Wenn uns das bewusst wird, sind wir der Reparaturgesellschaft
ein Stück näher gekommen.

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