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Wilfried Mollenhauer
Brücken zwischen Technik
und Gesellschaft
Wer an Brücken denkt,
beschränkt seine gedankliche Betrachtung zunächst
auf bauliche Brücken über Hindernisse für
die Menschen, wie Flüsse und Täler. Aber Brücken
– als die bekannteste Form von Ingenieurbauwerken
– finden sich auch in anderen baulichen Formen
der Verbindung von unterschiedlichen Potenzialen oder
Lagepunkten als „Brücken” oder Überbrückungen.
In der von Wissenschaft
und Technik und zunehmend auch von den Medien geprägten
Gesellschaft sind ebenso Verkehrswege (Luftwege, Schienenwege,
Straßen, Wasserstraßen) sowie Versorgungs-
und Entsorgungsleitungen (für Trinkwasser, Abwasser,
Elektroenergie, Gas, Nachrichten u. a.) bauliche „Verbinder”
und damit „Brücken” des Lebens und
der Kommunikation.
Andere typische Ingenieurbauwerke
erfüllen gleichartige „Brücken- oder
Verbindungsfunktionen” – zum Beispiel Tunnel,
Kanäle, Türme, Masten, komplizierte Hochbauten
und Tragwerke, Rohr- und Kabelleitungen.
Nicht nur für die Entwicklung
und den Betrieb dieser „Verbinder” und „Brücken”
sind Ingenieure verantwortlich. Sie haben daneben die
größte Aufgabe, in der menschlichen Gesellschaft,
für Sicherheit und Funktionalität in allen
technischen Bereichen zu sorgen. Ingenieure als integraler
Bestandteil der Gesellschaft schaffen täglich Brücken
und Verbinder zwischen den Menschen und der Umwelt.
Wie es um unser zivilisiertes
und kulturvolles Leben bestellt wäre, wenn zum
Beispiel der Verzicht notwendig wäre auf Elektroenergie
und seine Anwendungsformen oder aufbereitetes, stets
verfügbares Trinkwasser oder eine befestigte Straße
oder eine Flugzeugverbindung (mit allen erforderlichen
Einrichtungen für deren Funktionalität) oder
die fehlende Überdachung auf einem Bahnhof, das
wird im Regelfall von den Nutzern nicht bedacht.
Dies alles ist „natürlich”
vorhanden und verfügbar. Es ist selbstverständlich
Ingenieurleistungen zu nutzen. Im Rahmen der Beschäftigung
mit Baukultur wird leider zu häufig eine einseitige
Überlegung oder Betrachtung angestellt und es werden
dann Ableitungen entwickelt, die der Rolle der Baukultur
in der Gesellschaft nicht gerecht werden.
Deshalb ist an den Statusbericht
„Baukultur in Deutschland” zu erinnern,
der eine umfassende und unwidersprochene Definition
für Baukultur gefunden hat: „Der Begriff
der Baukultur beschreibt die Herstellung von gebauter
Umwelt und den Umgang damit. Das schließt Planen,
Bauen, Umbauen und Instandhalten ein.
Baukultur ist unteilbar.
Sie beschränkt sich nicht auf Architektur, sondern
umfasst Ingenieurleistungen, Stadt- und Regionalplanung,
Landschaftsarchitektur sowie die Kunst im öffentlichen
Raum gleichermaßen. Die Qualität der Baukultur
ergibt sich aus der Verantwortung der gesamten Gesellschaft
für ihre gebaute Umwelt und deren Pflege.”
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Der Kern der Definition
macht klar, dass Baukultur unteilbar ist. Damit ist
natürlich auch die Unteilbarkeit der gesellschaftlichen
Leistung für die Baukultur definiert. Von den in
der Gesellschaft für deren „Verwaltung”
Verantwortlichen ist Baukultur aus meiner Sicht als
integrale Aufgabe zu organisieren. Wenn sich heute Ingenieure
noch zu sehr der öffentlichen Mitwirkung und aktiven
Beteiligung an der Baukultur entziehen, hat dies zweifellos
etwas damit zu tun, dass philosophische, ethische, soziale,
künstlerische und gestalterische Aspekte –
vor allem Letzteres – in der Baukultur überbetont
wurden und werden.
Ingenieure sind in erster
Linie praktisch, technisch und zielorientiert denkende
Mitgestalter und Teilhaber an der Baukultur, die sich
nicht in den Vordergrund drängen. Genauso wenig
wie sich Architekten als „Dekorateure/ Veredler”
des Bauens verstehen, sind oder fühlen sich Ingenieure
als „Hilfsknechte”. Im Gegenteil, durch
den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und die
Entwicklung der Lebensbedürfnisse der Menschen
bedingt, nehmen die notwendigen und tatsächlichen
Leistungen auf ingenieurtechnischem Gebiet allgemein
und beim Bauen besonders zu.
Wer sich die technische
Ausstattung von Gebäuden oder anderen baulichen
Anlagen vor 100 Jahren in Erinnerung bringt, erkennt
sehr schnell, dass es einer zunehmenden Spezialisierung
der am Bau Beteiligten bedurfte und bedarf, um alle
erforderlichen Planungen des modernen Bauens und fortschrittliche
Baudurchführungen abwickeln zu können.
Wer die Anteilsleistungen
an großen oder komplizierten und anspruchsvollen
Bauwerken bedenkt, dem wird klar, dass die Anteile der
Ingenieure ständig wachsen, weil Bauwerke immer
mehr zu Funktionalsystemen werden, die nur ingenieurtechnisch
beherrschbar sind. Die typischen Ingenieurbauwerke sind
nur teilweise sicht- und wahrnehmbar, in großen
Teilen aber nicht, weil sie im erheblichen Umfang im
unterirdischen Bauraum liegen.
Die Wahrnehmung der gebauten
und ungebauten Umwelt wirkt auf den Betrachter jedoch
zunächst optisch und emotional. Erst bei rationaler
Beschäftigung rücken die Funktion, die Sinnhaftigkeit
und die gesellschaftliche wie individuelle Wirksamkeit
eines Bauwerks oder einer baulichen Anlage in den Mittelpunkt.
Es besteht ein scheinbarer
Widerspruch zwischen Wissenschaft, Technik, Ökonomie,
dem Rationalen, und dem emotional geprägten Empfinden
der baulichen Gestalt von Formen und Farben. Die vordringliche
Aufgabe der Baukultur gestaltenden Gesellschaft besteht
darin, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen,
weil es zwei Seiten der Medaille gibt. Inhalt ist ohne
Form (Hülle) nicht denkbar, aber Form (ohne ästhetische
Genugtuung) allein ist regelmäßig unbrauchbar
– wenn baulich betrachtet – nicht sogar
unwichtig.
Die Auflösung des Widerspruchs
erfordert die Kooperation zwischen allen Baukulturträgern
– der gesamten Gesellschaft, den Bauherren, der
Verwaltung und auch zwischen Ingenieuren und Architekten.
Bei jeder Bauaufgabe muss derjenige die „Führung”
übernehmen, der den größten und wichtigsten
Anteil Arbeit leisten muss und dessen Leistungen die
Funktionssicherheit gewährleistet.
Das ist die erste und muss
die prägende Forderung an die Entstehung jedes
Bauwerks sein. Die Anforderung an alle Baukulturträger
wächst infolge des Paradigmenwechsels in Deutschland
– weg von der Siedlungserweiterung infolge Bevölkerungszunahme,
hin zum Stadt- und Dorfumbau –, weil die Bevölkerung,
insbesondere in den östlichen Bundesländern,
abnimmt. Stadtumbau sollte daher auf Kommunikation und
Integration setzen, damit er zur Sache des ganzen Gemeinwesens
wird und nicht auf der Ebene der Funktionäre oder
berufsmäßigen Gestalter versickert.
Eine breite Beteiligung
und Mitwirkung aller Kräfte kann nur die notwendige
Akzeptanz und Identifikation der Bürger bewirken.
Eingriffe in die bestehende Stadt- und Dorfsubstanz
(Hochbauten, Tiefbauten etc.) sind schwieriger als ein
Neubau. Bauen im Bestand erfordert eine genaue funktionale,
konstruktive und gestalterische Diagnose und Bestandserfassung.
Die Prioritäten dabei setzen die Ingenieure, deren
Aufgaben nicht auf den Hochbau beschränkt sind,
im Hinblick auf:
Die Brückentagung der
Fachhochschule Potsdam im April 2001 hat verdeutlicht,
dass die Einbeziehung von Architekten in die Planung
von Brücken erst in den letzten Jahrzehnten zunehmend
erfolgte und genauso richtig ist wie die frühzeitige
Einbeziehung eines Tragwerksplaners und Konstrukteurs
in die Konzeption und Planung eines öffentlichen
oder privaten Gebäudes.

Inselbrücke, Potsdam.
Foto: VIC Brücken und Ingenieurbau GmbH
Wer in die Geschichte der
Brückenbaukunst blickt, wird feststellen, dass
die von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren entdeckten
Möglichkeiten des Materialeinsatzes, die Schaffung
von Berechnungsmethoden und die praktische Umsetzung
entscheidend die Entwicklung des Brückenbauwesens
bestimmt haben, wobei diese Entwicklung „vom vorstatischen
zum systemorientierten Brückenbau” (Prof.
Peters, Bethlehem, Vortrag in Potsdam am 4. Mai 2001)
geprägt war.
Wir haben in Deutschland
mehr als 120 000 Brücken. Von den etwa 35 000 Brücken
im Netz der Autobahnen und Bundesstraßen sind
mehr als 53,8 Prozent aus Stahlbeton, 37,8 Prozent aus
Spannbeton, 6,1 Prozent aus Stahl und 2,3 Prozent aus
Stahl-/Betonverbundkonstuktionen.
Gerade gegenwärtig
wird in Deutschland mit dem Bau der Autobahn Erfurt
– Suhl ein gigantisches Werk von Tunneln und Brücken
realisiert. Ein Bauwerk, das in seiner infrastrukturellen
Funktion und seinen Abmessungen von keinem Hochbau erreicht
wird.
Viele neue Konstruktionen
sind aus Erkenntnissen der Bionik, der Nutzung von Konstruktionen
in der Natur, erwachsen (Netzwerke, Stabwerke, Hohlkörper
u. a.) Allen Brücken zwingt der Kräftefluss
aus der Belastung Konstruktionslösungen auf, die
viele Kunstformwünsche und Entwürfe nicht
zulässt.
Die Brandenburgische Ingenieurkammer
hat mit dem Landesbaupreis 2002 drei Brückenbauwerke
als gelungene Bauwerke ausgezeichnet:
Für das Jahr 2004 ist
wieder ein Baupreis für Ingenieure vorgesehen.
Die Brandenburgische Ingenieurkammer
wird außerdem im Jahr 2004 die große Brückenbau-
Ausstellung der Bundesingenieurkammer/Bundesbauministerium
in Potsdam realisieren und sie mit Brückenbeispielendes
Landes Brandenburg bereichern.
Zur Stärkung der Baukultur –
und ihrer Brückenfunktion – sehen wir Ingenieure
im Land Brandenburg folgende Aufgaben:
-
den Begriff Initiative Architektur
und Baukultur durch den Begriff Baukultur nachhaltig
abzulösen, um Breite und Verantwortung aller
deutlich zu machen,
-
die Diskussion über wichtige
bauliche Konzepte – insbesondere öffentlicher
Auftraggeber – in interdisziplinären
Gremien, die besonders auch mit planenden Berufsträgern
besetzt werden,
-
einen Beitrag zu leisten, dass
die Gemeinsamkeiten aller Baukulturträger besser
koordiniert und verflochten werden,
-
die planenden Berufe, als besondere
berufliche Verantwortungsträger, einheitlich
im gesellschaftlichen Prozess der Baukultur zum
Handeln zu bringen,
-
die Baukultur im Tagesgeschäft
und im Umgang mit anderen Beteiligten nicht untergehen
zu lassen,
-
die Erzeugung von qualitätsbewussten
und kostengünstigen Planungen, deren Prüfung
durch Ingenieursachverständige sowie deren
bauliche Umsetzung zu fördern (Ausführungsüberwachung),
-
Architektur und Gestaltung nicht
zu wichtig zu nehmen, obwohl bei Ingenieurbauwerken
die Gestaltqualität steigerungsfähig ist,
-
den Stadtumbau als eine bedeutende
und prägende baukulturelle Aufgabe der Gegenwart
wahrzunehmen und mitzugestalten,
-
die Bundes- und Landesförderungen
für die Baukultur zu unterstützen,
-
den bisherigen Landesbaupreis in
einen Ingenieurbaupreis für Bauen und technische
Innovation umzugestalten,
-
die Ingenieure zu ermutigen, sich
stärker in baukulturelle Diskussionen und Problemstellungen
einzumischen,
-
die Öffentlichkeitsarbeit
der Ingenieurkammer stärker auf baukulturelle
Aspekte zu richten.
In voller Überzeugung,
dass eine positive Wirkung auf die Baukultur und ein
erfolgreicher Stadtumbau im Land Brandenburg nur erreicht
werden kann, wenn alle Verantwortungsträger in
den Prozessen auf Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung
setzen, haben wir die Hoffnung, viele funktionssichere
und gut gestaltete Brücken und Verbindungen herzustellen.
Dem Erfinder- und Entwicklergeist
von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern verdanken
wir die technischen Möglichkeiten der Zivilisation.
Es gilt sie optimal zu nutzen und durch neue Innovationen
zu bereichern. Ingenieurkunst und Ingenieurbauwerke
bestimmen unsere gebaute und genutzte Umwelt im Einklang
mit anderen materiellen und ideellen Werten der Kunst
und Kultur. Daraus erwächst eine große Verantwortung
für uns.
Literatur
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Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
(Hg.): Statusbericht Baukultur in Deuschland –
Ausgangslage und Empfehlungen. Bearbeitung Prof. Dr.
Ing. Gert Kähler. Berlin 2001.

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