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Der Papst als Politiker

Der Papst ist nicht nur Führer einer der größten Religionsgemeinschaften, sondern auch Oberhaupt eines Staates mit weltweitem Einfluss. Der Vatikan ist in wichtigen internationalen Gremien vertreten - in der UNO etwa als Beobachter.
weißer Rauch

Und wieder lief die Neuigkeit in Windeseile durch alle Medien: Wie beim Rücktritt seines Vorgängers vor einem Monat ging noch am Abend des 13. März eine Eilmeldung um die Welt: Ein neuer Papst sei gewählt, Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien, der sich als Papst Franziskus nennt.

Nur wenige Minuten später gratulierten neben Kirchenspitzen auch führende Politiker, darunter Martin Schulz als EU-Parlamentspräsident und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Warum die Aufregung in allen Medien und nicht nur innerhalb der katholischen Kirche?

Zum Beitrag des ZDF

Der 76-jährige Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien ist zum neuen Papst gewählt worden. Er wird als Papst Franziskus das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken. Ein Mann der Armen, ein Konservativer, ein Twitterer.
Ein Porträt.

Das mag für viele überraschend sein, die den Papst vor allem als Oberhaupt einer der größten Religionsgemeinschaften in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Doch der Papst ist eben nicht nur das, sondern auch ein wichtiger Staatsmann. Er steht dem Vatikan vor, dem kleinsten Staat der Welt, der aber dennoch weltweit Einfluss besitzt. Der Vatikan ist in wichtigen internationalen Gremien vertreten. In der UNO hat er zum Beispiel einen Beobachterstatus.

Der Papst macht Politik - und die sorgt aufgrund seines weltweiten Einflusses immer wieder für Zündstoff, sei es im Bereich der Bevölkerungsentwicklung in Afrika oder der Stellung von Homosexuellen in der Gesellschaft. Inwiefern er tatsächlich noch die Macht hat, politische Entwicklungen entscheidend zu beeinflussen, ist zwar umstritten, doch ist sein Einfluss im Kampf gegen den Antikommunismus im Kalten Krieg oder aber bei der Versöhnung der Bürgerkriegsparteien in Mozambique vor 20 Jahren nachweisbar.

Der Papst wäre ein idealer globaler Diplomat, kommentierte etwa Deutschlandradio Kultur, würden nicht religiöse Dogmen der politischen Rolle klare Grenzen setzen. Teilweise umgeht der Vatikan diese Einschränkungen mit Hilfe katholischer  Nebenorganisationen. So betreibt etwa die Gemeinschaft von St. Egidio im Auftrag des Papstes inoffizielle vatikanische Politik zur Beilegung politischer und konfessioneller Konflikte. Teilweise nimmt aber auch der Papast selbst hörbar Stellung zu politischen Ereignissen und greift aktiv in die Weltpolitik ein.

Antikommunismus und Antisemitismus

So stellte sich der Vatikan unter Pius XII. zu Beginn des Kalten Krieges eindeutig gegen das kommunistische Weltsystem. Seit 1949 war es Katholiken per Dekret verboten, Mitglied einer kommunistischen Partei zu werden oder diese zu unterstützen.* 

Sein Nachfolger im Amt, Johannes XXIII., war ein jovialer, bereits 77 Jahre alter Kardinal. Mit seiner Selbstironie und Volksnähe gab er ein völlig neues Papstbild ab. Unpolitisch war er dennoch nicht. Als Vertreter seines Vorgängers hatte er lange in der Türkei und in Griechenland gewirkt. Unter dem ausgewiesenen Kenner der orthodoxen Kirchen kam es 1961 zur Aufhebung des gegenseitigen Bannes von 1054. In seine Enzyklika »Pacem in terris« (1963) forderte er die Supermächte dazu auf, ihr eskalierendes Wettrüsten zu beenden.

Im gleichen Jahr begann das 2. Vatikanische Konzil. Es endete 1965 mit für die katholische Kirche wegweisenden Beschlüssen: Der Bereitschaft, sich den drängenden Fragen der Gegenwart zu öffnen, der Hinwendung zu den nichtkatholischen Kirchen im Geiste der Ökumene, das heißt der Annäherung zwischen allen christilichen Kirchen, und der Ablehnung des religiös begründeten Antisemitismus.

Zu den einschneidenden innerkatholischen Reformen gehörte die Einführung des muttersprachlichen Gottesdienstes an Stelle der lateinischen Messe. 

Politischer und religiöser Konservatismus

Johannes XXIII., der »Konzilspapst«, war bereits 1963 verstorben. Mit seiner konservativen Enzyklika »Humanae vitae« (1968) zog sein Amtsnachfolger, Paul VI., die Zügel wieder an. Darin wurde vom »Oberhirten« jegliche künstliche Empfängnisverhütung faktisch verboten, obwohl eine entsprechende katholische Kommission eine andere Empfehlung aussprach.

Die betont konservative Linie setzte ab 1978 auch Johannes Paul II. fort. Der ehemalige Bischof von Krakau, nach Jahrhunderten der erste Nichtitaliener auf dem päpstlichen Thron, nutzte verstärkt die Massenmedien als Forum für seine Botschaft und unternahm zahlreiche weltweite Reisen. Mehr als seine Vorgänger wirkte er auch direkt politisch.

1979 besuchte der neue Papst seine polnische Heimat und gab damit der sich formierenden Opposition Auftrieb. Es war jedenfalls kaum ein Zufall, dass ein Jahr später in dem erzkatholischen Land die erste unabhängige Gewerkschaft eines Staates des kommunistischen Blocks begründet wurde. Von Danzig ausgehende Streiks erschütterten bald das ganze Land. Ein zweiter päpstlicher Besuch 1983 nötigte den diktatorisch regierenden General Jaruzelski sogar dazu, das zwischenzeitlich verhängte Kriegsrecht aufzuheben.

Es wäre sicherlich zu hoch gegriffen, Johannes Paul II. die Verantwortung für den Zusammenbruch des Ostblocks zu geben. Einen gewissen Anteil daran hat er aber mit Sicherheit. Vordergründig und öffentlichkeitswirksam ging der Papst auch auf die anderen Konfessionen und Religionen zu. Er besuchte – erstmalig in der Geschichte des Katholizismus – , eine lutherische Kirche, jüdische sowie muslimische Gotteshäuser und lud 1986 Vertreter aller Glaubensbekenntnisse der Welt zu einem Friedensgebet nach Assisi ein.

Letztlich aber blieb Johannes Paul II. in seiner Sache hart. Nicht einmal die protestantische Kirche sah er in der Erklärung »Dominus Iesus« (2000) auf Augenhöhe mit dem katholischen Glauben.

Auch auf dem Feld der Sexualethik rückte der Papst nicht von seinen äußerst konservativen Ansichten ab. Die Sexualität diene ausschließlich der Fortpflanzung, Kondome und Pille blieben deshalb ein Tabu, Schwangerschaftsabbrüche sowieso. Gesellschaftliche Probleme wie Überbevölkerung vor allem der ärmsten Länder und die Ausbreitung des AIDS-Virus ließen sich vor allem durch Enthaltsamkeit bekämpfen. Immerhin rehabilitierte Joahnnes Paul II. bereits 1979 die »ketzerischen« Astronomen Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus.

Neue Rolle in der Weltpolitik durch moralische Erneuerung?

Der im Februar 2013 zurückgetretene Papst Benedikt XVI. - der Deutsche Joseph Ratzinger -  war ein langer Wegbegleiter von Johannes Paul II. und führte dessen konservative Politik fort. Westliche Beobachter wie die (konservative) britische Zeitung „The Times“ sahen in seinem Rücktritt daher auch eine Chance für eine Erneuerung der Kirche - besonders als moralische Instanz in der Weltpolitik.*

In der sozialen Ethik hat der Papst es abgelehnt, die Lehren der Kirche über die Verteilung von Kondomen zu erneuern, um die Verbreitung von Aids zu verhindern. Durch diese Haltung wird menschliches Leid fortgesetzt, besonders in südlichen Ländern. Aus diesen Gründen wäre es wünschenswert, wenn der Nachfolger Benedikts beispielsweise aus Afrika käme. Das Pontifikat von Benedikt erscheint wie die Zwischenregierung eines Führers der Christenheit, dessen intellektuelle Fähigkeiten seine körperliche Stärke weit in den Schatten stellten. Wenn der neue Papst die Energie von Johannes Paul II. und den Reformgeist von Johannes XXIII. mitbrächte, könnte er eine Neuzeit für die Kirche und ihre moralische Autorität einleiten.“ Zitiert nach: Frankfurter Rundschau (12.2.2013).

Der am 13. März 2013 neu gewählte Papst kommt aus Lateinamerika, einer Region, die sowohl wirtschaftlich als auch weltpolitisch seit einigen Jahren an Einfluss gewinnt. Franziskus, ein argentinischer Jesuit, gilt als bescheiden und als Anwalt der Armen. Inwieweit er die erwartete moralische Erneuerung der Kirche zu globalen Fragen wie Aids oder zur Bevölkerungs- und Armutsproblematik vorantreiben kann, wird nicht nur davon abhängen, wie sich der 76-jährige persönlich dazu stellt. Ebenso wichtig wird sein, in wie weit es ihm gelingt, die Machtstrukturen des Vatikans, des zwar kleinsten, aber sehr einflussreichen Staates der Welt zu verändern.

Vatikan: Der offizielle Ländername lautet Vatikanstaat (Stato della Città del Vaticano). Mit einer Landesfläche von 44 ha - das enspricht etwa einem Viertel der Fläche Monacos - ist er der kleinste Staat der Welt. Das Territorium des Vatikans liegt in der Stadt Rom in Italien. Nach Angaben des Auswärtigen Amts umfasste die Bevölkerung des Vatikanstaats im September 2012 etwa 800 Personen, davon ca. 570 mit vatikanischer Staatsangehörigkeit. Etwa die Hälfte der Vatikanstaatsbürger wohnt nicht im Vatikan, sondern zumeist als Diplomaten des Heiligen Stuhles in anderen Ländern. Die Mehrzahl der rund 4.000 Beschäftigten des Heiligen Stuhles und des Vatikanstaats wohnt nicht auf seinem Gebiet und besitzt auch nicht seine Staatsangehörigkeit. Das Staatsoberhaupt ist der jeweilige Papst. Der Vatikan ist Mitlglied in 34 internationalen und 10 regionalen internationalen Organisationen.

 

Quelle: "Christliche Kultur und Geschichte" von Peter Ortag, das hier bestellt oder online gelesen werden kann.

Dieser Beitrag wurde durch die Landeszentrale im Februar 2013 bearbeitet (zuletzt aktualisiert im März 2013).

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