Dancing Auschwitz
Ausgerechnet Gloria Gaynor. I Will Survive. Der Disco-Klassiker aus dem Jahre 1978. Etwas Unpassenderes ist eigentlich kaum vorstellbar.
„First I was afraid / I was petrified / Kept thinking I could never live / without you by my side …”
Ende 2009 wurde Jane Kormans Video erstmals in einer Galerie in Melbourne gezeigt. Als die australische Künstlerin im Juli 2010 den Film auch auf YouTube einstellte, entwickelte sich der Video-Clip innerhalb von wenigen Tagen zum „youtube-Klickmonster“ (taz) und führte weltweit zu kontroversen Diskussionen. Nicht nur die Musik wurde von vielen als Provokation verstanden, sondern auch der Filmtitel: „Dancing Auschwitz“.
Jane Korman ist die Tochter von zwei Auschwitz-Überlebenden. Zusammen mit ihrem Vater Adam Kohn (geb. 1921) und ihren Kindern reiste sie im Sommer 2009 nach Auschwitz. Dort entstand das Video. Es zeigt Adam Kohn zusammen mit seinen Enkeln, tanzend auf dem Gelände des KZ Auschwitz.
„I will survive / as long as I know how to love / I know I will stay alive / I've got all my life to live / I've got all my love to give / and I'll survive / I will survive …”
Bereits nach wenigen Tagen wurde das Video von YouTube gelöscht, weil die Verwendung von „I Will Survive“ gegen das Urheberrecht verstieß. Jane Korman veröffentlichte daraufhin auf YouTube eine silenced version. Der Originalclip ist derzeit noch auf der Videoplattform Metacafé zu finden (allerdings in relativ schlechter Qualität).
Was ist davon zu halten? In der Diskussion des letzten Jahres wurde kaum beachtet, dass „Dancing Auschwitz“ aus drei Videos besteht. Wer Jane Kormans Arbeit verstehen will, muss sich also eigentlich auch die beiden anderen Clips anschauen. Besonders wichtig ist dabei „Dancing Auschwitz Part 2“, in dem altes Filmmaterial aus dem Besitz der Familie zu sehen ist. Hier wird deutlich, dass das Kunstwerk einen konkreten biographischen Hintergrund hat. Bedauerlicherweise wurde auch dieses Video von YouTube wegen der Copyrightproblematik gelöscht (auch auf anderen Videoportalen ist es nicht zu finden). Der Familienfilm aus den frühen 1960er Jahren wird aber auch am Ende der „silenced version“ gezeigt. Jane Korman äußert sich auf ihrer Homepage dazu:
„The old family movie … portrays my parents and their friends – all Holocaust survivors - together with me as a little girl, dancing freely in a forest. This footage illustrates how both dancing, and my parents’ attitude to life, have been woven into my own life. Growing up, I was always present while my parents danced. As an adult, it seemed a natural process to merge the two influences that have shaped my life – that of my parents’ story and that of dance – hence the project, ‘Dancing Auschwitz.’”
Vor dem Hintergrund dieser familienbiographischen Begründung wirkt der Vorwurf der Trivialisierung der Erinnerung fragwürdig. Auch das dritte Video gibt Anlass zur Vermutung, dass Jane Korman mit ihrer Idee vielleicht gar nicht so falsch liegt. Dieser Film wurde im Sommer 2009 in Auschwitz aufgenommen. Dort wird der irritierend gut gelaunte Adam Kohn von einem seiner Enkel gefragt: “How are you able to smile about this?” Kohns Antwort:
“If someone would tell me here, then, that I will come sixty something three years later with my grandchildren, so I’d say: ‘What are you talking about?’ So here you are. This is really a historical moment.”
Links:
Constanze Jaiser: Dancing Auschwitz – Trivialisierung des Horrors? (Zeitgeschichte-online, August 2010)
Adam Kohn - Dancing Auschwitz (titel thesen temperamente, 22.08.2010, ca. 5 Min.)


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