Leichte Sprache

Der Grieche an sich

Wissen Sie, was Eurobonds sind? Verstehen Sie, wie der Europäische Rettungsschirm ESFS funktioniert? Erläutern Sie die „Hebelwirkung“! Wäre es nach Ihrer Auffassung sinnvoll, wenn der ESFS eine Banklizenz bekäme? Und was bedeutet eigentlich die Abkürzung ESFS?

Camp von Occupy Frankfurt vor der EZB, Foto: Jens Kemle / pixelio.deGeben Sie es zu: Sie haben von diesen Dingen genauso wenig Ahnung wie ich. Aber beunruhigend sind all diese unverständlichen Meldungen zur Finanzkrise schon - oder?

Gut, dass es Journalisten gibt, die über die Gabe verfügen, komplizierte Sachverhalte so zu vereinfachen, dass jeder versteht, wer die Schuldigen sind.

„Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen!“ „Reißen die Pleite-Griechen ganz Europa runter?“ „Warum war Rösler so nett zu den Pleite-Griechen?“

Und so weiter. Stefan Niggemeier hat in der „Bild-Zeitung“ in den letzten zwei Jahren 48 Artikel gefunden, in denen der Begriff „Pleite-Griechen“ auftaucht. Allein im letzten halben Jahr waren es 30. So einfach ist das also mit der europäischen Finanzkrise: Die Griechen sind schuld.

Andere Länder, andere Zeitungen: In der britischen „Daily Mail“ erschien am 17. August ein Artikel, in dem die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik heftig kritisiert wird. Kanzlerin Merkel versuche, so der Autor Simon Heffers, allen anderen europäischen Ländern die deutschen Standards der Haushaltskonsolidierung aufzuzwingen. Inhaltlich ist das zumindest diskutabel (jedenfalls argumentiert Heffers weit über dem Niveau der „Bild-Zeitung“). Der Tonfall ist allerdings äußerst polemisch. Der letzte Satz des Artikels lautet:

„Where Hitler failed by military means to conquer Europe, modern Germans are succeeding through trade and financial discipline. Welcome to the Fourth Reich.”

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Der Historiker Richard J. Evans (Universität Cambridge), Experte für deutsche Geschichte, antwortete am 24. November in der Wochenzeitung „New Statesmen“. Überschrift des Artikels: „The myth oft he Fourth Reich“. Die gegenwärtige Politik der deutschen Regierung könne überhaupt nicht mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an die Opfer gehörten in Deutschland längst zum festen Bestandteil der nationalen Identität. Viel größere Erklärungskraft hat nach Evans Auffassung die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre:

„The trauma of inflation and hyperinflation … has had a lasting effect.”

Diese Angst – Evans spricht sogar von Paranoia – müsse allerdings überwunden werden. Der deutsche Weg der Haushaltsdisziplin sei ja „all very well“. Doch kurzfristig könne man damit gar keine Probleme lösen. Deutschland müsse sich – jedenfalls in diesem Punkt – von den Fesseln der nationalen Erinnerung befreien. Man müsse versuchen, die europäische Wirtschaft zu stimulieren, anstatt die Abwärtsspirale weiter zu beschleunigen.

Google Suchergebnis: Deutsche sind ...

Ähnlich sieht es Joe Nocera am 28. November in der “New York Times”. Nocera missfällt der geringschätzige Tonfall, in dem deutsche Politiker über Griechenland reden. Deutschland habe von der schuldenfinanzierten griechischen „bubble economy“ profitiert, denn die Griechen hätten ja auch deutsche Exportartikel gekauft. Doch dies werde, wie so viele andere Aspekte, in Deutschland gar nicht wahrgenommen.

„Don’t they realize that the collapse of the euro zone … will hurt Germany much more than Greece? Other currencies will be devalued against Germany’s, making German exports more expensive.”

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