Rechtsextremismus
Rechtsextremismus ist kein einheitliches oder geschlossenes Weltbild. Meinungen, die als rechtsextrem bezeichnet werden, liegt meist die Vorstellung von einer natürlichen Ordnung zu Grunde. Natur bzw. Natürlichkeit gelten als unhinterfragbare Konstanten, die außerhalb jeglicher Diskussion liegen. Auf solchen "biologischen" Grundannahmen beruht die Auffassung von der Ungleichheit der Menschen entlang rassischer Merkmale (Rassismus).
Biologisch-rassische Bedeutungen dominieren im rechtsextremen Sprachgebrauch auch den Begriff des "Volkes", der hier nicht das Staatsvolk oder Staatsbüger meint, sondern die in der Volksgemeinschaft durch Geburt und Herkunft schicksalhaft vergemeinschafteten Individuen. Mitglied der Volksgemeinschaft ist man daher weder durch einen freiwilligen Wahlentscheid des Einzelnen noch durch einen staatlichen Anerkennungsakt. Alles Fremde wird als störend und unnatürlich empfunden. Vermeintlichen Angehörigen anderer Völker oder Rassen wird bestenfalls Gastrecht eingeräumt.
Mit den Grundannahmen von den unterscheidbaren menschlichen Rassen und der Ungleichheit der Menschen werden unterschiedliche Wertigkeiten behauptet. Weit verbreitet ist die Vorstellung vom Recht des Stärkeren, denn wo einzelne Völker und Rassen angenommen werden, die sich in ihrem Lebensraum durchgesetzt haben, dort muss es auch solche geben, die sich nicht durchsetzen konnten und entweder verdrängt oder gänzlich "ausgestorben" sind. Solche Argumentationen stützen sich häufig auch auf die Beobachtung, dass sich in der Natur vermeintlich stets der Stärkere durchsetze. In Anlehnung an die vom britischen Naturforscher Charles Darwin (1809 - 1882) entwickelte Evolutionstheorie von der natürlichen Auslese werden solche Übertragungen auf das menschliche Zusammenleben Sozialdarwinismus genannt.
Die meisten biologischen oder naturwissenschaftlichen Konzepte, auf die sich Rechtsextremisten berufen, beruhen auf älteren, wissenschaftsgeschichtlich längstens überholten Theorien. Biologen wissen heute beispielsweise, dass biologischer Erfolg (d. h. die Frage, ob und warum eine Spezies sich in naturhistorisch relevanten Zeiträumen halten kann) nicht durch die Fähigkeit ihrer einzelnen Individuen zu überleben gesetzt wird, sondern durch Zeugung möglichst vieler überlebens- und zeugungsfähiger Nachkommen. Anders als es der Rassismus behauptet, der auf genetische Einheit setzt, werden nach dieser Erkenntnis gerade solche Spezies evolutionär erhalten, die genetische Vielfalt aufweisen.
Entlang der Lebensraum-Grenzen, d. h. der Siedelungsgebiete, in denen sich nach rassischen Merkmalen unterscheidbare Völker herausgebildet hätten, sind nach rechtsextremer Überzeugung die verschiedenen Nationen entstanden. Ethnisch homogene Nationen und die von ihnen gebildeten Staaten sind in dieser Betrachtung die natürlichen Organisationsformen menschlicher Gemeinschaften. Geschichts- und Politikwissenschaften hingegen weisen seit Langem immer wieder auf die besondere Bedeutung kultureller Techniken für das Entstehen von Nationen hin, etwa des Buchdrucks, des Handels usw. Vor der Herausbildung der Nationalstaaten entstand im ausgehenden 18. Jahrhundert der Nationalismus als zunächst utopische Ideologie, die Antworten liefern wollte auf die Krisen der Modernisierung.
Politische Bedeutung erlangte der Nationalismus nach den revolutionären Umstürzen in England, in den neuenglischen Kolonien Nordamerikas und in Frankreich. Hier diente er der Legitimation der neu gebildeten Herrschaftsformen. Übersteigerter Nationalismus ist die gemeinsame Klammer aller rechtsextremen Ideologien.
Ebenfalls eine wichtige Rolle in beinahe allen rechtsextremen Weltbildern spielen mit dem Antisemitismus anti-jüdische Vorurteile. Anders als der Rassismus, der im Zuge der naturwissenschaftlichen Aufklärung im frühen 19. Jahrhundert entstand, blickt der Antisemitismus auf eine weit in die Antike reichende Geschichte damals religiös und sozial motivierter Stereotype zurück. Auch unterscheidet ihn vom Rassismus die besondere Bedeutung und Wirkmacht, die er in allen rechtsextremen Ideologien einnimmt. Aufgrund der breiten Akzeptanz in der Bevölkerung wurde der Antisemitismus zu einem der wichtigsten weltanschaulichen Fundamente nationalsozialistischer Herrschaft, die in den millionenfachen Mord an den Juden Europas mündete. Leugnung und Relativierung des Holocaust gehört heute ins Standardrepertoire des modernen Antisemitismus.
Nach einem ähnlichen Muster aus Leugnen, Relativieren und der Darstellung von Einzelaspekten außerhalb ihres historischen Zusammenhangs verfahren Rechtsextremisten häufig, wo auf den Nationalsozialismus Bezug genommen wird. So sei beispielsweise dem Dritten Reich der Krieg von Außen aufgezwungen worden, lautet einer der nachweislich falschen Mythen des modernen Rechtsextremismus. Ein anderer lobt Opferbereitschaft der deutschen Bevölkerung während des Krieges und die vermeintlich besondere Tapferkeit deutscher Soldaten im Angesicht eines übermächtigen Feindes. Auch sei die deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt von Willkürherrschaft der Alliierten. Hervorgehoben werden oft vermeintlich positive Leistungen der Nationalsozialisten, etwa Abbau von Arbeitslosigkeit, ohne in diesem Beispiel auf die Weltwirtschaftslage zu verweisen oder auf die Bedeutung der frühen Umstellung auf die Kriegswirtschaft nach der Machtergreifung.
Neben solchen Geschichtsrevisionismen (vom lateinischen revisere: zurückkehren) zählen Militarismus, Anti-Liberalismus, Anti-Parlamentarismus und der Wunsch nach einem starken Staat (Autoritarismus) zu Wesensmerkmalen des Rechtsextremismus. Staat und Volk bilden in rechtsextremer Vorstellung eine Einheit. Ausgleich der verschiedenen in der Gesellschaft formulierten Interessen, wie ihn demokratische Grundprinzipien vorsehen, ist aus diesem Grunde weder notwendig noch erwünscht.
Da Bundesamt und Landesämter für Verfassungsschutz Bestrebungen beobachten, die laut Verfassungsschutzgesetz "gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet sind", ist der offizielle Begriff vom "Rechtsextremismus" etwas enger gefasst. Als extremistisch bezeichnen Verfassungsschützer Bestrebungen die auf die Überwindung der Verfassung zielen.
Wichtige Strömungen des Rechtsextremismus sind Faschismus, Nationalsozialismus, Neue Rechte und Neonazismus.

