Revisionismus

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Die Bezeichnung stammt aus dem Lateinischen revisere für zurücksehen, zurückkehren. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch ist die Rede davon, etwas einer Revision zu unterziehen, wenn ein Sachverhalt erneut wissenschaftlich überprüft werden soll oder muss. Die Selbstbeschreibung als Revisionist und seiner Tätigkeit als Revisionismus behauptet also die wissenschaftliche Überprüfung vermeintlich gesicherter Erkenntnisse.

Wissenschaftlich zu erscheinen, ist das Bemühen einer Reihe von Rechtsextremisten, die seit den 70er Jahren versuchen, das herrschende Geschichtsbild über das Dritte Reich grundlegend zu ändern. Die Selbstbezeichnung als Revisionist legt außerdem nahe, dass die herkömmlichen Kenntnisse über das nationalsozialistische Deutschland falsch oder zumindest verfälschend seien und daher einer Überprüfung bedürfen.

Schon der Blick auf die bei Revisionisten vorherrschenden Themen zeigt, dass ihr Herangehen nicht erkenntnisgeleitet ist (also von dem Wunsch nach objektiver, ergebnisunabhängiger Wissenschaft), sondern der Erfüllung ideologischer Erwartungshaltungen dient:

  • Kriegsschuld
    Revisionisten versuchen nachzuweisen, dass Nazi-Deutschland von den späteren alliierten Kriegsgegnern, v. a. England und den USA regelrecht in die kriegerische Auseinandersetzung getrieben worden sei. Das Dritte Reich trage keine oder nur bedingt Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Rolle der nationalsozialistischen Ideologie für die stetige Eskalation (vom lateinischen scala: Treppe. Als Eskalation werden Prozesse bezeichnet, die sich langsam, aber beständig zuspitzen) der außenpolitischen Beziehungen und letztlich am Kriegsausbruch, wird geleugnet.
  • Shoa
    Revisionisten behaupten, die Shoa habe nicht oder nicht in der bekannten Art und Weise statt gefunden (siehe: Holocaustleugnung). Neben den Versuchen, die Shoa als solche zu leugnen, spielen Diskussionen über angeblich viel zu hoch angesetzte Opferzahlen eine Rolle oder solche über die Behandlung der in den KZs inhaftierten Opfer der Naziherrschaft, die vorgeblich viel besser gewesen sei als "allgemein angenommen werde". Eine wichtige Scharnierfunktion zwischen beiden Themenblöcken nimmt der antisemitische Mythos einer angeblichen "jüdischen Kriegserklärung" ein. "Die Juden", so die Legende, hätten dem Dritten Reich den Krieg erklärt, das seinerseits nur aus Notwehr in den Krieg gezogen sei. Das gipfelt in der Behauptung, "die Juden" trügen selbst Schuld an ihrem Schicksal während der Shoa.

Zu den grundlegenden Thesen des Revisionismus gehört die Annahme, die alliierten Sieger hätten ihr Geschichtsbild den Deutschen aufgezwungen oder dieses gar gefälscht. In diesem Zusammenhang ist oft die Rede von "Gräuelmärchen, Umerziehungslügen oder einseitige[n] Geschichtsdarstellungen". Hinter solchen Behauptungen, die 60 Jahre unabhängiger wissenschaftlicher Forschung weltweit unter den Verdacht stellt, Teil und Instrument einer groß angelegten "Umerziehungskampagne" der Alliierten zu sein, mit dem Ziel, die Geschichte Deutschlands umzuschreiben, stehen die alten Stereotype von der Weltverschwörung. Ein internationales Machtkartell, so die Argumentation, nutze alle erdenklichen Mittel, um durch mehr oder minder subtile Manipulation Deutschland moralisch zu zerstören. (siehe: Antisemitismus)

Das leitende Interesse ist nicht, wie man es von wissenschaftlicher Arbeit erwarten würde, unvoreingenommen. Revisionisten versuchen vielmehr, den Nationalsozialismus an sich zu rehabilitieren, einzelne seiner Ideologeme (aus dem Griechischen: Gedankengebilde, Bestandteil einer Ideologie) und solche rechtsextremen Glaubenssätze, die nicht ausgewiesener Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie sind, aber doch durch zwölfjährige Herrschaft der Nationalsozialisten in Verruf gerieten.

Um das zu erreichen, ignoriert der Revisionismus große Teile des Quellenmaterials, insbesondere die vielfachen Aussagen von Überlebenden der Shoa, bedient sich mutwilliger Fehlinterpretationen der Quellen und schreckt auch nicht vor Fälschungen zurück. Das Verbreiten von Halb- und Unwahrheiten sind als "Mittel zum Zweck" nicht nur unfreiwillige Nebenprodukte rechtsextremer Ideologie, sondern vielmehr einer ihrer wesentlichen Bestandteile: Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg (1893 - 1946) sprach von "organischer Wahrheit", die "im Dienst des rassegebundenen Volkstums" stünde. Ihr "entscheidendes Kriterium" sei:

"ob sie Gestalt und innere Werte dieses Rasse-Volkstums steigern, es zweckmäßiger ausbilden, es lebenskräftiger gestalten oder nicht."
A. Rosenberg: Der Mythos des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München(63. - 66. Auflage) 1935. S. 684

Daher:

"Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft, sondern nur Wissenschaft mit Voraussetzungen..."
A. Rosenberg: Mythus. A. a. O. S. 119

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, wenn Historiker wie Jürgen Zarusky vom Münchner Institut für Zeitgeschichte angesichts revisionistischer Literaturproduktion zum Schluss kommen:

"Tatsächlich handelt es sich bei der Holocaust-Leugnung aber nicht um irgendeine Form von Wissenschaft, auch nicht um die Vertretung aufgrund von Irrtümern entstandener Thesen, sondern um eine spezifische Form politischer Propaganda, deren Ausgangspunkt und Zweck der Antisemitismus ist."
J. Zarusky: Leugnung des Holocaust. Die antisemitische Strategie nach Auschwitz (in: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (Hrsg.): BPjS Aktuell. Sonderausgabe. Dokumentation der Jahrestagung 1999. S. 5 - 15). S. 9.

Zarusky erkennt in den verschwörungstheoretischen Grundlagen holocaust-leugnerischer Literatur, wie sie sich insbesondere in der Ablehnung von Zeugenaussagen Überlebender der Shoa äußern, im Übereinstimmung mit dem Historiker Wolfgang Graml eine "hoch entwickelte politische Wahnvorstellung" am Werk - den Antisemitismus nämlich, wie er auch den "Kern der NS-Ideologie" bildete (J. Zarusky: Leugnung. A. a. O. S. 10).

Das revisionistische Spektrum reicht von Personen mit dezidiert nationalsozialistischer Weltanschauung bis zur Neuen Rechten. Aufgrund ihrer hoch ideologischen Bedeutung, stellt die revisionistische Literatur eine wichtige Klammer der international wie national zersplitterten und zerstrittenen rechtsextremen Milieus dar.