Shoa

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Shoa, auch "Shoah" oder "Schoah" geschrieben; das hebräische Wort "sho´ah": Massenmord

Shoa ist von der Sache her gleichbedeutend mit dem populäreren Begriff Holocaust, im Wortsinn aber klarer: Beide Begriffe sind auf die Massenvernichtung der Juden Europas durch Nazi-Deutschland, seine Staatsbehörden, Streitkräfte und NSDAP-Parteiverbände gemünzt. Der Begriff Shoa beschreibt also die in der Neuzeit einmalige und vergleichslose Tatsache, dass sich eine hoch entwickelte Gesellschaft wie die deutsche ab 1933 in einem Staat organisiert, dessen offen erklärtes Hauptziel es war, die Religionsgruppe der Juden auszurotten, die in der Propaganda als "Gegen-Rasse" verteufelt wurde.

Mit dem Tag der Machtübernahme durch die NSDAP und ihren Führer Adolf Hitler am 30.1.1933 machte sich dieser daran, den von ihm und seiner Partei propagierten von vorneherein auf "Ausschaltung" der Juden zielenden Antisemitismus in die Tat umzusetzen. Zunächst unter Beibehaltung der äußeren Formen des Rechtsstaates bestimmte nun die antisemitische Ideologie des Nationalsozialismus konsequent die staatliche und gesellschaftliche Praxis: Von der Schule bis zum Sportverein, von der Behörde bis zur Universität wurden administrative Maßnahmen ergriffen, die es Juden verunmöglichen sollten, weiter als ganz normale Bürger am öffentlichen Leben teilzunehmen. Häufig bedurfte es noch nicht einmal offizieller Anweisungen an Institutionen und Verbände, weil diese freiwillig oder in vorauseilendem Gehorsam ihre "Entjudung" betrieben, wie es im staatsoffiziellen Nazi-Jargon hieß.

Diesen Prozess der Übernahme des nationalsozialistischen Weltbildes in alle Bereiche von Staat und Gesellschaft bezeichnet man als "Gleichschaltung", die selten zwangsweise erfolgte wie beispielsweise die Einordnung der Gewerkschaften in die "Deutsche Arbeitsfront", sondern meist mehr oder weniger aus freien Stücken zustande kam.

Die Radikalisierung der gegen die jüdischen Mitbürger gerichteten Maßnahmen von der Diskriminierung bis schließlich zum Massenmord erfolgte in mehreren Schüben, wobei man im Auge behalten muss, dass die NSDAP von vorneherein die physische Vernichtung der Juden plante und unbedingt herbeiführen wollte: Es gab nichts, das die jüdischen Deutschen hätten tun oder lassen können, um die Antisemiten Hitler, Göring, Goebbels, Himmler, Bormann und die Millionen weiterer NSDAP-Mitglieder von diesem "Endziel" abzubringen. Deshalb betrieb Nazi-Deutschland eine Strategie der ständigen Eskalation der antijüdischen Maßnahmen.

Die erste Phase reichte von der Machtübernahme der NSDAP bis November 1938, dem Monat der so genannten "Reichskristallnacht". Schon zwei Monate nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, wurde am 1.4.1933 ein eintägiger Boykott gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen organisiert, und am 7.4.1933 das Gesetz zur Entlassung aller jüdischen Beamten erlassen. Bis zum Kriegsbeginn 1939 sollten mehr als 250 solcher Gesetze und Erlasse ergehen, deren einziger Zweck die fortschreitende Entrechtung der jüdischen Deutschen war. Der Nürnberger Parteitag der NSDAP im Jahr 1935 brachte dabei eine enorme Verschärfung: Auf Basis seiner Beschlüsse verloren Juden in der Folge die elementarsten Bürger- und Menschenrechte wie das auf Freizügigkeit oder auf freie Partnerwahl (Ehen oder auch nur Liebesverhältnisse zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Bürgern wurden als "Rassenschande" unter Strafe gestellt).

Die Bestimmungen zur Durchführung dieser Gesetze zeigen deutlich, wie absurd der Versuch war, aus einer Religionsgemeinschaft so etwas wie eine "Rasse" zu machen (siehe auch Antisemitismus und Rassismus), die sich klar vom Rest der Bevölkerung unterscheiden sollte: "Rassischer Volljude" war demnach ein Mensch, der drei Großelternteile hatte, die sich zum jüdischen Glauben bekannten - auf welchem Gen das religiöse Bekenntnis denn aber nun vererbt werden soll, darauf weiß der Antisemitismus freilich bis heute keine Antwort.

Die zweite Phase begann mit den Pogromen (siehe Antisemitismus) der "Reichskristallnacht" (9./10.11.1938). Die Pogrome waren von der NSDAP in deutschen und österreichischen Städten (Österreich war kurz zuvor mit Deutschland zwangsvereinigt worden) organisiert worden. Das Regime wollte mit ihnen klarmachen, dass die Juden ab diesem Zeitpunkt vogelfrei waren, niemand also Strafe zu befürchten hatte, der Verbrechen an ihnen beging (nach Berichten der NSDAP wurden in dieser Nacht 36 Menschen vom Nazi-Mob getötet, tausende verletzt oder auch vergewaltigt und ca. 250 Synagogen angezündet; zur Rechenschaft gezogen wurde keiner der Mörder und Plünderer).

Am 12.11.1938 tagte die Führung der NSDAP, die als nächsten Schritt den ökonomischen Ruin der rechtlich ohnehin bereits völlig ausgeschlossenen und diskriminierten jüdischen Bevölkerung einleitete (zu dieser Zeit lebten noch gut die Hälfte der ursprünglich knapp 600.000 jüdischen Bürger auf dem Gebiet des Deutschen Reichs in den Grenzen der Weimarer Zeit; in etwa 200.000 hatten ihre Heimat bis Kriegsbeginn zwangsweise verlassen): Sie musste eine so genannte "Judenbuße" in Höhe einer damals unerhörten Summe von 1,25 Milliarden Goldmark aufbringen (das wären heute in etwa 13 Milliarden Euro); Juden gehörendes Vermögen konnte nach Belieben vom Staat beschlagnahmt und gegen wertlose, weil unverkäufliche deutsche Staatsanleihen zwangseingetauscht werden (dieser in der Neuzeit beispiellose Massenraub wurde von den Nazis als "Arisierung" bezeichnet).

Totales Berufsverbot und die Zwangsmitgliedschaft in der von Staats wegen gegründeten "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" (die unter Polizeirecht gestellt war) vervollständigten die Entrechtung der jüdischen Deutschen am Vorabend des deutschen Überfalls auf Polen am 1.9.1939.

Das eroberte Polen wurde zur Experimentierwerkstatt des nationalsozialistischen Massenmordes: Die polnischen Juden wurden - sofern sie nicht Pogromen zum Opfer fielen - von den Deutschen in umzäunte, bewachte und hermetisch abgeschlossene Ghettos gepfercht, d. h. die entsprechenden Stadtteile von Lodz, Warschau etc. wurden zu riesigen Internierungslagern umfunktioniert. Dann begann man, auch österreichische, tschechische und deutsche Juden in diese Ghettos zu deportieren.

Das Tragen des "Judensterns" (ein gelber Davidstern mit der Aufschrift "Jude") wurde im besetzten Polen Pflicht, in Deutschland selbst knapp zwei Jahre später. In allen 1940/41 von Deutschland überfallenen und eroberten Ländern begannen sofort heftige Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung, d. h. Entrechtung und Enteignung; das stieß in einigen Ländern wie Holland und Dänemark auf Widerwillen bei der Bevölkerung, während in osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Kroatien oder im Baltikum der weit verbreitete Antisemitismus der Einheimischen den deutschen Plänen zugute kam.

Mit dem Angriff auf die Sowjet-Union im Sommer 1941 begann die dritte und letzte Phase der deutschen Kampagne gegen die Juden; es ging dem Nazi-Regime darum, die am 30.1.1939 - also vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieg - von Hitler vor dem Reichstag angekündigte "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" nun endlich schrankenlos in die Tat umzusetzen. Im eroberten Territorium hinter der Front hatten SS und SD (der militärisch-polizeiliche Arm der NSDAP) das Sagen, die Wehrmacht unterstützte die so genannten "Einsatzgruppen" bei der systematischen Ausrottung vor allem und in erster Linie der Juden (auch Sinti und Roma und aktive Kommunisten waren unter den Ermordeten) in der Sowjet-Union: Ungefähr eine Million Menschen fielen den Massenexekutionen durch die Einsatzgruppen (häufig in Kooperation mit der offiziellen Wehrmacht, bisweilen auch der einheimischen Bevölkerung) in Ost-Europa zum Opfer.

Von Herbst 1941 bis wenige Monate vor Kriegsende am 8.5.1945 rollten die Deportationszüge von Juden (Männern, Frauen und Kindern) aus Deutschland und aus allen Teilen des von Deutschland eroberten Europas - von Norwegen bis Griechenland - in die nunmehr eingerichteten Konzentrationslager im Gebiet des eroberten Polen. Diese Konzentrationslager unterschieden sich von den auf dem ursprünglichen Reichsgebiet schon bestehenden dadurch, dass ihr Zweck allein die fabrikmäßige Vernichtung ihrer Insassen war: diese Konzentrationslager waren weniger Gefangenenlager als vielmehr Todesfabriken.

Auf der so genannten "Wannsee-Konferenz" am 20.1.1942 wurde in Berlin die planmäßige Nutzung dieser Todesfabriken in einer Besprechung verschiedener Ministerien, der SS, des SD und der Polizei unter der Leitung von SD-Chef Heydrich formell beschlossen und als "Endlösung der Judenfrage" verkündet (Ende 1943 wurden Deutschland und Österreich offiziell für "judenfrei" erklärt; die Deportationen aus ganz Europa gingen unvermindert weiter).

Auschwitz war das größte dieser Vernichtungslager: Wenigstens drei Millionen Menschen wurden hier in erster Linie durch Vergasung in eigens dafür gebauten Kammern ermordet. Weitere Vernichtungslager waren: Chelmno (Kulmhof), Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek. In ihnen wurden weitere rund zwei Millionen Menschen ermordet.

In diese Zahl von mindestens sechs Millionen durch Deutsche (oder auf deutsches Geheiß) ermordeter Juden sind noch nicht die mindestens 600.000 Zwangsarbeiter und sonstigen Gefangenen gerechnet, die in "gewöhnlichen" KZ (Sachsenhausen, Flossenbürg etc.) und deren Außenlagern durch Unterernährung, Überarbeitung, Bestrafung etc. ums Leben gekommen sind. Mit den von diesen Sklaven-Lagern erwirtschafteten Erlösen finanzierte sich die SS, die in den letzten drei Jahren der Nazi-Herrschaft faktisch das Machtzentrum des Staates bildete.

Allgemein muss gesagt werden, dass keine Macht der Neuzeit auch nur im Entferntesten auf so barbarische Weise und mit so barbarischen Zielen Krieg geführt hat wie Nazi-Deutschland. Gemessen an der Schwere seines Menschheitsverbrechens ist Deutschland im und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als nur glimpflich davongekommen. Und es muss gesagt werden, dass Massenmord eben auch von Massen ausgeführt wird: Hunderttausende Deutsche waren direkt an den Verbrechen beteiligt, Abermillionen wussten davon.